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BTW-Schwerpunkt: Gespaltene Gesellschaft
Interview 

PusteblumeFlüchtig? Zustimmung in konfliktreichen Zeiten. Foto: Thanh Thanh Nguyen, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Mehr umstrittene Themen, mehr Meinungsschwankungen, aber nicht mehr Polarisierung? 
Umfragen in konfliktreichen Zeiten

Ein Interview mit Rita Müller-Hilmer und Richard Hilmer

Wenn Besorgnis ob einer zunehmenden politischen Polarisierung geäußert wird, lohnt es, die sich abzeichnenden Konfliktlinien aus einer längeren Perspektive in den Blick zu nehmen. Dies tun Rita Müller-Hilmer und Richard Hilmer in dem ausführlichen Interview, das sie uns gegeben haben. Im Interview erklären die beiden Geschäftsführenden von Policy Matters – Gesellschaft für Politikforschung und Politikberatung und Expert*innen für umfragebasierte Meinungsforschung zudem, welche Faktoren eine Rolle dabei spielen, ob Einzelereignisse Einfluss auf den Ausgang von Wahlen haben. (lz)

In den letzten Jahren ist viel von einer zunehmenden Polarisierung der politischen Stimmung in Deutschland die Rede. Aktuell wird immer wieder die Befürchtung geäußert, dass die Covid-19-Pandemie diese Spaltung noch weiter vorantreibt. Sie haben im Herbst letzten und im Frühjahr dieses Jahres die Ergebnisse zweier repräsentativer Umfragen zu den Auswirkungen der Pandemie auf die politische Kultur publiziert.

Wie sind Sie hier vorgegangen und welche Ergebnisse hat Ihre Studie mit Blick auf die Polarisierung der politischen Einstellungen erbracht? Was fällt auf, wenn man Ihre aktuellen Ergebnisse mit Daten vorangegangener Jahre vergleicht, wie Sie es in Ihrer Auswertung mit Ergebnissen aus dem Jahr 2017 tun?

Diese starke Polarisierung der Gesellschaft begann nicht erst mit der Flüchtlingskrise, ihr ging eine schleichende Entfremdung von „der“ Politik voraus, deren augenfälliger Ausdruck eine kontinuierlich sinkende Wahlbeteiligung war. Eine wachsende Zahl von Bürger*innen – vorwiegend aus unteren sozialen Schichten – blieb den Wahlen fern, weil sie ihre Interessen von den etablierten Parteien nicht mehr ausreichend vertreten sahen. 

In der 2006 im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführten Studie Gesellschaft im Reformprozess“ wurde erstmals die Topografie der Wählerlandschaft entlang unterschiedlicher Werthorizonte sowie unterschiedlicher Einstellungen zu zentralen sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Grundkonflikten untersucht. Ergebnis waren neun politische Typen. Jeder Typus stand dabei stellvertretend für Personen mit maximal ähnlichen Wertvorstellungen und politischer Gesinnung.“[1]. Insbesondere der Typus „Abgehängtes Prekariat“ führte zu Diskussionen, inwiefern Teile der Gesellschaft sozial und politisch noch integriert seien. 

Um Ausmaß und Ursachen der seit 2015 zu konstatierenden Polarisierung der Gesellschaft zu ermitteln, wurde diese Untersuchung mit etwas veränderter Studienanlage im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung wiederholt. Die Studie „Was verbindet, was trennt die Deutschen?“ wurde diesmal als Online-Panel mit knapp 5000 Proband*innen angelegt, die zwischen Januar 2017 und Januar 2021 in insgesamt sechs Wellen befragt wurden. Da in diesen Zeitraum drei Ereignisse fielen – die sogenannte Flüchtlingskrise, die seit 2018 durch die „Fridays-for-future“-Bewegung forcierte Diskussion um die Folgen der Klimakrise sowie die Corona-Pandemie – ermöglicht dies eine Abschätzung des Polarisierungspotentials dieser drei, die öffentliche Diskussion bestimmenden Themen.

