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Victor D. Cha, Ramon Pacheco Pardo: Korea. A New History of South and North

25.01.2024
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Autorenprofil
Dr. Max Lüggert
New Haven, Yale University Press 2023

Den Politikwissenschaftlern Victor D. Cha und Ramon Pacheco Pardo ist es laut unserem Rezensenten Max Lüggert gelungen, eine kompakte und zugleich umfassende Einführung in die Geschichte Koreas der letzten 150 Jahre zu geben. Dabei steht die seit den 1950ern bestehende Teilung des Landes im Vordergrund. Neben Unterschieden und Ähnlichkeiten der Entwicklung beider Koreas nehmen die Autoren auch das Potenzial einer Wiedervereinigung unter den heutigen geopolitischen Voraussetzungen in den Blick und geben einen Ausblick darauf, welche Hürden ein vereintes Korea zu überwinden hätte. (jm)


Eine Rezension von Max Lüggert

Wenn in der deutschen Öffentlichkeit Meldungen aus Korea verbreitet werden, haben diese einen erwartbaren und zugegeben etwas schmalen thematischen Umfang. Wahrscheinlich geht es bei solchen Meldungen entweder um militärische Spielereien des nordkoreanischen Regimes oder um die neuesten kulturellen Trends aus Südkorea, die ihren Weg in westliche Gesellschaften gefunden haben. Vielen Menschen hierzulande wird vielleicht noch einfallen, dass Korea nach wie vor geteilt ist, so wie es auch in Deutschland bis 1989 der Fall war. Bei vielen Menschen erschöpfen sich damit jedoch die Kenntnisse der Situation in Korea. Dabei lohnt sich eine nähere Betrachtung der Halbinsel, die eine facettenreiche Geschichte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat und deren Rolle auch in der künftigen Weltpolitik wahrscheinlich nicht abnehmen wird.

Die Politikwissenschaftler Victor D. Cha und Ramon Pacheco Pardo verfolgen mit ihrem neuen Buch die Aufgabe, die jüngste Geschichte Koreas näher zu beleuchten, mit besonderem Schwerpunkt auf die parallele Entwicklung beider koreanischer Staaten seit Ende des Koreakriegs 1953. Die Autoren gehen in ihrem Buch chronologisch vor und beginnen mit ihrer Betrachtung im 19. Jahrhundert. Dabei stellen sie eine wichtige Bemerkung voran, die bis heute zutreffend ist: Demnach sei die Situation Koreas vor allem geopolitisch zu erklären. Zwar bildet Korea einen eigenständigen Kulturraum, es handelt sich jedoch in erster Linie um ein verhältnismäßig kleines Territorium zwischen den ungleich größeren Mächten China, Japan und Russland. Über Jahrhunderte hinweg haben diese Mächte versucht, auf die eine oder andere Art Einfluss zu nehmen. Ähnlich wie China und Japan versuchte Korea zudem lange, sich gegenüber

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte eine wichtige Weichenstellung, die Koreas Situation für Jahrzehnte prägen sollte. Mit dem Vertrag von Portsmouth wurde 1905 der Russisch-Japanische Krieg beendet; in diesem durch US-amerikanische Vermittlung zustande gekommenen Vertrag erkannten die Vereinigten Staaten jedoch implizit Korea als Teil der japanischen Einflusssphäre an. Wenig später, im Jahr 1910, fiel Korea dann auch formell als Kolonie an Japan. Die Autoren benennen die nun folgende japanische Herrschaft klar als „kolonialen Totalitarismus“ (12), zeigen aber auch die Nuancen während der Kolonialherrschaft, die zwischen einer gewissen Toleranz gegenüber der koreanischen Kultur und der weitgehenden Assimilation des koreanischen Volkes  schwankte. Dabei werden auch die sozioökonomischen Aspekte der Kolonialzeit beleuchtet. Neben Entrechtung und Zwangsarbeit gab es auch sichtbare Fortschritte in den Bereichen Bildung, Industrie und Infrastruktur. Und nicht wenige Geschäftsleute konnten unternehmerisch tätig werden und arrangierten sich somit ein Stück weit mit der japanischen Herrschaft.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der japanischen Kapitulation kam die Kolonialzeit zu einem abrupten Abschluss. Auch hier gelingt es Cha und Pacheco Pardo, die Ambivalenz der Situation einzufangen: Einerseits war das koreanische Volk befreit, andererseits war die Volkswirtschaft nun stark geschwächt und sowohl die Sowjetunion als auch die Vereinigten Staaten hatten keine Vorstellung davon, wie sie als Besatzungsmacht dagegen vorgehen konnten. Gerade auf US-amerikanischer Seite wuchs das Desinteresse an (Süd-)Korea, was nach Ansicht der Autoren mit dazu beitrug, dass Truppen aus dem Norden 1950 einen Angriff starteten und Seoul bereits nach drei Tagen einnehmen konnten. Dieser rasche Vormarsch der nordkoreanischen Truppen führte zu einer Kehrtwende in der Politik der Vereinigten Staaten von Amerika und eine von ihnen angeführte Koalition unter dem Dach der Vereinten Nationen konnte den Vormarsch stoppen. Nach dem Kriegseintritt Chinas auf Seiten des Nordens sollten noch drei Jahre lang weitere Gefechte folgen, bis ein Waffenstillstand vereinbart wurde. Dieser setzte die Grenze zwischen den beiden koreanischen Staaten ungefähr entlang des 38. Breitengrades fest – also der Linie, die bereits vor dem Koreakrieg beide Machtbereiche trennte. Aufgrund der umfassenden Zerstörungen des Krieges waren beide koreanische Staaten auf ausländische Unterstützung angewiesen: Der Norden erhielt Unterstützung aus China, der Süden aus den Vereinigten Staaten. Laut den Autoren bildeten sich auf diesem Wege die Allianzen aus, die die Rolle beider Koreas in der Weltpolitik bis heute prägen.

