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Analyse

Für Mieter sollten effektive gesetzliche Schutzmaßnahmen im Rahmen einer energetischen Gebäudesanierung eingeführt werden, wie etwa bei der Wärmedämmung von Mehrfamilienhäusern. Foto: Wikimedia-Commons.Für Mieter sollten effektive gesetzliche Schutzmaßnahmen im Rahmen einer energetischen Gebäudesanierung eingeführt werden, wie etwa bei der Wärmedämmung von Mehrfamilienhäusern. Foto: Wikimedia-Commons https://commons.wikimedia.org/w/index.php?search=w%C3%A4rmed%C3%A4mmung&title=Special%3ASearch&profile=advanced&fulltext=1&advancedSearch-current=%7B%22namespaces%22%3A%5B6%2C12%2C14%2C100%2C106%2C0%5D%7D&ns6=1&ns12=1&ns14=1&ns100=1&ns106=1&ns0=1#/media/File:W%C3%A4rmed%C3%A4mmung.jpg

Die politische Umsetzung der Energiewende
Soziales Nachhaltigkeitsbarometer des IASS gibt Hinweise

Die Energiewende ist unbestreitbar das größte Reformvorhaben Deutschlands. Es zielt auf die grundlegende und zügige Umstellung der Energieversorgung von fossilen und nuklearen hin zu erneuerbaren Energien, bei gleichzeitiger deutlicher Erhöhung der Energieeffizienz und des Energiesparens. Die damit verbundene Gestaltungsaufgabe ist keineswegs allein eine technologische Herausforderung, sondern betrifft die gesamte Gesellschaft. Denn ohne eine breite Akzeptanz, Mitwirkung und aktive Unterstützung der Bevölkerung kann die Energiewende nicht gelingen. Und der Umbau der Energieversorgung erfordert quer durch diverse Politikfelder politische Entscheidungen, die in zentralen Lebensbereichen wie Mobilität, Wohnen und Konsum erhebliche Auswirkungen auf die Handlungsmöglichkeiten, Ressourcen und Zukunftsaussichten der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen haben können.

Es ist für das Gelingen der Energiewende also entscheidend, wie beim Ringen um die richtigen Lösungen mit sozialen Zielen wie Gerechtigkeit, Beteiligung und Sozialverträglichkeit umgegangen wird. Soziale Nachhaltigkeit formuliert dafür ein positives Leitbild, bei dem es nicht allein um „Akzeptanzbeschaffung“ geht. Vielmehr werden die weitere Gestaltung und Umsetzung der Energiewende als gesamtgesellschaftliches Gemeinschaftswerk verstanden, bei dem sich alle Teile der Gesellschaft in gleichem Maße angesprochen fühlen und sich aktiv einbringen können. Es geht um Teilhabe an, nicht um Duldung von Transformationsprozessen.

Doch wie kann der nötige Umbau sozial nachhaltig gestaltet werden und wo stehen wir in Deutschland derzeit? Dieser Frage geht das Soziale Nachhaltigkeitsbarometer der Energiewende 20171 systematisch nach, das federführend vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) im Rahmen der Partnerschaft dynamis2 und des vom Bundesforschungsministerium geförderten Kopernikus-Projekts Energiewende-Navigationssystem (ENavi)3 erstellt wurde. Mit dem Sozialen Nachhaltigkeitsbarometer legt das IASS ein umfassendes Monitoringinstrument mit einer soliden, empirisch tragfähigen Datenbasis zu den sozialen Dimensionen der Energiewende vor. Es erfasst jährlich die Einstellungen, Gerechtigkeitsempfindungen, Erfahrungen und Erwartungen verschiedener Bevölkerungsgruppen in Deutschland im Hinblick auf die Energiewende und benennt gesellschaftliche Herausforderungen und politische Handlungsbedarfe. Damit wird eine wichtige Wissensgrundlage für die weitere Gestaltung der Energiewende geschaffen.