In der 2006er-Erhebung, als die Arbeitslosigkeit sich noch auf einem Höchststand befand, bildeten sich die wichtigsten Konfliktfelder noch auf der sozio-ökonomischen Dimension ab. Die kontroversesten Positionen zeigten sich dabei in Bezug auf Ausmaß und Geltung von Solidarität. In den späteren Erhebungen ist eine deutliche Verschiebung der zentralen Konfliktlinien von der sozio-ökonomischen auf die kulturelle Ebene zu verzeichnen. 2017 dominierte das Thema Migration, das bis heute am stärksten zur Polarisierung beiträgt. Hier standen und stehen sich nach wie vor die liberale Position der „kritischen Bildungselite“ und des „engagierten Bürgertums“ und die ablehnende Position des „abgehängten Prekariats“, der „missachteten Leistungsträger“ und der bürgerlichen „konservativen Besitzstandswahrer“ – die insgesamt von einer Mehrheit der Bürger*innen geteilt wurde – weitgehend unversöhnlich gegenüber.

Drei Jahre später wurde die Liste relevanter gesellschaftlicher Konflikte um die Bereiche Klimawandel und Corona-Pandemie erweitert. Auch in diesen beiden Feldern gibt es klare Mehrheitspositionen. Der Klimawandel stellt für eine Mehrheit der Deutschen die größte Bedrohung für unsere Gesellschaft dar – eine Überzeugung, die insbesondere die mehrheitlich jungen Vertreter*innen der „kritischen Bildungselite“ teilen und für deren Durchsetzung viele von ihnen auf die Straße gehen. Eine Minderheit sieht den Wandel zwar eher als naturbedingt an, misst dem Thema aber insgesamt eine eher geringe Bedeutung zu, weshalb entsprechende Gegenproteste ausbleiben.

Im Hinblick auf die Pandemie-Politik herrscht mehrheitlich die Überzeugung vor, dass Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens geboten und notwendig sind, um Leben zu schützen. (Nicht wenige fordern sogar härtere Maßnahmen.) Eine Minderheit misst dagegen Freiheitsrechten beziehungsweise wirtschaftlichen Gesichtspunkten eine höhere Bedeutung zu. Bei der Ablehnung Corona-bedingter Einschränkungen spielen starke persönliche Betroffenheit (von Jüngeren oder Familien mit Kindern) ebenso eine Rolle wie ideologische Motive (Querdenker). Die Gegensätze sind insgesamt zwar weniger ausgeprägt als bei dem Konfliktfeld Klimawandel, aufgrund der unmittelbar spürbaren negativen Auswirkungen der Maßnahmen für den Einzelnen ist das Polarisierungspotential gleichwohl relativ hoch.

Verglichen mit 2017 nimmt die Polarisierung der Gesellschaft insgesamt aber eher ab, was insbesondere daran liegt, dass sich die ablehnende Haltung der Migrationsgegner*innen mit dem Rückgang der Flüchtlingszahlen erkennbar abschwächt. Allerdings kristallisiert sich derzeit eine kleine (weniger als 10 Prozent der Gesamtbevölkerung umfassende) Gruppe von „Systemfernen“ heraus, deren Vertreter in allen drei Konfliktfeldern eine im Vergleich zur Mehrheit konträre Haltung einnehmen und dem politischen und gesellschaftlichen „Establishment“ ausgesprochen distanziert bis ablehnend gegenüberstehen. Überdurchschnittlich vertreten ist diese systemkritische Haltung vor allem bei dem „Abgehängten Prekariat“ sowie bei den jüngeren „Verunsicherten Leistungsindividualisten“. 

Was gilt es zu beachten, wenn man eine großangelegte Studie zur gesellschaftlichen Polarisierung aufsetzt?

Wir sind der Überzeugung, dass hierfür nach wie vor die Anlage der Studie Was verbindet, was trennt die Deutschen?“ zielführend ist. Sie verbindet 

    • ein anspruchsvolles Untersuchungsdesign (repräsentative Online-Befragung, hohe Fallzahl und eine Panel-Erhebung, die eventuelle Änderung von Einstellungen bei der Gesamtpopulation, aber darüber hinaus auch bei den einzelnen Individuen erfasst);
    • ein umfassendes Erhebungsprogramm (Erhebung der aktuellen Lebenssituation, der Einstellung gegebenenfalls dem politischen System gegenüber sowie der politischen Grundeinstellungen und von Wertorientierungen);
    • sowie den Einsatz tiefere Einblicke gewährender Analyse-Instrumente (Korrelationsanalyse, Erstellung einer Typologie aus Wertorientierung sowie Positionierung zu zentralen gesellschaftlichen Konflikten). 

