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Rezension

Nachhaltigkeit interdisziplinär
Konzepte, Diskurse, Praktiken: ein Kompendium


Viele reden über Nachhaltigkeit, meinen damit aber selten dasselbe. „Die Klage über den inflationären Gebrauch des Nachhaltigkeitsbegriffs ist selbst schon inflationär.“ (11) Dem programmatischen Titel des Kompendiums „Nachhaltigkeit interdisziplinär“ folgend, geht es den Autor*innen darum, zur disziplinübergreifenden Verständigung in der Nachhaltigkeitsdebatte beizutragen.

Herausgegeben wird der Sammelband von Ursula Kluwick, die an der Universität Bern als Oberassistentin für moderne englischsprachige Literatur schwerpunktmäßig im Bereich Environmental Humanities arbeitet und Evi Zemanek, die als Professorin für Medienökologie an der Universität Freiburg zu aktuellen und historischen Nachhaltigkeitsdiskursen forscht. Die beiden Kulturwissenschaftlerinnen wollen mit ihrem Werk ein Gegenwicht zu den zahlreichen den Diskurs beherrschenden wirtschaftlichen und umweltwissenschaftlichen Veröffentlichungen schaffen und sich zugleich von der Flut an Ratgeberliteratur zu nachhaltiger Lebensweise abgrenzen.

Mit ihrem Lehrbuch, das sich an auch an Fachfremde und Nicht-Akademiker*innen richtet, verfolgen die Herausgeberinnen die Multiperspektivität als Hauptziel. Jede/r der Autor*innen reflektiert zunächst das jeweils facheigene Nachhaltigkeitsverständnis und dessen Entwicklung. Daran anschließend werden die als relevant eingeschätzten Praktiken, Perspektiven und Probleme der eigenen Disziplin im Themenkontext beschrieben. Abgerundet werden die Beiträge, passend zum Lehrbuchformat, durch Literaturempfehlungen. Ein Teil der Beiträge geht auf die von den Herausgeberinnen im Juni 2016 am FRIAS (Freiburg Institute for Advanced Studies) veranstaltete Tagung „Rhetorik der Nachhaltigkeit“ zurück.

Auf die typischen interdisziplinären Gemeinplätze, mit denen oft versucht wird, den kaum noch überschaubaren Nachhaltigkeitsdiskurs auf gemeinsame fachübergreifende Nenner zu zwingen, wollten die Herausgeberinnen nach Möglichkeit verzichten. Als vorgreifendes Resümee der Beitragsvielfalt schreiben sie der Einleitung, dass sich in der Gesamtschau der Buchkapitel bestimmte Gemeinsamkeit erkennen ließen: etwa, dass sich insbesondere die deutsche Nachhaltigkeitsdebatte im Laufe der Zeit vom ökologischen Fokus zum Teil verschoben hat, nämlich auf den allgemeineren Aspekt der zukunftsgerichteten dauerhaften „Bewahrung“. Einstimmig werde in allen Beiträgen die hohe Komplexität betont, die den Umgang, die Bewertung und die Analyse von Nachhaltigkeit kennzeichnet und wenig Hoffnung auf einfache oder zeitnahe Lösungen lässt. Als wichtige Maßnahme nennen die Herausgeberinnen Bildung beziehungsweise Ausbildung, die der erwähnten Komplexität angemessen sein müsse. Zudem betonten sie, sehr zurecht, dass die Aufforderung zur individuellen Verantwortung im Nachhaltigkeitsdiskurs vor allem politische Partizipation adressieren muss und nicht, wie so oft, nur Fragen des Konsumverhaltens.

Kluwick und Zemanek verorten sich im jungen Forschungsfeld der sogenannten Environmental Humanities, also einer neuen geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Form der Umweltforschung. Der Sammelband wurde dann auch merklich mit einem Schwerpunkt auf die kulturelle Dimension der Nachhaltigkeit zusammengestellt. Dass keine Beiträge aus den Umwelt- und Klimawissenschaft aufgenommen wurden, sei, aufgrund der Omnipräsenz dieser Disziplinen im Diskurs, eine bewusste Entscheidung gewesen.

