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Vortrag

Bundesarchiv Bild 183-J0908-0600-002/Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY-SA 3.0, Matrosen vom Linienschiff "Prinzregent Luitpold" an Deck des Schiffes mit Tafel "Soldatenrat Kriegsschiff Prinzregent Luitpold. Es lebe die sozialistische Republik"Bundesarchiv/Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY-SA 3.0, Matrosen vom Linienschiff „Prinzregent Luitpold“ an Deck des Schiffes mit Tafel Soldatenrat Kriegsschiff Prinzregent Luitpold. Es lebe die sozialistische Republik"

Kiel 1918
Stadt der Demokratiegründung?


0. Ein Feierjahr


Ein Jahr lang feiert Kiel das hundertste Jubiläum der Novembertage 1918. Erinnert wird täglich und bunt, in ungezählten Veranstaltungen vom künstlerischen Ausdruck über Theaterstück und Dokudrama zu Stadtrundgängen, Ausstellungen und Vorträgen, verbunden mit Publikationen, die überwiegend Bekanntes, jedoch manches Detail neu mitteilen. Vor allem scheint Konsens zu herrschen: Streit um Deutungen sucht man jedenfalls vergeblich: Alle feiern fröhlich mit, nutzen indes Begriffe wie Meuterei, Matrosenaufstand, Umbruch, Revolution als positiv klingende Synonyme, ja sogar der in unserem Fall völlig unsinnige Begriff des „Volksaufstandes“ taucht ganz selbstverständlich im Titel einer historischen Zeitungsserie und in wissenschaftlichen Publikationen auf.1

Abgesehen davon, dass hart erarbeitete begriffliche Schärfen und Einordnungen hinweggewischt werden, verstört diese harmonische Feierstimmung. Denn die lokale Erinnerung an die Novembertage war in den vergangenen 100 Jahren immer kontrovers, aus klaren Gründen. Es könnte sein, dass der gegenwärtige unscharfe Konsens genau dazu passt, ja selbst einen Teil der Sperrigkeit darstellt. Aber das soll hier nicht Thema sein, die Geschichte der Probleme Kiels, sich seiner Vergangenheit zu stellen, habe ich anderswo bearbeitet.2

Die markierte sprachliche Beliebigkeit gruppiert sich um den Begriff der Demokratie: Das offizielle Jubiläumsprogramm trägt den Titel: „Kiel steht auf für Demokratie. 100 Jahre Kieler Matrosenaufstand. Demokratie erkämpfen. Demokratie Abbildung 1: Programm der Stadt Kiel 2018,  7. April 2019, kiel.de/matrosenaufstandAbbildung 1: Programm der Stadt Kiel 2018, 7. April 2019, kiel.de/matrosenaufstandleben.“3 Und ganz offen bekennt Kiels Museumsleiterin: „In diesem Sinne sind die Feierlichkeiten zum hundertsten Jahrestag des Matrosenaufstandes zugleich ein ambitioniertes Imageprojekt der Landeshauptstadt Kiel, die sich mit dem Slogan ‚Demokratie erkämpfen – Demokratie leben‘ als herausragender Schauplatz deutscher Demokratiegeschichte positioniert.“4

Inwieweit trifft das eigentlich historisch zu? War der Matrosenaufstand in Kiel das entscheidende Signal für die Demokratiegründung in Deutschland, wäre die Weimarer Republik auch ohne Kiels Rolle entstanden? Gärte es nicht auch anderswo? Welche Rolle spielten die politischen und militärischen Eliten? Gab es nicht schon vorher Parlamentarisierungsschritte? Wie verliefen – in ganz groben Zügen – die Revolution und Gründung der Weimarer Republik? Worin mag die die reale historische Relevanz der Erhebung in Kiel liegen?

Geschichtsdidaktisch gewendet: Unsere Beschäftigung mit Vergangenheit, das so jeweils erzeugte Konstrukt Geschichte kann uns Sinn stiftende Orientierung in Gegenwart und Zukunft bieten.5 Enthält die Kieler Novemberrevolution Aspekte dieser Art, die uns bereichern könnten?

Das sind die Fragen, denen ich nachgehen möchte. Ich konzentriere mich dabei auf die Weichenstellungen bis zur Jahreswende 1918/19, all die dramatischen Entwicklungen der Folgezeit blende ich aus. Ich werde ganz kurz die Novembertage in Kiel schildern, eine Situation darunter später vertieft wieder aufgreifen, dann generelle Wegmarken des Übergangs von der Monarchie zur Republik benennen, um schließlich zu bewerten, worin ich die besondere Rolle Kiels sehe.

 

I. Revolutionshistoriografie

Vorweg aber ein mir wichtiger Hinweis: Geschichte, das Erzählen der Vergangenheit, entsteht in unseren Köpfen. Der Maßstab für Historiker ist die überprüfbare Rekonstruktion von vergangener Wirklichkeit. Aber auch bei uns Fachleuten fließt so viel mehr mit ein in unsere Deutungen. Wir gehen aus von unserer Gegenwart, unseren Interessen und Fragen – die ich hier offengelegt habe – von unseren Perspektiven. Andere werden andere Geschichten erzählen. Das gilt ganz besonders für unser Thema: Die Novemberrevolution war in den vergangenen 100 Jahren eine der großen historischen Projektionsflächen, auf der jeder sah und sieht, was er sehen will: eine Folie für Träume, für Schuldzuweisungen, für Legenden, auch für jeweils gegenwartsbezogene Konflikte innerhalb der Geschichtskultur.6 In gewisser Weise gilt das auch für die wissenschaftliche Revolutions-Historiografie; sie war immer kontrovers.7 Die Novemberrevolution ist ein Musterbeispiel für konkurrierende und zeitgebundene Interpretationen, für Streit um Geschichte.8

Die allgemeine Forschungsgeschichte zur Novemberrevolution (und zur Weimarer Republik insgesamt) lässt sich hier nicht ansatzweise darstellen. In den Gesamtdarstellungen herrscht seit Jahrzehnten relativ stabil ein differenziertes, vielschichtiges und insgesamt positiv eingefärbtes Bild von der Novemberrevolution vor. Es basiert auf einer außergewöhnlich breiten Forschungsbasis, deren Existenz schon ausweist, welche jeweils auch aktuelle Bedeutung der Weimarer Republik und ihrer Entstehung beigemessen worden ist.

Deutungen haben Wirkmacht entfaltet und wurden abgelöst:9 Vorbei Karl Dietrich Erdmanns Bild einer angeblichen Wahl zwischen (bolschewistischer) Rätediktatur und bürgerlicher Demokratie, die der SPD-Führung die (unfreiwillige) Rolle der Vernunft zuwies. Überwunden die dem Historischen Materialismus verschriebene DDR-Historiografie mit ihrem Verratsdiktum. Überholt auch die seit Ende der 1960er-Jahre entfaltete Räteromantik als Umsetzung einer aktuellen Wunschperspektive. Sie initiierte aber verfeinerte wissenschaftliche Arbeiten, die das demokratische Entfaltungspotenzial der (frühen) Rätebewegung, ihre Spontaneität und Vielfalt, die weit gehende Freiwilligkeit ihres Rückzugs herausarbeiteten, dabei die Problematik von Revolutionen in der Moderne – ‚Antichaos-Reflex‘, Sicherstellung staatlicher Strukturen – in den Fokus rückten, die historische Rolle der (kleinen) Revolutionäre zeichneten. Zugleich wird mehrheitlich die Rolle der SPD-Führung in den Revolutionsmonaten kritisch beurteilt: Sie habe den gestalterischen Spielraum zum Abbau autoritärer Strukturen nicht hinreichend genutzt. Der Forschungsboom zu Revolution und Republik liegt hinter uns. Wissenschaftliche Paradigmenwechsel, Konjunkturen der analytischen Begriffe, Methodenvielfalt, nicht zuletzt auch Veränderungen von Perspektiven lösen gleichwohl heute noch quellenorientierte neue Forschungen und Kontroversen in Einzelfragen aus.10

 

Ein Exkurs: Meistererzählungen im Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte:

Allein bezogen auf die historiografische Gesamtbewertung der Revolution, auf die ganz großen Geschichten, lassen sich massive Kontroversen und zeitgebundener Wandel referieren. Es sei hier nur eine Quelle gewählt: Die Meistererzählungen der Novemberrevolution im Gebhardt, dem Handbuch der deutschen Geschichte, liefern uns in den Auflagen 6 (1923), 7 (1931), 8 (1959), 9 (1973) und 10 (2010) den großen Wandel der Revolutionsbilder und der historischen Arbeitsweise.

