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Adrian Daub: Cancel Culture Transfer. Wie eine moralische Panik die Welt erfasst

27.12.2023
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Autorenprofil
Dr. Thomas Mirbach
Berlin, Suhrkamp 2023

In seinem gleichnamigen Buch über die „Cancel Culture" untersucht Adrian Daub, wie der Begriff in den Medien konstruiert wird und vertritt die These, dass dieser Konstruktion eine „moralische Panik“ zugrunde liege. Unserem Rezensenten Thomas Mirbach erscheint die Einordnung dieser Meinungsbeiträge als Versuche einer Verteidigung von Privilegien plausibel. Dass Daub dabei den Begriff vor allem mit deutschen Feuilleton-Debatten in Verbindung bringt, ist Mirbach zufolge jedoch ebenso wenig überzeugend, wie die Engführung der Kritik von Privilegien auf die „Schreibenden“. (jm)


Eine Rezension von Thomas Mirbach

Alles, was wir von der Gesellschaft wissen – so heißt es bei Niklas Luhmann (1996, 158 ff.) – ist letztlich durch die Massenmedien bedingt. Ihrer eigenen Operationsweise folgend konstruieren Massenmedien, was wir für Realität halten müssen. Dazu gehören eben auch Phänomene wie die in den Medien von Vielen beklagte Cancel Culture (vgl. zum Spektrum der Positionen Kostner 2021 und Gözen 2021), die Adrian Daub (Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University) zum Gegenstand seiner Untersuchung gemacht hat. Die empirische Basis der Studie ist sehr breit angelegt. Gesichtet habe er „Tausende[..] Artikel[..] zu dem Thema“ und wurde bei der Nutzung umfangreicher Datensätze (368 f.) von Kolleginnen der Stanford Libraries und der German Collections intensiv unterstützt. Die dabei verwendete Methodik wird indes nicht näher erläutert.

Cancel Culture ist für Daub, um das vorwegzunehmen, ein seit etwa 2018 ubiquitär verwendeter Medienbegriff, mit dem bestimmte Aktivitäten eher linker, diverser Akteur*innen im Netz als Bedrohung von Meinungsfreiheit inszeniert werden. In der Tendenz bezögen sich entsprechende mediale Darstellungen auf sehr heterogene Vorkommnisse, die – ohne im Detail berichtet zu werden – als Anlass eines Elitendiskurses zur Absicherung existierender Macht- und Privilegienstrukturen dienten (25 ff.). Faktisch werde die Rede über Cancel Culture betrieben, um nicht über anderes reden zu müssen, nämlich über Legitimierung oder eben Delegitimierung bestimmter Diskurse, Positionen und Autoritäten (10). Diese Diskursformen hätten Züge einer „moralischen Panik“. Den Begriff entnimmt Daub einer englischen Studie über öffentliche Darstellungen des Protestverhaltens jugendlicher Subkulturen der 1960er Jahre (Cohen 2011). Dabei werde im Zusammenspiel medialer und politischer Akteure abweichendes Verhalten als gesellschaftsgefährdend konstruiert. Moralische Panik unterscheide sich einerseits von Propaganda, die weitgehend auf beabsichtigten Falschinformationen beruhe, andererseits von Massenhysterien, die nicht als Ergebnis gezielter Inszenierungen zu verstehen seien (29 ff.).

Seiner Auseinandersetzung mit einschlägigen Kommunikationsformen in den USA und in Europa – insbesondere in Deutschland und in der Schweiz – stellt Daub einleitend fünf Thesen voraus, die die soziale Relevanz des Themas umschreiben (14 ff.). (1) Das mit Cancel Culture Gemeinte sei keineswegs neu, es handele sich um eine Fortschreibung früheren Debatten über Political Correctness. (2) In diesen Debatten machten sich Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie geltend, die durch die Art der Präsentation partikularen Ereignissen gesellschaftsweite Bedeutung zuschreiben. (3) Dabei führe die Benennung „Cancel Culture“ zu einer unzulässigen Kulturalisierung des institutionellen oder ökonomischen Kontextes der behandelten Fälle. (4) In der Regel handele es sich bei den inkriminierten Vorfällen – räumlich wie der Zahl der Betroffenen nach – um marginale Ereignisse, die in keinem rational nachvollziehbaren Verhältnis zu den vermeintlichen Bedrohungen zunehmender Zensur und gesellschaftlicher Spaltung stünden. (5) Zumal im deutschen Kontext ein gewisses Maß an Antiamerikanismus mitzuschwingen scheine, wenn Cancel Culture als eine Art Import amerikanischer Fehlentwicklungen ausgegeben werde.

