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Rezension

Nachhaltig sozial oder sozial nachhaltig?
Die aktuelle Debatte

Ist eine nachhaltige Entwicklung immer auch implizit sozial? Meist wird im akademischen Nachhaltigkeitsdiskurs immer noch primär die ökologische Dimension fokussiert. In den Sustainable Development Goals (SDGs) der Agenda 2030, zu denen sich alle Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen bekannt haben, werden soziale Nachhaltigkeitsziele in Relation zu den ökologischen und ökonomischen Zielen deutlich aufgewertet. Zwar sind die SDGs rechtlich nicht bindend, haben aber eine hohe Signalwirkung. Und die höhere Relevanz, die sozialen Fragen in ihrem Rahmen zugeschrieben wird, geht deutlich über die bisher meist rein formale Erwähnung der sozialen Säule der Nachhaltigkeit hinaus. Gehören soziale beziehungsweise sozialpolitische Fragen also heute integral zum Diskurs über nachhaltige Entwicklung? „Lässt sich überhaupt von ‚Sozialer Nachhaltigkeit‘ sprechen und wenn ja, was ist damit genau gemeint?“ (2) Diese Fragen wurden in einer Studie des Instituts für Sozialökologie (ISÖ, Siegburg) im Auftrag des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS, Potsdam) bearbeitet. Michael Opielka, Geschäftsführer und Wissenschaftlicher Leiter des ISÖ, veröffentlichte 2017 die Studie unter dem Titel „Soziale Nachhaltigkeit. Auf dem Weg zur Internalisierungsgesellschaft“.

Anlässlich der Buchveröffentlichung fand im November 2017 in Potsdam ein Symposium am IASS statt, dessen Beiträge die Studie ergänzen beziehungsweise kommentieren und die Grundlage des hier besprochenen Sammelbandes bilden. Herausgeber Ortwin Renn ist wissenschaftlicher Direktor des IASS.

Das Konzept Soziale Nachhaltigkeit

Eingangs führt Opielka in seine Konzeption der Sozialen Nachhaltigkeit ein.1 Aus soziologischer Sicht, so der Autor, habe der aktuelle Nachhaltigkeitsdiskurs einen blinden Fleck an relevanter Stelle, „der Wohlfahrtsstaat kommt nicht vor“ (7). Das gelte sowohl für die SDGs als auch den aktuellen Bericht des Club of Rome. Im Diskurs dominiere die Regulierungsform „der kapitalistisch verfassten Marktwirtschaft“ (7). Sozialpolitik spiele dagegen fast keine Rolle. Opielka erkennt bei Sozialpolitik und Nachhaltigkeit aber deutliche Gemeinsamkeiten, der Wert der Gerechtigkeit sei etwa für beide zentral.

Pointiert formuliert der Autor: „Sowohl Sozialpolitik wie Nachhaltigkeit wollen vorhandene Konflikte nicht auf – zudem möglichst schwache – Dritte externalisieren, sondern innerhalb der jeweils verantwortlichen Systeme lösen.“ (9) Eine Gesellschaft, die sich nach dieser Logik ausrichtet, bezeichnet der Verfasser als Internalisierungsgesellschaft. Er konzipiert damit ein Antonym zu Stephan Lessenichs Begriff der Externalisierungsgesellschaft, in der Menschen über ihr eigenes und das Verhältnis anderer leben.

Zur Schärfung des Begriffs Soziale Nachhaltigkeit schlägt Opielka die Unterscheidung in vier Konzeptionen vor:

  1. Ein „skeptisches Verständnis von Sozialer Nachhaltigkeit als Nachhaltigkeit ökonomischer Funktionalitäten“ (14).
  2. Ein „enges Verständnis“ (15) im Sinne sozialer Umverteilung und als soziale Säule im Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit, die vor allem im Konflikt mit der ökonomischen Säule gesehen wird.
  3. Ein „internales Verständnis von Sozialer Nachhaltigkeit als Nachhaltigkeit des Sozialen“ (15), das nach der Beschreibung des Autors vor allem die Nachhaltigkeit beziehungsweise Stabilität von Vermögen und Institutionen anstrebt. Seine Anhänger*innen versuchten damit, „eine Transformation von Institutionen oder Umverteilungsprozessen zu vermeiden“ (16).
  4. Ein „weites Verständnis Sozialer Nachhaltigkeit“ (16), in dem sozial vor allem gesellschaftlich meint und das sich daher auf das Projekt der Transformation der Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit an sich bezieht. Der Postwachstums- sowie der SDG-Diskurs stehen für so ein weites Verständnis sozialer Nachhaltigkeit.