1923, noch unter dem unmittelbaren Eindruck der revolutionären (und konterrevolutionären) Ereignisse, produziert Georg Schuster einbeschrieben in sein Weltkriegskapitel seine Geschichte: Akteure der USPD hätten seit Langem „Agitation betrieben für Generalstreik, Desertion und Meuterei, mit dem Ziele, die Beendigung des Krieges zu erzwingen und damit die Errichtung der Diktatur des Proletariats zu verbinden.“ Die „vollständige Lähmung der seelischen Kräfte des schwer leidenden deutschen Volkes infolge des militärischen Zusammenbruchs an der Westfront und die bedingungslose Abdankung aller Gewalten im Reiche“ hätten zu ihrem Erfolg beigetragen.11 Im „radikal-sozialistischem Sinne bearbeitet“ habe die Meuterei der Hochseeflotte begonnen, sei nach Tagen „zu hellem Aufruhr in Kiel“ gewachsen, dort vom „schwachmütigen, haltlosen, schwankenden Gouverneur“ nicht aufgehalten worden. „Die Anwendung von Gewalt verhinderten der nach Kiel entsandte Staatssekretär Haußmann und der Abgeordnete Noske. ,Die Revolution war gerettet.’“12

Kieler Matrosen hätten dann auch in der Reichshauptstadt die Militärgewalt übernommen, während die „demokratische Regierung“ ein „geradezu klägliches Bild“ darbot. Und dann der für Schuster entscheidende Moment: „Um die Mittagsstunde des 9. November verkündete der Reichskanzler die Abdankung des Kaisers, obwohl dieser noch keineswegs dazu entschlossen war. Das war der Staatsstreich, das war Hochverrat in optima forma.“ Falsch beraten sei der von reinen Motiven bestimmte Kaiser ins holländische Exil gewichen: „Ungeheure moralische Werte wurden mit einem Schlage in den Staub getreten und vernichtet.“ Und: „Das Chaos brach an.“ Dabei wäre, so Schuster, die Revolution gescheitert, wenn „das durch und durch gesunde, pflichttreue Beamtentum, zur Gefolgschaft aufgerufen, sich jener versagt hätte.“13 – Eine fulminante reaktionäre Revolutionsdeutung, die revolutionäre Absichten und einen getäuschten Kaiser in den Mittelpunkt rückt, aber Handlungsoptionen benennt und tatsächlich (noch) weit entfernt ist von der ‚Dolchstoßlegende‘.
Auch der Autor in der 7. Auflage 1931 heißt Georg Schuster. Die Republik ist inzwischen im 13. Jahr, der Text erscheint gekürzt, aber wesentliche Passagen bleiben identisch, die Interpretation monarchisch, antirepublikanisch.14

Die wirkmächtige Neuinterpretation liefert 1959 in der 8. Auflage der Kieler Historiker Karl Dietrich Erdmann.15 Zunächst räumt er jeden Ansatz des Dolchstoßes beiseite: Die „militärische Niederlage und der Sturz des Kaisertums“ seien „geschichtlich eng miteinander verbunden“, „Ursache und Wirkung“ aber so verteilt, dass zweifelsfrei ausgeschlossen werden müsse, „eine innere Umsturzbewegung“ habe die militärische Niederlage verursacht.16 Gleichwohl: Das Ansinnen der Marineleitung, die Hochseeflotte zur finalen „Entlastung des kämpfenden Landheeres“ auslaufen zu lassen, sei ein „militärisch vernünftiger Entschluß“ gewesen. „Aber die Matrosen rissen [...] das Feuer unter den Kesseln weg.“ Mit gewissem Verständnis schreibt er, „Entbehrungen“, „Eintönigkeit“ und „Untätigkeit“ hätten Kluft zwischen Mannschaften und Offizieren entstehen lassen, die man beim Landheer nicht kannte.17 Die Kieler Meuterei habe „noch keine Revolution“ dargestellt, sich vor allem gegen den Kaiser gerichtet, „in dessen Person man, wenn auch zu Unrecht, die Ursache dafür sah, daß der Krieg [...] immer noch weiter dauerte.“ Die Frage der Abdankung habe sich „aber auch vom Außenpolitischen her“ gestellt und sei zudem von Friedrich Ebert zur Verhinderung der sozialen Revolution, die er „hasse wie die Sünde“, eingebracht worden. Von Badens Bedrängen des uneinsichtigen Wilhelm, sein Vorpreschen mittags, habe der Rettung der Monarchie durch Abdankung dienen sollten. Aber dafür fehlte Unterstützung von beiden Seiten, „sowohl den Sozialisten als auch vom Hauptquartier“. Indes hätten die SPD-Führer Ebert und Scheidemann in diesen Stunden für Mäßigung und Revolutionseindämmung gewirkt: „Wenn aber Scheidemann die ,deutsche Republik‘ ausrief, so zielte das hin auf allgemeine Wahlen und die Einberufung einer verfassunggebenden Nationalversammlung.“18

Erdmann schnitzt so Satz für Satz seine Kerninterpretation heraus, die schon in der Kapitelüberschrift „Rätestaat oder parlamentarische Demokratie?“19 als eine elegante wie klare Geschichte angelegt ist – und 1959 auch der Gegenwartsinterpretation im Kalten Krieg dienen konnte. Wortgewaltig heißt es beispielswiese: „Die politische Macht lag plötzlich in den Händen der Sozialisten, aber die sozialistische Bewegung war in sich gespalten. Deutschland, das Land zwischen Ost und West, stand vor der Frage, ob sich in der sozialistischen Gesamtbewegung die westeuropäische Idee des Parlamentarismus und der Demokratie oder die Lenin‘sche Idee des Rätestaates als die stärkere erweisen werde.“20 Entsprechende Einordnung finden die konkreten Abläufe im Winter 1918/19.21 Die Weimarer Republik sei hervorgegangen aus dem Ebert-Groener-Pakt, also der Kooperation von MSPD und Generalstab zur Abwehr der bolschewistischen Revolution von Unabhängigen und Kommunisten. Dabei hätten die Militärs erkannt, dass ein Frontheer nicht für Polizeiaufgaben tauge, deshalb „Freiwilligenverbände“ – die Freikorps – aufgestellt zur Sicherung der Wahlen zur Nationalversammlung. Die Zukunft der Parlamentarischen Republik werde sich an der Republikverträglichkeit fiktionaler Orientierungen ihrer Hauptträger entscheiden: Das Offizierskorps würde nach dem Sturz der Monarchie eine „fiktive monarchische Gesinnung“ in der Republik pflegen, die Sozialdemokratie einen „fiktiven Marxismus“ im bürgerlichen Parlamentarismus.22

1973 liefert Erdmann in der 9. Auflage des Gebhardt die konservativ geläuterte, eingehend ausgebaute, teilweise verfeinerte Argumentation seiner indes aufrecht erhaltenen Kernthese „Rätestaat oder parlamentarische Demokratie?“23 Wenige substanzielle Änderungen sind zu finden: Nicht mehr haltbar ist die Einordnung der Pläne der Marineleitung zum letzten Auslaufen; nunmehr benennt auch Erdmann als Hauptmotiv, „daß die Admiralität [...] einen ehrenvollen Untergang dem schmachvollen Ende der Kapitulation vorziehen wollte.“ Die meuternden Matrosen hätten darin „einen unnützen Versuch, den Krieg zu verlängern oder Schiffe und Mannschaften in einer heroischen Geste zu opfern“ erkannt.24 Die Freikorpsbewegung betrachtet er jetzt als schwere Bürde der Weimarer Republik.25 Die Rolle des USPD wird differenziert, Rosa Luxemburg mit unverhohlener Sympathie vorgestellt.26 Noch jetzt mochte Erdmann nur mit Einschränkungen von „Novemberrevolution“ reden, denn nicht „eine planmäßig vorbereitete Volkserhebung“ habe das „alte Regime“ gestürzt, es sei vielmehr in sich zusammen gebrochen, „als die Matrosen meuterten und ihre Revolte in dem kriegsmüden Lande auf die Garnisonen des Heimatheeres und auf die Arbeiterschaft übersprang.“27 – Planlosigkeit und Spontaneität der Ereignisse nehmen ihnen in Erdmanns Sicht den revolutionären Charakter. Demokratische Potenziale und Unterschiede der Räte vermag er nicht zu erkennen: „Die beiden Pole im Spannungsfeld der Ideen und Kräfte, auf dem von der Novemberrevolution bis zum Verfassungswerk von Weimar um die Gestaltung von Staat und Gesellschaft gerungen wurde, sind der westliche Typus der parlamentarischen Demokratie und der sowjetische Typus der Rätediktatur.“28 Deshalb gelte auch ganz konkret: „In der Revolution von 1918 ging es daher bei der Frage Nationalversammlung oder Räteherrschaft um die Alternative Demokratie oder Diktatur“29.

