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Rezension

Islamismus und Extremismus
Welche Rolle spielt der Islam?

Wie ist es möglich, dass sich politische Gewalttäter im arabischen Raum stark auf den Islam als Begründung ihrer Taten beziehen – und wo liegen die Grundlagen für die Probleme in den muslimischen Gesellschaften? Inwieweit lässt sich das theologisch aufschlüsseln und analysieren? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Sammelbandes. „The role of the political economy as well as the history of European colonialism and contemporary Euro-American domestic and foreign policies vis-à-vis Muslims […] played all a crucial part in fomenting Muslims’ feelings of alienation and oppression” (86), schreibt Mohammed Sulaiman in seinem Beitrag. Dieser antiwestliche Duktus zieht sich dabei durch den gesamten Sammelband, nicht selten verbunden mit zumindest fragwürdigen Verweisen auf die angebliche Rolle Israels, wie beispielsweise die Unterstützung des jüdischen Staates durch westliche Länder, die angeblich den Hass befeuere. Dem Anspruch des Buches, die theologischen Grundlagen von Islamismus und gewalttätigem Extremismus zu analysieren und zu widerlegen, wird das Werk nur in den drei Beiträgen des ersten Teils gerecht. Der zweite Teil dagegen konzentriert sich auf gesellschaftliche Fragen, wohingegen der dritte und letzte Abschnitt fallstudienartig philosophische Fragen im Geiste Edward Saids aufgreift.

Das Unterfangen des Herausgeberduos Fethi Mansouri und Zuleyha Keskin ist lobenswert, wird doch bereits in der Einleitung das Problem vollumfänglich umrissen: Der Islamische Staat, Boko Haram und al-Qaida begründen ihre Taten im Wesentlichen mit religiösen Motiven und Argumenten. Die Textsicherheit dieser Gruppen ist durchaus bemerkenswert und wird entsprechend in dem Werk repliziert. Dennoch fällt es den Verfasserinnen und Verfassern schwer, dies theologisch und argumentativ einzuordnen. Zum einen konzentrieren sich einige Autorinnen und Autoren in den beschriebenen drei anfänglichen Kapiteln auf die These, islamistische Gruppen würden den Koran missinterpretieren. Ein Beispiel hierfür ist der Verweis auf den Dschihad. Die Autorinnen und Autoren versuchen, den Dschihad als Aufruf zur Gewalt theologisch zu widerlegen. Dies geschieht argumentativ auf zweierlei Grundlage. Zum einen seien lediglich Staaten dazu berechtigt, zum Dschihad aufzurufen – und niemals einzelne Gruppen. Zum anderen sei der Dschihad in seiner eigentlichen Bedeutung nicht auf Gewalt ausgelegt, dies sei lediglich eine Fehlinterpretation.

Zudem wird wiederholt darauf verwiesen, dass es sich bei den drei erwähnten Gruppen lediglich um extrem kleine Minderheiten handle. Beides ignoriert dennoch den „Elefanten im Raum“: Warum ist es diesen Extremisten möglich, sich argumentativ fast ausschließlich auf den Koran und das Hadith zu stützen? Diese Frage wird kaum angegangen.

Tatsächlich verfügen die Autorinnen und Autoren über ein beeindruckendes theologisches Grund- und Detailwissen, welches immer wieder durchscheint. Allzu oft wird der Einfluss des Islams auf den politischen Extremismus bestritten, während gleichzeitig die Bedeutung der Religion als argumentative Grundlage von Extremisten hervorgehoben wird. Dieses Unbehagen um den politischen Islam und seine realen Auswirkungen belastet das Werk und sorgt für eine beschränkte Kohärenz im weiteren Verlauf. Argumentativ wird vielfach auf verschiedene Suren und insbesondere jene eingegangen, die von diversen Islamisten-Führern aufgegriffen werden.

