Portal für Politikwissenschaft

Einhart Lorenz

Willy Brandt. Deutscher – Europäer – Weltbürger

Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer 2012 (Kohlhammer Urban Taschenbücher 641); 288 S.; kart., 24,90 €; ISBN 978-3-17-021245-9
Über Willy Brandt sind bereits fast unzählige Biografien erscheinen, dennoch gelingt es dem deutsch-norwegischen Historiker Lorenz, einen neuen Blick auf den Sozialdemokraten, den er persönlich kannte, zu werfen. Dies gelingt, weil er ihn „nicht nur von der deutschen Warte aus“ (8) betrachtet, sondern gleichermaßen als Deutschen, Europäer und Weltbürger vorstellt. Der Exilzeit und der internationalen Tätigkeit nach dem Ende der Kanzlerschaft werden deshalb ungefähr genau so viel Platz wie den politischen Ämtern in Deutschland eingeräumt. Wie stark der Politiker Brandt durch die Jahre in Norwegen und Schweden geprägt wurde, zeigt Lorenz etwa anhand des konsensorientierten Politik- und Führungsstils und am Beispiel der „Neudefinition der SPD. Sie wurde modernisiert und für neue Gruppen und Schichten geöffnet, nicht unähnlich den skandinavischen Sozialdemokratien“ (129). Außerdem erhält der Leser einen guten Eindruck davon, dass Brandts in den Kriegsjahren utopisch-visionär klingenden Einschätzungen durchaus der späteren Situation in Europa nahekamen; etwa als Brandt im Dezember 1939 erklärte, „dass eine ‚gemeinsame europäische Organisation mit Leitungsorganen, die vom Volk selbst gewählt sind, […] Voraussetzungen für eine wirkliche Abrüstung und kollektive Sicherheit schaffen’ könnte“ (56). Es wird allerdings nicht nur der Politiker betrachtet, sondern auch die Person. Lorenz beschreibt Brandt als jemanden „voller Inkonsequenzen“ (232) und als „einen überaus komplexen vielschichtigen Menschen voller Brüche, Gegenläufigkeiten, mit Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn“ (232 f.). Woran diese Charakterisierung festgemacht wird, erklärt der Autor leider nur relativ kurz in dem als „Nachgedanken“ bezeichneten Fazit, weshalb manches für den Leser überraschend kommen mag; das gilt beispielsweise für die erstmals auf der vorletzten Seite angesprochene Mitwirkung Brandts an Parteiausschlüssen.
Hendrik Träger (HT)
Dr., Politikwissenschaftler, Lehrkraft für besondere Aufgaben, Institut für Politikwissenschaft, Universität Magdeburg und Institut für Politikwissenschaft, Universität Leipzig.
Rubrizierung: 2.3 | 2.31 | 2.313 Empfohlene Zitierweise: Hendrik Träger, Rezension zu: Einhart Lorenz: Willy Brandt. Stuttgart: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35274-willy-brandt_42480, veröffentlicht am 02.08.2012. Buch-Nr.: 42480 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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