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Stefan Schulz: Die Alten-Republik. Wie der demographische Wandel unsere Zukunft gefährdet

23.05.2023
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Autorenprofil
Prof. Dr. Rainer Lisowski
Hamburg, Hoffmann und Campe 2022

Deutschland ist demografisch das zweitälteste Land weltweit. Dieses Problem sei noch nicht im notwendigen Maße im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit angekommen, obwohl bereits Effekte für das Wirtschafts- und Sozialsystem spürbar sind. Stefan Schulz beginnt sein Buch daher mit der beherzten Aussage „Wir werden also lernen müssen zu schrumpfen“. Leider gelinge es ihm in der Folge nicht, seine spannenden Gedankengänge zu vertiefen, so unser Rezensent Rainer Lisowski: Obwohl gern und an viele Adressaten gerichtet Kritik ausgeteilt werde, bleibe das Buch eher deskriptiv. (tt)


Eine Rezension von Rainer Lisowski

Klimawandel, Covid-19-Pandemie und die Ukraine-Krise. Seit über drei Jahren beschäftigt sich die deutsche Öffentlichkeit vornehmlich mit diesen drei Themen. Eine äußerst wichtige Angelegenheit ist dabei leider in den Hintergrund getreten: der demographische Wandel. Längst ist die Bundesrepublik Deutschland mit einem Medianalter, das die 50 bald erreicht hat, nach Japan demografisch das älteste Land der Welt. Schon jetzt ist erkennbar, wie stark sich die veränderte Altersstruktur unseres Landes auf die Zukunftsfähigkeit des deutschen Wirtschafts- und Sozialsystems auswirken wird. Und wer genau hinschaut, erkennt auch, wie gravierend dieser Alterungsprozess der deutschen Gesellschaft in nahezu alle politischen Themen hineinwirkt. Allein bei zwei der eingangs genannten Themen ist eine klare Konfliktlinie zwischen Alt und Jung erkennbar: Die Jüngeren werfen den Älteren vor, nicht genug gegen den Klimawandel zu tun. Und die Älteren haben während der Covid-19-Pandemie vor allem ihre eigenen Interessen robust vertreten und nur zu oft die Interessen der Jüngeren ignoriert. Der für die Sozialisation wichtige Drang junger Menschen, sich zu treffen, wurde beispielsweise schlicht als zu unterbindende Vergnügungssucht deklassiert.

Vor diesem Hintergrund wäre ein Buch, das den verlorenen Faden der Demografie-Diskussion wieder aufgreift, nützlich und wichtig. Der ehemalige Journalist und heutige Blog-Betreiber Stefan Schulz hat ein solches verfasst. Es ist nun in der zweiten Auflage erschienen. Das Ergebnis ist leider recht enttäuschend ausgefallen.

Zunächst einmal fällt es ausgesprochen schwer, das Buch auf seine Kerninhalte zu verdichten. Schon der inhaltliche Aufbau oder gar ein roter Faden erschließen sich beim Blick auf das Inhaltsverzeichnis leider nicht. Die 170 Seiten des Buches sind in sieben Kapitel unterteilt und nicht etwa untergliedert, denn eine Gliederung setzt einen sinnlogischen Aufbau voraus. Das erste Kapitel heißt die Leserschaft in der Altenrepublik willkommen, das zweite Kapitel berichtet vollkommen unvermittelt von „Angst und Oxytocin“, während das dritte Kapitel erklärt, woran es beim Geld nicht mangele. „Die Aufgabe der Politik“ schiebt sich als viertes Kapitel dazwischen, die Kapitel fünf und sechs beschreiben das Leben der Älteren sowie das Leben der Jüngeren. Das siebte Kapitel ist mit „Familie in der Altenrepublik“ überschrieben. Sich aus diesen Überschriften eingangs einen Reim zu machen, ist diffizil. Und so bleibt es auch beim Lesen. Das folgende Zitat illustriert recht gut, wie schwierig es ist, aus dem Text von Schulz überhaupt herauszulesen, was nun eigentlich das behandelte Problem ist und was er zur Lösung vorschlägt. In dem Passus geht es darum, dass die Bundesrepublik ein „Wohlgefühl-Upgrade“ (sic!) in Form einer anzustrebenden 1,8-Kinder-pro-Frau-Geburtenrate (sic!) haben sollte. Dann wörtlich: „Es gibt keine Shortcuts. Eltern, die zu Beginn weder eine Hebamme noch einen Kitaplatz finden, dann feststellen, dass es in der Grundschule kein Mittagessen gibt, und später merken, dass es ihren Kindern nicht guttut, Unterricht bis in den Nachmittag zu haben, wodurch kein Ausgleich im Vereinsleben mehr bleibt, leiden. Ab dann geht es für ihren Nachwuchs alleine weiter. Der Anteil der Studierenden mit diagnostizierten Depressionen liegt in Deutschland seit langem im zweistelligen Prozentbereich“ (179). Was soll hier kritisiert oder vorgeschlagen werden? Zu wenig staatliches Engagement? Zu viel verlässliche Grundschule? Zu viel Leistungsdruck? Nichts davon wird aufgelöst, alles wird angerissen, angedeutet, ja: geraunt. Sinnvoller wäre es vermutlich gewesen, die durchaus mutige Aussage von Beginn des Buches konsequent auszuarbeiten und durch den gesamten Text hindurch immer wieder zu vertiefen: „Wir werden also lernen müssen, zu schrumpfen“ (17). Denn obwohl sich der Autor für mehr Migration in die Bundesrepublik ausspricht, glaubt er nicht, dass diese ausreiche, um ein Defizit von etwa 600.000 Personen pro Jahr aufzufüllen. Allein die große Flüchtlingswelle von 2015 habe Deutschland in Bezug auf das Durchschnittsalter der Bevölkerung lediglich um einen Monat verjüngt (15). Zuwanderung allein könne also aus seiner Sicht das Problem des demographischen Wandels nicht lösen.