Wie schon bei Schuster war in Erdmanns wortgewaltiger, Orientierung und Einordnung bietender Interpretation kein Platz für die Kieler Matrosen und Arbeiter, die spontan entstandenen örtlichen Räte im ganzen Reich, die kleinen Revolutionäre, die sich Frieden, Verständigung und demokratische Partizipation wünschenden einfachen Leute auf der Straße. Heute aber gilt: Bandbreite und Vielschichtigkeit der Ereignisse, regionale Spezifika, Ausdifferenzierungen, die zahlreiche Studien zutage gefördert haben, sind nicht mehr auszublenden respektive in ‚eine Geschichte‘ zu integrieren. Auch das Selbstbild der Historiker wandelt sich, man benennt deutlicher als früher Kontroversen, Unsicherheiten, auch Offenes, wird mitteilen wollen, wo man steht, wie man konstruiert, wie relativ die eigene (Re-)Konstruktion ist. Die Zeit unbeirrter, ästhetisch perfekt gestalteter Meistererzählungen scheint vorerst vorbei. Ursula Büttners Text „Die deutsche Revolution“ in der 10. Auflage des Gebhardt, 2010 erschienen,30 erfüllt die aktuellen Standards absolut, liefert den Forschungsstand, die konsensfähige Periodisierung in drei Phasen – „Um Frieden und Demokratie“, „Erhalt der Funktionseliten“, „Radikalisierung und Unterdrückung der Revolution“ – tangiert Vielfalt und regionale Entwicklungen der Revolution und bietet zudem einen kurzen Abschnitt „Kontroverse Beurteilung der Revolution“. Das alles ist sehr lesenswert, basiert auf intensivster Beschäftigung mit Thema und Studien, aber die Eleganz des großen Wurfes ist weg, auch die sprachliche Zuspitzung der Argumentation.

Die lokale Forschungslage für Kiel will ich nicht im Einzelnen schildern, aber folgende Hinweise liefern: Es gibt zwei sehr wertvolle Quellen zur örtlichen Geschichte der Novemberrevolution: Schon im November 1918 verfasste Bernhard Rausch, Chefredakteur der Abbildung 2: drei Publikationen, Titel siehe Fußnote 31Abbildung 2: drei Publikationen, Titel siehe Fußnote 31(mehrheits)-sozialdemokratischen „Schleswig-Holsteinischen Volks=Zeitung“ seine Broschüre „Am Springquell der Revolution“, im selben Monat antworteten ihm die USPD-Repräsentanten Lothar Popp, zeitweise Vorsitzender des Soldatenrates, und Karl Artelt mit der Schrift „Ursprung und Entwicklung der Novemberrevolution 1918. Wie die deutsche Republik entstand“. Beide Schriften wurden also verfasst von Akteuren der Revolution, die aus zwei wesentlichen Perspektiven ihre Sicht der Dinge, ihre Interpretation niederlegten.31

Eine regionalhistorisch angelegte wissenschaftliche Bearbeitung erschien erst 1978, 60 Jahre nach den Ereignissen. Initiiert übrigens von der Stadt Kiel, entstand Dirk Dähnhardts vom Frühneuzeithistoriker Hartmut Lehmann (und nicht vom ‚zuständigen‘ Zeithistoriker Karl-Dietrich Erdmann) mutig betreute Dissertation „Revolution in Kiel. Der Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik 1918/19“.32 Ein wesentliches Ergebnis seiner Studie stellte die in Abgrenzung zu den geläufigen Formulierungen „Meuterei“ oder „Matrosenaufstand“ vorgenommene, also ein neues Bild konstruierende und ausführlich begründete „begriffliche Bestimmung der Ereignisse in Kiel“33 dar. Von Revolution zu sprechen galt als mutig, setzte in der Arbeit 1978 noch ziemlichen Beweisaufwand voraus: Dähnhardt charakterisierte die lokale Entwicklung „als einen Aufstand mit revolutionärem Charakter und über Kiel hinausweisender revolutionärer Tendenz“.34 Revolutionär sei „die Bildung eines Soldatenrats und eines Arbeiterrats“ gewesen, systemsprengend wären auch Teile der 14 Punkte.35 Damit komme Kiel, so Dähnhardt, im Gegensatz zu Wilhelmshaven, wo ‚nur‘ gemeutert wurde, eine revolutionär gestalterische Rolle zu; indes habe aber spätestens ab dem 9. November die Musik in Berlin gespielt, wo die deutsche Revolution ohne örtliche oder regionale Begrenzung vollzogen wurde. Das Signal zur reichsweiten Revolution sei von Kiel ausgegangen, unumkehrbar: „Seit den Kieler Novemberereignissen war die Revolution in Deutschland nicht mehr aufzuhalten.“ Nach dem 9. November aber rückte Kiel „wieder an die Peripherie der Geschehnisse“.36

Wissenschaftlich war diese begriffliche Schärfung ein Fortschritt. Dähnhardts Pionierarbeit hat, von Marginalien abgesehen, bis heute Bestand. Auch ich folge ihr weiterhin.37

 

II. Kiel im November 1918

Jetzt also mein kurzer Blick auf die Kieler Novembertage:38 In der schnell gewachsenen modernen Marine- und Werftenstadt,39 hier lebten 1918 50.000 Marineangehörige und 70.000 Arbeiter mit ihren Familien, hatte es während des Ersten Weltkrieges bereits vereinzelte Tumulte gegeben: so im Juni 1916 wegen der Versorgungslage, wieder im März 1917. Im Januar 1918 forderten 30.000 Arbeiter den Frieden. Den bürgerlichen Stadt- und Marineeliten stand eine gut organisierte Arbeiterbewegung gegenüber: Die 1917 wegen der Kriegskredite ausgegründete örtliche Unabhängige Sozialdemokratie, die USPD, spielte bei den erwähnten Protesten eine mutige Rolle. Politisch dominierte aber innerhalb der Arbeiterschaft in Kiel die gemäßigte, staatstreue Mehrheitssozialdemokratie, die MSPD. Und seit 1903 vertrat der pragmatische Vorsitzende der Freien Gewerkschaften Deutschlands, Carl Legien, diesen roten Reichstagswahlkreis. – Insgesamt war Kiel unauffällig, es gab keine Vorzeichen einer besonderen Rolle!

Zunächst nach Wilhelmshaven: Ende Oktober 1918 gibt es Gerüchte auf Schiffen der Reichsmarine, es werde eine Seeschlacht vorbereitet. Tatsächlich setzt die Marineführung gegen die neue, Frieden ersuchende Reichsregierung auf einen „ehrenvollen Untergang“ der Flotte.40 Einige Militärhistoriker finden auch zweckrationale, militärisch sinnvolle Elemente im Auslaufplan;41 aber der Zeitpunkt laufender Friedensverhandlungen und ausdrückliches Handeln gegen die Reichsregierung42 diskreditieren die Planung völlig. – Die Mannschaften auf den Schiffen meutern also aus guten Gründen. Zur Beruhigung der Lage zieht die Flottenleitung die Schiffe auseinander, verlegt mehr als 5.000 Marinesoldaten nach Kiel. Noch im Kanal werden am 31. Oktober 47 Matrosen des Schiffes „Markgraf“ verhaftet und in Arrestanstalten geliefert. – Das wird sich als Fehler erweisen.
Bereits am Abend des 1. November 1918 versammeln sich darauf 250 Matrosen, die normalen Landurlaub haben, im Gewerkschaftshaus. Sie fordern die Freilassung ihrer Kameraden und finden Unterstützung bei anderen Mannschaften sowie in der örtlichen Arbeiterbewegung. – Mehr passiert nicht. Aber dieses spricht sich rum, bei anderen Matrosen, in Kieler Gewerkschaften und Arbeiterparteien, durch einen Polizeispitzel auch bei Offizieren der Kieler Station, die den Landgängern des nächsten Tages ein Betreten des Gewerkschaftshauses verbieten. Die Marineführung hat, so scheint es, die Lage im Griff. Gouverneur, und damit im Kriegszustand Inhaber der vollen Gewalt in Kiel, ist zu diesem Zeitpunkt Vizeadmiral Wilhelm Souchon. Er aber ist völlig neu auf dem Posten, kennt Kiel kaum.