Einer der wenigen Beiträge aus originär naturwissenschaftlicher Richtung stammt vom Freiburger Forstwissenschaftler Roderich von Detten. Er beschäftigt sich jedoch in erster Linie aus einer Metaperspektive begriffsgeschichtlich mit Nachhaltigkeit. Die Waldökologie oder Forstwirtschaft spielt in seinem Beitrag fast eine Nebenrolle. Eingangs verweist er auf das über 300 Jahre alte forstwissenschaftliche Werk Sylvicultura oeconomica von Hans Carl von Carlowitz, das sehr häufig als Gründungsnarrativ der Nachhaltigkeitsdebatte angeführt wird. Dass sich gerade die deutsche Forstwirtschaft in vermeintlich direkter Traditionslinie als „Urheber, Pate und Hüter“ (70) der Nachhaltigkeit darstellt, sieht der Autor, wie ihren damit verbundenen Anspruch an Deutungshoheit kritisch. Hier diene der vorgebliche Leitbegriff der Nachhaltigkeit als Platzhalter für sehr diverse und oft konträre Konzepte für die auf Langfristigkeit angelegte Bewirtschaftung und Nutzung von Wäldern.

Nachhaltigkeit sei schon historisch vor allem als ökonomischer Begriff geprägt worden, der als Zweck nicht selten die Sicherung und Schonung eigener Ressourcen in Abwehr konkurrierender Nutzung hatte. Als entscheidend für die Popularisierung des Begriffs sieht von Detten die Verwendung im Bericht des Club of Rome Die Grenzen des Wachstums des Jahres 1972. Er betont jedoch die Unterschiede zwischen naturfokussierter Nachhaltigkeit im ursprünglichen forstlichen Sinne und dem späteren Formelkompromiss der nachhaltigen Entwicklung. Diese umfasse als komplexer Begriff auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen, mit dem Bestreben, inter- und intragenerationelle Gerechtigkeit zu gewährleisten. Damit habe sich das Begriffsverständnis „in der weitest denkbaren Weise“ (78) von Hans Carl von Carlowitz entfernt. Zusammenfassend sieht der Autor einen grundsätzlichen Widerspruch zwischen „Langfriststrategien und irreduzibler Unsicherheit“ (86). Konzepte wie die Anlage klimastabiler Wälder, die sich selbstständig den Klimawandelfolgen anpassen und widerstehen können, sieht er daher skeptisch.

Auf der Metaebene siedelt auch der Kultursoziologe Tobias Schlechtriemen seinen Beitrag an. Zu Schlechtriemens grundlegenden Beobachtungen zählt, dass Nachhaltigkeit (im Westen) für sehr viele Menschen hohe Relevanz habe, die sich zudem fast ausschließlich positiv auf den Begriff bezögen. Dafür, dass somit „Nachhaltigkeitsvorstellungen […] einen wichtigen Teil des sozialen Imaginären“ (28) bilden, sei die Unschärfe und damit Anschlussfähigkeit des Begriffs jedoch grundlegende Voraussetzung. Auch wenn Umweltaktivist*innen aus nachvollziehbaren Gründen den Begriff gegen missbräuchlichen Gebrauch abgrenzen möchten. Der Autor entwickelt aus einer Perspektive der Ideen- und Wissensgeschichte einen Analyserahmen, um verschiedene historische Nachhaltigkeitsverständnisse vergleichend zu betrachten. Beispielhaft wendet er seine Kriterien auf drei zentrale Urdokumente der Debatte an: Die bereits erwähnten Schriften Sylvicultura oeconomica von Hans Carl von Carlowitz, Die Grenzen des Wachstums vom Club of Rome und den sogenannten Brundtland-Bericht, der unter dem Titel Our Common Future erschien. Mit dem zuletzt genannten Werk stammt das jüngste Beispiel aus dem Jahr 1987. Es wäre sicherlich interessant gewesen, in diese Reihe auch die 2015 verabschiedeten Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen miteinzubeziehen, da sie wohl als derzeitig wichtigstes Grundlagendokument der Debatte gelten können.