Diesen vier Konzeptionen ordnet er vier Typen von Wohlfahrtsregimen (unter anderem nach Gøsta Esping-Andersen) zu und nennt beispielhaft typische Länder, in denen sie Anwendung finden (17):

  1. liberal: USA
  2. sozialdemokratisch: Schweden
  3. konservativ: Deutschland
  4. garantistisch: Schweiz

Der Autor präferiert offenbar das vierte Modell. Das weite Verständnis Sozialer Nachhaltigkeit habe das Potenzial, „zu einem Leitbild des Nachhaltigkeitsdiskurses“ (18) zu werden, da es die Politik so umfassend reorganisieren will, wie es einst im Zuge des Wandels zum Wohlfahrtsstaat erfolgte. Rein technologische oder ökonomische Maßnahmen, so werde in dieser Konzeption deutlich, genügten nicht. Diese Bestandteile einer Effizienz-Strategie, auch unter dem Stichwort ökologische Modernisierung populär, sieht Opielka eher mit der Konzeption Nr. 1, also dem skeptischen Verständnis von sozialer Nachhaltigkeit, verbunden. In der ebenfalls gängigen Unterscheidung zwischen starker und schwacher Nachhaltigkeit ordnet der Autor diese Konzeption, die „auf Markt und Wirtschaft fokussiert“ (22), als schwach ein. Die Konzeptionen zwei bis vier sieht er hingegen (nicht ganz nachvollziehbar argumentierend) mit Ansätzen starker Nachhaltigkeit verbunden.

Im Resümee betont Opielka die hohe Relevanz der Beschäftigung seiner Disziplin mit dem Thema Nachhaltigkeit: „[O]hne den soziologischen Fokus, ohne die Expertise einer Disziplin, die stets das Ganze der Gesellschaft denken und verstehen will, verkümmert die Diskussion um Nachhaltigkeit.“ (24)

Rezeption des Konzepts der Sozialen Nachhaltigkeit

Anita Engels, Inhaberin des Lehrstuhls für Sozialstrukturanalyse an der Universität Hamburg, diskutiert in ihrem Beitrag die Beziehung des Klimawandels mit dem Konzept der sozialen Nachhaltigkeit. Der Klimawandel werde in seiner eigenen Debatte oft als „das große übergeordnete Menschheitsproblem schlechthin“ dargestellt. In einem breiteren Verständnis von Nachhaltigkeit, wie etwa bei den SDGs, werde er hingegen nur als eines von vielen Problemen betrachtet und verliere damit seine exponierte Stellung. Soziale Nachhaltigkeit werde im Klimadiskurs oft unter dem Stichwort „Klimagerechtigkeit“ (47) thematisiert. Engels wirft auch die umgekehrte Frage auf: „Wie viel soziale Nachhaltigkeit ist unbedingt erforderlich, um das Einschwenken in eine CO2-neutrale Zukunft wahrscheinlich zu machen?“ (48) Als Extremfall nennt sie China, das durch seine hohen Emissionen immense Bedeutung für den Klimaschutz hat. Einige Stimmen sähen gerade das dort wenig pluralistische und stark autoritäre Regierungsmodell als Chance für eine wirkungsvoll und zügig durchgesetzte Klimapolitik an. Engels bezweifelt diese Sichtweise. Als weiteres Beispiel führt sie Norwegen an. Der hochentwickelte demokratische Wohlfahrtsstaat gründe seinen Wohlstand vor allem auf fossile Energieträger – ein offensichtlicher Konflikt zwischen sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit. Um diesem Konflikt entgegenzuwirken und „die eigene soziale Nachhaltigkeit auf nicht-fossile Weise abzusichern“ (48), habe sich zum Beispiel der norwegische Staatsfonds im Sinne des Divestment bereits aus Investitionen in fossile Industriebereiche zurückgezogen.

