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Rezension

Nazis und der Nahe Osten
Wie der islamische Antisemitismus entstand

In Anlehnung an den Antisemitismusforscher Günther Jikeli geht Matthias Küntzel davon aus, dass Antisemitismus unter den 12 bis 22 Millionen Muslimen in Europa stark verbreitet, sogar „oft die Norm“ (23) sei. Bei der Beantwortung der Frage, wie sich der Judenhass unter europäischen Muslimen erklären lässt, holt der Autor weit aus, indem er erläutert, wie die moderne Geschichte der arabischen Welt vom Nationalsozialismus geprägt wurde und wie sie sich auf die Gegenwart auswirkt. Küntzel arbeitet einige Probleme in der islamischen Frühgeschichte auf und geht über den Nahost-Konflikt auf das Phänomen des Antisemitismus unter Muslimen in den heutigen deutsch-europäischen Gesellschaften ein. Er beobachtet eine „Widersprüchlichkeit des Judenbildes im Koran“ (25): dieses sei pro- und anti-jüdisch zugleich. Anders als in Mekka seien in Medina etwa 10.000 jüdische Monotheisten ansässig gewesen. Mohammad habe zunächst gehofft, dass diese seine neue Religion annehmen würden, als dies aber nicht geschehen sei, habe er begonnen, Juden zu ermorden.

Wie jüdische und christliche Minderheiten als Dhimmis unter islamischer Herrschaft leben mussten, wird in diesem Band aufgezeigt, dabei wird eine Linie bis nach Berlin im Sommer 2014 gezogen, als arabische Jugendliche antisemitische Parolen verbreiteten.

Der islamistische Antisemitismus sei eine spezifische Form des Antisemitismus, die auch im islamistischen Lager verbreitet sei, sie mobilisiere das religiöse Potenzial der Judenfeindschaft. In diesem Kontext spricht Küntzel von einem „religiösen Krieg“ (48), der mit dem Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert vergleichbar sei. Ihm liege eine Märtyrerideologie zugrunde, die von der islamischen Nation geführt werde und ein totalitäres Moment umfasse, den eines Endkampfes der Partei Gottes, der „die Menschheit von der Gegenwart der Juden“ (49) befreie. Diese Form des religiösen Antisemitismus werde über verwandtschaftliche Beziehungen und über arabisch- oder türkischsprachige Massenmedien nach Europa importiert. Dabei spiele die Solidarität mit den Gegnern Israels eine Rolle, obwohl die Bewunderung für Hitler schon vor der Gründung des Staates Israel existiert habe.

Wie wichtig wurde der Antisemitismus für die deutsche Außenpolitik in den 1930er-Jahren? Zur Beantwortung dieser Frage setzt Küntzel im Jahr 1937 an, als die NS-Führung begann, die Politik des Mufti El-Husseini zu unterstützen. Ein Versuch der Briten, den antijüdischen Prediger zu verhaften und nach Madagaskar zu verbannen, scheiterte im selben Jahr.

Tatsächlich hatten die Muslimbrüder schon 1936 zum Boykott von jüdischen Geschäften in Ägypten aufgerufen. Küntzel schreibt, dass er einen 30-seitigen Bericht im britischen National Archive entdeckt habe, wonach „NS-Vertreter an Konferenzen der Muslimbruderschaft teilnahmen“ (60) und zitiert aus einer Vortragsnotiz von Oberst Hans Piekenbrock, dem Leiter der militärischen Auslandsspionage: Danach habe sich der Großmufti „für die ihm bisher geleistete Unterstützung“ (61) bedankt. Die deutsche Hilfe beschränkte sich nicht nur auf Beratung, die muslimischen Rebellen erhielten auch Waffen und Geld.