Dieser Beitrag stellt ausgewählte Ergebnisse des ersten Sozialen Nachhaltigkeitsbarometers der Energiewende 2017 vor. Im Vordergrund stehen dabei die folgenden Bereiche:

  • die grundsätzliche Bewertung der Energiewende und ihrer Umsetzung,
  • die Bewertung der Bundesregierung und der politischen Parteien
  • sowie die Präferenzen zur Gestaltung der Energiewende.

Breiter Konsens für die Energiewende

Bei der grundsätzlichen politischen Zustimmung zur Energiewende zeigt sich eine nahezu überwältigende Einigkeit unter der Bevölkerung: Quer durch alle Bildungs-, Einkommens- und Altersgruppen, gleichermaßen auf dem Land wie in den Städten befürworten 88 Prozent4 der Bürger*innen die Energiewende. Diese große Mehrheit zieht sich auch quer durch alle politischen Lager: Über 87 Prozent der Anhänger*innen5 von CDU/CSU, SPD, FDP, Linke und Bündnis 90/Die Grünen und immerhin 59 Prozent der AfD-Anhänger*innen stehen der Energiewende positiv gegenüber. Für drei Viertel (75 Prozent) der Bevölkerung ist sie darüber hinaus eine Gemeinschaftsaufgabe, bei der jede*r in der Gesellschaft – sie selbst eingeschlossen – einen Beitrag leisten sollte. Nur eine kleine Minderheit von drei Prozent lehnt die Energiewende ab (Abbildung 1). Viel Rückhalt erhält auch die Bürgerenergie: 86 Prozent begrüßen, dass sich die Bürger*innen als Energieerzeuger beteiligen können.

Abbildung 1: Breite Mehrheit sieht Energiewende als Gemeinschaftsaufgabe

 36 Setton Abb 1

 

Quelle: IASS/dynamis 2017 (n=7.313)



Skepsis bei der Umsetzung der Energiewende

Als weniger überzeugend beurteilt die Bevölkerung jedoch die politische Umsetzung der Energiewende in Deutschland. Zwar bewertet ein Großteil (41 Prozent) diese unterm Strich eher als „gut“. Doch je konkreter es wird, desto skeptischer ist auch die Haltung. Jeder Zweite (47 Prozent) hält die Energiewende quer durch alle Einkommensgruppen für eher ungerecht, nur jeder Fünfte (22 Prozent) für eher gerecht. Die Hälfte (52 Prozent) findet sie zudem „chaotisch“, bürgernah ist die Energiewende nur für jeden Fünften. Besonders skeptisch ist die Einschätzung beim Thema Kosten und zwar mehrheitlich über alle Einkommensgruppen hinweg. Zwei Drittel halten die Energiewende für eher teuer, 73 Prozent sind der Meinung: Die Energiewende führt zu erhöhten Strompreisen. Dass die Energieversorgung durch den Umstieg auf erneuerbare Energien langfristig kostengünstiger wird, erwarten 42 Prozent nicht. Weit über die Hälfte der Menschen (67 Prozent) sieht zudem eine verteilungspolitische Schieflage bei der Umsetzung der Energiewende, bei der die Lasten vor allem von den „kleinen Leuten“ getragen werden, während Wohlhabende und Unternehmen eher profitieren. Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen werden aber insgesamt positiver beurteilt. Fast jeder Zweite (44 Prozent) hält die Energiewende für einen Jobmotor. 60 Prozent lehnen die Aussage ab, dass sie der Wirtschaft schadet.