Anstatt Probleme präzise zu beschreiben und / oder Lösungen vorzuschlagen, neigt Schulz dazu, in alle möglichen Richtungen auszuteilen. Permanent wird angedeutet, wer wo wie zu kurz denkt und dabei trifft es jeden. Eigene Vorschläge werden aber kaum präsentiert. Vor allen Dingen werden Gedanken nicht vertieft. Als hätte er seine Blogeinträge eilig aneinandergenäht, so springt Schulz von einem Thema zum anderen. Allenfalls zieht sich durch das Buch ein raunendes „die Babyboomer und ihr Geld“. Immer wieder wird der Eindruck erweckt, als habe sich die Generation der Babyboomer vor allen Dingen damit beschäftigt, sich selbst zu bereichern und ein schönes Leben zu führen — alles auf Kosten ihrer Kinder und Enkelkinder. Das mag man so sehen, dann sollte man es aber auch klar aussprechen und systematisch Zahlen und Fakten auf den Tisch legen. Letztlich würde eine solche Position der Komplexität des Themas aber wohl kaum gerecht, denn wohlwollend interpretiert versucht jede Generation, zunächst die ihr dringlich scheinenden politischen Probleme zu bearbeiten und idealerweise zu lösen. Als die Generation der heutigen Babyboomer unsere sozialen Sicherungssysteme immer weiter fasste, schien ihr das Problem der sozialen Inklusion und der sozialen Gerechtigkeit größer zu sein als das Problem seiner nachhaltigen Finanzierung. Dies lässt sich im Nachhinein genauso leicht kritisieren, wie wahrscheinlich in 30 Jahren die übernächste Generation den heutigen Generationen Y und Z den Vorwurf machen wird, zu naiv gegenüber den Gefahren der Digitalisierung gewesen zu sein. Und auch dann wird man ihnen vorhalten: „Aber ihr hättet es doch sehen können!“

Wie schwer es fällt, schlüssige Gedanken und Argumente aus dem Text herauszuarbeiten, wird deutlich, wenn man sich einmal die zentralen Stichworte einer beliebigen Passage anschaut. Hierzu seien die Seiten 60 bis 67 ausgewählt. Auf diesen sieben Seiten geht es um die Hinwendung zum Staat, Bitcoins, das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl im Jahr 2021, Umgangsformen und Belästigungen, die Stimmungslage zur Demokratie und den Brexit. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ein verbindendes Band, ein roter Faden, der diese disparaten Themen zusammenhält? Nichts davon ist erkennbar.