In den Kapiteln, die auf die Schilderung des Koreakriegs folgen, zeigen die Autoren auf, wie sich beide Staaten parallel entwickelten. Nordkorea hatte dabei zunächst die Nase vorn, indem es seine Industrie entwickelte. Südkorea war in den Jahren nach dem Krieg hingegen zunächst von wirtschaftlicher Schwäche und politischer Instabilität geprägt. Aus Sicht der Autoren ist für die folgende Entwicklung des Südens eine Person besonders hervorzuheben, und zwar Park Chung-hee. Park gelangte 1961 durch einen Putsch an die Macht und etablierte rasch ein autoritäres System, das hinsichtlich politischer Unterdrückung durchaus mit dem Regime von Kim Il-sung im Norden vergleichbar war. Gleichzeitig stellte Park jedoch die Weichen für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. So nahm er sich Japan als Vorbild und wirkte auch jenseits wirtschaftlicher Zusammenarbeit auf eine allgemeine Annäherung an die ehemalige Kolonialmacht hin; ein Punkt, der, wie die Autoren schildern, durchaus Proteste in Südkorea hervorrief.

In den 1970er-Jahren schnitten sich laut den Autoren die Entwicklungskurven beider Koreas. Nordkorea geriet wirtschaftlich gesehen ins Hintertreffen und baute den Personenkult um Staatschef Kim Il-sung (sowie den 1980 erstmals als Nachfolger vorgestellten Kim Jong-il) aus. Südkorea entwickelte sich wirtschaftlich zwar günstiger, war in der Endphase von Parks Herrschaft jedoch ebenfalls von autoritärer Herrschaft geprägt, die bis zur Ermordung von Park Chung-hee im Jahre 1979 andauerte. Nach 1979, so schildern es die Autoren, vergrößerte sich die Divergenz zwischen beiden Staaten. So hatten die direkten Nachfolger von Park zwar weiterhin autoritäre Tendenzen gehabt, nach breiten Protesten in der Bevölkerung stellte sich 1987 jedoch ein Übergang zur Demokratie ein ‑ gerade rechtzeitig, bevor Südkorea mit den Olympischen Sommerspielen in Seoul ein Jahr später die Aufmerksamkeit der ganzen Welt erhielt. Nordkorea hingegen stagnierte weiter und blieb mit seinem Boykott der Spiele von Seoul weitgehend alleine.