Am 2. November versammeln sich 600 Matrosen und Arbeiter auf dem Exerzierplatz im Viehburger Gehölz. Einer nach dem andern berichtet über die Stimmung auf den Schiffen, es gibt Kontakte zur örtlichen USPD: Hauptredner wird Karl Artelt,43 Werftarbeiter und während seines Marinedienstes Heizer.

Nach weiteren Verhaftungen kommen am Abend des 3. November, es ist ein Sonntag und der einzig freie Arbeitstag, fast 6.000 Menschen zusammen, kriegsmüde Matrosen und Zivilisten. Die örtliche Marineführung hat am Nachmittag „Stadtalarm“ gegeben, versucht mit Pfeifen und Trommeln die Landgänger auf die Schiffe zu holen. Dieser Radau aber zeigt der breiten Zivilbevölkerung erstmalig, dass etwas nicht stimmt, und die Matrosen reagieren nicht. Beim spontanen Protestmarsch durch die Stadt zur Arrestanstalt gerät die Demonstration in der Karlstraße in eine Sackgasse, an deren Ende eine Ausbildungskompanie, sich in die Enge getrieben fühlend, das Feuer eröffnet. Neun Menschen sterben, 27 werden verletzt. Das führt zu Eskalation und Ausbreitung der Proteste.

Gouverneur Wilhelm Souchon telegrafiert dem Reichsmarineamt, in Kiel müsse man von „äußerst gefährlichen Zuständen“ ausgehen. Sein berühmter Schlusssatz lautet: „Bitte, wenn irgend möglich, hervorragenden sozialdemokratischen Abgeordneten hierherzuschicken, um im Sinne der Vermeidung von Revolution und Revolte zu sprechen.“44 Disziplin und Gehorsam Abbildung 3: Telegramm Gouverneur Souchon an Reichsmarineamt Berlin 3. November 1918 (BArch Freiburg, RM 8/1010, pag. 4 f.)Abbildung 3: Telegramm Gouverneur Souchon an Reichsmarineamt Berlin 3. November 1918 (BArch Freiburg, RM 8/1010, pag. 4 f.)brechen weg; die Marineoffiziere in Kiel reagieren auf diese für sie undenkbare Situation hilflos. Noch sind 700 Mann Heerestruppen mit 22 Maschinengewehren in der Stadt, aber ein Niederschlagen der größtenteils bewaffneten Bewegung scheint den örtlichen Marinevertretern nicht mehr möglich, Souchon willigt ein, sich für einen Abzug der Heerestruppen einzusetzen. Am 4. November sieht er sich gezwungen, Verhandlungen mit den Aufständischen aufzunehmen. Deren Abordnung verlangt nun neben der Freilassung der verhafteten Matrosen, die Abdankung des Kaisers und die Einführung des allgemeinen Wahlrechts.

Am Abend trifft die Delegation aus Berlin ein: mit dabei der linksliberale Abgeordnete und Staatssekretär Conrad Haußmann und der sozialdemokratische Abgeordnete und Wehrexperte Gustav Noske. Sie werden von den Revolutionären jubelnd empfangen. Diese glauben nämlich, für die neue Reichsregierung unter Max von Baden zu demonstrieren, sie für einen Friedensschluss zu unterstützen. Vor allem Noske vertrauen die Matrosen.

Sie fordern inzwischen: Ende der Monarchie, freie Wahlen zu einer Volksrepublik und Pressefreiheit. Die Freilassung der Gefangenen und den Verzicht auf Truppen zur Niederschlagung des Aufstandes sichert der Gouverneur bei ersten Verhandlungen am Nachmittag in der Marinestation zu.

Mit Noske und Haußmann sowie der Deputation vom Nachmittag und nun auch dem Gewerkschaftssekretär Gustav Garbe findet später am Abend beim Gouverneur in der Marinestation eine neuerliche Verhandlung über die Forderungen der Matrosen statt. Sie dauert bis Mitternacht. Die Teilnahme Garbes deutet an, dass jetzt auch das Gewerkschaftskartell hinter den Forderungen der Matrosen steht. In dieser denkwürdigen Besprechung geben die Matrosenvertreter den Ton an, die befehlsgewohnten Marineoffiziere dagegen hüllen sich weitgehend in Schweigen. Das elfseitige Sitzungsprotokoll stellt ein beeindruckendes Dokument dar. Der erste Beschluss lautet, dass noch in der Nacht alle Heerestruppen aus Kiel abgezogen werden sollen. Haußmann und Noske werden jedoch auch mit den politischen Forderungen der Aufständischen konfrontiert, vorgetragen vom stellvertretenden Kieler USPD-Vorsitzenden Lothar Popp: Abschaffung der Monarchien, Republik, „gerechtes Wahlrecht“ auch für Frauen, Pressefreiheit. Sie gehen jetzt weiter noch als am Nachmittag, sind in Teilen revolutionär, fordern eine andere Herrschaftsform. Noske und Haußmann verweigern zunächst die Diskussion, für derart weitgehende Fragen haben sie natürlich keine Verhandlungskompetenz.

Zeitgleich gründet sich an diesem 4. November im Gewerkschaftshaus der erste „Soldatenrat“ und verabschiedet mit den „14 Kieler Punkten“ sein Programm, in dem Reformen des Soldatenalltags die politischen Forderungen dominieren. Die Aufständischen erringen die Macht, verfügen mit dem Soldatenrat über eine Institution. Aber ein klares Bild von der Zukunft existiert nicht. Dafür hat sich alles zu überraschend entwickelt.

Der Tag danach verläuft chaotisch: Bei Schießereien sterben zehn Menschen; Wachen des Soldatenrates nehmen den Gouverneur vorübergehend in Haft; auf Schiffen hissen Matrosen die Rote Fahne, reißen Offizieren ihre Rangabzeichen ab; die Kieler Arbeiter treten in den Generalstreik. Am Morgen bildet sich der Kieler „Arbeiterrat“, hier gibt die mäßigende MSPD den Ton an.

Am 6. November liegt alle Macht in Kiel in den Händen des Arbeiter- und des Soldatenrats. Markanterweise verzichten die Räte aber darauf, die bisherigen Machthaber abzusetzen. Sie beschränken sich vielmehr auf die Kontrolle der ‚alten‘ Verwaltung durch das Prinzip der Beiordnung: Revolutionäre beobachten die Arbeit der hergebrachten Akteure. – Das ist ein Modell, das Schule machen wird und andeutet, dass die (frühen) Räte sich als Übergangseinrichtungen und nicht als Zukunftsmodell begreifen.

Noske hat sich zunächst selbst an die Spitze der revolutionären Soldaten gesetzt, Tage später wird er Gouverneur, setzt auf das mächtigste Amt im tradierten System. Die Revolutionäre vertrauen ihm, die hergebrachten Eliten akzeptieren ihn. Alte und neue Machthaber arbeiten zusammen für Ruhe und Ordnung – und warten ab, was in Berlin geschieht. Während in Kiel Noske bereits an der Spitze der Revolutionäre und als Bindeglied zu den alten Gewalten die sozialdemokratische Adaption der Revolution vorexerziert, setzen Spitzenvertreter der Sozialdemokratie in Berlin wie Scheidemann und Friedrich Ebert vorerst noch ihre Hoffnungen auf eine evolutionäre Fortentwicklung des politischen Systems ohne revolutionären Umbruch. Drei Tage später werden auch sie, die die Revolution nicht wollten, sich zum Handeln gezwungen sehen: Übernahme, Mäßigung, Kanalisation der spontanen und teilweise planlosen Aufstandsbewegung werden dann ihre Richtschnur bilden. Genau wie bei Noske in Kiel.

Jedenfalls: Am Abend des 7. November 1918 ist die Revolution in Kiel und in Schleswig-Holstein beendet; der Alltag kehrt zurück. Wesentliche Impulse gehen von den Kieler Revolutionären nicht mehr aus, das eigentliche Geschehen findet anderswo statt.