Ein explizites Ziel seiner Studie gilt der Darstellung und Erklärung, „wie und warum die deutschsprachige Öffentlichkeit sich so schnell davon überzeugt hat, dass es Cancel Culture gibt“ (36). Dem folgt der Aufbau des Buches in einer Weise, die methodisch leider nicht vollständig überzeugen kann. Über weite Strecken beschreibt Daub an zahlreichen Einzelfällen die Handhabung und Entwicklung von Cancel Culture und vergleichbaren Stereotypen in den Vereinigten Staaten während der letzten gut dreißig Jahre (74 ff.). Das ist durchaus informativ, zumal im Nachweis, dass einschlägige Kampagnen weitgehend vom rechtskonservativen Mainstream initiiert wurden und die Lebenswelt des US-amerikanischen Campus für die Mehrheitsgesellschaft vielfach als Ort politisch-moralischer Devianz galt (116 ff.). Die Darstellung bleibt aber angesichts der Fülle der diskutierten Beispiele in der analytischen Substanz nicht ohne Wiederholungen. Ausführlich befasst er sich mit dem durchgehend anekdotischen Charakter der Meldungen über Cancel Culture (189 ff.); typischerweise würden Beispiele mit fraglicher Plausibilität – die überall und nirgends passiert sein könnten – aufgegriffen und auf eine breitere Kultur übertragen. Auf diese Weise entstünden selektive Kommunikationszusammenhänge, bei denen eine bestimmte Journalistenzunft ihre Deutungshoheit für ein Publikum behaupten kann, das sich von der Angst vor Cancel Culture bestätigt sieht. Dabei formuliert er durchgehend sehr griffig und mit einer erkennbaren Neigung zur polemischen Ironisierung. So würden viele Berichte über Cancel Culture nicht mehr aussagen, „als dass ein Campus, auf dem unkündbare Professor:innen miteinander um die Wette altern und gleichzeitig um die Aufmerksamkeit einer ihnen immer fremder werdenden Jugend buhlen, fast fließbandmäßig Provinzpossen und verletzte Eitelkeiten produziert“ (47).

Für die Übernahme der mit Cancel Culture verbundenen moralischen Panik in Deutschland bildete Daub zufolge der hier seit langem geläufige Topos der Identitätspolitik eine wichtige affektive Voraussetzung (227 ff.). Ähnlich wie die Rede über Cancel Culture ignoriere das (journalistische) Verhandeln von Identitätspolitik den inhaltlichen Kontext des Phänomens, nämlich die von „POC, LGBTQ+-Personen, Muslim:innen oder Menschen mit Migrationshintergrund“ vorgetragene Kritik institutioneller Diskriminierung (257). Dieses geflissentliche Nichtlesen werde in Deutschland noch entschiedener gehandhabt als im US-amerikanischen Mainstream (255). Mit dem Gestus rationaler und ehrlicher Argumentation positioniere der Diskurs hierzulande im Namen einer Verteidigung von Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit „linke Politik als Gegenaufklärung“ (246).

Etliche Belege für Texte dieser Art, „in denen über Menschen debattiert wird, nicht aber mit ihnen“ (263), findet Daub gerade in (durchgängig namentlich gekennzeichneten) Beiträgen der gemeinhin als seriös geltenden Presse (Die Zeit, Der Spiegel, Neue Züricher Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Die Welt). Anders als in den USA sei Cancel Culture in Deutschland ein Spezifikum des Feuilletons, was nicht ohne Folgen für die Art der Präsentation bleibe. Einerseits habe dieses Ressort die Tendenz, bei den behandelten Themen die eigene Diskurshoheit zumal gegenüber im Internet geführten Debatten zu behaupten (283). Andererseits werde diese Haltung von einem in der Tendenz dünkelhaften Selbstverständnis verstärkt, das Kreativität mit „essayistische[r] Subjektivität“ gleichsetze und nahezu wie ein Freibrief für Willkür in der Formulierung wirke (297).