So zeigen die Autoren , wie stark die Entwicklungsunterschiede in der jüngsten Vergangenheit gewesen sind. Südkorea ist heute ein Staat, der aufgrund seiner Hochtechnologie stark in die Weltwirtschaft eingebunden ist und mit seiner Kultur (die, wie die Autoren richtigerweise anmerken, massiv von staatlicher Seite gefördert wird) bei vielen Menschen ein grundsätzlich positives Image hat. Nordkorea befindet sich in einer – durchaus selbst gewählten – Isolation und hat ein repressives politisches Regime, das nicht vor der Entwicklung von Atomwaffen zurückschreckt, um sein Fortbestehen zu sichern. Trotzdem schwebt darüber immer noch die Frage der Wiedervereinigung und somit ist es nur schlüssig, dass die Autoren diesem Thema einen großen Teil ihrer Ausführungen widmen. Mit der Amtsübernahme von Kim Dae-jung als südkoreanischer Präsident begann die Phase der „Sonnenscheinpolitik“, mit der eine Öffnung und Annäherung gegenüber Nordkorea verfolgt werden sollte. Dieses Vorgehen wurde – in unterschiedlicher Intensität – von all seinen Nachfolgern bis jetzt umgesetzt. Es kam dabei durchaus zu historischen Szenen, wie einigen offiziellen Gipfeltreffen zwischen den politischen Spitzen beider Staaten. Nordkorea agierte in all diesen Schritten jedoch reserviert und rückte niemals von seinen politischen Vorstellungen, insbesondere seinem Atomprogramm, ab.

Im letzten Kapitel des Buches skizzieren Cha und Pacheco Pardo einen möglichen Weg zur Wiedervereinigung Koreas sowie die strukturellen Herausforderungen, die sich dabei ergeben würden. Als naheliegenden Vergleich schildern die Autoren die Situation im vereinigten Deutschland nach 1990 und zeigen, dass bei einer Vereinigung Koreas deutlich größere Differenzen zu überbrücken wären. Sie zeigen damit anhand einiger volkswirtschaftlicher und infrastuktureller Parameter wie stark Nordkorea tatsächlich hinter Südkorea liegt. Zudem schließen die Autoren die Klammer vom Beginn ihres Buches, indem sie die geopolitische Situation darstellen. Ein vereinigtes Korea ist nicht ohne die Interessen der Mächte im Umfeld zu verstehen, deren Haltung zu einer möglichen Wiedervereinigung sie ausführlich prognostizieren. Sowohl Japan als auch den Vereinigten Staaten unterstellen die Autoren eine Zustimmung zur Wiedervereinigung Koreas unter freiheitlichen Vorzeichen. Auch Russland werde sich damit arrangieren können. Lediglich bei China sehen die Autoren eine ablehnende Haltung, die jedoch durch diplomatisches Geschick umzukehren sei. Somit schließen die Autoren ihre Ausführungen und schätzen eine Wiedervereinigung als politisch voraussetzungsvoll, jedoch nicht unmöglich ein.

Cha und Pacheco Pardo haben ein Buch vorgelegt, in dem die koreanische Geschichte der vergangenen 150 Jahre kompakt, aber dennoch umfassend vorgestellt wird. So zeigen die Autoren auch, dass sich die beiden koreanischen Staaten seit Ende des Koreakriegs nicht geradlinig auseinanderentwickelt haben, sondern dass es dabei auch Um- und Sonderwege gab. Zuletzt überzeugt das Kapitel über Möglichkeiten einer Wiedervereinigung vor allem durch die umfassende Darstellung des Status quo und der möglichen Folgen einer Vereinigung – auch wenn die Haltung von China und Russland angesichts der aktuellen Verwerfungen mit westlichen Staaten zu : für Russland und China werden wirtschaftliche Vorteile einer Wiedervereinigung erwähnt, welche die sicherheitspolitischen Bedenken beider Staaten nicht aufwiegen können. Insgesamt erfährt Korea durch dieses Buch eine würdige Darstellung in einer Tiefe, die in westlichen Debatten selten erreicht wird. Und vor allem zeigen die Autoren , die durch den Koreakrieg erzwungene Trennung der Halbinsel im Rahmen einer allgemeinen sicherheitspolitischen Verständigung in Ostasien zu überwinden. Ein wiedervereinigtes, freies Korea wird nicht einfach zu erreichen sein, ist aber auch nicht unmöglich – dem koreanischen Volk wäre es zu wünschen.

 

CC-BY-NC-SA
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Weiterführende Links

Podcast / Victor D. Cha, Scott Snyder / 19.12.2023

The Impossible State Live Podcast: U.S.-ROK Alliance Under Trump

CSIS – Center for Strategic & International Studies

 

Externe Veröffentlichungen

Eun-Jeung Lee / 2021

The 1960s in South Korea: Modernisation, Nationalism and the Pursuit of Democratisation

International Quarterly for Asian Studies

 

Ingrid Norbu / 08.09.2020

Teilung Koreas 1945. Grundstein eines Konflikts, der bis heute andauert

Deutschlandfunk

 

Mehr zu Die internationale Ordnung, der Westen und die USA

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