Dieser Ansatz erscheint uns geeignet, um Grundlage, Umfang und Verlauf der gesellschaftlichen Polarisierung umfassend und zielgruppengenau zu ermitteln sowie Ansatzpunkte zum Abbau der Polarisierung zu eruieren.  
 

Die beiden Durchläufe Ihrer Studie zu den Auswirkungen der Covid-19-auf die politische Kultur in Deutschland haben durchaus unterschiedliche Ergebnisse erbracht: Während die im November 2020 veröffentlichten Ergebnisse darauf hindeuten, dass der politische Umgang mit der Krise das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Mandatsträgerinnen und -träger gestärkt hat, sehen Sie in der nur vier Monate später veröffentlichten Auswertung der zweiten Umfrage diesen Rückhalt bereits wieder im Schwinden.

Daher entsteht gerade mit Blick auf die Pandemie der Eindruck, dass die politische Zufriedenheit in hohem Maße instabil und flüchtig ist. Teilen Sie diese Einschätzung? Oder lässt man sich als Beobachterin hier vielleicht durch „Oberflächenschwankungen“ zu leicht in die Irre führen? 

Die Maßnahmen zur Bewältigung der ersten Corona-Welle waren aus Sicht der Bürger*innen eine „Blaupause für gute Politik“. Die Politik reagierte schnell, zielgruppengenau, geschlossen und effektiv – zumindest in Europa galt die Bundesrepublik als Vorbild bei der Pandemiebekämpfung. Die Bürger*innen hatten den Eindruck, die Politik nehme ihre Probleme (wieder) wahr und kümmert sich um deren Lösung. Entsprechend stieg die Zufriedenheit mit der Bundesregierung, die vor der Pandemie einen neuen Tiefpunkt erreicht hatte, wieder deutlich an. Das Vertrauen in die Regierung und in die politischen Institutionen nahm wieder zu.

In der zweiten und dritten Welle erlebten die Bürger*innen die Politik dagegen als unschlüssig, vielstimmig, kaum proaktiv, weniger effizient und teilweise sogar als eigennützig (zum Beispiel in der Maskenaffäre). Entsprechend ernüchternd fiel die Bewertung des Krisenmanagements der Bundesregierung aus, das Vertrauen in Exekutive und Legislative fiel wieder auf das Niveau vor der Corona-Krise [2].

Dass die Bürger*innen Erfolge wie Misserfolge von Regierungen durch steigende oder sinkende Zustimmung quittieren, gehört zum Wesen einer Demokratie. Die extremen Schwankungen im Laufe der nun schon eineinhalb Jahre andauernden Corona-Pandemie dürften jedoch einmalig sein. Es gab in der Bundesrepublik keine vergleichbare langanhaltende Krise von dieser Relevanz. Nie dürften die Folgen der Politik unmittelbarer spürbar für jeden Einzelnen gewesen sein, entsprechend sensibel reagieren die Bürger*innen. Offen bleibt allerdings, ob und gegebenenfalls welche längerfristigen Folgen dieses neue und unmittelbarere Erleben von Politik für die politische Kultur in Deutschland hat – zumal die Krise ja noch nicht beendet ist und ihre Auswirkungen durchaus noch die anstehende Bundestagswahl maßgeblich beeinflussen können[3]

Welche Instrumente gibt es, um eventuelle „Oberflächenschwankungen“ zu neutralisieren?

Schwankungen sind der Umfrageforschung inhärent. Bei repräsentativen Zufallsstichproben muss immer eine Fehlertoleranz einberechnet werden – bei einer 1000er Stichprobe liegt sie je nach ermittelten Anteilswerten zwischen einem und drei Prozent. Dabei wird allerdings davon ausgegangen, dass ein sehr hoher Anteil der Befragten die Umfrage vollständig beantwortet – damit wird eine Ausschöpfung der Stichprobe unterstellt, die heute allenfalls noch bei Wahltagsbefragungen erreicht wird. Bei den ansonsten üblichen Telefonstichproben liegt die Ausschöpfung deutlich darunter, weswegen mit höheren Schwankungen gerechnet werden muss, die über geeignete Gewichtungsverfahren so weit wie möglich ausgeglichen werden. Das heißt, über geeignete statistische Verfahren wird versucht, diejenigen Verzerrungen zu neutralisieren, die sich zum Beispiel durch Nichtantreffbarkeit, Verweigerung oder Abbruch ergeben. 

