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"Freie Kirche im freien Staat"

Tabea Mariga Esch

"Freie Kirche im freien Staat" Das Kirchenpapier der FDP im kirchenpolitischen Kontext der Jahre 1966 bis 1974

Tübingen: Mohr Siebeck 2011; XV, 614 S.; Ln., 124,- €; ISBN 978-3-16-150617-8
Theolog. Diss. Münster; Begutachtung: W.-D. Hauschild, A. Beutel. – Im Oktober 1974 erschütterte das auf dem 25. FDP-Bundesparteitag in Hamburg verabschiedete Papier „Freie Kirche im freien Staat“ die Öffentlichkeit; liberale Politiker wandten sich darin gegen die Vermischung von Politik und Religion und rückten die Trennung von Staat und Kirche in den Mittelpunkt einer modernen Gesellschaft. Damit stellte erstmals eine Partei in der Regierungsverantwortung das tradierte Verhältnis von Staat und Kirche offen infrage. Ausgangspunkt der Arbeit ist die Entstehung dieses Dokuments in der Zeit der „zunehmenden Distanz der Gesellschaft zur Kirche“ (11), die zeitgleich mit dem Ende der Adenauer-Ära einherging. Treibende Kraft bildeten dabei junge, der FDP angehörende Akademiker. Sie nahmen den 1848 entstandenen liberalen Leitgedanken einer Abgrenzung von staatlichen und kirchlichen Kompetenzen wieder auf. Esch ordnet die Diskussion des Kirchenpapiers in das Feld Staat und Kirche ein, das Theodor Heuss „als das ‚schwierigste Gebiet‘ bezeichnete, das man sich überhaupt vorstellen kann“ (5). Sie geht auf die in ihm explizierte Trennungsforderung vor dem Hintergrund des gesamtgesellschaftlichen Kontextes Anfang der 70er-Jahre ein und verortet es in der „kirchenpolitischen Programmatik der liberalen Partei“ (553). So reichten die Forderungen der jungen Liberalen von der Abschaffung des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts für die Kirchen über die Ersetzung der Kirchensteuer durch ein Beitragssystem bis zur Einführung der weltanschaulich neutralen Gemeinschaftsschule mit Religionsunterricht. Die Autorin vergleicht die Präambel-Entwürfe der FDP-Politiker Anselm Hertz, Liselotte Funcke und Ingrid Matthäus und stellt fest, dass übereinstimmend die „durch den Liberalismus erstrittenen Grundrechte der Glaubens- und Gewissensfreiheit sowie der freien Religionsausübung“ (310) im Zentrum liberalen Handelns standen. Sowohl in Teilen der FDP als auch bei den Kirchen stieß das Papier der Jungliberalen auf Kritik, weniger aufgrund der Forderung nach Trennung von Kirche und Staat als vielmehr wegen seines „antireligiösen Charakters“ (553). So „plötzlich und überraschend“ das Papier auf der kirchenpolitischen Tagesordnung präsentiert wurde, so schnell geriet es auch wieder in Vergessenheit, schreibt Esch: „Die FDP ließ es nach Hamburg in der Schublade der unbequemen Parteitagsbeschlüsse verschwinden.“ (2)
Sabine Steppat (STE)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.35 | 2.331 | 2.313 Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Tabea Mariga Esch: "Freie Kirche im freien Staat" Tübingen: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33448-freie-kirche-im-freien-staat_40030, veröffentlicht am 16.02.2012. Buch-Nr.: 40030 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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