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Aus dem Hörsaal

Die postmoderne Querfront
Zur Kritik des Linkspopulismus am Beispiel von Mouffe und Laclau

Chantal Mouffes Begriff des Politischen und ihre zusammen mit Ernesto Laclau erarbeitete postmarxistische Theorie des Populismus sind nach Beobachtung von PD Dr. Ingo Elbe, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg, derzeit die wohl meistdiskutierten Beiträge zum Thema Populismus. Mouffe und Laclau würden auch von linkspopulistischen Parteien wie Podemos oder Syriza als Vordenker*innen gesehen, verspreche ihre Theorie doch der Linken – nach dem postulierten Scheitern bürgerlicher wie sozialistischer Emanzipationsversprechen – einen neuen Handlungsspielraum, nur eben ohne große Idee, ohne großes Ziel. In einem Vortrag, den Elbe am 26. Juni 2017 an seiner Universität gehalten hat, stellt er diesen postmarxistischen Zugang zum Phänomen des Populismus dar und kritisiert einige der Grundannahmen.

Zu den Eckpunkten seiner Analyse gehört die Feststellung, dass Mouffe – die in diesem Vortrag im Mittelpunkt steht – entlang ihrer Wahrnehmung von Gesellschaft und Politik den Rechtspopulismus lediglich als Reaktion auf die langjährige Dominanz etablierter Volksparteien und auf eine neoliberale Hegemonie erklärt, ohne dabei allerdings auf die Inhalte rechtspopulistischer Aussagen einzugehen. Mouffe gehe des Weiteren von einer konflikthaften Wir-/sie-Unterscheidung – von ihr Agonismus genannt – aus, zugleich verneine sie eine rationale Entscheidungsfindung und damit eine rationale Wahlentscheidung der Bürger*innen. Die parlamentarische Wahl sei daher für Mouffe nicht Ausdruck rationaler Interessenvertretung, sondern emotionaler Bedürfnisse der Zugehörigkeit. Elbe identifiziert dies als einen sozialtheoretischen Antiliberalismus. Hauptgegner ihrer Theorie sei also nicht der Rechtspopulismus, sondern die von ihr so bezeichnete Hegemonie des Liberalismus – nicht zu verstehen als Neoliberalismus, sondern als Sammelbegriff für individualistische und rationalistische Gesellschaftstheorien, worunter auch ein Teil des Marxismus falle. Dabei handele es sich, so Elbe, um eine klassische faschistische Argumentation nach Carl Schmitt, als dessen treue Schülerin Mouffe sich zeige. Da sie sich entlang seiner Ideologemen bewege und, wie beschrieben, von einer Diskurstheorie ausgehe, die geprägt sei von einer irrationalistischen Sozialontologie, verharre sie aber selbst reflexionslos in populistischen Denkformen – und nehme daher an, vereinfacht formuliert, dass der Rechtspopulismus einfach durch einen Linkspopulismus ersetzt werden könnte. Elbe hält dies für eine manipulative politische Programmatik, womit Mouffe und Laclau mit ihrem theoretischen Ansatz Teil des Problems seien.

Diese Diagnose spiegelt sich zugespitzt auch im Titel des Vortrages: Es handele sich um eine „Querfront“ von linker Theorie und Faschismus, Vertreter*innen beider Strömungen bewegten sich bei der grundlegenden Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse auf einer Ebene, gemeinsam sei ihnen die Ablehnung von Vernunft und moralischem Universalismus, politisch flankiert durch Hass auf den Westen, insbesondere auf die USA.

Der Vortrag zum Nachhören:

Ingo Elbe
Die postmoderne Querfront. Zur Kritik des Linkspopulismus am Beispiel seiner VordenkerInnen Chantal Mouffe und Ernesto Laclau
Vortrag an der Universität Oldenburg, 26.06.2017
http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/IMG/mp3/elbe_querfront.mp3

 

 

Vorgestellt von:

Natalie Wohlleben

Erschienen am:

9. August 2017

Literaturhinweis

Ingo Elbe
Die postmarxistische Querfront – Chantal Mouffes Theorie des Politischen als Sozialphilosophie des autoritär-masochistischen Charakters
in: Manuel Clemens u. a. (Hrsg.): Der autoritäre Charakter und der Populismus des 21. Jahrhunderts. Eine transatlantische Perspektive, noch nicht erschienen

Ingo Elbe
Politische Macht, Faschismus und Ideologie. Ernesto Laclaus Auseinandersetzungen mit Nicos Poulantzas
in: Andreas Hetzel (Hrsg.): Radikale Demokratie. Zum Staatsverständnis von Chantal Mouffe und Ernesto Laclau, Baden-Baden, Nomos Verlag, noch nicht erschienen

 

Aus der Annotierten Bibliografie

 

Karin Priester

Mystik und Politik. Ernesto Laclau, Chantal Mouffe und die radikale Demokratie

Würzburg: Königshausen & Neumann 2014; 280 S.; brosch., 38,- €; ISBN 978-3-8260-5482-2
Karin Priester präsentiert in diesem Band wohl eine der elaboriertesten Kritiken des Postmarxismus, Neogramscianismus und Linkspopulismus rund um Ernesto Laclau und Chantal Mouffe, die in deutscher Sprache verfügbar ist. Mit einer schneidenden, aber an jedem Punkt fairen – immanent arbeitenden – Vorgehensweise zergliedert die Autorin nicht nur die wesentlichen, sondern nachgerade sämtliche Aspekte aus dem „eklektischen Gemisch“ (9) des Leitbegriffs der radikalen Demokratie bei Laclau und Mouffe. Als generellen Zugang wählt sie den Topos der Mystik als ...weiterlesen


Ingo Elbe

Paradigmen anonymer Herrschaft. Politische Philosophie von Hobbes bis Arendt

Würzburg: Königshausen & Neumann 2015; 525 S.; 64,- €; ISBN 978-3-8260-5737-3
Habilitationsschrift Oldenburg. – Ingo Elbe legt unterschiedliche Bedeutungsschichten von anonymer Herrschaft frei, in ideologiekritischer Perspektive untersucht er verschiedene Deutungsweisen und Legitimationsmuster kapitalistischer Eigentums‑ und Herrschaftsverhältnisse. Dabei zieht er paradigmatische Texte der politischen Philosophie heran, die er begründungstheoretisch in drei Rubriken unterteilt, die seinen drei voluminösen Buchkapiteln den Gehalt geben. Während mit Thomas Hobbes, John Locke und Immanuel Kant neuzeitliche Theoretiker zu Wort ...weiterlesen


Ingo Elbe

Marx im Westen. Die neue Marx-Lektüre in der Bundesrepublik seit 1965

Berlin: Akademie Verlag 2008 (Politische Ideen 21); 643 S.; 49,80 €; ISBN 978-3-05-004470-5
Philosoph. Diss. FU Berlin; Gutachter: F. O. Wolf, A. Arndt. – Der Autor rekonstruiert mit viel Sympathie die seit Mitte der 60er-Jahre entstehende neue Marxlektüre in der Bundesrepublik, die seiner Ansicht nach neben der traditionellen Interpretation (sozialistische Klassiker) einerseits und dem westlichen Marxismus (Frankfurter Schule) andererseits zur wichtigsten Deutung der Marxschen Schriften gehört. Mit dem Label „neue Marxlektüre“ ist keine einheitliche Gruppe, sondern e...weiterlesen


 

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