Bei größeren Schwankungen bei der Parteipräferenz ist es für die einzelnen Institute gleichwohl schwierig zu entscheiden, was davon real ist und was davon auf einen eventuellen Stichprobenfehler zurückzuführen ist. Dieses Problem stellte sich den Instituten im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 in bislang nicht gekanntem Maße. Seinerzeit lag die SPD in den Sonntagsfragen Anfang Januar noch bei rund 20 Prozent. Nach der überraschenden Nominierung von Martin Schulz zu ihrem Kanzlerkandidaten verdoppelten sich die Zustimmungswerte der SPD binnen weniger Wochen. Die Forschungsgruppe Wahlen, die als einziges Institut auch die Rohdaten ihrer bundesweiten Erhebungen veröffentlicht, wies die SPD dort im März mit 42 Prozent aus. In den dann veröffentlichten gewichteten Daten taxierten die Institute die SPD im März/April allerdings nur bei gut 30 Prozent. In den folgenden Monaten näherten sich dann die Umfragewerte der SPD wieder dem 20-Prozent-Anteilswert, den sie bei der Bundestagswahl dann auch tatsächlich erzielte. 

Kurzfristige Wechsel der Parteipräferenz lassen sich personenbezogen auch in Panelerhebungen feststellen, so etwa im Rahmen der bereits erwähnten mehrwelligen Studie „Was eint, was trennt die Deutschen?“, deren erste drei Wellen den Zeitraum von Januar bis September 2017 abdeckten. Die Daten bestätigten die starken Schwankungen der SPD in der Wählergunst, und sie weisen darüber hinaus auch die Richtung des Partei-Wechsels aus: Der vorübergehende Zustrom zur SPD speiste sich aus allen politischen Richtungen, am Ende gaben aber die meisten dieser wechselbereiten Wähler wieder der ursprünglich präferierten Partei ihre Stimme.  
 

Ab wann spricht man als Meinungsforscher*in von einer hohen Volatilität und was meint der Begriff genau?

In der Politikforschung bezieht sich der Begriff der Volatilität auf Schwankungen in der Parteipräferenz, nicht von Einstellungen generell. Es gibt zwar keinen klaren Maßstab für Volatilität, aber für die Veränderung des Wahlverhaltens gibt es zwei zentrale Indikatoren: die Parteibindung, sowie – meist Folge davon – den Anteil an Wähler*innen die sich bei einer Wahl für eine andere Partei entscheiden als bei der jeweils vorangegangenen Wahl. 

Von Ende der 50er bis Ende der 70er Jahre war die Volatilität ausgesprochen niedrig, wofür das seinerzeit vorherrschende Drei-Parteien-System Beleg ist. Seither steigt die Volatilität, was nicht zuletzt in den sinkenden Stimmanteilen der beiden Volksparteien seinen Ausdruck findet. Vor allem die SPD verzeichnet seit Anfang der 2000er Jahre einen deutlichen Rückgang der ihr stark verbundenen Wähler*innen[4]

Etwas schwieriger nachweisbar ist der Parteiwechsel von einer Wahl zur anderen, da hierzu kaum personenbezogene Verlaufsdaten vorliegen. Die Forschung behilft sich hier mit auf Nachwahlbefragungen basierenden Wählerwanderungsmodellen, wie sie beispielsweise von Infratest dimap zu jeder Bundestags-, Landtags- und Europawahl erstellt werden. Auch die Befunde dieser Wählerwanderungen zeigen für die Bundestagswahlen seit 1998 eine kontinuierlich wachsende Wechselbereitschaft. 

Ganz konkret gefragt: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen einer hohen Volatilität und einer polarisierten politischen Landschaft?

Kann sein, muss aber nicht sein. In den USA ist die Polarisierung der Gesellschaft zuletzt deutlich gestiegen, die Bereitschaft zum Parteiwechsel gleichzeitig deutlich gesunken, weil sich die Polarisierung in den Programmen von Republikanern und Demokraten widerspiegelt. 

