Schöne neue Arbeitswelt? Über die Effekte der Digitalisierung und die Kritik an der Gig Economy
17.05.2018T.R.U.D.E. – Tief Runter Unter Die Elbe (Ausschnitt). Das Schneidrad der Schildvortriebsmaschine, die zwischen 1997 und 2000 für die Erweiterung des neuen Elbtunnels in Hamburg eingesetzt wurde und damals die größte Tunnelbohrmaschine der Welt war, steht heute als Denkmal vor dem Museum der Arbeit, dem Tagungsort der Konferenz (Foto: Natalie Wohlleben).
Kommt es durch die Digitalisierung zur Befreiung in der Arbeit? Wie verändert sich die Arbeit durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI), wird sie humaner? Wie wirkt sich die neue Datenökonomie auf die wirtschaftlichen Machtverhältnisse aus und wie lassen sich die Arbeit auf digitalen Plattformen und eine sozialstaatliche Absicherung des Arbeitenden vereinbaren? Mit diesen Fragen eröffnete Carsten Brosda, Senator der Behörde für Kultur und Medien in Hamburg, die Konferenz „Schafft der Mensch den Menschen ab? Die Zukunft der Arbeit im digitalen Zeitalter“. Sie wurde im April 2018 vom Bucerius#Lab der Zeit-Stiftung im Hamburger Museum für Arbeit veranstaltet. Bei allen offenen Fragen sah Brosda nach aktuellem Stand eines als sicher an: Es werde kein Ende der Arbeit, wie 1995 von Jeremy Rifkin prophezeit, geben. Bislang habe sie eher zugenommen.
Worum geht es konkret?
Alle Aussagen darüber, wie sich die Arbeit unter den Vorzeichen der Digitalisierung tatsächlich verändern wird, sind vor allem Wahrscheinlichkeitsaussagen, sagte in seinem Vortrag Ulrich Walwei, Vizedirektor am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sowie Honorarprofessor für Arbeitsmarktforschung am Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie der Universität Regensburg. Er benannte zunächst, worum es bei der Digitalisierung konkret geht:
- „Weitgehende ‚Vernetzung’ des Wirtschaftsgeschehens durch Mikroprozessoren und Sensorik“
- „Interaktion und Konnektivität erreichen völlig neue Dimensionen“
- „Veränderungen betreffen nicht nur die Produktion (Industrie 4.0), sondern alle Branchen (Wirtschaft 4.0) und auch den Arbeitsmarkt (Arbeiten 4.0)“
- Entwicklungsfelder mit hohem Potenzial: Mobile Robotics, Machine Learning, Artificial Intelligence“
- „Nutzbarmachung künstlicher Intelligenz macht auch vor Hochqualifizierten nicht Halt (zum Beispiel Ärzte, Juristen etc.)“
Ob und inwieweit sich die neuen Technologien tatsächlich ausbreiten, hängt nach Aussage von Walwei von verschiedenen Faktoren ab – so von den wirtschaftlichen Möglichkeiten und Grenzen, dem rechtlichen Rahmen, unterschiedlichen Kontexten (Regionen, Branchen, Betriebe) sowie der gesellschaftlichen Akzeptanz. Für Deutschland werde angenommen, dass für 42 Prozent aller Berufe ein Automatisierungsrisiko von 70 Prozent und mehr bestehe (Stand: 2015). Allerdings laufe der technische Fortschritt asymmetrisch ab, einige Berufe hätten sich bereits so verändert, dass ihr Potenzial für eine weitere Automatisierung gesunken sei. Insgesamt sei es nicht wahrscheinlich, stimmte Walwei Brosda zu, dass die Digitalisierung zum Ende der Arbeit führen werde. Es sei aber von einer tiefgreifenden Umstrukturierung auszugehen: Nach Prognosen des IAB wird den Arbeitsplätzen, die bis 2035 verloren gehen, ungefähr eine gleiche Anzahl an neu geschaffenen Jobs gegenüberstehen.
