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Interview

Gruppenbild WorkshopEinige der Protagonisten der Ausstellung „Generation 89“ zusammen mit dem wissenschaftlichen Leiter des DDR-Museums Dr. Stefan Wolle (Bildmitte mit offener Jacke). Foto: Michael Handelmann / SUPERillu (mit freundlicher Genehmigung des DDR-Museums).

Das neue Selbstbewusstsein der jungen Generation
Über das Schwinden der ostdeutschen Mentalität

Ticken die Menschen im Osten anders? Gibt es die eine ostdeutsche Mentalität, die gleichermaßen zu finden wäre – sowohl bei den heutigen Rentnerinnen und Rentnern, die damals mitten im Berufsleben stehend Friedliche Revolution und deutsche Einheit miterlebt haben und dabei einen Abbruch ihrer Erwerbsbiografie erfuhren, als auch bei den jungen Menschen, die 1989, kurz davor oder später, in den neuen Bundesländern geboren wurden? Seitdem sich die besonders Unzufriedenen bei PEGIDA-Märschen zusammengefunden haben und die AfD in die Parlamente eingezogen ist, ist die Debatte über eine ostdeutsche Mentalität aufgeblüht, verbunden mit der Frage, ob die Transformation tatsächlich tiefe Friktionen in der politischen Kultur aufgeworfen hat. Immer wieder ist aus dem Osten zu hören, so jüngst niedergeschrieben von Petra Köpping in ihrem Buch „Integriert doch erst einmal uns“, die Menschen fühlten sich nicht ausreichend anerkannt. Aber stimmt dieser Vorwurf (so pauschal) überhaupt?

Die Ausstellung „Generation 89“ im DDR-Museum bietet die Gelegenheit, abseits der rechtsextrem aufgeheizten Demonstrationszüge sogenannter besorgter Bürger in Chemnitz, Cottbus und anderen ostdeutschen Städten die Frage nach der ostdeutschen Mentalität an junge Menschen zu richten. Das Museum hatte zusammen mit seinem Medienpartner, der Zeitschrift SUPERillu, einen kleinen Aufruf gestartet: Gibt es Alltagsgegenstände, die diejenigen, die im Revolutionsjahr 1989 geboren sind, noch mit der DDR verbinden? Im Hintergrund stand dabei die Annahme, dass zwar die politische Geschichte der DDR zu Ende ist, ihre Alltagsgeschichte in den Biografien der Menschen aber eine Fortsetzung gefunden hat.

Zur Eröffnung der Ausstellung im November 2018 hat sich Dr. Stefan Wolle, wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin und Autor mehrerer Bücher über die DDR, Zeit genommen für ein Gespräch über die Friedliche Revolution, die Folgen der Einheit und das Lebensgefühl junger ostdeutscher Menschen. Das Gespräch beginnt zunächst mit einer Kontextualisierung des aktuellen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus, die für die neuen Bundesländer keine neuen Phänomene sind. Wolle erinnert an die schweren Ausschreitungen in Rostock Anfang der 1990er-Jahre, die damals allerdings keine politische Manifestation gefunden haben. Jetzt aber stehen wir vor einem „Siegeszug der AfD, der in Sachsen und Thüringen erschreckende und gefährliche Formen annimmt.“ Das gesamte Parteiensystem, wie wir es kennen, wird durcheinandergebracht. „Jeder fragt sich jetzt: Was hat das mit der DDR zu tun, mit der Wende? […] Da sind alle Beobachter ziemlich hilflos – und ich auch.“

Herr Dr. Wolle, gibt es eine ostdeutsche Mentalität? Richard Schröder hat in einem Beitrag für die Welt geschrieben, die Ostdeutschen seien erst nach 1989 erfunden worden.

Ja, ich habe die Entdeckung der ‚schönen‘ DDR immer für ein Nachwendephänomen gehalten.

Wie konnte eine Mentalität, die die Verklärung der DDR in sich trägt, entstehen?