Gesandte der Aufständischen aus Kiel sind schon Tage zuvor mit der Eisenbahn in Städte Norddeutschlands, nach Berlin, Köln und anderswo gereist. Sie tragen den Aufstand weiter, in vielen Städten übernehmen spontan gebildete Arbeiter- und Soldatenräte die Macht, meist ohne gewaltsame Auseinandersetzungen. Abbildung 4: Schleswig-Holsteinische Volks=Zeitung 11. November 1918, (Titelseite, Ausriss), 30. Oktober 2018Abbildung 4: Schleswig-Holsteinische Volks=Zeitung 11. November 1918, (Titelseite, Ausriss), 30. Oktober 2018Die tradierte Herrschaft klappt zusammen wie ein Kartenhaus. Auch in Berlin gärt es seit mehreren Tagen, eine unkalkulierbare Protestwelle baut sich auf. Die Parteiführung der (M)SPD in Berlin entscheidet sich für die von Noske in Kiel vorgeführte Strategie, sie tritt an die Spitze der Bewegung, um sie zu kanalisieren. Am 9. November ruft Philipp Scheidemann, einer der MSPD-Vorsitzenden, die „Deutsche Republik“ aus; der Linke Karl Liebknecht kommt mit seiner Ausrufung der „Freien Sozialistischen Republik“ zu spät. Wenige Stunden später finden MSPD und USPD einen Kompromiss und bilden mit je drei Vertretern den revolutionären „Rat der Volksbeauftragten“. Massiv dazu gedrängt dankt Kaiser Wilhelm II. ab, die preußisch-deutsche Monarchie ist beendet.

 

III. Zusammenbruch des deutschen Kaiserreichs

Das wilhelminische Kaiserreich war seit Jahrzehnten widersprüchlich aufgestellt:45 einerseits ein hochmoderner, leistungsfähiger Industriestaat, auch politisch, gesellschaftlich und kulturell keineswegs nur rückständig, wirtschaftlich so prosperierend, dass auch die neue Klasse der Arbeiter keineswegs nur ihre Ketten zu verlieren hatte. Andererseits konservierte das wilhelminische Herrschaftsmodell auf allen Feldern auch verkrustete Strukturen so nachhaltig, dass die Modernisierungsfähigkeit der Monarchie Grenzen kannte. Wahlrechte, Parlamentarisierung und gesellschaftliche Anerkennung der Arbeiterklasse hielten mit dem Wandel nicht Schritt. Je nach Perspektive wird man in der historischen Deutung die eine oder die andere Seite betonen. Im Ersten Weltkrieg aber spitzten sich die Spannungen zu: Die Machteliten verweigerten dem soldatischen Fußvolk trotz seines millionenfaches Todes die im Burgfrieden zwischen Kaiser und Arbeiterbewegung eigentlich enthaltene politische Emanzipation.

Der Reichstag gewann zwar, indem er Haushalt und Kriegskredite zu bewilligen hatte, einen Bedeutungszuwachs, aber an diesem Thema zerbrach auch die einheitliche Sozialdemokratie.46 Und die Regierung blieb vom Parlament unabhängig, Kriegführung und innere Sicherheit oblagen den militärischen Dienststellen. Immerhin verabschiedete mit den Stimmen von liberaler Fortschrittspartei, katholischem Zentrum und SPD eine selbstbewusste Reichstagsmehrheit im Juli 1917 eine „Friedensresolution“, die nach innen und außen den Wunsch nach einem Verständigungsfrieden ohne Annexionen ausdrückte. Heeresführung und konservative Eliten reagierten mit der Gründung der staatsnahen Propagandaeinrichtung „Vaterlandspartei“, die einen deutschen Siegfrieden propagierte, während zunehmend wilde Streiks, Hunger- und Friedensdemonstrationen die Heimatfront beschäftigten; im Januar 1918 streikten allein in Berlins Rüstungsindustrie eine halbe Million Arbeiter. – Die deutsche Gesellschaft im letzten Kriegsjahr war – und wurde von interessierter Seite weiter – stark polarisiert.

Die deutsche Schlussoffensive „Michael“ im Westen scheiterte 1918 trotz Geländegewinns unter riesigen und unvertretbaren Opfern. Befehlsverweigerungen, Disziplinverstöße und Selbstverstümmelungen nahmen zu. Ende September 1918 gab die Oberste Heeresleitung den Krieg verloren; völlig überraschend für Bevölkerung und Politik übrigens. Jetzt drängte sie auf baldige Friedenfühler und verfolgte die erklärte Strategie, anderen die Verantwortung für die Kriegsniederlage zuzuschieben: Plötzlich trat sie für eine vom Parlament abhängige Regierung ein, die schließlich den Frieden aushandeln möge.47 Die überraschte Reichstagsmehrheit schaffte es nicht einmal, einen neuen Kanzler aus den eigenen Reihen zu bestimmen, sondern akzeptierte am 3. Oktober den badischen Thronfolger Max von Baden, dieser übrigens ein Gegner der Friedensresolution von 1917. Aber mit Minister Gustav Bauer und Staatssekretär Philip Scheidemann waren sogar erstmals Sozialdemokraten in der Reichsregierung.

Bezugnehmend auf die 14 Punkte des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson übermittelte die neue Regierung – und eben nicht der Kaiser oder die OHL – ein Friedensersuchen an die alliierten Kriegsgegner. Im anschließenden Notenwechsel ließen diese keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie auch eine Demokratisierung Deutschlands inklusive der Abdankung des Kaisers zur Bedingung machten. Darauf reagierte die Militärführung mit dem Versuch der Kehrtwende – und bewies so ihre bloß taktischen Beweggründe für eine Demokratisierung. Ein Zurück gab es in dieser Situation nicht mehr, Deutschland war im Feld geschlagen. Am 28. Oktober 1918 beschloss der Reichstag die Änderungen der Verfassung: Fortan wären Regierungen und das politische Agieren des Kaisers vom Parlament abhängig, das auch über Krieg und Frieden mit zu bestimmen hätte. Die Befehlsgewalt im Krieg aber sollte beim Kaiser verbleiben, die militärischen Spitzen würden auch fortan nicht parlamentarisch kontrolliert werden.

Gleichwohl: Verfassungsrechtlich war Deutschland damit – drei Tage vor dem Beginn der Proteste in Kiel – von einer konstitutionellen zu einer parlamentarischen Monarchie mutiert. – Es ist wieder eine Frage der Perspektive, wie man das bewertet: War die anschließende Revolution, die am Ende mit der Weimarer Reichsverfassung eine repräsentative Demokratie erzeugte, gar überflüssig, wie eine Zeit lang konservative Historiker meinten? Wäre nicht bei den Friedenbedingungen der Sieger auch der Kaiser auf der Strecke geblieben, also schließlich das gleiche Ergebnis eingetreten? Oder waren die Oktoberreformen, die sogenannte Revolution von oben, nur halbherzig gewährt, fragil, eventuell durch stabilisierte Machteliten gar widerrufbar? Und waren die Parlamentarier überhaupt eigenständige Akteure des evolutionären Wandels? – Die Historiografie neigt heute stark überwiegend dazu, trotz der Demokratisierungsschritte und der erkennbaren Kontinuitätslinien respektive des langfristigen Trends zur Parlamentarisierung die Notwendigkeit des radikaleren Umbruchs anzuerkennen.48

Ja, denken wir die Erosion der Herrschaftsform kontrafaktisch weiter: Hätte die Monarchie in einer derart gespaltenen, zerklüfteten Gesellschaft ohne anhaltende Friktionen überhaupt Träger einer evolutionären Fortentwicklung werden können? Die Oktoberreformen kamen zu spät und waren zu halbherzig (und gefährdet), um noch Wirkung entfalten zu können. Man erinnere sich nur an die letzten Zuckungen des DDR-SED-Regimes: Irgendwann kommen Reformen zu spät. Für 1918 gilt: Irgendwer musste das Heft des entschlossenen und irreversiblen Handelns in die Hand nehmen. Und das waren in diesem Fall kleine Leute, einfache Soldaten und Arbeiter, Repräsentanten der politischen Arbeiterbewegung, allerorten im Reich, schließlich angeführt von Spitzenakteuren, denen sie meist vertrauten und folgten. In die geordnete Gründung der parlamentarischen Weimarer Republik.

