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Gewerkschaften und Soziale Marktwirtschaft seit 1945

Walther Müller-Jentsch

Gewerkschaften und Soziale Marktwirtschaft seit 1945

Stuttgart: Reclam 2011 (Reclams Universal-Bibliothek 18897); 216 S.; 6,- €; ISBN 978-3-15-018897-2
In seinem übersichtlichen und leicht verständlich verfassten Einführungsbuch erzählt der gegenwärtig wahrscheinlich renommierteste und erfahrenste Kenner der deutschen industriellen Beziehungen Walther Müller-Jentsch die Geschichte der deutschen Gewerkschaften seit der Nachkriegszeit. Der Schwerpunkt liegt – wie der Titel schon andeutet – auf der Frage, wie sich aus eher klassenkämpferisch orientierten Organisationen ein institutioneller Akteur entwickelt hat, der das deutsche Kapitalismusmodell nicht nur mitträgt, sondern – und das wird wiederholt deutlich – auch entscheidend geprägt hat. Die deutschen Gewerkschaften, die selbst nach dem Zweiten Weltkrieg dem Kapitalismus (auch in seiner „sozialen“ Form) noch recht feindlich gegenüberstanden, haben durch die Anerkennung der sozialen Marktwirtschaft und durch die jahrelange Praxis der Interessenvertretung eben wesentlich mehr beigetragen, als sich nur einer potenziell unvermeidbaren Entwicklung zu beugen. Sie haben durch die Akzeptanz ihrer Verhandlungspartner bei gleichzeitigem Insistieren auf der Schaffung und Aufrechterhaltung grundlegender Arbeitnehmerrechte nicht nur das Wirtschaftssystem zum Laufen gebracht, sondern darüber hinaus (darauf legt der Autor explizit Wert) einen wesentlichen Beitrag zur Errichtung einer funktionierenden deutschen Demokratie geleistet. Dies war nur möglich durch die Aufrechterhaltung einer ständigen Konfliktbereitschaft, weshalb Müller-Jentsch auch den eher beschönigenden Begriff der Sozialpartnerschaft zugunsten dem einer Konfliktpartnerschaft zurückweist. „Wer den Arbeitskampf für anachronistisch hält, plädiert für eine defizitäre Demokratie“ (197) – dieser Satz fasst in gewisser Weise die Botschaften des Buches zusammen und verweist auf die schwierigen gegenwärtigen und zukünftigen Aufgaben der deutschen Gewerkschaften. Denn es sind sowohl die Transformation des kapitalistischen Systems (mit all ihren negativen Folgen für die Durchsetzungsfähigkeit der Gewerkschaften) als auch die Tendenzen zunehmender Internationalisierung und die damit teilweise verbundenen Entdemokratisierungseffekte, die die Notwendigkeit begründen, die Bereitschaft und Fähigkeit zum Konflikt zu erhalten und teils auch neu zu entwickeln. Geeignet ist das Buch als Einführung für Studierende und allgemein interessierte Leser.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.313 | 2.315 | 2.331 Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Walther Müller-Jentsch: Gewerkschaften und Soziale Marktwirtschaft seit 1945 Stuttgart: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/34463-gewerkschaften-und-soziale-marktwirtschaft-seit-1945_41390, veröffentlicht am 27.01.2012. Buch-Nr.: 41390 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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