Portal für Politikwissenschaft

Dieser Artikel wurde veröffentlicht von: Logo
Portal für Politikwissenschaft
Osterstraße 124 | 20255  Hamburg 

Rezension

Post-2030-Agenda und die Rolle des Weltraums
Die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen und ihre Weiterentwicklung über 2030 hinaus

In diesem Sammelband, in dem neun Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Nationen zu Wort kommen, geht es um die Frage, inwieweit eine nachhaltige Entwicklung langfristig, auch über 2030 hinaus, gesichert werden kann. Die Autor*innen vermitteln Denkanstöße, wie diese Ziele realisiert werden können und beziehen dabei den Weltraum mit seinen unterschiedlichen Implikationen in ihre Gedanken mit ein.

So spricht sich Takuya Wakimoto für den Einsatz von künstlicher Intelligenz in den Ländern des globalen Südens aus – eine neue Lösungsstrategie, die nicht mehr allgemein problem-, sondern eher zweckorientiert ist. So sollten für die Lösung konkreter Probleme geeignete neue Technologien entwickelt und Künstliche Intelligenz bei der Entwicklung von Satelliten-Systemen gezielt eingesetzt werden. Eine solche Strategie könne den Millenniums-Entwicklungszielen (MDGs) gerecht werden. Neue Technologien sollten beispielsweise bei der Überwindung von Sprachbarrieren eingesetzt werden. Die Förderung von Information, Kommunikation und Technologien könnten die Sammlung einer gigantischen Menge an Daten ermöglichen, die Expert*innen nutzen und auswerten könnten. Über Satellitensysteme könnte ein Datenaustausch global und simultan erfolgen. Die erweiterte Datenmenge könne die Entscheidungsfindung der Experten erleichtern, da mehr Alternativlösungen sichtbar werden. Durch eine solche Entwicklung ließen sich auch Kosten einsparen, wie beispielsweise die für Reisen von Expert*innen. Ferner können die Durchführbarkeitsstudien durch den Einsatz von Satelliten und neuen Technologien verbessert werden.

Dabei sieht der Wissenschaftler durchaus Probleme beim Einsatz von neuen Technologien in Ländern des globalen Südens: So sei zwar die Investition in Satellitensysteme aufgrund möglicher internationaler Förderung risikoarm, die langfristige Finanzierung von künstlicher Intelligenz sei jedoch nicht gesichert, zugleich fehle es dort an Humankapital.

Hohe Kosten für Kapitaltransfers lassen sich nach Meinung von David Lindgren mithilfe von „space-based cryptocurrencies“ (11), Kryptowährungen, die über Nano- und Mikrosatelliten-Industrie transferiert werden, einsparen. Die auf „blockchain“ (19) beruhenden Transaktionen sind ein System von erweiterbaren Listen von Datensätzen, die kryptografisch miteinander verkettet sind und kosteneffektiv globale Transaktionen ermöglichen sollen. Auch hierbei kommt man ohne Satelliten nicht aus. Beispielsweise habe die SolarCoin Foundation eine Geschäftsbeziehung mit der Satelliten-Firma Cloud Constellation begründet. Diese unterhält ein globales Datenlager im Weltraum, um Schutz vor Hackern zu bieten. Insgesamt sei das globale Finanzsystem gegenwärtig allein wegen der existierenden Finanztransfersysteme sehr teuer. Wakimoto erachtet es für notwendig, diese Kosten zu denken, um über mehr Ressourcen für die Entwicklung zu verfügen.

Dass die grundwasserführende Schicht unter der Erde rapide abnehme, konstatiert Christoffel Kotze und weist beispielhaft auf den Wassermangel in Cape Town in Südafrika hin. Notwendig seien Technologien, die Daten über den Gebrauch von Wasser liefern, um das Verbraucherverhalten zu beeinflussen. Eine nachhaltige Entwicklung könne nur gewährleistet werden, wenn das Konsumverhalten der Menschen kontrolliert werde und automatisierte Prozesse und Maschinen eingeführt werden, um Nachhaltigkeit „via algorithm“ (45) zu gewährleisten.