Mehr politische Beteiligung beim Windausbau an Land

Auch beim Thema Windenergie an Land zeigt sich eine deutliche Skepsis in Teilen der Bevölkerung. Im Vergleich zu allen anderen erneuerbaren Technologien erhält der Ausbau der Windenergieanlagen an Land die geringste Zustimmung (44 Prozent) und die höchste Ablehnung (24 Prozent). Sogar 22 Prozent der Energiewendebefürworter*innen sprechen sich dagegen aus. Darin drücken sich Zweifel an der Notwendigkeit und Passgenauigkeit der Windenergie im Rahmen der Energiewende aus. Solaranlagen werden dagegen wesentlich positiver beurteilt. Gewünscht wird zudem eine starke politische Mitsprache der betroffenen Bürger*innen. Rund vier von fünf Deutschen befürworten eine frühzeitige Beteiligung der Bürger*innen am Planungsprozess für neue Windanalagen in ihrer Umgebung (Abbildung 2). Mehr als die Hälfte will sogar, dass sie bei der Entscheidung über den Bau von Windanlagen das letzte Wort haben, etwa über einen Bürgerentscheid (Abbildung 3). Die Zustimmung dazu ist bei denjenigen mit Windrädern direkt vor dem Wohnhaus nur leicht erhöht (60 Prozent). Das heißt: Die Forderung nach mehr Bürgerbeteiligung steht auch bei denen hoch im Kurs, die nicht direkt betroffen sind.

Abbildung 2: Wunsch nach früher Bürgerbeteiligung bei der Planung von Windenergieanlagen an Land

36 Setton Abb 2

Frage: Halten Sie es für wichtig, dass sich Bürgerinnen und Bürger frühzeitig am Planungsprozess für Windanlagen in ihrer Umgebung beteiligen können oder halten Sie es für nicht wichtig?
Quelle: IASS/dynamis 2017 (n = 7.329)

 

Abbildung 3: Mehrheit sagt: Bürger sollen beim Bau von Windanlagen letztes Wort haben, zum Beispiel über einen Bürgerentscheid

 36 Setton Abb 3

Frage: Sollten die betroffenen Bürgerinnen und Bürger das letzte Wort beim Bau von Windanlagen haben, zum Beispiel über einen Bürgerentscheid?
Quelle: IASS/dynamis 2017 (n=7.328)

„Wer viel verbraucht, soll auch mehr zahlen!“

Die Bevölkerung hat zu Kernfragen der weiteren Gestaltung der Energiewende mehrheitlich erstaunlich konsistente Präferenzen, die allerdings zum Teil erheblich von der bisherigen Politik der Bundesregierung abweichen. Besonders deutlich wird das beim Thema der Finanzierung und Kostenverteilung. Denn eine große Mehrheit (über 80 Prozent) lehnt die derzeitige Finanzierung grundsätzlich ab, bei der die Verbraucher*innen pauschal über Umlagen und Entgelte auf den Strompreis einen Großteil der Energiewendekosten finanzieren. Eine stärkere staatliche Finanzierung der Energiewende, etwa aus Steuermitteln, bevorzugt jedoch nur jeder Fünfte. Vielmehr präferiert eine deutliche Mehrheit (60 Prozent), dass vor allem Haushalte und Unternehmen, die für hohe klimaschädliche Emissionen verantwortlich sind, für diese Kosten aufkommen sollen (Abbildung 4).

Darüber hinaus würde fast die Hälfte der Bevölkerung (48 Prozent) der Bundesregierung empfehlen, für eine gerechte Kostenverteilung im Rahmen der Energiewende auf eine veränderte Preisgestaltung zu setzen: Je mehr jemand verbraucht, desto teurer sollte also jede zusätzlich verbrauchte Energieeinheit sein (Abbildung 5). Damit rücken Instrumente in den Fokus, die bisher in der Diskussion um die Reform des Abgaben- und Umlagesystems der Energiewende kaum Berücksichtigung finden: progressive Komponenten in der Strom- und Heizungsabrechnung oder die Einführung einer progressiven Kohlendioxid-Steuer, die in allen Sektoren auf den Endverbrauch erhoben wird.

Abbildung 4: Auffassung der Bevölkerung zu einer gerechten Verteilung der Energiewendekosten
Quelle: IASS/dynamis 2017 (n=7.323)

 36 Setton Abb 4

 

Frage: Wenn Sie der Bundesregierung einen Ratschlag geben könnten, wie sie eine gerechte Verteilung der Kosten der Energiewende gestalten soll, welcher der genannten Punkte wäre Ihnen dann am wichtigsten?