Stephan Lorenz vom Institut für Soziologie in Jena reflektiert die vorgeschlagene Begriffskonzeption sozialer Nachhaltigkeit kritisch. Das Anliegen, ein spezifisch soziologisches Konzept von Nachhaltigkeit zu entwerfen, begrüßt er. Jedoch sieht Lorenz, im Gegensatz zu Opielka, keine systematische Verknüpfung von sozialen und ökologischen Problemen im Rahmen der SDGs. Dies sei eine „zu optimistische Annahme“ (126), da die Auswahl der 17 Hauptziele eher das Ergebnis politischer Verhandlungen und weniger eine wissenschaftliche Systematik sei. Er spricht sich zudem dagegen aus, „die Einbindung von Sozialpolitik wie auch die sozialwissenschaftliche Bestimmung der gesamtgesellschaftlichen Relevanz von Nachhaltigkeit“ (128) in einen gemeinsamen Begriff zusammenzubinden. Das sorge unvermeidlich für Missverständnisse. So sei etwa der gemeinsame Fokus von Nachhaltigkeit und Sozialpolitik auf den Begriff der Gerechtigkeit „im Sinne einer Schnittmenge“ (129) zwar gegeben, daraus ergebe sich aber kein notwendiger Zusammenhang. Soziale Gerechtigkeits- und Verteilungsfragen folgten einer anderen Logik als „Fragen ökologischer Über/Nutzung“ (133), führt Lorenz weiter aus.

Am Beispiel der Geschlechtergerechtigkeit zeigt er, dass eine unmittelbare Abhängigkeit der beiden Bereiche oft zu hinterfragen ist: Eine Abwägung im Sinne von „Frauen dürfen so viel beteiligt werden, wie es ökologisch zuträglich ist“ und daher zum Beispiel nicht plötzlich genau so viel Fleisch essen wie Männer, sei etwa nicht möglich (133). Nicht alle Fragen von sozialer Gerechtigkeit, Demokratie und gutem Leben seien daher unter dem Nachhaltigkeitsbegriff subsumierbar, auch wenn diese Integrierbarkeit oft anhand einzelner Phänomene schnell behauptet werde. Um weitere mögliche Bereiche der Unvereinbarkeit deutlich zu machen, diskutiert der Autor seine Thesen am Beispiel der Tafeln: Um genügend Lebensmittel für die Verteilung an sozial Bedürftige zur Verfügung zu haben, entstehe „ein permanenter Bedarf an möglichst viel Weggeworfenem“ (134). Ein effizienterer und ökologisch nachhaltigerer Umgang der Supermärkte mit Lebensmitteln sei somit aus Sicht der Tafel-Anbieter gerade nicht wünschenswert. Ökologische und soziale Probleme könnten, wie in diesem Beispiel, nicht einfach bloß verknüpft werden, um als nachhaltig zu gelten, mahnt Lorenz. In seinem Fazit betont er die Wichtigkeit, die jeweiligen „Eigenlogiken“ (137) dieser Bereiche im Rahmen einer Nachhaltigkeitsanalyse genau zu hinterfragen, bevor sie unbedacht integriert würden.


1 Der Beitrag basiert zum Teil auf den einleitenden Kapiteln der oben erwähnten Studie.

Verfasst von:

Wolfgang Denzler

Erschienen am:

20. März 2018

Michael Opielka / Ortwin Renn

Soziale Nachhaltigkeit: Beiträge für das "Symposium: Soziale Nachhaltigkeit" am 2.11.2017, Potsdam (IASS)

Norderstedt, Books on Demand 2017

Literatur

Michael Opielka
Soziale Nachhaltigkeit aus soziologischer Sicht
in: SOZIOLOGIE, 45. Jg.,Heft 1, 2016, S.33–46.

Michael Opielka
Soziale Nachhaltigkeit. Auf dem Weg zur Internalisierungsgesellschaft
München, oekom verlag 2017


Rezensionen des Buches

Eine ausführliche Rezension bietet Beatrice Durrer Eggerschwiler auf der Website von socialnet.

Felix Ekardt
Wo Wohlfahrt ein Problem wird. Michael Opielka plädiert für soziale Nachhaltigkeit. Sein Lösungsvorschlag birgt allerdings einige Probleme.
Süddeutsche Zeitung, 10. September 2017


Rezension

Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis

Spätmoderne Wohlstandsdemokratien beruhen auf zwei essenziellen Grundnarrativen, die unabdingbar für das Funktionieren der kapitalistischen Lebensweise sind: 1. Wachstum ist unbegrenzt möglich und 2. ein bestimmtes Maß an sozialer Ungleichheit legitim, solange alle vom Wohlstand profitieren können. Stephan Lessenich unterzieht dieses Modell westlicher Wohlstandsgesellschaften einer scharfsinnigen Kritik, da zur Selbststabilisierung dieser Lebensweise die negativen Effekte systematisch in andere Weltregionen auslagert werden.


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