Auch im Archiv des Auswärtigen Amtes ist Küntzel fündig geworden: Der deutsche Generalkonsul in Beirut, Ferdinand Seiler, erklärt die Vereitelung des Peel-Plans im September 1937 als einen Versuch der Araber, „durch Terror die Juden einzuschüchtern und gleichzeitig auf die Engländer […] Druck auszuüben“ (62). Ihm zufolge handele es sich bei der Broschüre „Islam und Judentum“ um ein Traktat, das am 18. August 1937 in Kairo auf Arabisch veröffentlicht wurde und die antijüdische Haltung Mohammads in Medina mit den zeitgenössischen Auseinandersetzungen verknüpfte und konstruierte. Der Herausgeber dieser Broschüre sei Mohammad Ali-Taher, Direktor des Palästinensisch-Arabischen Informationsbüros, der nach Angaben des britischen Geheimdienstes „als prominente[r] Ägypter unter deutschem Einfluss“ (70) eingestuft worden sei. Eine ähnliche Position habe auch die französische Botschaft in Kairo vertreten. Es sei „unklar“ (71), ob el-Husseini, der Mufti von Jerusalem, Autor dieses Pamphlets sei, das die Nationalsozialisten für ihre Propagandazwecke benutzt hatten. Zumindest gingen die Nazis davon aus, dass el-Husseini die Texte geschrieben habe. Mit deren Veröffentlichung habe der islamische Antisemitismus begonnen. Dies belege, dass „nicht die späteren Zuspitzungen des Nahostkonflikts den Antisemitismus bewirkt haben, sondern der früh geschürte Antisemitismus jene Zuspitzungen“ (66).

Ferner geht Küntzel auf den deutschen Kurzwellensender Zeesen ein, der den Judenhass verbreitete. Für die Nationalsozialisten habe sich die „Endlösung der Judenfrage“ nicht auf Europa beschränkt, wie Küntzel aus einer NSDAP-Direktive aus dem Mai 1943 zitiert: „Dieser Krieg wird mit einer antisemitischen Weltrevolution und mit der Auslöschung der Juden überall in der Welt enden.“ (87) Es sei Hitlers Wille gewesen, den Massenmord im Namen der „Endlösung“ auf die etwa 700.000 orientalischen Juden auszudehnen, was Hitler dem Mufti von Jerusalem am 28. November 1941 in Berlin versprochen habe. Küntzel spricht von einem „Pro-Nazi-Symptom“ (155), das in der islamischen Welt bis heute vorherrsche.

Zudem geht der Autor auf die verbreitete Rechtfertigung des Holocaust im Nahen Osten ein und zitiert dabei die israelischen Wissenschaftler Meir Litvak und Esther Webman, die die arabische Leugnung des Holocaust als eine antisemitische Mainstream-Kultur beschrieben haben. Es wird deutlich, dass israelische Wissenschaftler*innen eine eindeutige Analyse bezüglich des Antisemitismus in der islamischen Welt haben, was aufgrund der eigenen Betroffenheit nachvollziehbar sei.

Gleichzeitig kritisiert Küntzel eine Reihe von deutschen Wissenschaftler*innen und Politiker*innen, wie etwa die renommierte Islamwissenschaftlerin und ehemalige Leiterin des Instituts für Islamwissenschaft an der FU Berlin Gudrun Krämer, die Holocaust-Leugner in der islamischen Welt damit freispreche, dass für sie die „Anerkennung der Shoa gleichbedeutend mit der Anerkennung des Staates Israel“ (157) sei. Küntzel will diese scheinbar distanzierte Haltung nicht hinnehmen und kritisiert, dass den Arabern nicht zugemutet werde, die Legitimität des Staates Israel anzuerkennen.

Außerdem kritisiert er Juliane Wetzel, Historikerin am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung. Sie vertritt die These, dass „die Erinnerung an den Holocaust den Antisemitismus unter Muslimen verstärken könnte“ (159) und nimmt an, dass sich Jugendliche mit oder ohne Migrationshintergrund, die sich selbst als Underdogs sehen, gegenüber der jüdischen Minderheit „zurückgesetzt“ (159) fühlen. Küntzels Kritik richtet sich unter anderem darauf, dass Wetzel ohne eine Untersuchung, die die Position belegt, in einem 2009 veröffentlichten Text davon ausging, ein Gros der in Deutschland lebenden Muslime mit Migrationshintergrund sei von einer „postkolonialen Verfolgungsgeschichte“ (160) betroffen.

Vieles läuft schief in der neu begonnenen Diskussion über den Antisemitismus unter den Migranten. Diese geradezu noch in den Kinderschuhen steckende Debatte muss vertieft und fair geführt werden, sonst könnten sich die Probleme vergrößern, ohne dass Lösungsansätze dafür gefunden werden.