Zum weiteren, allgemein bekannten Verlauf:49 Der am 9. November gebildete sechsköpfige ‚Rat der Volksbeauftragten‘ konnte bereits am Folgetag auf die Zustimmung der im Zirkus Busch in Berlin versammelten etwa 3.000 Arbeiter- und Soldatenräte aus der Metropole setzen. Am Tag darauf nahm die revolutionäre Regierung die Waffenstillstandsbedingungen der alliierten Kriegssieger an. Eine weitere sofort eingeleitete Weichenstellung des Rats der Volksbeauftragten wurde im Dezember vom allgemeinen Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte mit großer Mehrheit bestätigt: der Weg in eine ‚bürgerlich-parlamentarische‘ Verfassungskonstruktion und damit verbundene Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung, die bereits für den 19. Januar 1919 festgelegt wurden. Nach dem allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht aller mindestens 20-jährigen Männer und Frauen. – Ein ganz großer Schritt, bedenkt man, dass das Frauenwahlrecht in Großbritannien erst 1928, in Frankreich 1944, Italien 1946 und in der Schweiz erst 1971 eingeführt wurde.

Auch in das Verhältnis von Kapital und Arbeit griff der Rat der Volksbeauftragten beherzt ein: Im Federstrich wurden Achtstundentag, Koalitionsfreiheit und betriebliche Arbeitnehmervertretung umgesetzt, allerdings zum Kaufpreis der Akzeptanz einer privatwirtschaftlichen Basis. Grundsätzliche Änderungen am Gesellschafts- und Wirtschaftssystem blieben aus. Nicht zuletzt um Ernährung der Bevölkerung und Demobilmachung von Millionen Soldaten sicherzustellen ließ man öffentliche Institutionen, Justiz und Verwaltung, sogar das Militär fast unangetastet: Die Machtrollen und sozialen Orte der alten Herrschaftseliten blieben erhalten, als hätte es keine revolutionäre Änderung gegeben.

Der Handlungsrahmen der revolutionären Regierung war eng, zudem begriff sie sich als Übergang für wenige Wochen. Als es zwischen radikal-revolutionären und republikanischen Soldaten zu Schießereien kam, brach der Rat zum Jahreswechsel auseinander und leitete Friedrich Ebert den ordnungspolitischen Schulterschluss mit der Obersten Heeresleitung ein. Die Revolution radikalisierte sich, Anfang 1919 begannen für Monate gewalttätige Straßenkämpfe, Regierungstruppen sowie wilde und äußerst rechts stehende Freikorps schlugen die Proteste gewaltsam nieder – im Auftrag des neuen, nur noch aus Mehrheitssozialdemokraten bestehenden Rats der Volksbeauftragten.

Ursula Büttners so kurz wie nüchtern formulierte Einordnung der Revolution lautet: „Die deutsche Revolution stand am Ende eines jahrelangen Prozesses, in dessen Verlauf das Vertrauen eines großen Teils des Volkes zu dem bestehenden System und der Politik der herrschenden Schichten zerstört worden war. [...] Genauso wenig wie die militärische Niederlage war die Revolution das Werk staatsfeindlicher Agitatoren.“50

Deutschland war Anfang 1919 innenpolitisch mehrfach zerrissen. Bei den Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung lagen die Träger der Revolution, SPD und USPD, zusammen deutlich unter 50 Prozent. Aber SPD, DDP und Zentrum – die Parteien der Friedensresolution – hielten zusammen 76 Prozent der Stimmen. Am 13. Februar übergab die revolutionäre Regierung ihre Macht an die erste parlamentarische Regierung Philipp Scheidemann. Die Entwicklung der Weimarer Reichsverfassung war gesichert, eine große Mehrheit der Wähler stimmte für die (zukünftige) Republik. Aber nur dieses eine Mal! Schon 1920 würde Schluss sein mit einer Mehrheit für die ‚Weimarer Koalition‘, eines der uns allen bekannten Krisensymptome. Und: Bereits parallel zu dieser geordneten und demokratischen Machtübergabe radikalisierten sich Revolution und Auseinandersetzungen auf der Straße.

Es sei noch einmal betont: Übrigens völlig unabhängig davon, wie eine parlamentarische Demokratie (oder meinetwegen Monarchie mit neuem Kaiser) entstanden wäre, evolutionär oder revolutionär: Die Probleme der Folgejahre wären nahezu identisch gewesen: die Legitimationskrise einer neuen Herrschaft, die aus einem verlorenen Krieg resultierte; der Versailler Vertrag, verbunden mit Kapitulationsvorwurf ans Parlament, wenn auch ohne Dolchstoßlegende, auf jeden Fall aber verknüpft mit dem diktierten Kriegsschuldartikel 231; die Reparationsdebatten; der im Krieg wurzelnde, nicht mehr aufhaltbare Währungszerfall; die Weltwirtschaftskrise; nicht zuletzt und bei einem evolutionären Weg wohl noch stärkeren Zerklüftung der deutschen Klassengesellschaft.

 

IV. Gibt es lokale Feieranlässe?

Gibt es was zu feiern? Was gibt es dann zu feiern? Und schließlich zurück zur Frage: Ist Kiel die Stadt der deutschen Demokratie?

Wer die Geschichte der Weimarer Demokratie aus dem Blickwinkel ihres Scheiterns schreibt und deutet, wird sich schon der Revolution mit begrenztem Horizont nähern. Nur wer sich frei macht von unserem retrospektiven Wissen, kann auch die Offenheit von Entwicklungen, die Bandbreite der Experimente, die kulturelle und soziale Vielfalt, die Hoffnungen und Enttäuschungen, die Spannungen und Konflikte, die Freuden und Leiden, die Probleme und Optionen der schnell überforderten Demokratie Abbildung 5: Zeitgenössische Postkarte aus Kiel (Sammlung Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History)Abbildung 5: Zeitgenössische Postkarte aus Kiel (Sammlung Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History)erfassen. Die Weimarer Republik war nicht für ihren Untergang vorbestimmt.51 Aber natürlich überwiegen die Erinnerungen an Untergang, Negativerfahrungen, Verarbeitungen, an mangelnde Liebe zur Republik, Straßengewalt, zwei verheerende Wirtschaftskrisen und einiges mehr.

Ich habe es einleitend schon betont: Auch die Forschungsgeschichte zur Novemberrevolution weist Kontroversen und Deutungswandlungen aus; sie entfaltete offenkundig in allen Phasen auch erhebliche und strittige Gegenwartsrelevanz, mehr jedenfalls als Arbeiten zu vielen anderen historischen Prozessen.

Aber das Signal aus Kiel, die Kieler Novemberrevolution, spielt in den großen historiografischen Arbeiten und Handbüchern fast keine, jedenfalls eine sehr nachrangige Rolle.52 Dem Gesamtgegenstand wird das gewiss gerecht, Kiels Rolle war beschränkt, es reichte schließlich ein kleiner Funke, um die deutschen Monarchien zu stürzen. Es ist ganz klar, ich will es betonen: Wäre der Funke in Kiel ausgeblieben, so müssten wir ihn fraglos ein paar Tage später anderswo vermuten.

Gleichwohl lässt sich nicht auslöschen, dass es eben Kiel war, das den folgenden Ereignisketten einen Stempel aufgedrückt hat. Anderswo, mit anderen Akteuren wäre es anders gelaufen.

Diese relative Eigenleistung der Kieler Revolutionäre möchte ich abschließend ausleuchten: Es geht um den Abend des 4. November in Kiel. Alles verdichtet sich in der Marinestation, wo verhandelt wird, und im Gewerkschaftshaus, wo sich der allererste Soldatenrat der Revolution bildet.