Mein Interpretationsmuster ist grob gesagt folgendes: Die große Masse der Leute war 1989 schon froh, dass sie die DDR endlich los war, und hat ganz bewusst und gezielt am 18. März 1990 für die Partei gestimmt, die ihnen versprach, die deutsche Einheit schnell und ohne Wenn-und-Aber durchzuziehen: Im Unterscheid zur SPD hatte das die CDU versprochen und so avancierte die komische Blockpartei zum Hoffnungsträger der Nation – und Kohl gewann, obwohl er gar nicht zur Wahl stand.

Dann begann das große Lamento über die Transformation, deren Schwierigkeiten man natürlich hätte absehen können: In einer OECD-Studie war damals zu lesen, dass das Nachholen ungefähr so viel Zeit in Anspruch nehmen wird wie die DDR existierte – und das ist wahrscheinlich zu niedrig geschätzt.

Viele Gebiete der früheren DDR sind zudem identisch mit denen östlich der Elbe, die immer schon als ein Synonym für das galten, was zurückgeblieben war – was nicht für Sachsen und erst recht nicht für Thüringen gilt. Aber alles Ostelbische war seit Jahr und Tag dort, wo sich Ochs und Hase ‚gute Nacht‘ gesagt haben. Das war Jahrhunderte lang so.

Historische Pfade schreiben sich also fort?

Historische Grenzen bleiben noch über Jahrhunderte bestehen, auch die Elbe-Saale-Grenze. Aber darauf will ich nicht abstellen: Wer aus Pasewalk stammte und etwas werden wollte, ging schon früher nach Berlin oder Stuttgart oder nach Köln.

Junge Ostdeutsche sind weltoffen

Aber die Erwartung wäre gewesen, um Ihre Ausstellung jetzt als Ausgangspunkt zu nehmen …

Jetzt wird es interessant, um Ihre Frage zu beantworten, bevor Sie sie gestellt haben: Unsere 16 Protagonisten bieten ein vollkommen anderes Bild, ganz ohne „ostdeutsche Mentalität“: Da tritt uns eine Generation entgegen, die ist weltoffen, weltgewandt, studiert gerne im Ausland, plappert Englisch schneller als Deutsch, sie ist optimistisch, zukunftsfroh, mit sich eins und mit ihrer beruflichen und materiellen Situation zufrieden. Sie ist stolz auf das, was sie schon erlebt und geleistet hat.

So könnten Sie auch junge, gut ausgebildete Menschen aus den westlichen Bundesländern beschreiben.

Sie unterscheiden sich kaum. Heimat spielt eine gewisse Rolle, das ist die Erinnerung an Eltern und Großeltern, an die Kindheit und das Herkommen. Aber zur Heimat gehört auch, dass man sie verlassen und jederzeit zurückkehren kann. Das ist selbstverständlich geworden – das war ja mal anders in Deutschland. Meine Töchter sind auch alle so, mein persönlicher Erfahrungshorizont beißt sich vollkommen mit dem, was ich in Zeitungen über eine ostdeutsche Mentalität lese.

Hatten Sie überhaupt den Eindruck, dass die DDR und die Friedliche Revolution noch ein Gesprächsthema sind?

Mit den 16 Protagonisten unserer Ausstellung haben wir darüber geredet – für sie ist es ein historisches Thema. Die DDR ist ein Stück Geschichte.

Haben die Transformationsjahre keine große Delle in den Familienbiografien hinterlassen?

Kann ich nicht feststellen. Nur hat die Sache jetzt einen Pferdefuß: Wir bieten mit der Ausstellung keine repräsentative Analyse, es ist eine Momentaufnahme und wir haben die Leute genommen, die sich freiwillig gemeldet haben. Und das impliziert ja in gewisser Weise: Wer sich für so eine Sache freiwillig meldet, ist eins mit sich selbst – es kommt ja keiner an, um bei so einem Projekt herumzulamentieren und herumzujammern.

Wir hatten in der SUPERillu und in den ‚sozialen Medien‘, wie man so schön sagt, einen Aufruf veröffentlicht. Typisch war – das war das Einzige, was mich bei der ganzen Geschichte überrascht hat –, dass in vielen Fällen die Großeltern es in der SUPERillu gelesen haben. Es ist ja die Oma-Zeitung, sie bedient die Mentalität der Ostdeutschen offenbar sehr geschickt und ist damit die erfolgreichste Illustrierte im Osten.