Verfasst von:

Wahied Wahdat-Hagh

Erschienen am:

17. Februar 2020

Matthias Küntzel

Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand

Berlin/Leipzig, Hentrich & Hentrich 2019

Rezension

David Ranan

Muslimischer Antisemitismus. Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland?

Bonn, Dietz Verlag 2018

David Ranan möchte beweisen, dass der muslimische Antisemitismus eigentlich nicht existiert und der israelisch-palästinensische Konflikt als ein ungelöster territorialer Konflikt gesehen werden müsse. Bei diesem Territorialstreit habe sich Israel militärisch durchgesetzt und daher seien die militanten Reaktionen der Araber und Palästinenser nicht per se antisemitisch. Der Autor stützt seine streitbare und für den Rezensenten nicht überzeugende Argumentation auf 70 Interviews mit muslimischen Intellektuellen.
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Samuel Salzborn

Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne

Weinheim, Beltz Juventa 2018

Samuel Salzborn entwickelt in seiner Analyse die These einer antisemitischen Revolution, deren dritte Welle islamisch geprägt sei und die ihren Auftakt mit den 9/11-Terroranschlägen erlebt habe. Ziel dieser Revolution sei eine Welt, in der sämtliche Errungenschaften von Aufklärung, Moderne und Demokratie zerstört werden. Diese These ist angebunden an den Revolutionsbegriff von Koselleck, die drei Phasen der Inter- und Transnationalisierung von Antisemitismus – des rechten, linken und islamischen – werden in Anlehnung an die Demokratisierungswellen nach Huntington herausgearbeitet.
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Aus der Annotierten Bibliografie

Ulrike Marz

Kritik des islamischen Antisemitismus. Zur gesellschaftlichen Genese und Semantik des Antisemitismus in der Islamischen Republik Iran

Berlin: Lit 2014 (Politik, Gemeinschaft und Gesellschaft in einer globalisierten Welt 18); 439 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-643-12785-3
Sozialwiss. Diss. Rostock; Begutachtung: M. Junge, A. Baumer. – Der theoretische Interpretationsrahmen dieser Antisemitismusanalyse basiert auf der Kritischen Theorie. Ulrike Marz geht dabei von fünf Grundannahmen aus: Der Antisemitismus enthumanisiert und dämonisiert. Es gibt einen Unterschied zwischen Antisemitismus und Rassismus. Antisemitismus hängt nicht mit dem konkreten Handeln von Juden zusammen. Der Antisemitismus ist nicht nur ein ...weiterlesen

Hamed Abdel-Samad

Der islamische Faschismus. Eine Analyse

München: Droemer 2014; 223 S.; hardc., 18,- €; ISBN 978-3-426-27627-3
Hamed Abdel‑Samad knüpft in seiner Betrachtung des radikalen Islam – hier zunächst vor allem in Gestalt der Muslimbruderschaft – an die Totalitarismus‑Theorie an. Dort, wo die Faschisten, Kommunisten oder Islamisten die Macht übernommen haben, so seine Gedankenführung, haben die Machthaber die Gesellschaft in „Freiluftgefängnisse“ (25) verwandelt. Weiter heißt es: „Da, wo der islamische Faschismus die Macht übernommen hat, wie im Iran, im Sudan, in Nigera, Somalia und Gaza, sind brutale Diktaturen entstanden.“ (26) Im nächsten Schritt argumentiert ...weiterlesen

Wahied Wahdat-Hagh

Der islamistische Totalitarismus. Über Antisemitismus, Anti-Bahaismus, Christenverfolgung und geschlechterspezifische Apartheid in der "Islamischen Republik Iran"

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2012 (Democracy, Human Rights, Integration, Radicalisation and Security 1); 334 S.; geb., 49,80 €; ISBN 978-3-631-63569-8
Drei zentrale Themen behandelt der Autor im ersten Band der neuen Reihe „Democracy, Human Rights, Integration, Radicalisation and Security“: Erstens beschreibt er einen islamischen Antisemitismus, der in der Ideologie der Diktatur der Islamischen Republik Iran inhärent angelegt sei. Dieser Antisemitismus gehe mit einer Vernichtungsideologie gegenüber Israel einher, die zentraler Bestandteil der islamischen Staatsdoktrin sei. Staatsziel der Islamischen Republik Iran sei somit die Vern...weiterlesen

 


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