Samuel Anih geht auf die Frage ein, inwiefern man jenseits der Erdumlaufbahn, auf dem Mond oder auf dem Mars, Ressourcen erforschen und ausbeuten könne, damit der Mensch eine „multi-planetary“-Spezies (47) werde. Dabei gelte es, eine die nötige Sicherheit gewährleistende Infrastruktur auf der Erde und im Weltall zu garantieren.
J. Claire Wilhelm hebt hervor, dass es bei der Agenda 2030 um den Schutz des Wassers, der Luft und des Bodens der Erde gehe. Der Schutz des Erdorbits sei jedoch übersehen worden. Nur dieser geringe Teil des Weltraums sei für den Planeten Erde nützlich, er werde aber durch Satelliten und nutzlosem „space junk“ (59) verschmutzt und überfüllt. Seit dem Sputnik-Absturz im Jahre 1957 seien etwa 4.600 Missionen gestartet worden. Allein die etwa 1.738 Teile an Weltraum-Hardware, die sich gegenwärtig im Orbit befinden, die Zahlen differieren, kosteten Trillionen von Dollar, die von verschiedenen Regierungen dieser Welt gezahlt worden seien. Es gehe um den Schutz dieser Satelliten, damit es nicht zu Kollisionen komme. Tausende von defekten Satelliten kreisten im Orbit herum. Der Weltraum gehöre zur globalen Umwelt und müsse wie Luft und Wasser geschützt werden. Er spricht sich für eine internationale „technical diplomacy“ (70) aus, die den Weltraum als unsere Umwelt schützt.

Die große Rezession des Jahres 2008 habe die systematischen Mängel der Weltwirtschaft und ihrer finanziellen Subsysteme bewiesen, lautet die These Anton de Waal Alberts. Es habe sich gezeigt, dass die Entwicklungen der Märkte kaum vorhersagbar sind. Deutlich wurden zudem die Mängel des strategischen Managementsystems. Für die Menschen und ihre Umwelt seien aber ein effizientes und robustes Wirtschafts- und Finanzsystem sehr wichtig. Eine moderne globale Weltraumindustrie könne als ein „techno-economic driver“ (71) der nachhaltigen Entwicklung und dem Managementsystem des Planeten dienen. Zwar könne man die Zukunft nicht voraussehen. In Studien ließen sich aber Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten erforschen, sodass sich die Zukunft planen und gestalten lasse. Die Weltraumwirtschaft werde zwischen 2020 und 2030 weiterhin wachsen. Ab 2030 seien neue Technologien in der Lage, Weltraumaktvitäten zu demokratisieren, sodass dieser Sektor eine größere Rolle im Weltwirtschaftssystem spielen werde.

Welche Bedeutung innovative Technologien für das europäische Wettbewerbspotenzial haben könnten, zeigt Clelia Iacomino auf. Sie schlägt der Europäischen Kommission vor, den europäischen Weltraumsektor im Hinblick auf den globalen Wettbewerb zu fördern. Innovationen, die aus der Weltraumforschung hervorgehen, beschleunigten das Wirtschaftswachstum. Direkt oder indirekt könnte die europäische Weltraumforschung zur Entwicklung von neuen Technologien führen, die der gesamten Erde dienten. Ein solcher Prozess könnte dazu beitragen, dass die Kosten sinken und neue Investitionen in institutionelle und kommerzielle Weltraumaktivitäten fließen. Das Ökosystem würde sich verwandeln und dadurch neue Möglichkeiten schaffen, um den Beitrag der Weltraumforschung für das wirtschaftliche Wachstum zu erweitern. Die europäischen Akteure haben Schritte unternommen, um den Ansatz zur Innovation der Weltraumforschungsprogramme zu transformieren. Die Intensivierung dieser Bemühungen sei für die Post-2030-Agenda essenziell. Die Weltraumforschung könnte potenziell als „driver“ (118) für die verbesserte Koordination der UN-Körperschaften dienen, die sich mit der technologischen Weltraumforschung beschäftigen. Namentlich werden das „United Nations Committee on the Peaceful Uses of Outer Space (COPUOS)“ mit seinem „Scientific and Technical subcommittee“ und dem „Legal Subcommittee“ genannt, die dazu beitragen, einen effektiveren globalen Ansatz zu entwickeln, um den politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und technischen Aspekten der Entwicklung gerecht zu werden.