Gegenbeispiel Deutschland: Hier erweiterte sich das relevante Parteienspektrum immer dann, wenn neue polarisierende Konstellationen auftraten. Das in den 70er Jahren erstarkte Umweltbewusstsein führte zum Aufstieg der Grünen. Nach der deutschen Vereinigung kam die PDS/Die Linke dazu, da vor allem viele Ostdeutsche ihre Interessen im westdeutsch geprägten Parteiensystem nicht ausreichend repräsentiert fühlten. Und der jüngste Aufstieg der AfD resultiert im Wesentlichen aus der Unzufriedenheit vieler Bürger*innen mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung 2015, die auch von den meisten Oppositionsparteienaußer der AfD weitgehend mitgetragen wurde. Der Zuwachs der neuen Parteien war jeweils mit Verlusten vor allem der beiden Volksparteien verbunden. Im Gegensatz zu den USA erwiesen sich die deutschen Parteien – einschließlich der vor allem unter den Wählerverlusten leidenden Volksparteien – bei aller Unterschiedlichkeit der Positionierung bislang als untereinander weitgehend koalitionsfähig. Mit dem Aufkommen der AfD ist allerdings eine verstärkte Polarisierung in den Parlamenten zu konstatieren.  

Wenngleich Reaktionen auf tagespolitische Ereignisse vielleicht kein guter Gradmesser für gesellschaftliche Polarisierung sind, hat man spätestens seit den Debatten über den aufziehenden Irakkrieg oder dem Elbehochwasser 2002 den Eindruck, dass sie durchaus wahlentscheidend sein können. Gleichzeitig haben nicht alle Unglücksfälle oder Skandale einen so weitreichenden Einfluss auf die Wählergunst.

Gibt es gewisse allgemeine Faktoren, die entscheidend dafür sind, dass bestimmte Katastrophen oder Unglücksfälle erheblichen Einfluss auf die Wahlentscheidung entfalten? Und handelt es sich hierbei um ein verhältnismäßig junges Phänomen oder gibt es ähnliche Beispiele aus, zum Beispiel, den 1970er Jahren?

Die Wahrscheinlichkeit, dass Ereignisse Einfluss auf den Ausgang von Wahlen haben, ist insgesamt sicherlich gestiegen, weil sich Ereignisse wie kriegerische Auseinandersetzungen, ökonomische Verwerfungen oder Klima-Katastrophen in den letzten Jahrzehnten erkennbar häuften. Bis Ende der 90er Jahre war die Welt doch recht übersichtlich. In der Innenpolitik dominierten Verteilungsfragen die politische Auseinandersetzung, außenpolitisch der Ost-West-Konflikt. Die unterschiedlichen Erwartungen der Wähler*innen hierzu wurden zudem von den beiden Volksparteien weitgehend abgedeckt. 

Ob aktuelle Ereignisse Einfluss auf eine Wahlentscheidung haben, hängt von mehreren Faktoren ab:

    • Zeitpunkt: je näher ein Ereignis zu einer Wahl, desto wahrscheinlicher sein Einfluss auf die Wahlentscheidung. Die beiden erwähnten Ereignisse (Elbeflut, Irakkonflikt) fanden unmittelbar vor der Bundestagswahl 2002 statt, entsprechend groß war die Wahrscheinlichkeit einer Beeinflussung. 
      Da sich der Wahlvorgang aufgrund der steigenden Zahl von Briefwählern zeitlich in die Länge zieht, können heute mehrere Ereignisse je unterschiedliche Wirkungen erzielen – eine Erschwernis insbesondere für Wahlprognosen.

    • Polarisierungspotential: bei der Frage einer Beteiligung Deutschlands an einem absehbaren Militäreinsatz im Irak wurde ein grundsätzlicher Wertekonflikt zwischen Union (pro) und SPD (contra) deutlich. In der Wählerschaft entsprach die Contra-Position eher dem allgemeinen Wertegerüst, weshalb zahlreiche unionsgeneigte Wähler*innen für die SPD votierten.

    • Personen: Mit der Häufung von Pandemien und Umweltkatastrophen sind Politiker*innen auch stärker unmittelbar gefordert. Bestehen sie diese Herausforderung, können sie sich nachhaltig als erfolgreiche Krisenmanager profilieren (wie zum Beispiel Helmut Schmidt, Gerhard Schröder oder Matthias Platzeck). Es besteht aber auch die Gefahr, unvorteilhaft aufzutreten und zu kommunizieren (man denke an Edmund Stoiber oder Armin Laschet).