 

Abbildung 5: Auffassung der Bevölkerung darüber, wer am ehesten für die Energiewendekosten aufkommen sollte
Quelle: IASS/dynamis 2017 (n=7.350)

36 Setton Abb 5 

Frage: Sie zahlen als Verbraucher oder Verbraucherin über den Strompreis zunehmend eine Reihe von Entgelten, Abgaben und Umlagen, zum Beispiel für den Ausbau der erneuerbaren Energien, die Stromnetze und die Versorgungssicherheit. Wer sollte Ihrer Meinung nach für den Großteil der mit der Energiewende verbundenen Kosten aufkommen?

 

Die Mehrheit lehnt EEG-Ausnahmeregelungen für die Industrie ab.

Ebenso wird die Bevorzugung der energieintensiven Industrie bei der Zahlung der EEG-Umlage von einer großen Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland (72 Prozent) abgelehnt. Es verstößt gegen das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen, dass Großabnehmer von Strom deutlich weniger für die Kilowattstunde bezahlen müssen als Verbraucher mit geringerem Verbrauch. Die Begründung der Bundesregierung, dies sei aus Wettbewerbsgründen notwendig, ist für die Mehrheit der Befragten nicht überzeugend. Auch wenn man dieses Argument explizit aufführt, bleibt es bei einer Ablehnung von zwei Dritteln (66 Prozent).

 

Der Staat hat Verantwortung für eine sozial gerechte Energiewende

Eine breite Mehrheit sieht auch den Staat in der Verantwortung, mehr für den sozialen Ausgleich im Rahmen der Energiewende zu tun. Rund 84 Prozent der Bevölkerung sind der Meinung, dass der Staat eine ausreichende Energieversorgung für alle Menschen in Deutschland sicherstellen sollte. Wie dies umgesetzt werden sollte, wird jedoch unterschiedlich gesehen. Mehr als die Hälfte befürwortet eine Lösung, bei der der Staat für niedrige Energiepreise sorgt, damit auch ärmere Haushalte ihren Strom- und Wärmebedarf selbst zahlen können (siehe Abbildung 6). Etwa ein Viertel präferiert eine bedarfsorientierte finanzielle Unterstützung. Auch spricht sich eine breite Mehrheit (88 Prozent) dafür aus, dass die im Rahmen einer energetischen Gebäudesanierung zulässige Mieterhöhung auf das für die Mieter*innen ökonomisch tragfähige Maß begrenzt wird. Dies sehen auch drei Viertel aller Vermieter*innen so.

Abbildung 6: Breite Mehrheit für sozialen Ausgleich bei der Energieversorgung

 36 Setton Abb 6

 Frage: Welche Rolle sollte der Staat Ihrer Meinung nach bei der Sicherstellung der Energieversorgung für alle Menschen in Deutschland haben?
Quelle: IASS/dynamis 2017 (n = 7.366)

Schlechte Noten für die Bundesregierung und die politischen Parteien

Angesichts der verbreitet skeptischen Sicht auf die Umsetzung der Energiewende verwundert es nicht, dass auch die Arbeit der Bundesregierung in diesem Themenbereich kritisch gesehen wird. Im Hinblick auf die Umsetzung der Energiewende ist fast die Hälfte der Bevölkerung (49 Prozent) mit der Politik der vorherigen Großen Koalition (2013 bis 2017) unzufrieden. Zudem macht die Parteienverdrossenheit auch vor der Energiewende nicht halt: Keine der im Bundestag vertretenen politischen Parteien kann eine Mehrheit der Bevölkerung bei der Energiewende überzeugen: 23 Prozent der Befragten finden, dass „keine Partei“ die besten Konzepte für die Umsetzung der Energiewende hat. 21 Prozent haben dazu keine Meinung. Jeder Fünfte findet, dass Bündnis 90/Die Grünen die besten Konzepte hat. Dies ist für eine Partei, die die Ökologiefrage als ihren Markenkern definiert, kein gutes Ergebnis. Allerdings ist Bündnis 90/Die Grünen die einzige Partei, die eine große Mehrheit ihrer eigenen Anhänger*innen (74 Prozent) von ihrer Energiewende-Kompetenz überzeugen kann. Die CDU/CSU erreichen dies immerhin bei der Hälfte ihrer Anhänger*innen, die FDP bei einem Drittel und die SPD bei jedem Vierten.