Die Arbeitsmarkteffekte des technischen Fortschritts brachte Walwei wie folgt auf den Punkt:
- „Technischer Fortschritt erhöht die Arbeitsproduktivität und gilt als Treiber des Wirtschaftswachstums“
- „Rationalisierungspotenzialen stehen betriebliche Investitionen und Produktinnovationen gegenüber“
- „Produktivitätswachstum sorgt für Einkommenserhöhungen und Preissenkungen“
- „Asymmetrische Effekte in verschiedenen Regionen, Sektoren, Berufen und Qualifikationen sind wahrscheinlich“
Auch wenn also nicht damit zu rechnen ist, dass insgesamt fast die Hälfte aller Arbeitsplätze wegfallen wird, wie die Studie „The Future of Employment: How susceptible are jobs to computerisation?“ von Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne (2013) nahelegt, gibt Walwei dennoch keine Entwarnung: Der Wandel des Arbeitsmarktes werde nicht einfach so gelingen, die „Bildungssysteme müssen unbedingt [darauf] vorbereitet werden“. Das „lebenslange Lernen“ sei ein zentrales Stichwort – „der Fortschritt findet in den Betrieben statt“.
In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde insbesondere ein Ausgangspunkt der erwartbaren Entwicklung problematisiert: Die neue Arbeitswelt wird gegenwärtig von Informatikern beziehungsweise Technikern strukturiert, nicht von Fachleuten, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Welche Interessen also werden durchgesetzt? In welchen Bereichen – Stichwort: Pflegeroboter – sollen Maschinen im Auftrag von Menschen handeln? Werden zudem Arbeitsprozesse durch die Digitalisierung effektiver gestaltet bis hin zu der Aufforderung an den Arbeitenden, flexibel nach den Erfordernissen des Produktionsprozesses zu erscheinen, wird sich die Frage stellen, auf welche Bedürfnisse des Einzelnen dann noch Rücksicht genommen wird. Formuliert wurde außerdem die These, dass sich die Gesellschaft im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung neu strukturieren wird: Eine große Unterschicht wird so billig arbeiten, dass sich die Automatisierung ihrer Arbeit nicht rechnet, die Mittelschicht wird schwinden und eine „New Upper Class“ aus Programmierern und anderen Fachleuten entstehen.
Die neuen Tagelöhner: Arbeiten in der Gig Economy
Die Digitalisierung der Arbeitswelt findet nicht nur statt, indem in Unternehmen die verschiedenen Bereiche von Verwaltung und Produktion vernetzt und automatisiert werden. Es tritt auch ein neues Phänomen auf: die Gig Economy. Nach Ansicht von Jeremias Prassl, Associate Professor of Law, University of Oxford, wird damit allerdings zunächst ein altes Geschäftsmodell reaktiviert: das des Tageslöhners im Hafen. Nur stehen sich jetzt nicht mehr Arbeitgeber und Arbeitnehmer von Angesicht zu Angesicht gegenüber, sondern Internet-Plattformen vermitteln analoge wie digitale Aufträge, sei es als Essenslieferant oder als Übersetzer. Das Neue besteht vor allem darin, dass diese Aufträge, so sie keine Anwesenheit an einem bestimmten Ort verlangen, global vergeben werden.
Für diese Zukunft der Arbeit existieren zwei Narrative, so Prassl, das der Innovation, wonach Menschen, die strukturell lange vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen waren, eine neue Chance erhalten, sowie das der Kontrolle: Der Algorithmus ist jetzt der Boss, der den prekär Beschäftigten eng kontrolliert. Die Wahrheit liege in beiden Narrativen, lautete seine Einschätzung, ein wichtiger Lösungsansatz sei das Arbeitsrecht – das aber in vielen OECD-Ländern noch zu traditionell gestaltet sei.