    • Kommunikation: Bei Skandalen, die unmittelbar mit der Partei beziehungsweise mit deren Spitzenpersonal zu tun haben, ist Art und Zeitpunkt entscheidend, um negative Folgen abzuwenden. Reagiert die betreffende Partei schnell und konsequent, können deren Halbwertzeiten begrenzt werden. Beispiele dafür sind der Kohl´sche Spendenskandal oder zuletzt der Maskenskandal bei Abgeordneten der Union. Bisweilen hilft aber auch, dass der Skandal von anderen, wichtigeren Ereignissen überlagert wird.

    • Relevanz für die Bürger*innen: Ereignisse, die direkt und längerfristig den Alltag der Bürger*innen beeinflussen, wirken nachhaltiger als Ereignisse, die räumlich und zeitlich weiter entfernt sind. Die Reaktorkatastrophe von Fukushima wirkte sich stark auf die nur wenige Tage später stattfindenden Landtagswahlen aus, verlor aber kurz danach schon an Bedeutung. Anders bei der Flüchtlingskrise: Das strittige Thema Migration, dessen kulturelle Bedeutung und alltagspraktische Relevanz für die Bürger groß sind, schlägt sich nach wie vor in entsprechenden Wahlentscheidungen nieder.  

Sie haben langjährige Erfahrung in der umfragebasierten Meinungsforschung. Ist es in den letzten Jahrzehnten schwieriger geworden, zuverlässige Prognosen zum Wahlausgang zu erstellen?

Es ist ganz klar schwieriger geworden, die Herausforderungen steigen, weil

    • die Parteibindung kontinuierlich abnimmt;
    • Wählerinnen und Wähler ihre Wahlentscheidung immer später treffen;
    • das Spektrum relevanter Parteien mit Chancen, die Fünf-Prozent-Hürde zu schaffen, zunimmt;
    • entscheidungsrelevante Ereignisse kurz vor einer Wahl tendenziell zunehmen;
    • der Anteil von Briefwählern kontinuierlich steigt, und sich bei aktuellen Ereignissen das Umfeld der Wahlentscheidungen von Brief- und Urnenwählern deutlich unterscheiden kann.

Dennoch: Bislang ist es den mit Wahlprognosen befassten Umfrageinstituten immer noch recht gut gelungen, mit diesen Herausforderungen fertig zu werden. Das Niveau der Wahlprognosen hat sich die letzten Jahre sogar eher noch verbessert.   

 


Richard Hilmer

Rita Mller HilmerRita Müller-Hilmer und Richard Hilmer sind Geschäftsführende von Policy Matters – Gesellschaft für Politikforschung und Politikberatung. Sie haben Umfragen unter anderem im Auftrag des Instituts für Parlamentarismusforschung, der Friedrich-Ebert- und Hans-Böckler-Stiftung sowie der Wochenzeitung Die Zeit erstellt. Zu ihren jüngsten Projekten gehören zwei Untersuchungen zur Auswirkung der Corona-Pandemie auf die politische Kultur in Deutschland. Mehr zu Rita Müller-Hilmer und Richard Hilmer gibt es hier.


 

Fußnoten

[1]Die Typologie basierte auf zwei Batterien: eine zur Bedeutung von Werten und Grundsätzen (7er-Skala von „sehr wichtig“ bis „gar nicht wichtig“) sowie eine Batterie zu der politischen Verortung der Befragten. Hier wurden gegensätzliche Aussagenpaare zu gesellschaftlichen Konflikten abgefragt, zu denen sich die Befragten positionieren sollten (wiederum auf einer 7er Skala von „stimme voll und ganz Aussage 1 zu“ bis „stimme voll und ganz Aussage 2 zu“).   

[2] Als Tests und die Impfkampagne Fahrt aufnahmen und die Inzidenzwerte wieder einstellig ausfielen verbesserte sich die Bewertung der Regierung wieder spürbar, wie Erhebungen von Infratest dimap, der Forschungsgruppe Wahlen und anderer belegen.

[3]Vgl. hierzu die Studie Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Der „Corona-Effekt" – Warum die Pandemie der Wahlbeteiligung schaden und ihre soziale Spaltung vertiefen könnte, EINWURF 2/2021.

[4] Vgl. hierzu die Daten des Sozio-ökonomische Panels, das die Parteibindung seit Mitte der 80er Jahre personenbezogen ausweist.

 

Interview mit

Rita Müller-Hilmer

Richard Hilmer

Die Fragen stellte

Louise Zbiranski

Erschienen am:

18. August 2021

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