Blicken wir auf das aus meiner Sicht zentrale Dokument für die Kieler Ereignisse schlechthin: die elfseitige Niederschrift über die Verhandlungen im Sitzungssaal der Marinestation von neun Uhr bis kurz nach Mitternacht. Es sind die zweiten Verhandlungen des Gouverneurs mit der Delegation der Aufständischen, nun ergänzt um die aus Berlin angereisten Regierungsrepräsentanten Noske und Hausmann sowie Kiels Gewerkschaftssekretär Gustav Garbe. Sieben einfache Matrosen sowie vier Vertreter der örtlichen Arbeiterbewegung sitzen 23 hohen Marineoffizieren sowie Regierungsvertretern und Reichstagsabgeordneten gegenüber. Unter den Aufständischen etwa der Heizer Podolsky, der Matrose Fischer, der Oberheizer (und USPD-Mann) Artelt, USPD-Vorstandsvertreter Lothar Popp und der mehrheitssozialdemokratische Stadtrat Poller. Sie konfrontieren die hochrangige Offiziersriege undAbbildung 6: Niederschrift der Verhandlungen im Stationskommando am 4. November 1918, Ausschnitt (BArch Freiburg, RM 31/2373, pag. 40 f.)Abbildung 6: Niederschrift der Verhandlungen im Stationskommando am 4. November 1918, Ausschnitt (BArch Freiburg, RM 31/2373, pag. 40 f.) Regierungsvertreter mit Beschwerden und Forderungen. Die Matrosenvertreter, sie sind in der Rolle als Sprecher von Meuternden, geben den Ton an; ihr Mut und ihre Bestimmtheit sind beachtlich, obwohl für diese Verhandlung natürlich freies Geleit gewährt wurde. Auch die Repräsentanten der örtlichen Arbeitervertretung, insbesondere der USPD, gehen als politische Rädelsführer ein hohes Risiko ein. Die des Befehlens so gewohnten Marineoffiziere treten erstaunlich defensiv auf; sie schweigen quasi ohne Ausnahme. Sie sind auch sozial erstarrt, weil fassungslos. Der Gouverneur macht derweil erhebliche Zugeständnisse.
Die Beschlüsse zum Umgang mit der Meuterei werden festgehalten, insbesondere, dass noch in der Nacht die Heerestruppen zurückgezogen werden sollen. Haftanordnungen würden überprüft, Amnestien angeregt.

Mehrere Vertreter der Aufständischen erheben auch allgemeine politische Forderungen wie Meinungs- und Pressefreiheit, „Größere Rechte des Volkes“ und „Rücktritt des Kaisers“. Am klarsten drückt sich der stellvertretende Kieler USPD-Vorsitzende Lothar Popp aus. Im Protokoll werden seine Ausführungen wie folgt notiert:

„1. Beseitigung der Krone, 2. Abschaffung sämtlicher Monarchien in Deutschland, 3. freie Volksrepublik, 4. ein gerechtes Wahlrecht. Als solches betrachte er das Proportionswahlrecht, das die Stimmberechtigung auch den Frauen zuspreche. 5. Preßfreiheit, 6. Restlose Entlassung aller Gefangenen.
Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, würde in Kiel in den Generalstreik getreten werden.“Abbildung 7: Niederschrift der Verhandlungen im Stationskommando am 4. November 1918, Ausschnitt (BArch Freiburg, RM 31/2373, pag. 42 f.)Abbildung 7: Niederschrift der Verhandlungen im Stationskommando am 4. November 1918, Ausschnitt (BArch Freiburg, RM 31/2373, pag. 42 f.)

Noske und Haußmann verweigern darüber die Diskussion, für derart weitgehende Fragen haben sie natürlich keine Verhandlungskompetenz. Aber darauf kommt es (mir) nicht an. Popps hier stellvertretend vorgestellter Katalog ist revolutionär, fordert eine andere Herrschaftsform. Und zwar genau jene, die schließlich als Weimarer Republik geschaffen wird.

Dieser Mut der Straße, dieses demokratische Potenzial kleiner Leute, die unerschrocken der Obrigkeit und den mental gebundenen Eliten begegnen, ohne dabei zu überziehen, ausdrücklich ohne die Klassenherrschaft anzustreben, ist das für mich zentrale Moment der Kieler Tage im November!53

Hier am Ausgangspunkt der Revolution wurden parallel bereits jene Strukturen vorgeprägt, die die Novemberrevolution insgesamt kennzeichneten: Soldaten- und Arbeiterräte, die basisdemokratisch eine spontane Entwicklung aufgriffen, sich aber als vorübergehende Erscheinungen sahen zugunsten (verfassungs-)politischer Zukunftsvorstellungen, Revolutionäre, die mehrheitlich Vertrauen in die Führung der (Mehrheits-)Sozialdemokratie setzten und gemeinsam den Weg zur repräsentativen Demokratie einschlugen. Um nämlich, wie schon in der Marinestation am 4. November ausgedrückt, alle Deutschen jeder Herkunft und Couleur mitzunehmen in die demokratische Republik und diese auch gemeinsam verfassungsrechtlich zu konstruieren nach so lange verweigerten freien und gleichen Wahlen zur Nationalversammlung.

Dass genau diese MAbbildung 8: Breustedenkmal in Kiel, Foto; Levke Maria Danker, 2016Abbildung 8: Breustedenkmal in Kiel, Foto; Levke Maria Danker, 2016itnahme aller scheiterte, viele und bald die Mehrheit der Deutschen sich nicht mitnehmen lassen wollten, ist das verhängnisvolle Missverständnis der Weimarer Republik schlechthin.

In den ereignisreichen Tagen des Geschehens konnte niemand so klar die Grundlinien erkennen, wie wir Historiker es heute können, auch die Bewertungen der Entwicklung resultierten damals noch strikt aus dem eigenen Standort, während wir heute eher eine – gewiss in Teilen auch weiterhin strittige – demokratische Meistererzählung anstreben. Je genauer man diese Quellen studiert, desto klarer wird jedenfalls, dass die damaligen Akteure aller Lager innerhalb verschiedener Handlungsspielräume agierten, die zu sprengen nicht in ihrer Macht lag.

  • Marineoffiziere waren vom Ausmaß der Unbotmäßigkeit und Meuterei ihrer Mannschaften in den Grundfesten erschüttert, mussten spüren, dass ihre als alternativlos begriffene hergebrachte Welt des Oben und Unten, des Befehls und Gehorsams, der klassenbedingten „Arbeitsteilung“, der Vorstellungen von Ehre und Ruhm nicht mehr trug in diesen Tagen. Sollten aber gerade sie gerade diesen meuternden einfachen Leuten die Gestaltung eines neuen, funktionstüchtigen Staatswesens zutrauen, also in Alternativen zur Tradition denken, und zwar von heute auf morgen?

  • Meuternde, die zunächst nur eine künstliche Verlängerung des längst sinnlosen Krieges hatten verhindern wollen und auch nicht mehr der völligen Willkür ihrer Vorgesetzten ausgeliefert sein wollten, sahen sich über Nacht in der Situation, dass durch ihr Handeln der monarchische Staat zerbröckelte und ihnen – vorübergehend wenigstens – die politische Macht in die Hände fiel. Was tun mit der überraschenden Option: eine Volksdemokratie aus dem Nichts schaffen, einfach den als Endpunkt des Kapitalismus erwarteten, aber doch nie ernstgenommenen „Kladderadatsch“ durchleben und im Sozialismus landen oder ganz bewusst und strategisch ausgerichtet neue politische Strukturen schaffen, gewiss demokratische, aber wie? Was würde tragen, wie baut man überhaupt einen Staat auf, auf wen sollte man dabei als Mitwirkenden setzen, auf wen nicht? Welch eine Verantwortung, welch eine potenzielle Überforderung auf den Schultern kleiner Leute, einfacher kriegsmüder Soldaten und Arbeiter!

  • Die Vertreter der politischen Eliten, insbesondere die jetzt geforderte Spitze der Sozialdemokratie, Wirtschaftsführer, Verwaltungseliten, die Militärführung und weitere sahen sich plötzlich genötigt, Positionen zu beziehen, neue Zukunft zu denken und gestaltend zu beeinflussen. Niemand war frei dabei, alle mussten den Herrschaftszerfall und zugleich machtpolitische Rahmenbedingungen beachten, den verlorenen Krieg, massenhaftes materielles Elend berücksichtigen und die Rückkehr der Soldaten vorbereiten, mentale, kulturelle und aus der Klassenlage abgeleitete Prägungen, die ebenfalls individuelle Handlungsspielräume eingrenzten, noch gar nicht mitgedacht.

Zusammengeführt in der Betrachtung von auf lokaler Ebene entstandenen Quellen führt der überraschende Weg von Meuterei zu Revolution mit zahlreichen Perspektiven und eingegrenzten Handlungsspielräumen zu einer sehr bunten und spannenden Geschichte.

 

V. Ein Fazit

Erstens:
Der langfristige herrschaftliche Trend in Deutschland wies längst in Richtung forcierter Parlamentarisierung, mit oder ohne Kronen. Wahlen am Ende des Kaiserreichs und am Beginn der Weimarer Republik demonstrieren zugleich ein hohes Maß politischer Kontinuität.