Im letzten Kapitel unternimmt Daub etwas, was er selbst – vor dem Hintergrund seiner bisherigen Darstellung – als „ketzerisch“ beschreibt: nämlich den Versuch, ein „real existierendes Beispiel von Cancel Culture zu verstehen“ (328). Anders als die meisten der zuvor diskutierten Beispiele steht dieser Fall für einen vermutlich problematischen Verlauf von Cancel Culture, an dem ihn jedoch nicht bestimmte Diskurspraktiken – „dass sich Menschen online über etwas echauffieren“ – sondern die spezifischen ökonomischen Voraussetzungen interessieren, unter denen sich die Aufregungsmechaniken „direkt in wirtschaftliche Konsequenzen übersetzen“ (337). Der Fall betrifft den florierenden US-amerikanischen Markt für Jugendbücher, dürfte aber hinsichtlich seiner Funktionslogik auch für europäische Verhältnisse relevant sein. Die gestiegenen Verkaufszahlen stießen auf ein breites Echo in den sozialen Medien, wobei es – unter anderem durch manipulierte Bewertungen im Netz – zu durchaus erfolgreichen Versuchen kam, Publikationen mit vermeintlich rassistischen oder sexistischen Inhalten zu blockieren (329 f.). Drei Faktoren sind es, die Daub zufolge in einem expandierenden Marktsegment Praktiken der Cancel Culture zur Wirkung verhelfen könnten: Eine vor allem von weißen Amerikaner*innen dominierte Verlagswelt, die sich mit ihren Büchern an ein eher junges, netzaffines und diverses Publikum wende und dabei auf Beiträge ebenfalls eher junger, überwiegend freiberuflicher Autor*innen zurückgreife. Wenn Verlage aufgrund von Protesten gewisser „Onlinecommunities“ Verkaufsverluste befürchten müssten, könnte die Stornierung von Publikationsvorhaben ein Mittel zur Beruhigung der Netzwelt sein, das dann jedoch eher zu Lasten nicht regulär beschäftigter Autor*innen gehe. Allerdings ist sich Daub sicher, dass derartige, an spezifische Rahmenbedingungen gebundene Gemengelagen Ausnahmen seien (336). In der Regel mache sich der Diskurs um Cancel Culture „vielmehr an jenem schwindenden Personenkreis fest, der alles andere als prekär noch die alten Pfründe verwaltet“ (338).

Fazit
Sehr flüssig geschrieben zeigt Daubs Studie, dass sich bei etlichen Klagen über Cancel Culture erhebliche Diskrepanzen zwischen den realen Ereignissen und den behaupteten, Meinungsfreiheit einschränkenden Wirkungen beobachten lassen. Auch seine generelle Deutung, derartige Klagen dienten – funktional gesehen – vielfach der Absicherung der Deutungshoheit etablierter (zumeist rechter) Kreise gegenüber einer disruptiven und diversen Kommunikationspraxis im digitalen Raum, erscheint durchaus plausibel. Weniger überzeugend wirkt seine Zuschreibung dieser Form von „Kulturkämpfen“ auf vermeintliche Spezifika des (deutschsprachigen) Feuilletons. Eine systematische Privilegienkritik sollte nicht in erster Linie die schreibenden Personen adressieren, sonst läuft sie Gefahr, zu einer Sammlung von Altherrenanekdoten zu verkümmern. Eine substantielle Auseinandersetzung mit Cancel Culture sollte sich – was bei Daub leider nur kurz anklingt – intensiver mit den medientechnischen, institutionellen und ökonomischen Rahmenbedingungen der Kontroversen zwischen Print- und Netzkultur befassen.


Literatur

  • Cohen, Stanley (2011): Folk Devils and Moral Panics, London: Routledge.
  • Daub, Adrian (2022): Cancel Culture Transfer: Wie eine moralische Panik die Welt erfasst, Berlin: Suhrkamp Verlag.
  • Gözen, Jiré Emine (2021): Wessen Freiheit soll geschützt werden? APuZ 71. Jahrgang, Heft 46, S. 22 – 25.
  • Kostner, Sandra (2021): Zur Verhängung und Umsetzung intellektueller Lockdowns. APuZ 71. Jahrgang, Heft 46, S. 17- 21. 
  • Luhmann, Niklas (1996): Die Realität der Massenmedien. 2., erweiterte Auflage. Opladen: Westdeutscher Verlag.

 

CC-BY-NC-SA
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