Nicht nur die Bezugseinheit der Texte habe sich stark verändert: vom „Holzvorrat im Land Sachsen“ (46) zum planetaren Blick auf das gesamte Ökosystem; auch die Darstellungsformen sowie Wissens- und Sinnformationen haben sich und wurden vor allem auch intendiert weiterentwickelt. Das Weltmodell, das vom Massachusetts-Institut für Technologie (MIT) für die Studie entwickelt wurde, die im Original The Limits to Growth heißt, beruht auf fünf Tendenzen wie etwa Bevölkerungswachstum und Unterernährung. Damit sei von den Autor*innen eine Rahmung vorgenommen worden, genauso wie das berühmte Bild der Erde als „blue marble“ (43) aus dem Weltall mit Bedeutung aufgeladen sei. Schlechtriemen betont die Unmöglichkeit, die Erde oder die Menschheit objektiv darzustellen. Im Nachhaltigkeitsdiskurs sei es besonders wichtig, zugrundeliegende Weltbilder und ihre Entstehungsbedingungen zu hinterfragen. Sonst laufe man Gefahr, „Selbstverständnisse, Wertungen, Ansprüche, soziale Asymmetrien etc., die politisch wirksam sind“ (48), zu übersehen.

Während die einführenden Texte zum Nachhaltigkeitsbegriff bewanderten Leser*innen eine sehr gute Zusammenfassung, aber wahrscheinlich insgesamt nur begrenzt neue Inhalte bieten, finden sich im Buch auch ungewöhnliche Perspektiven: So schreibt Thorsten Philipp, der in Lüneburg, München und Friedrichshafen lehrt, über Nachhaltigkeit in der Popmusikforschung. Pop und Rock haben in der Vergangenheit nicht nur eine große Rolle als Stimme und Mobilisierungsinstrument sozialer Proteste gespielt, sondern auch „in der Kommunikation normativer Orientierungen und in der kollektiven Verarbeitung von Risiko-, Gefahren- und Niedergangswahrnehmungen“ (330). Auch für die Bewältigung aktueller Umweltfragen sei Popmusik von großer Bedeutung, so die These Philipps. Dieser Aspekt sei bisher wenig erforscht. Popmusik, als nicht klar abgrenzbare Genrebezeichnung, zeichne sich unter anderem durch ihre Körperlichkeit, den Bezug zur Jugendkultur und Kommerzialisierung aus. Sie trage im Nachhaltigkeitsdiskurs dazu bei, als „Politainment“ (333) und vorpolitischer „Alltagscode“ (333) gesellschaftliche Konventionen infrage zu stellen und politisches Handeln zu legitimieren. Als Beispiele nennt der Autor etwa Udo Jürgens Mein Baum oder Gebet an den Planet von Thomas D, die sich aber alle nur indirekt auf Nachhaltigkeit bezögen. Kritisch kommentiert er die teilweise „Vereinnahmung des Umweltdiskurses durch den Kommerz“ (343), etwa im deutschen Schlager. Offen bleibt jedoch die Frage, warum es interessanterweise in der Gegenwart und den vergangenen Jahren nur noch sehr vereinzelte und auch nicht besonders populäre Beispiele für Lieder mit zumindest mittelbarem Nachhaltigkeitsbezug gibt, trotz der, gerade im Jugendbereich, gegenwärtig starken Popularisierung des Themas.

Verfasst von:

Wolfgang Denzler

Erschienen am:

27. März 2020

Evi Zemanek / Ursula Kluwick (Hrsg.)

Nachhaltigkeit interdisziplinär. Konzepte, Diskurse, Praktiken. Ein Kompendium

Wien, Böhlau Verlag (utb) 2019

Rezension


Daniela Gottschlich

Kommende Nachhaltigkeit. Nachhaltige Entwicklung aus kritisch-emanzipatorischer Perspektive

Baden-Baden, Nomos 2017 (Feminist and Critical Economy 4)

Die Nachhaltigkeit steht im Zentrum der Auseinandersetzung über eine zukunftsorientierte, ökologische und ressourcenorientierte Form des Wirtschaftens und Zusammenlebens. Daniela Gottschlich geht in ihrer Dissertation davon aus, dass Nachhaltigkeit nur weitergedacht gedacht werden kann, wenn diese als Diskurs verstanden wird. Im Mittelpunkt steht dann die Frage, was Nachhaltigkeit aus kritisch-emanzipatorischer Perspektive überhaupt heißen kann. Sie identifiziert Elemente eines emanzipatorischen und transformativen Verständnisses, das sie als kommende Nachhaltigkeit bezeichnet.

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