Bündnis 90/Die Grünen haben auch die Nase vorn, wenn es darum geht, Anhänger mehrerer anderer Parteien von ihrer Energiewende-Kompetenz zu überzeugen. So weisen 29 Prozent der SPD-Anhänger*innen, 22 Prozent der Linken-Anhänger*innen und 8 Prozent der FDP-Anhänger*innen den Grünen die höchste Kompetenz in Fragen der Energiewende zu. Besonders drastisch: Ein leicht höherer Anteil der SPD-Anhänger*innen hält die eigene Partei für weniger kompetent als die grüne Konkurrenz. In anderen Politikbereichen ist das wahrgenommene Kompetenzdefizit deutlich geringer ausgeprägt, etwa wenn es um wirtschaftliche Kompetenz, Schaffung von Arbeitsplätzen oder um soziale Gerechtigkeit geht.

Abbildung 7: Zufriedenheit mit der Energiewende-Politik der Bundesregierung

 36 Setton Abb 7

 

Frage: Wenn Sie daran denken, wie die Energiewende vorankommt und umgesetzt wird, wie zufrieden sind Sie diesbezüglich mit der Politik der Bundesregierung?
(n=7.321)

Abbildung 8: Magere Kompetenzwerte für alle Parteien

36 Setton Abb 8

Frage: Welche Partei hat Ihrer Meinung nach die besten Konzepte zur Umsetzung der Energiewende?
(n=7.321), 7 Prozent aller Befragten machten bei dieser Frage keine Angabe

 

Abbildung 9: Welche Partei kann Ihre Anhänger am ehesten von ihrer Energiewende-Kompetenz überzeugen?

36 Setton Abb 9

 

(n=4.307), Haushalte mit Angaben zur Parteipräferenz

 

Zurückhaltung bei Bürgerenergie und Smart Heat

Die prinzipielle Bereitschaft, stärker durch eigene Investitionen an der Energiewende mitzuwirken, läuft quer durch alle Bevölkerungsschichten. Doch bisher konzentriert sich die Mitwirkung an der Energiewende weitgehend auf den Kauf energiesparender Haushaltsgeräte und allgemeine Verhaltensvorsätze, zum Beispiel mit Energie sparsam umzugehen. So geben 93 Prozent der Bevölkerung an, beim Kauf neuer Haushaltsgeräte auf Energieeffizienz zu achten, 87 Prozent der Bevölkerung ist es wichtig, im Alltag Energie zu sparen. Immerhin sagen 35 Prozent, dass sie grünen Strom von ihrem Versorgungsunternehmen oder von einem Ökostromanbieter beziehen. Investitionen, die zusätzliches Engagement und Wissen erfordern, stoßen dagegen auf stärkere Zurückhaltung.

So haben nach eigenen Angaben nur zehn Prozent der Bevölkerung alleine oder gemeinschaftlich in eine eigene Erneuerbare Anlage6 investiert. 61 Prozent können sich das in den nächsten zwei Jahren nicht vorstellen zu tun (41 Prozent eher nicht, 20 Prozent auf keinen Fall), dies trifft auch auf 53 Prozent der Hausbesitzer*innen (Eigenheim) zu. In eine intelligente Heizungssteuerung haben nach eigenen Angaben bereits acht Prozent der Bevölkerung investiert, das sind elf Prozent aller Eigenheimbesitzer*innen und drei Prozent aller Mieter*innen in Deutschland. Über die Hälfte der Bevölkerung (56 Prozent) kann sich jedoch nicht vorstellen, in den nächsten zwölf Monaten in eine intelligente Heizungssteuerung zu investieren. Diese Zurückhaltung liegt unter anderem in einer unübersichtlichen Marktsituation. Zum Teil gibt es Informationsdefizite. Aber es herrscht auch große Verunsicherung darüber, was sich für den eigenen Haushalt rechnet, welche Anlagen geeignet sind und wie man sich gegen Daten-Missbrauch bei digitaler Technik schützen kann.