Kulturelle Ostalgie der Älteren

Was genau bedient die SUPERillu?

Ganz merkwürdig: Die SUPERillu macht auf kulturellem Gebiet vorsichtig auf Ostalgie, mit Artikeln über Schlagersternchen der 70er-, 80er-Jahre so nach dem Muster ‚Was ist eigentlich aus … geworden‘?

Unpolitisch.

Ja, geboten wird keine politische Ostalgie, die SUPERillu vertritt gegen die Stasi immer noch eine harte Linie. In dieser Ausgabe [Anfang November] ist ein langes Interview mit und Porträt von Roland Jahn abgedruckt, der als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen für manche Leute eher eine Hassfigur ist. – Das scheint die Mixtur zu sein, die bei den Leuten im Osten gut ankommt, bei der Oma-Generation, die sich gerne erinnert an ihren Alltag, wie sie selber Kuchen gebacken hat, früher war es noch so schön, das kennt man ja alles, das hat meine Oma auch immer erzählt, obwohl sie ein schwieriges Leben hatte. Filme oder der Fußballclub von annodunnemals sind interessant, auch, was jetzt so in den neuen Bundesländern los ist, aber politisch gibt es eine klare Abgrenzung zur DDR/SED – diese Mixtur ist sorgsam austariert, sie müssen ihre Zeitschrift verkaufen und das ist ja nicht so einfach.

Sie schildern das unpolitische Bedürfnis, sich an den Alltag von früher zu erinnern. Petra Köpping vertritt in ihrem Buch „Integriert doch erst einmal uns!“ die These, dass es den Ostdeutschen an Anerkennung für ihre Lebensleistung fehle.

Unsere 16 jungen Protagonisten haben Anerkennung, sie sind auch stolz auf das, was sie geleistet haben. Aber es gab nach 1989/90 natürlich schwere Verwerfungen im Osten, wer würde das bestreiten, als ganze Betriebe stillgelegt wurden und es über Nacht in einer kleinen Stadt über Tausend Arbeitslose gab. Da muss man immer hinzufügen, dass sich die Menschen in der DDR-Gesellschaft tatsächlich viel stärker über ihre Arbeit definiert haben, als es in der freien Wirtschaft üblich ist.

Die Narben der Transformation

Der wirtschaftliche Umbruch war sehr, sehr bitter für viele, egal wie sie zur DDR gestanden haben, ob sie in der Partei waren oder sie sich innerlich als Gegner des Systems empfunden haben. Für alle stellte sich mit der Arbeitslosigkeit eine Gemeinsamkeit her, meiner Ansicht nach ist damals dieses DDR-Gefühl erfunden worden. Viele wollten die neue Gesellschaft im Grunde daher nicht anerkennen, es war nicht mehr ihre Zeit, sie waren enttäuscht, haben nichts mehr zustande bekommen. Und was für Leute gehen heute in Chemnitz oder so auf die Straße? Das sind zum Teil diese über 60-Jährigen, die Generation, die es 89 getroffen hat. Es sind nicht die Kids. Ich habe mir einmal eine Pegida-Demonstration angesehen, das war ein klägliches Häuflein.

Unsere Ausstellung hat mit dem Bild der Abgehängten und Verbiesterten nicht das Geringste zu tun. Sie ist ein deutlicher Kontrapunkt, der nicht beabsichtigt war – wir wussten nicht, was auf unseren Aufruf folgt, es war ein Experiment mit offenem Ausgang.

Ihre These ist also, dass die ostdeutsche Mentalität, die nach 89 entstanden ist, sich mit den nachfolgenden Generationen auswächst? Armin Nassehi hat dagegen in seiner Festrede zum 20-jährigen Bestehen der Bundesstiftung Aufarbeitung die ostdeutsche Mentalität in den Strukturen der DDR verortet.

Aber das System hat viel Widerspruch erzeugt. Ich bin ja auch in dem System groß geworden, fühle mich aber nicht durch totalitäre Strukturen geprägt – das bestreite ich einfach.

Kann man in einer Diktatur den Menschen überhaupt politisch umerziehen? Oder sind Prager Frühling und Friedliche Revolution nicht vielmehr die Belege für das Gegenteil?