Es sind Fachtexte, die Leserinnen und Lesern, die sich für den Zusammenhang zwischen der Weltraumforschung und der Entwicklung der Weltwirtschaft interessieren, einen sehr interessanten Lesestoff bieten.

Verfasst von:

Wahied Wahdat-Hagh

Erschienen am:

22. Oktober 2019

Annette Froehlich (Hrsg.)

Post 2030-Agenda and the Role of Space. The UN 2030 Goals and Their Further Evolution Beyond 2030 for Sustainable Development

Basel, Springer International Publishing 2018 (Studies in Space Policy)

Lektüre


Alexander C. T. Geppert
Phantasie, Projekt, Produkt. Astrokultur und der Weltraum des 20. Jahrhunderts
in: Aus Politik und Zeitgeschichte, APuZ 29-30/2019, Themenheft „Weltraum“

Marcus Schladebach
Wem gehört der Weltraum? Grundlagen des Weltraumrechts
in: Aus Politik und Zeitgeschichte, APuZ 29-30/2019, Themenheft „Weltraum“

Daniel A. Porras
Allmächtiger! Die Konflikte der großen Militärmächte spielen sich zunehmend im Weltraum ab. Die Bedrohung für die Sicherheit wächst
IPG, 6. September 2019


Aus der Annotierten Bibliografie


Markus Hesse

Europäische Weltraumpolitik – Sicherheitspolitische Aspekte

Berlin: Duncker & Humblot 2012 (Chemnitzer Europastudien 14); 393 S.; 98,- €; ISBN 978-3-428-13858-6
Diss. TU Chemnitz; Begutachtung: B. Neuss, M. Niedobitek. – Markus Hesse analysiert den Zusammenhang zwischen Sicherheits- und Weltraumpolitik. Damit trägt er zur Debatte über Sicherheit bei der Entwicklung europäischer Weltraumpolitik bei. Die Untersuchung bezieht sich vorwiegend auf den Zeitraum von 2003 bis 2011, da in dieser Phase mit dem Grün- und Weißbuchprozess die EU-Sicherheitspolitik auf eine neue Stufe gehoben wurde. Grundlagen der Untersuchung sind qualitative Inhaltsanalysen u...weiterlesen

Heiko Borchert (Hrsg.)

Europas Zukunft zwischen Himmel und Erde. Weltraumpolitik für Sicherheit, Stabilität und Prosperität

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2005 (Vernetzte Sicherheit 4); 170 S. ; brosch., 24,90 €; ISBN 3-8329-1410-2
Welche politischen, rechtlichen und technischen Aspekte könnten eine als europäisch verstandene Weltraumpolitik beeinflussen? Dieser Frage widmen sich die Autorinnen und Autoren des Sammelbands, der als Folge eines vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt unterstützten Workshops am Düsseldorfer Institut für Außen- und Sicherheitspolitik im März 2005 entstand. Dabei weiten die Verfasser den sicherheitspolitischen Anspruch der Europäischen Union als globaler Akteurin bis auf den Weltraum aus ...weiterlesen


 

zum Thema
Die Agenda 2030 in Deutschland

 

zur Übersicht
Neue Beiträge

Suchen...