Potenziale für eine stärkere Beteiligung gibt es auch bei einkommensschwächeren Haushalten. So können sich 16 Prozent aller Mieter*innen und 23 Prozent aller Eigenheimbesitzer*innen in Deutschland sowie 18 Prozent der einkommensschwächeren Haushalte und 21 Prozent aller anderen Einkommensgruppen vorstellen, in den nächsten zwei Jahren in eine eigene Erneuerbare-Energie-Anlage zu investieren. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Bereitschaft, eine intelligente Heizungssteuerung im Haushalt einzubauen.

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse des Barometers zeigen deutlich, dass die Politik angesichts der in der Bevölkerung fest verankerten positiven Sicht auf die Energiewende weiterhin mit einer breiten und robusten Unterstützung für deren zielgerechte Ausgestaltung rechnen kann. Sollte die Unzufriedenheit mit der Umsetzung jedoch andauern oder gar zunehmen, ist eine Trendumkehr mittelfristig nicht auszuschließen.

Die von der Bevölkerung mehrheitlich wahrgenommenen Schwachstellen bei der Umsetzung sollten politisch angegangen werden, dringlich scheint hier insbesondere eine gerechtere Kostenverteilung zu sein. Politik und Unternehmen sollten daher den Einbau von progressiven Komponenten in die Strom- und Heizungsabrechnung oder die Einführung einer progressiven CO2-Steuer prüfen, die in allen Sektoren auf den Endverbrauch erhoben wird. Eine Alternative dazu ist ein von allen Umlagen befreiter Grundverbrauch pro Person auf den Strompreis.

Auch bei den EEG-Industrieausnahmen ist die Politik gefragt, sie könnte diese grundlegend überdenken. In jedem Fall sollte sie sich aber um deutlich mehr Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft bei deren Gestaltung bemühen.

Zudem ist die Bundesregierung gut beraten, den sozialen Ausgleich im Rahmen der Energiewende stärker zu befördern, damit auch ärmere Haushalte einen ausreichenden Zugang zu Energiedienstleistungen erhalten. Ebenso sollten effektive gesetzliche Schutzmaßnahmen für Mieter im Rahmen einer energetischen Gebäudesanierung eingeführt werden.

Auch beim Thema Windausbau an Land besteht die Notwendigkeit, politisch zu handeln: Von oben verordnete Windkraft wird zunehmend auf Ablehnung stoßen. Vor dem Hintergrund der aktuellen planungsrechtlichen Situation ist die gewünschte stärkere politische Mitsprache allerdings nach jetziger Rechtslage nur begrenzt möglich. Hier sollte über gesetzliche Änderungen nachgedacht werden, damit eine frühzeitige und substanzielle Beteiligung beim Windkraftausbau ermöglicht wird.

Die Ergebnisse zur Mitwirkung der Bevölkerung machen zudem deutlich, dass die Energiewende alles andere als ein Selbstläufer ist. Die Chancen und Optionen, die Gesellschaft schichtübergreifend für die Energiewende zu aktivieren und auch zu befähigen, müssen besser herausgestellt, kommunikativ vermittelt und auch finanziell gefördert werden. Es geht dabei um ökonomische und motivationale Anreize, mehr Informationen und Transparenz zum Beispiel bei Strom- und Heizkostenrechnungen, aber auch um flächendeckende Bildungsangebote wie beispielsweise in Schulen, um junge Menschen zu erreichen. Für alle Einkommensgruppen und für Mieter*innen ebenso wie Eigenheimbesitzer*innen sollten zielgruppenspezifische Produkte für Investitionen entwickeln werden, und, wo es sinnvoll erscheint, auch finanzielle Unterstützung gewährt werden. Indirekt lässt sich aus den Ergebnissen auch herauslesen, dass die bisherige Energieberatung noch zu wenig greift. Diese müsste stärker präsent sein und die Investitionsbereitschaft mit konkreten Hinweisen über weitere Handlungsoptionen effektiver unterstützen. Hierfür könnten Wirtschaft, Umwelt- und Verbraucherverbände sowie staatliche Stellen ein gemeinsames Programm zur besseren Beratung für alle Käuferschichten entwickeln.