Durchaus eindrucksvoll sind die Verweise auf die Charidschiten als politische Oppositionsbewegung innerhalb des Islams, die bereits im 7. Jahrhundert die ideologischen Grundlagen für den heutigen Extremismus gelegt hätten. Als Apostaten gegeißelt, sei es ihnen dennoch gelungen, den Diskurs zu beeinflussen und sich theologisch zu positionieren. Jan Ali umreißt in seinem Beitrag die Grundkonzepte des Islamischen Staates, ohne jene sich die heutige Ausprägung nicht erklären lasse. Dies umfasst das Verhältnis zu Ungläubigen, zum häretischen Staat und zur Exkommunikation von abtrünnigen Personen.

Im zweiten Teil des Buchs zu den sozialen und politischen Perspektiven des gewalttätigen Extremismus greifen einige Autorinnen und Autoren breitere gesellschaftliche Fragen auf, um die Lage der Muslime zu erklären. Analytisch eindrucksvoll gelingt es beispielsweise Riaz Hassan, die katastrophale Lage der muslimischen Gesellschaften darzulegen. Ob Lebenserwartung, Geschlechtergleichheit oder Zugang zu sanitären Einrichtungen: Die muslimischen Länder hinken den nicht-muslimischen Staaten bei Weitem hinterher. Dies sei im Wissenschaftsbereich und hinsichtlich der politischen Freiheit ähnlich verheerend. Leider beschränkt sich das Kapitel auf den rein analytischen Teil, also die Beschreibung der sozioökonomischen Kennzahlen, ohne Erklärungsansätze für den Entwicklungsrückstand zu liefern. Im abschließenden Teil zu religiöser Führerschaft und gewalttätigem Extremismus werden fallstudienartig religiöse Initiativen gegen Gewalt sowie der Einfluss der türkischen AKP auf die Radikalisierung von Jugendlichen sowie sozialer Aktivismus als Mittel gegen die Radikalisierung beschrieben.

Die akademisch weit verbreitete These, dass islamische Länder unter dem Niedergang des muslimischen Imperiums leiden, wird tragischerweise nicht aufgegriffen. Micah Goldmann hatte diese Debatte in „Catch-67“ vor kurzem wiedereröffnet, hier wäre eine Replik wünschenswert gewesen. Diese durchaus fruchtbare Frage nach den Grundlagen der gesellschaftlichen Misere sowie der politisch-wirtschaftlichen Umstände in den muslimischen Ländern wird leider ausgespart.

Abschließend lässt sich sagen, dass die Autorinnen und Autoren es in der Tat schaffen, einen starken theologischen Wall gegen religiös begründete Gewalt zu errichten. Allerdings konzentrieren sie sich nur auf drei Gruppen: Boko Haram, al-Qaida und Islamischer Staat. Dies erleichtert die Bezeichnung der Gruppen als winzige Minderheiten, die mit ihrem Extremismus allen Muslimen entgegenstehen. Hätten die Verfasserinnen und Verfasser hingegen Hamas, Hisbollah oder auch die Muslimbruderschaft mit ihren extremistischen Grundeinstellungen in ihre Betrachtung miteinbezogen, wäre die Analyse zwangsweise anders ausgefallen. Generell wird man den Eindruck nicht los, das Buch sei als Verteidigungsschrift für den Islam geschrieben worden und nicht, um die theologischen Grundlagen von religiös bedingter Gewalt und Extremismus zu erkunden. Dies erweist dem Islam sowie der Theologie einen Bärendienst.

 

Verfasst von:

Vincent Wolff

Erschienen am:

1. April 2019

Fethi Mansouri / Zuleyha Keskin (Hrsg.)

Contesting the Theological Foundations of Islamism and Violent Extremism

Basingstoke, Palgrave Macmillan 2019

Sammelrezension

Das religiöse Fundament des Dschihadismus. Eine eigene Lesart der Geschichte

Vorgestellt werden drei Bücher, die sich mit der Verbindung von Islam und Gewalt befassen. Rüdiger Lohlker legt ein äußerst quellenreiches Überblickswerk über die Entwicklung und Verbreitung einer radikalen islamischen Theologie vor. Jan-Heiner Tück bietet mit seinem Sammelband eine teils kontroverse Diskussion über die Radikalität des Islam. Einen Schwerpunkt stellt die Konzeption des Martyriums dar. Abdel Bari Atwan wiederum betrachtet die Bedeutung der neuen Medien als wichtige Stütze des IS.
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