Für die Sache ist es ausgesprochen schade, dass dieses Buch inhaltliche Tiefe vermissen lässt und kaum einen Gedanken vernünftig zu Ende denkt. Denn es finden sich durchaus auch interessante Gedankensplitter und kleine Perlen im Text. Schulz hätte eine journalistische Stärke weiter ausbauen müssen: Immer mal wieder gelingt ihm der Blick in andere Länder und deren Ansätze, vergleichbare Probleme zu lösen. Etwa wenn er das niederländische Rentenmodell vorstellt (121). Auch gelingt es ihm regelmäßig, den Finger in die richtigen Wunden zu legen, wenn er beispielsweise etwa darauf hinweist, dass es sechsmal mehr Wählerinnen und Wähler im Alter über 50 als solche im Alter unter 30 Jahren gibt (was natürlich ein wenig verzerrt ist, da zwischen dem Mindestwahlalter 18 und der gewählten Zahl von 30 Jahren nur zwölf Jahre liegen; bei einer zu erwartenden Lebensspanne von 80 Jahren ist die Zahl von 50 bis 80 entsprechend mehr als doppelt so groß als das erstgenannte Differential) (70). Es ist auch völlig gerechtfertigt darauf hinzuweisen, dass die Anfang des Jahres 2022 vereinbarten zwei Milliarden Euro für Schulen nach der Covid-19-Pandemie weniger als ein Prozent der gesamten Covid-19-Schulden ausmachen (90). Beides deutet an, dass sich eine strukturelle Mehrheit in der deutschen Demokratie den Großteil der vorhandenen Ressourcen sichert. Politikwissenschaftlich ein höchst spannendes und relevantes Thema. Leider sind all dies nur kurz aufblitzende Gedankensplitter. Der Faden wird lediglich aufgenommen, aber nicht in einem weiterführenden Erzählstrang verwoben, sondern gleich wieder fallen gelassen. In diesem Sinne verbleibt das Buch mit seiner Gedankenführung an der Oberfläche.

Überspitzt formuliert neigt der Autor in seinen Andeutungen zudem zu einer gewissen Form von Salonmarxismus. So wird etwa immer wieder beklagt, wie sozial ungerecht die Bundesrepublik Deutschland sei. Beispielsweise wird wieder und wieder betont, wie unglaublich ungleich Vermögen verteilt und wie löchrig die Sozialsysteme für viele Menschen im Alter seien. Oder die Reformen der rot-grünen Bundesregierung ab 2000 werden kritisiert, etwa weil sie Flexibilisierungen im Kündigungsschutz vorgenommen haben (137). Hierbei wird dann völlig ausgeblendet, wie stark die damalige Bundesregierung vom Problem der grassierenden Arbeitslosigkeit getrieben war. Schulz war zum Zeitpunkt der Hartz-Reformen ein Teenager und wird sich vermutlich nicht daran erinnern. Man hätte es aber nachschlagen können. Georg Cremer, langjähriger Generalsekretär der Caritas und Professor der Volkswirtschaftslehre, weist in seinen hervorragenden Publikationen immer wieder darauf hin, ohne den Handlungsbedarf in sozialen Fragen abzustreiten. Schulz präsentiert dagegen immer wieder die Idee „Vermögen abzuschöpfen“ (etwa 147). Dies kann man fordern, aber dann muss man sich etwas mehr Mühe machen, im Detail zu analysieren, wie dieses Vermögen in einem Land, das üblicherweise stolz auf seine zahlreichen Familienunternehmen ist, verteilt ist. Leider neigen die meisten Menschen dazu, sich vorzustellen, dass diese Vermögen als Bargeld auf Konten herumliegen und man es nur zu besteuern brauche. Die meisten machen sich nicht klar, dass dieses Vermögen vielfach gebunden ist — in angesparten Lebensversicherungen, Pensionsfonds oder eben als Unternehmensbeteiligungen in Familienfirmen. Will man dieses zum Teil produktive Vermögen, von dem letzten Endes Arbeitsplätze und Sozialversicherungssysteme abhängen, nicht beschädigen, kann man hier nicht so einfach und zu wenig differenziert „abschöpfen“. Vielleicht wäre es bei der Recherche zum Buch sinnvoll gewesen, sich nicht vor allen Dingen auf die Studien und Aussagen des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zu stützen, dessen Hauptgeschäftsführer bekanntlich Mitglied der Partei „Die Linke“ war.

Was ist die Quintessenz? Nach 170 Seiten Text bleibt leider kaum etwas übrig, was man als zentrale Gedanken des Buches präsentieren könnte. Das Buch möchte vermutlich ein feuilletonistisch inspirierter Debattenbeitrag sein. Um aber wirklich eine Debatte anzufachen oder gar Auswirkungen in den politischen Bereich hinein zu generieren, erscheint es diesem Rezensenten insgesamt doch zu sprunghaft und zu fragmentarisch. Schade.

CC-BY-NC-SA
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Weiterführende Links

Demografischer Wandel

Der demografische Wandel in Deutschland ist in Zahlen längst messbar.

Statistisches Bundesamt

 

Externe Veröffentlichung

Steffen Angenendt, Nadine Knapp, David Kipp / 26.01.2023

Stiftung Wissenschaft und Politik

 

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