Ich habe ja die ganzen Jahre durchlaufen in der DDR, die meisten waren der Meinung, da kann man eben nichts machen. Manche haben heimlich gemeckert, aber wenig unternommen, solange es keine reale Chance auf Veränderung gab. Als es die gab, ging es sehr schnell, dass Zehntausende auf der Straße waren.

DDR-Opposition: Bewahrung der eigenen Würde

Hatte die Opposition der Friedlichen Revolution etwas mit auf den Weg gegeben?

Als in den 80er-Jahren die Oppositionsgrüppchen immer stärker wurden, bewegten sie sich im kirchlichen Raum, obwohl viele überhaupt nicht christlich waren. Man hatte gewisse Rücksichten zu nehmen auf die Kirche, die immer darauf Wert gelegt hat, dass die Veranstaltungen auch einen theologischen Rahmen haben. Es gab Friedensandachten, obwohl es rein politische Veranstaltungen waren. Dabei wurden kaum Zukunftsvisionen, keine politischen Handlungsoptionen entwickelt. Es war nach meiner Erfahrung – die ist rein berlinerisch – eher eine metapolitische Opposition, der es um die Bewahrung der eigenen Würde ging.

Wenn ich politisch agiere, überlege ich ja genau, was will ich erreichen, welche Vorstellungen habe ich, wie erreiche ich es am besten, mit wem schließe ich Kompromisse. In der DDR aber habe ich nicht daran geglaubt, dass es sich ändern würde, mir ging es wirklich darum, noch in den Spiegel gucken zu können. Das klingt pathetisch. Aber ich hatte nie die Vorstellung, es würde einen friedlichen Zusammenbruch der DDR gegeben. Wenn überhaupt konnte ich mir eine gewaltsame Auseinandersetzung, vielleicht sogar einen Krieg vorstellen – ich ging immer von der Sowjetunion aus, die ich ziemlich gut kennengelernt hatte, und konnte es mir nicht anders vorstellen als mit brutaler Gewalt, mit Aufständen und Wirtschaftskrisen und letztendlich hatte ich sogar vermutet, dass es einen neuen Stalinismus geben würde. Ich habe die irgendwie überschätzt, die kommunistischen Herrschaften, irgendwie hatten sie ja auch immer gepredigt, wir geben die Macht nicht aus der Hand, es war immer ein sehr martialisches Auftreten. Vielleicht habe ich ein bisschen zu viel über Geschichte gewusst. Ich hatte, wie andere, keine Vorstellung davon, wie eine künftige Gesellschaft aussehen soll, gesprochen wurde vor allem zum Beispiel über friedliche Erziehung und darüber, den Kindern kein Kriegsspielzeug zu geben.

Es ging um den Alltag?

Ja. Wenn es überhaupt eine vage politische Vorstellung gab, die sich definieren lässt, war das tatsächlich die Vorstellung vom demokratischen Sozialismus. Bis zur großen Demonstration am 4. November 89 war es für viele selbstverständlich, dass es nicht zur Abschaffung der DDR kommt. Hört man sich noch einmal die Reden an, ist aber auch ganz offensichtlich, dass man bestimmte Leute gar nicht ans Mikrofon gelassen hat. Und was Stefan Heym und Christa Wolff erzählt haben, ging ja alles in diese Richtung. Expressis verbis wurde der Sozialismus gefordert und Christa Wolff hat ja einige Tage später zusammen mit Egon Krenz den Aufruf „Für unser Land“ veröffentlicht. Das war die dominierende Stimmung, aber diese wurde von hinten überrollt: In dem Moment, in dem die Demonstrationen zur Massenbewegung geworden waren, zwischen dem 4. und 9. November, wurden diese ganzen Experimentalvorstellungen über den Umbau der Wirtschaft oder die Idee der Rätedemokratie fortgespült von der Euphorie der großen Massen, die bisher vollkommen passiv und lethargisch gewesen waren.

Pragmatisches Ziel: Anschluss an den Westen

Also war die Verbundenheit der Opposition mit der Kirche der Not geschuldet und nicht zukunftsfest, zugleich wurden die Vorstellungen von einem besseren Sozialismus von der Geschichte aussortiert. Die Friedliche Revolution hat damit kein Erbe, das weiterzutragen wäre?