Abbildung 1: Mark Graham stellte beispielhaft Zahlen derjenigen vor, die über Plattformen Arbeit suchen und selten finden.Während es plausibel scheint, Prassls Argument zu folgen, dass aus der Perspektive des nationalen, geregelten Arbeitsmarktes die Gig Economy nichts grundsätzlich Neues ist, stellt sich die Problematik in ihren globalen Dimensionen gänzlich anders dar. Aufschlussreich war der Vortrag von Mark Graham, Professor für Internet-Geografie am Oxford Internet Institute, der Daten der Gig Economy in zweierlei Hinsicht ausgewertet hat: Zum einen hat er festgestellt, dass allen voran die USA über die Plattformen Arbeit aus Asien importieren – die Auftraggeber befinden sich so gesehen im globalen Norden, die Auftragnehmer im globalen Süden. Für Europa sind die Zahlen ausgeglichen. Zum anderen sucht die große Mehrheit der dort angemeldeten Menschen auf diesen Plattformen – insgesamt seien sieben Millionen Menschen registriert – vergeblich nach Arbeit (siehe Abbildung 1).
Graham stellte heraus, dass mit der Gig Economy die Arbeit in einen weniger regulierten Raum verlagert wird. Auftraggeber missachteten die Gesetze und dabei insbesondere sogar den Mindestlohn, der in dem Land gelte, in dem der Auftragnehmer lebe und arbeite (siehe Abbildung 2). Es sei daher unverlässlich, dass globale Mindeststandards eingeführt würden und dabei wenigstens der Mindestlohn durchgesetzt werde. Graham stellte das im Januar 2018 Abbildung 2: Mit einem Zitat eines Geschäftsführers einer Plattform zur Arbeitsvermittlung wurde deutlich, dass die Betreiber die Entstehung eines digitalen Lumpenproletariats in Kauf nehmen. gestartete Projekt „Fairwork Foundation“ vor, mit dem er und andere Wissenschaftler die in der Gig Economy Beschäftigen darin unterstützen wollen, ihre Rechte auszuhandeln und umzusetzen. Erste Gespräche seien bereits mit der Internationalen Arbeitsorganisation (International Labour Organization, ILO) geführt worden.
Der Hype ist vorbei
In seinen Diskussionsbeiträgen drehte Steven Hill, derzeit Journalist-in-Residence am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, die Perspektive zurück auf Europa. Welche eigenen Vorstellungen von der digitalen Welt sollten hier entwickelt werden? Zunächst hätten zu naive Vorstellungen vorgeherrscht, der Hype um Uber und Airbnb aber habe sich nicht erfüllt. Deutlich sei geworden, dass das Silicon Valley – „overpromising and underdelivering“ – mit seiner Ideologie kein Vorbild sein könne. Und erste eigene Schritte seien denn auch schon getan: Das Beharren der EU darauf, dass Google in Europa seine Steuern zahlt, das „Facebook-Gesetz“ in Deutschland, der Erfolg Frankreichs vor dem Europäische Gerichtshof (EuGH), sodass nach dem Urteil vom 10. April 2018 Uber als Verkehrsdienstleistung eingestuft und damit regulieren darf. Dagegen sei das Berliner Gesetz zur Regulierung der Vermietung über Airbnb de facto gescheitert, weil das Unternehmen seine Daten, mit denen die Einhaltung des Gesetzes kontrolliert werden könnten, nicht freigegeben habe. Airbnb habe damit auch die Gesetze ausgehebelt, die ansonsten für jeden Hotelbetrieb gelten.
Die Schlussfolgerungen aus den Beiträgen und Wortmeldungen sind eindeutig zu ziehen: Der tiefgreifende Strukturwandel hin zu einer digitalen Arbeitswelt kann nur gelingen, wenn die Menschen für die neuen Herausforderungen ausgebildet werden; die Zeit des „wilden Westens“ für Share und Gig Economy muss vorübergehen und die rechtsfreien Räume müssen geschlossen werden, um gravierende soziale Ungerechtigkeiten nicht entstehen zu lassen beziehungsweise zu beenden – Arbeitsrecht und Mindestlohn sollten ungeachtet der Tätigkeit gelten, so die einhellige Meinung, ob sie analog oder digital ausgeführt werde, für einen lokalen oder global agierenden Arbeitgeber.