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Rezension

Hat China gewonnen?
Die chinesische Herausforderung der amerikanischen Vorrangstellung

Die vor 1990 Geborenen werden sich gut an den Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion erinnern. Und manchem kommt es momentan so vor, als ziehe ein neuer Kalter Krieg auf, diesmal zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Volksrepublik China. Die Zeichen des Sturms sind nicht zu übersehen, auch wenn die Lage eine völlig andere als vor 30 Jahren ist. Allein die wirtschaftliche Verflechtung zwischen beiden Volkswirtschaften ist gänzlich unterschiedlich gelagert. Während es zwischen der Sowjetunion und den USA nahezu keinen Handel gab, sprechen manche im Hinblick auf den Güteraustausch zwischen China und Amerika von ‚Chimerika‘ (Niall Ferguson). Genau hier geben die USA zurzeit kein gutes Bild ab.

Also ‚advantage PRC‘? Kishore Mahbubani, Singapurs ehemaliger UN-Diplomat, versucht in diesem Buch erneut auf die von ihm bekannte zugespitzte, scharfe Art dieser provokanten Frage nachzugehen. Und erneut gelingt ihm das hervorragend, mit einem lebendig geschriebenen Text, dessen Argumente prononciert und analytisch scharf ausfallen.

Wer auf gerade einmal gut 300 Seiten eine so weitreichende Frage klären möchte, muss präzise vorgehen. Die gekonnte Gliederung des Buches spiegelt den Aufbau seiner Argumentation bereits wieder. Zunächst fragt er, welche strategischen Fehler in Peking und Washington zu der verfahrenen Konfrontation geführt haben. Als den größten strategischen Fehler Chinas bezeichnet Mahbubani die amerikanische Wirtschaft verschreckt zu haben. Als sich das Meinungsklima in den USA verschärfte, trat kaum eine Führungsetage an die Seite Chinas, um es zu verteidigen. Aus Mahbubanis Sicht rächte sich in diesem Moment die jahrelang negative Erfahrung von US-Unternehmen auf dem chinesischen Markt, etwa im Umgang mit deren geistigem Eigentum (25 ff., 32). Amerikas größter strategischer Fehler war es dagegen, China überhaupt die ‚erste Runde‘ gewinnen zu lassen.

In seiner Analyse arbeitet er drei Ursachen heraus: Am schwersten wiegt die Tatsache, überhaupt keine Strategie gegenüber China entwickelt zu haben. Das zweite zentrale Problem besteht darin, dass „the Land of the Free“ sich zunehmend selbst zersplittert. Und das dritte große Problem stellt die Erosion von Vertrauen dar, sowohl innerhalb der USA gegenüber den eigenen Institutionen als auch extern in den Beziehungen anderer Länder den USA gegenüber (49-78).

Mit heiklen Fragestellungen geht es weiter – etwa, ob China expansionistisch geworden ist und ob nicht ein demokratisches China die weltpolitische Lage entspannen würde. Im Westen hat sich die allgemeine Einschätzung breitgemacht, dass China nicht nur momentan, sondern grundsätzlich aggressiv und expansionistisch ist. Dem hält Mahbubani entgegen: Wäre China inhärent militaristisch, dann hätte es längst in viel stärkerem Maße in seine Umgebung ausgegriffen. Zu beobachten war allerdings, dass Australien vom fernen Großbritannien kolonialisiert wurde, nicht vom nahen China. Und auch wenn China Kriege geführt habe, so habe es die meisten Kriegserfahrungen der letzten 2000 Jahre doch auf eigenem Territorium gesammelt. Blicke man in die umliegenden Länder sei von einer Angst vor einem Krieg mit China konkret wenig zu spüren. Länder wie Vietnam oder Myanmar hätten vielmehr hochentwickelte Sensoren für den Umgang mit dem großen Nachbarn herausgebildet (80, 82, 84 f., 93).

Westliche Selbstgerechtigkeit verstelle den Blick auf die Fakten: Uns schiene es völlig normal, dass amerikanische Kriegsschiffe direkt vor dem chinesischen Festland patrouillieren. Umgekehrt gäbe es einen entsetzten Aufschrei, wollte die chinesische Marine ähnliche Manöver vor den Küsten Kaliforniens oder New Yorks versuchen (102). Auch wenn er Verständnis für Peking zeigt – mit Kritik wird an keiner Stelle gespart. So benennt er sehr klar die Hybris der aktuellen chinesischen Regierung, etwa die Abkehr von Dengs kluger Politik, den eigenen Ball flach zu halten (35).

