Ewald Grothe / Ulrich Sieg (Hrsg.)

Liberalismus als Feindbild

Göttingen: Wallstein Verlag 2014; 306 S.; geb., 34,90 €; ISBN 978-3-8353-1551-8
Die Frage nach Stationen und Motiven antiliberalen Denkens in Deutschland seit der Französischen Revolution ist ansprechend, ist doch in der deutschen Ideengeschichte der Liberalismus – der für die Herausgeber für „Freiheit, Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Partizipation“ (7) steht – stets schwächer als seine Gegner gewesen. Insgesamt werden in den Beiträgen am Beispiel mehr oder weniger ideengeschichtlich namhafter Autoren zentrale Motive des Antiliberalismus herausgearbeitet: die Identifikation des Liberalen mit dem Bürger oder Kapitalisten, der Vorwurf der Traditionsvergessenheit, der antimoderne Affekt, das antisemitische Ressentiment, die Absage an Pazifismus und Antimilitarismus oder die Parlamentarismusschelte. Die Ausführungen sind nicht nur für alle diejenigen von Interesse, die sich mit der Geschichte des Liberalismus und seiner Gegner beschäftigen, sondern auch für den, der ein grundsätzliches Interesse an der Ideengeschichte der Moderne hat. Hervorzuheben sind dabei die Texte, die hinter dem Antiliberalismus nicht nur Ablehnung, sondern ambivalente Positionierungen oder sachliche Probleme erkennen – in diese Richtung gehen insbesondere Jens Hacke, Ewald Grothe und Reinhard Mehring. Dass der Topos Antiliberalismus als analytischer Begriff schwierig zu handhaben ist, verdeutlichen insbesondere die beiden letzten Aufsätze: Der von Wolfgang Kraushaar ausgemachte Antiliberalismus der 1968er‑Bewegung steht in einem beachtlichen Spannungsverhältnis nicht nur zu ihrem freiheitlichen Selbstverständnis, sondern auch zur liberalisierenden Wirkung auf die politische Kultur der Bundesrepublik – ein Befund, der insbesondere durch die Tendenzwenden der 1970er‑Jahre nur umso plastischer hervortritt (Wolther von Kieseritzky). Leider mangelt es dem Band insgesamt an einer abschließenden Systematisierung: Es bleibt ungeklärt, wovon sich selbstzweifelnde Kritik am Liberalismus und Antiliberalismus unterscheiden. Zudem wird weder die Frage gestellt, ob Autoren, die man gemeinhin dem Liberalismus zurechnet, dem normativen Anspruch der Herausgeber selbst genügen, noch, ob bei bestimmten Antiliberalen nicht selbst ein liberales Moment existiert. Hier hätte sich die polemische Unterscheidung von Liberalismus und Antiliberalismus analytisch beweisen müssen. Der Sammelband geht auf die gleichnamige Konferenz zurück, die im März 2013 in der Theodor‑Heuss‑Akademie in Gummersbach stattfand.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.312.3312.22 Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Ewald Grothe / Ulrich Sieg (Hrsg.): Liberalismus als Feindbild Göttingen: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37558-liberalismus-als-feindbild_46012, veröffentlicht am 18.09.2014. Buch-Nr.: 46012 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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