Die Friedliche Revolution war: so schnell wie möglich Anschluss an den Westen. Ich erkläre es mir so, da bin ich ja fast marxistisch: Die Leute sind in den Tagen nach dem Mauerfall zum ersten Mal in den Westen gefahren und haben gesehen: So möchten wir auch leben, diesen Wohlstand und diese individuelle Freiheit, diese Möglichkeiten, tolle Urlaubsreisen zu machen, schicke Autos zu kaufen und so weiter – das wollen wir genauso, wir wollen es auch und zwar so schnell wie möglich, wobei ich gerne einräume, dass natürlich der real existierende Kapitalismus ja einen großen Vorzug hat: Die Fassade ist superschön. Stellen Sie sich vor, wie es dagegen früher hier war: Vor so einem Lokal hat man früher draußen Schlange gestanden, und dann kam einem erst einmal der Kellner dämlich und erklärte, was man alles falsch gemacht hatte. Heute tritt man ein und sagt, was man will, und wehe, das gibt es nicht. Es war schön, die 100 Mark Begrüßungsgeld abholen zu können, und da dachten viele, dass sie keine neuerlichen Experimente am lebenden Volkskörper wollen, keine Visionen und keine wolkigen Sachen, ‚jetzt wollen wir richtig Westen, Konsum und Gummibärchen futtern, bis sie aus den Ohren wieder rauskommen‘. Das war die Revolution.

Die Friedliche Revolution ist vollendet?

Das ist historisch erledigt, das hat funktioniert. Was die Leute wollten, ist eingetreten – nicht ganz so, wie sie es sich gewünscht haben, aber das Leben ist eben immer anders und viele haben profitiert, rein materiell, und es ging ihnen sehr schnell sehr viel besser als vorher. Auch der Geldumtausch am 1. Juli war sehr positiv gestaltet, 1:2 war ja gar kein realer Kurs und die Leute hatten sehr hohe Spareinlagen, der Umtausch war wirtschaftlicher Unsinn, aber politisch richtig. Damals hatte Lafontaine die Parole ausgegeben, was wirtschaftlich falsch sei, könne nicht politisch richtig sein. Aber da irrte er eben.

Was fehlt: Zurückeroberung der nationalen Symbole

Trotzdem gibt es im Osten heute keinen politischen Grundkonsens.

Da müsste man jetzt die andere Seite fragen: Was sagen die, die bei Nazi-Demonstrationen mitmarschieren? Ich selbst habe keinen Kontakt zu solchen Leuten, war aber einmal eingeladen, in der Gegend von Görlitz auf einer Veranstaltung der DSU einen Vortrag zu halten. Die Partei hatte bei der Wende eine gewisse Rolle gespielt und ist sehr ins rechte Lager abgerutscht. Ich bin hingefahren, es kamen vor allem ältere Leute, machen hatten Schlipse in schwarz-rot-gold umgebunden und zu Beginn der Veranstaltung wurde die Nationalhymne gesungen – Einigkeit und Recht und Freiheit. Es ist wirklich traurig, dass unsere ganz offiziellen nationalen Symbole, auch unsere schwarz-rot-goldene Trikolore der Freiheit, praktisch von den Rechtsradikalen belegt ist. Bei einer normalen Veranstaltung mag man deshalb als normaler Bürger die Nationalhymne gar nicht singen. Das zeugt davon, dass wir immer noch keine normale Nation geworden sind.

Herr Dr. Wolle, vielen Dank für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte:

Natalie Wohlleben

Erschienen am:

14. Januar 2019

Wortmeldungen

Richard Schröder
Die Erfindung des Ostdeutschen
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Oktober 2018

Richard Schröder rechnet mit der selbstgewählten Unmündigkeit derer ab, die PEDIDA und AfD hinterherlaufen. Sie hätten offenbar vergessen, dass der Elitenwechsel nach 1989 maßgeblich Vertrauen in das westliche und dann gesamtdeutsche System geschaffen habe. Auch sei die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation insgesamt aus dem Blick geraten. Wer mit den gegenwärtigen Zuständen nicht einverstanden sei, sollte sich aber ernsthaft politisch engagieren.