Könnte ein demokratischeres China die Situation entschärfen? Aus Sicht von Mahbubani gibt es rationale Gründe, warum man mit diesem Wunsch vorsichtig sein sollte. Eine politische Führung kann man auswechseln, Einstellungen in der Bevölkerung aber nicht über Nacht. Ein demokratisch gewählter Präsident hätte im Taiwankonflikt angesichts wüster, nationalistischer Stimmen in weiten Teilen der Bevölkerung deutlich weniger Spielraum (133-140, 169). Bei der Frage nach Demokratie klafft überhaupt ein Spalt zwischen Ost und West. Der Westen starre nur auf Demokratie, in Asien sei man mehr an Stabilität und Ordnung interessiert: „There is one aspect of the Chinese mind that the Western mind finds difficult to relate to: The Chinese like order. And they like measures that lead to greater order.“ (162) Die Bereitschaft, eine starke Führung zu akzeptieren ist viel stärker ausgeprägt als im Westen, zumal es der KPCH immer besser gelänge, ein meritokratisches System einer zunehmend bürgerorientierten Bürokratie aufzubauen. Letztlich, fragt Mahbubani, warum denn die etwa 135 Millionen Chinesen, die pro Jahr ins Ausland reisen, alle nach Hause zurückkehrten, wenn dort die in westlichen Medien porträtierte finstere Diktatur herrsche (158).

Mit Blick auf die USA fragt sich der Autor, ob dem Land eine Umkehr gelingen könne. Aus seiner Sicht hätten die USA ihre im Kalten Krieg unter Beweis gestellte Rationalität und Flexibilität heute verloren. Getrieben durch die Fehler ihres politischen Systems seien die Vereinigten Staaten strategisch rigide und verkrustet. Auffälligstes Zeichen: Das amerikanische Verteidigungsbudget sei völlig außer Kontrolle geraten (eine einzige Flugzeugträgergruppe alleine kostet am Tag 6,5 Millionen US-Dollar). Lobbymechanismen machten es fast unmöglich, dieses Budget zu reduzieren und das Geld an sinnvoller Stelle (Infrastrukturen, Armut) auszugehen. Und daher blieben diese überzogenen Ausgaben ein geostrategisches Geschenk an China.

Ein zweites Präsent an die chinesische Seite sei Washingtons Obsession, sich mit islamischen Ländern zu beschäftigen. Strategisch rational wäre es, die knapper werdenden Ressourcen auf China zu konzentrieren. Ein drittes Geschenk an China sei die Entwertung US-amerikanischer Diplomatie. Attraktive Botschafterposten würden nicht an geeignete Karrierediplomaten, sondern an Günstlinge vergeben (105-127). Seine mit vielen Daten und Fakten untermauerte Analyse ist im Ergebnis für die USA nicht eben schmeichelhaft: „[…] under the surface guise of a functioning democracy, with all the rituals of voting, America has become a society run by a moneyed aristocracy that uses its money to make major political and social decisions.“(189) Es zeichnet ihn aus, dass sich keinerlei Schadenfreude untermischt – eher Verzweiflung, dass es so kommen konnte.

Am Ende lautet für Mahbubani die Frage, was hier miteinander konkurriert: Konkurriert eine flexible und gesunde Demokratie mit einem verkrusteten und inflexiblen kommunistischen System? Dann gewinnen die USA das Rennen. Kommt es aber zu einer Auseinandersetzung zwischen einer starren und inflexiblen Plutokratie und einem geschmeidigen, meritokratischen China, dann wird die Volksrepublik bald nicht mehr zu überholen sein (209).

Mahbubanis Buch ist nicht im besten Sinne akademisch und doch praktisch zugleich. Es zeigt erneut ein hervorragendes strategisches Denkvermögen von einem der führenden asiatischen Intellektuellen. Mühelos spielt er auf der Klaviatur verschiedener Politikarenen (Diplomatie, Wirtschaft, Militär) und präsentiert zudem seine eigenen Einblicke in die globale Spitzendiplomatie. Sein Buch liefert der Diskussion um die Zukunft des Westens neue Perspektiven und fordert zum Nachdenken auf. Kurzum: Dieses Buch ist so wichtig, dass es unbedingt endlich einmal eine deutsche Übersetzung eines der Bücher des Autors geben sollte.

Verfasst von:

Rainer Lisowski

Erschienen am:

28. Januar 2021

Kishore Mahbubani

Has China Won? The Chinese Challenge to American Primacy

PublicAffairs, New York 2020

Digirama

Lea Deuber / Paul-Anton Krüger
USA-China-Beziehungen: Zum Einstand eine Warnung
Süddeutsche Zeitung, 21. Januar 2021

Laura von Daniels / Stefan Mair
Das Verhältnis der USA zu China: Auswirkungen auf die EU
Stiftung Wissenschaft und Politik, SWP-Podcast 2020/P 11, Oktober 2020

Thorsten Teichmann / Steffen Wurzel
China und die USA. Ein Konflikt, der bleiben wird
Deutschlandfunk, 8. Oktober 2020

Nadine Godehardt
Gestalten statt Abkoppeln: Alternativen zu einem möglichen Weltkonflikt zwischen den USA und China
Stiftung Wissenschaft und Politik, Kurz gesagt, 27.02.2020

Barbara Lippert/Volker Perthes (Hrsg.)
Strategische Rivalität zwischen USA und China
Stiftung Wissenschaft und Politik/Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, SWP-Studie 1/2020

Thomas L. Friedman
Make the US and China poor again
IPG-Journal, 16.August 2019


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China und die globalisierte Welt

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