Die Ergebnisse des Barometers sind nicht zuletzt ein Weckruf für die verantwortlichen politischen Entscheidungsträger*innen. Die Bundesregierung und die Oppositionsparteien müssen mehr tun, um die Anliegen der Betroffenen zu berücksichtigen und überzeugende Konzepte für die Gestaltung der Energiewende zu erarbeiten. Im Zentrum sollte dabei unter anderem eine gerechte Verteilung der Kosten und Nutzen stehen, weil die Menschen in Deutschland hier besonders große Defizite sehen. Aber auch eine stärkere politische Mitsprache der Bürgerinnen und Bürger beim Windausbau an Land ist dringend geboten. Insgesamt ist für die Gestaltung einer sozial nachhaltigen Energiewende ein Politikstil gefragt, der einen konsistenten, unterstützenden Handlungsrahmen für mehr individuelles Handeln und politische Mitgestaltung schafft sowie gleichzeitig nachvollziehbar und überzeugend eine kollektive Weichenstellung für eine gerechtere Verteilung der Lasten vornimmt.


Anmerkungen


1 Daniela Setton / Ira Matuschke / Ortwin Renn:
Soziales Nachhaltigkeitsbarometer der Energiewende 2017: Kernaussagen und Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse, Potsdam: Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS), 2017.
online: http://www.iass-potsdam.de/de/ergebnisse/publikationen/2017/soziales-nachhaltigkeitsbarometer-der-energiewende-2017-kernaussagen

2 Der von der innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft, der 100 prozent erneuerbar stiftung und dem IASS getragene Think-Do-Rethink-Tank dynamis wurde im Dezember 2016 gegründet. Für weitere Informationen siehe www.dynamis-online.de.

3 Das Energiewende-Navigationssystem, kurz ENavi, ist eins der vier vom Bundesforschungsministerium geförderten Kopernikus-Projekte zur Erforschung der Energiewende. Für weitere Informationen siehe www.kopernikus-projekte.de.

4 Die hier präsentierten Ergebnisse beruhen auf einer internetbasierten, bevölkerungs-repräsentativen Haushaltsbefragung, die im Rahmen des forsa.omninet-Haushaltspanels und in Kooperation mit dem RWI-Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung durchgeführt wurde. Befragt wurden über 7.500 Haushalte in Deutschland. Weitere Daten und methodische Angaben unter anderem zur Einkommensklassifizierung finden sich in Setton et al. 2017.

5 Als Anhänger werden hier jene Haushalte (n=4.307) bezeichnet, die eine Parteienpräferenz in der Befragung angegeben haben.

6 Davon haben 37 Prozent in eine Solarwärmeanlage, 35 Prozent in eine Photovoltaikanlage und 12 Prozent in eine Wärmepumpe investiert. 7 Prozent haben sich aktiv an einer Energiegenossenschaft oder Bürgerenergiegesellschaft beteiligt. 90 Prozent derjenigen, die bereits investiert haben, sind Eigenheimbesitzer*innen.

 ©: IASS; Foto: Lotte Ostermann

Verfasst von:

Ortwin Renn

Daniela Setton

Erschienen am:

19. April 2018

Rezension

Nachhaltig sozial oder sozial nachhaltig? Die aktuelle Debatte


Im Nachhaltigkeitsdiskurs wird vor allem die ökologische Dimension betrachtet. Aber gehören soziale und sozialpolitische Angelegenheiten nicht auch zu dieser Debatte? Lässt sich gar von sozialer Nachhaltigkeit sprechen? In den Sustainable Development Goals (SDGs) werden soziale Nachhaltigkeitsziele in Relation zu den ökologischen und ökonomischen Zielen deutlich aufgewertet. Doch lassen sich ökologische und soziale Ziele immer sinnvoll verknüpfen? In einer Studie erörtert Michael Opielka diese Frage, die auch auf einem Symposium im November 2017 in Potsdam im Mittelpunkt stand.


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