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Kenan Malik: Das Unbehagen in den Kulturen. Eine Kritik des Multikulturalismus und seiner Gegner

17.08.2021
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Autorenprofil
Prof. Dr. Rainer Lisowski
Bonn, Bundeszentrale für politische Bildung 2019

Der britische Publizist Kenan Malik übt in seinem Essay „Das Unbehagen in den Kulturen“ Kritik an einer aus seiner Sicht fehlgeleiteten Form des Multikulturalismus. Laut unserem Rezensenten Rainer Lisowski verstehe Malik ihn als einen politischen Prozess, der vom Universalismus der Aufklärung abgerückt sei, jedem Menschen eine Kultur zuweisen wolle, um die dann exkludierende safe spaces errichtet werden. Multikulturelle Politik, so Malik, habe somit säuberlich voneinander getrennte „Minderheiten“ geschaffen. So sei Großbritannien zur „Gemeinschaft von Gemeinschaften“ geworden, segmentiert durch verzerrende identitäre Vorstellungen. Gerade der in diesem Essay angewandte vergleichende Blick zwischen Großbritannien und Deutschland lohne, befindet Lisowski. (tt) 

Eine Rezension von Rainer Lisowski

„Wir haben eine multikulturelle Gesellschaft in Deutschland, ob es einem gefällt oder nicht“, so äußerte sich Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth am 20. November 2004 gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Gar nicht gut! – so könnte der britische Publizist Kenan Malik darauf antworten. Denn er kritisiert Multikulturalität in seinem Essay „Das Unbehagen in den Kulturen“ heftig. Für ihn kommt es aber darauf an, was genau man unter „multikulturell“ versteht. In dem einen Sinne (den Roth vermutlich meinte), sei der Terminus lediglich eine Beschreibung der Tatsache, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft in einem Land zusammenlebten. Diese Art von Multikulturalismus, von Vielfalt, befürwortet Malik. Aber dann sei da noch die andere Definition des Begriffes und dieser stellt sich der Autor entschieden entgegen. Nach dieser zweiten Lesart werde Multikulturalismus als ein politischer Prozess verstanden, der vom Universalismus der Aufklärung abrücke, jedem Menschen eine Kultur zuweisen wolle und dann safe spaces und Schutzräume um diese Kulturen errichte. Der erklärte „libertäre Linke“ Malik kritisiert diese Sichtweise in dem gerade einmal fünfundachtzig Seiten kurzen, lediglich nach den Zahlen eins bis zwölf gegliederten, Essay auf das Heftigste.

Im ersten Schritt arbeitet Malik heraus, dass heute vorgetragene Ideen von Kultur und kultureller Identität weniger in der Aufklärung und mehr in der gegenaufklärerischen Romantik wurzeln. Vor allem Herder stehe mit seinem Kulturbegriff Pate für viele identitäre Vorstellungen (49). Grundlegende Vorstellungen hätten sich somit verkehrt. Ursprünglich, so Malik, habe der Terminus Identität etwas (mühsam) vom Selbst Geschaffenes bezeichnet. Heute nehme man Identität verquerer Weise als das wahr, was überhaupt ein Selbst erst erschafft – und zwar aus einer kulturellen Verwurzelung in bestimmten Gruppen heraus (44). Identitäre Gruppen sind für ihn damit das moderne Gegenstück zu Herders „Völkern“ (46).

Nur vor dem Hintergrund dieser Umorientierung, so Malik, sei es möglich geworden, dass der universalistische Anspruch der Aufklärung plötzlich als „eurozentrisches Projekt“ umdefiniert und diskreditiert werden konnte (47).

In seiner weiteren Argumentation versucht der Autor zu differenzieren zwischen einer auf Existenz basierenden und einer auf Charakter abzielenden Kultur. Beschreibe eine Kultur lediglich das, was Menschen in einer bestimmten kulturellen Praxis tun, dann sei dieser Kulturbegriff auf Existenz ausgerichtet. Löse man sich aber von dieser harmlosen Beschreibung und projiziere in kulturelle Praktiken hinein, wie Menschen sich verhalten sollten, dann werde Kultur zu Charakter und letztlich sei man hier in der Nähe biologistischer Argumentationsmuster – sprich: nicht weit vom Konzept von „Rasse“ entfernt (53 f.).