Armin Nassehi
Festrede anlässlich des 20. Jahrestages der Gründung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Berlin, 17. Oktober 2018

Der Soziologe Armin Nassehi verortet die Ursprünge der ostdeutschen Befindlichkeiten und Schwierigkeiten mit dem gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Modernisierungstempo in der DDR: Das repressive System der SED habe die Gesellschaft an ihrer Weiterentwicklung gehindert und es damit an entsprechenden Erfahrungen fehlen lassen, mit Veränderungen umgehen zu können.


Rezension

Petra Köpping

Integriert doch erst mal uns! Eine Streitschrift für den Osten

Berlin, Ch. Links Verlag 2018

Petra Köpping fragt nach der Distanz vieler Ostdeutscher zur Demokratie und ihrer Politik. Warum sind die Rechtspopulisten in den neuen Bundesländern stärker als im Westen? Die Ursachen sieht sie in der Nachwendezeit, in der viele Erwerbsbiografien abbrachen, weil die Treuhand das ostdeutsche Vermögen verschleuderte. Die Bürger*innen fühlten sich seitdem als Kollektiv gering geschätzt und einige von ihnen versuchten jetzt offenbar mittels des Rechtspopulismus, in den öffentlichen Diskurs einzugreifen. Ihre Wut richteten sie dabei auf die Flüchtlinge anstatt auf den Kern des Problems: die sozialen Ungerechtigkeiten.

zur Rezension


 Literatur

Adriana Lettrari / Christian Nestler / Nadja Troi-Boeck (Hrsg.)
Die Generation der Wendekinder. Elaboration eines Forschungsfeldes
Wiesbaden, Springer VS 2016

Robert Ide
Geteilte Träume: Meine Eltern, die Wende und ich
München, Luchterhand Literaturverlag 2007


Aus der Annotierten Bibliografie

Stefan Wolle

Der große Plan. Alltag und Herrschaft in der DDR (1949-1961)

Berlin: Ch. Links Verlag 2013; 438 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-86153-738-0
„‚Auch Tanzmusik ist eine Klassenfrage‘“, zitiert der Historiker Stefan Wolle einen Kohlekumpel, der im Januar 1959 auf einer Tanzmusikkonferenz ein Grußwort zu sprechen hatte – und diese „denkwürdigen Worte“ (350) illustrieren auf den Punkt, warum die DDR scheitern musste: Die dauerhaft repressiven Versuche, den Menschen jede Facette ihres Lebens vorzugeben, sei es die Musik, die sie hören sollten, die Kleidung, die als angemessen gesehen wurde (keine „...weiterlesen


Stefan Wolle

Aufbruch nach Utopia. Alltag und Herrschaft in der DDR 1961-1971

Berlin: Ch. Links Verlag 2013; 440 S.; 2., durchges. Aufl.; 29,90 €; ISBN 978-3-86153-619-2
„Die Insel Utopia […] wird existieren, solange sie gesucht wird. Und sie wird zugrundegehen, wenn Eroberer ihre Fahne dort aufpflanzen, um das Eiland ihrem irdischen Reich einzuverleiben.“ (420) So ähnlich sind – zumindest aus Sicht der zunächst Wohlmeinenden – die mittleren Jahre der DDR verlaufen, die Stefan Wolle im zweiten Teil seiner Trilogie über die DDR (siehe Buch‑Nr. 7196 und 44673) gewohnt luzide in ihre charakteristischen Einzelteile zerlegt – aus dem „Aufbruch nach Utopia“...weiterlesen


Stefan Wolle

Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989

Berlin: Ch. Links Verlag 1998; 423 S.; ISBN 3-86153-157-7
Der Autor - in der DDR aufgewachsener Historiker, Mitarbeiter beim Komitee für die Auflösung des MfS und seit dem 3. Oktober 1990 beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen - reflektiert die Geschichte der DDR nach Ulbricht. Besonders auffällig ist sein Stil: witzig, mit Ironie und mit Sarkasmus nicht sparend, treibt Wolle die Dinge bisweilen auf die Spitze. Dies kommt nicht von ungefähr, denn die "grotesken und lächerlichen Züge des Realsozialismus waren nicht zu übersehen und wurden auch...weiterlesen


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