Ein weiterer Argumentationsstrang zielt auf die vermeintliche Homogenität von Kulturen ab. Weder die Nationen Europas noch heutige Minderheiten dürfe man als homogene Blöcke auffassen. Die Homogenität der europäischen Nationalstaaten etwa sei erst relativ spät geschaffen worden. Zur Zeit der französischen Revolution, so Malik, haben gerade einmal 50 Prozent der Menschen in Frankreich Französisch gesprochen – und noch deutlich weniger „richtiges“ Französisch. Erst der Prozess der „kulturellen Selbstkolonialisierung“ habe mehr Einheitlichkeit hervorgebracht (58). Menschen vor allem über homogen gedachte Gruppen und nicht über das jeweilige Individuum wahrzunehmen, sei kontraproduktiv. Es nützte in der Regel nur denjenigen, die sich als „authentische Stimme“ von irgendetwas darstellen wollen. In der Diskussion um Salman Rushdies „Satanische Verse“ sei diese Dynamik besonders deutlich zum Ausdruck gekommen. Rushdie habe plötzlich in progressiven Kreisen nicht als „richtiger Muslim“ gegolten, Ayatollah Khomeini schon. Leider tragen Medien mit dazu bei, diese Sichtweise auf Minderheiten zu zementieren, wie Malik am Beispiel des Karikaturenstreits nachzuvollziehen versucht.

Klar kritisiert der Autor die in Großbritannien oftmals geübte Praxis, bestimmte Community-Beiräte – etwa von Bangladeshis oder Afrokariben – zu gründen. Nett gemeint, so der Autor – aber wie um alles in der Welt käme man auf die Idee, ein „Bangladeshi Council“ könne die Interessen dieser Minderheit repräsentieren? Als Gedankenexperiment schlägt er vor, dann doch auch ein „White Forum“ mit ähnlichem Ziel zu gründen (84).

Wie konnte es zu dieser Entwicklung kommen? Malik glaubt, dass es eine Entwicklung „von oben“ gewesen ist. Anfangs seien die Forderungen von Einwanderern in Großbritannien etwa identisch gewesen. Die jeweilige Herkunft habe indes beim Verlangen nach besserer Bezahlung oder geeigneteren Wohnmöglichkeiten keine Rolle gespielt. Multikulturelle Politik habe überhaupt erst säuberlich voneinander getrennte „Minderheiten“ geschaffen (85) – und damit auch das Sprengpotenzial zwischen diesen (Asiaten gegen Afrokariben) einerseits und von diesen mit der Mehrheitsgesellschaft andererseits. Die sogenannten „Brixton Krawalle“ von 1981 sieht er als einen Wendepunkt an. Um den zu dieser Zeit als Kritik am Alltagsrassismus entzündeten Revolten wieder Herr zu werden, habe die Politik auf die Etablierung von „Beiräten“ gesetzt, in der Folge habe sich eine Neuinterpretation von Rassismus ergeben. Etwa bis dahin sei Rassismus die Verweigerung gleicher Rechte für alle gewesen. Von da an sei Rassismus die Verweigerung des Rechts geworden, „anders“ zu sein. Im Sinne von: Wir haben keine Repräsentation, unsere Kultur werde dadurch herabgewürdigt und unser „Anders-sein“ nicht anerkannt. Gemündet habe dies in der Schlussfolgerung der „Kommission für die Zukunft eines multi-ethnischen Großbritanniens“ im Jahr 2000: Großbritannien sei eine „Gemeinschaft von Gemeinschaften“ (72-76). Et voilà: So betrachtet man dann ein Land durch das verzerrende Kaleidoskop identitärer Vorstellungen.

Diese selbst und deren Folgen will Malik aufbrechen. Entschieden wendet sich der Autor etwa gegen überzogene Sprachvorsicht und gar Kritikverbote. Für plurale Gesellschaften sei es sogar sehr wichtig, die Empfindlichkeiten der anderen Seite beizeiten zu verletzen. Nur indem man Kränkungen in Kauf nehme, könne man tief verwurzelte Überzeugungen aufbrechen und sozialen Fortschritt erreichen (99).

Maliks Essay ist kurz und absolut lesenswert. Gerade auch der vergleichende Blick zwischen Großbritannien und Deutschland lohnt sich sehr. Vollkommen unnötig sind nur die vier (!) Vorworte, die der Publikation vorangestellt wurden; nur eines davon ist vom Autor selbst. Vermutlich sorgte sich der Verlag, die Publikation könne insgesamt zu „dünn“ wirken – mitnichten, darf man feststellen. Qualität ist nicht unbedingt eine Frage von Quantität. Es stören eher die Vorworte, die inhaltlich nichts zu der Publikation beitragen.

 

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Externe Veröffentlichungen

Matthias Hart, Jana Faus / 2020
Auf der Suche nach dem verlorenen Dialog: Erkenntnisse einer qualitativen Studie über die fragmentierte Gesellschaft in Deutschland

Friedrich-Ebert-Stiftung

 

Martin Sabrow  / August 2017

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