Zweitens:
Aber das Nicht-Handeln der deutschen Eliten, Verkrustungen in Mentalitäten und Denken, reduzierten die Reformfähigkeit immer weiter und bauten in den letzten Kriegsjahren Druck auf, der ein Ventil suchte. Das kalkulierte Delegieren von Kriegsbeendigung und Kriegsfolgen an demokratische Trägergruppen bildete das I-Tüpfelchen der Verantwortungslosigkeit.

Drittens:
Kontrafaktisch angenommen, die Revolution wäre nicht eingetreten, wohl aber die evolutionäre Entwicklung stabilisiert worden: Die Hypotheken der neuen Demokratie wären dieselben gewesen, ihr Scheitern an deren Überlast ebenso wahrscheinlich.

Viertens:
Die durchgreifende Demokratisierung wäre auch ohne den Anstoß aus Kiel gekommen. Die tradierte Herrschaft implodierte wie ein Kartenhaus, der Initialfunke wäre gewiss kurze Zeit später anderswo erfolgt.

Fünftens:
Allerdings verlief die Entwicklung nicht auf evolutionärem Wege, denn der wurde zu spät, von oben und nur halbherzig eingeschlagen. Die Demokratisierung bedurfte vielmehr des revolutionären Schwunges, der im Übrigen Errungenschaften mit sich brachte, die anders (noch) nicht denkbar waren: nämlich das Frauenwahlrecht und der Achtstundentag, beides beachtliche Schritte nach vorn.

Sechstens
In Kiel wurde im Kleinen manches praktiziert, das die Novemberrevolution insgesamt kennzeichnen würde: die Bildung der Räte, ihr Selbstbild der Vorläufigkeit, die Kontrolle der hergebrachten Gewalten, das Vertrauen in die mehrheitssozialdemokratische Führung, der Weg zu einer demokratisch legitimierten Verfassungsbildung.

Siebtens:
Begreift man derartige revolutionäre Demokratisierung als positiven Wert, so wird man sich feiern und inszenieren dürfen – ähnlich wie Wirkungsstätten eines Luther oder Goethe ihre besondere Relevanz und Identität niemals zu betonen vergessen würden. – Ob man das aber so platt machen muss, wie wir es 2018 erlebten, sei dahingestellt.

 



Anmerkungen

1 Vgl. den einordnenden Überblick von Astrid Schwabe (mit Martin Fröhlich): Erinnerungen an 1918 in Kiel. Schlaglichter auf die regionale Geschichtskultur im Gedenkjahr 2018, in: Demokratische Geschichte 29 (2018), Malente 2018, S. 171-197. „Volksaufstand“ lautete der Serientitel am 9. Oktober 2018 in den Zeitungen des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages, sh:z-Verlag.

2 Uwe Danker: Revolutionsstadt Kiel. Ausgangsort für die erste deutsche Demokratie, in: Detlev Kraack / Martin Rheinheimer (Hrsg.): Aus der Mitte des Landes. Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt zum 65. Geburtstag, Neumünster 2013, S. 483-501; dito in: Demokratische Geschichte 25 (2014), Malente 2014, S. 285-306.

3 Stadt Kiel (Hrsg.): Jubiläumsprogramm 2. Halbjahr, Titel, Kiel 2018.

4 Doris Tillmann und Sonja Kinzler: Die Stunde der Matrosen. Buch und Ausstellung zum hundertsten Jahrestag, in: Sonja Kinzler; Doris Tillmann (Hrsg.): 1918. Die Stunde der Matrosen. Kiel und die deutsche Revolution 1918, (Ausstellungsbegleitband), Darmstadt 2018, S. 9.

5 So etwa lautet der von Jörn Rüsen stammende Fundamentalsatz der gegenwärtigen Fachdidaktik. Vgl. Jörn Rüsen: Historisches Lernen. Grundlagen und Paradigmen, Schwalbach 2008(2).

6 Vgl. Wolfgang Niess: Die deutsche Revolution von 1918/19 – Geschichtskultur, Geschichtspolitik, Geschichtsschreibung, in: Drsb.: Die Revolution von 1918/19 in der deutschen Geschichtsschreibung, Berlin 2013., S. 539-589; Alexander Gallus: Die vergessene Revolution von 1918/19 – Erinnerung und Deutung im Wandel, in: Drsb. (Hrsg.): Die vergessene Revolution von 1918/19, S. 14-38, Göttingen 2010.

7 Vgl. neben Gallus (a. a. O.) zum Beispiel an Überblicken zu Forschungskontroversen: Dieter Gessner: Die Weimarer Republik (Kontroversen um die Geschichte), Darmstadt 2002; Wolfgang Niess: Die Revolution von 1918/19 in der deutschen Geschichtsschreibung, Berlin 2013; Schildt, Axel: Der lange November – zur Historisierung einer deutschen Revolution, in: Alexander Gallus (Hrsg.): Die vergessene Revolution von 1918/19, , Göttingen 2010, S. 223-243; Volker Stalmann: Die Wiederentdeckung der Revolution von 1918/19. Forschungsstand und Forschungsperspektiven, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 64. Jahrgang 2016, Heft 6, S. 521-541.

8 Eine Auswahl inzwischen ‚klassischer‘ und deutlich unterschiedlicher Darstellungen zur Weimarer Republik und ihrer Gründungsgeschichte bilden: Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik (Oldenburg Grundriss der Geschichte), München 2002; Ulrich Kluge: Die deutsche Revolution 1918/19, Frankfurt a. M. 1985; Horst Möller: Weimar. Die unvollendete Demokratie, München 1994; Hans Mommsen, Die verspielte Freiheit, Frankfurt a. M./Berlin 1990; Detlev J.K. Peukert: Die Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 1987; Hagen Schulze: Weimar. Deutschland 1917-1933, Berlin 1982; Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vierter Band. Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949, München 2003 S. 148-225; Heinrich-August Winkler: Weimar 1918-1933, München 1993. Aktuelle Forschungsstände (Büttner), teilweise enthusiastische (Keil/Kellerhof, Niess) oder sehr zugespitzte (Jones) Bearbeitungen oder neue, teilweise gewagte (Pohl) Deutungen bieten: Ursula Büttner: Weimar. Die überforderte Republik 1918-1933, Stuttgart 2008; Alexander Gallus (Hrsg.): Die vergessene Revolution von 1918/19, Göttingen 2010; Gerhard Hirschfeld; Gerd Krumeich; Irena Renz (Hrsg.): 1918. Die Deutschen zwischen Weltkrieg und Revolution, Berlin 2018; Mark Jones: Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik, Berlin 2017; Lars-Broder Keil; Sven Felix Kellerhoff: Lob der Revolution. Die Geburt der deutschen Demokratie, Darmstadt 2018; Detlef Lehnert (Hrsg.): Revolution 1918/19 in Norddeutschland, Berlin 2018; Wolfgang Niess: Die Revolution von 1918/19. Der wahre Beginn unserer Demokratie, Berlin 2017; Pohl, Karl Heinrich: Revolution in Kiel? in: Detlef Lehnert (Hrsg.): Revolution 1918/19 in Norddeutschland, Berlin 2018, S. 21-98.

9 Vgl. insbesondere den umfassenden Überblick bei Niess 2013, siehe auch Kluge 1985 (FN 8), S. 10-38; Kolb 2002 (FN 8), S. 166-178; Gessner 2002 (FN 7), 23 ff; Büttner 2010 (FN 30), S. 290-295.

10 Vgl. exemplarisch Jones 2017 (FN 8); Gessner 2002 (FN 8), S. 106-110; Büttner 2010 (FN 30), S. 244-255.

11 Georg Schuster, Der Weltkrieg, in: Aloys Meister (Hrsg.): Gebhardts Handbuch der Deutschen Geschichte, 6. Aufl., Bd. 3, Stuttgart 1923, S. 631-722, S. 702 f.

12 Schuster 1923 (FN 11), S. 703.

13 Schuster 1923 (FN 11), S. 703 f.

14 Georg Schuster, Der Weltkrieg, in: Robert Holtzmann (Hrsg.): Gebhardts Handbuch der Deutschen Geschichte, 7. Aufl., Bd. 2, Stuttgart 1931, S. 712-822, insbesondere S. 816 ff.

15 Karl Dietrich Erdmann, Die Zeit der Weltkriege, in: Herbert Grundmann (Hrsg.): Gebhardts Handbuch der Deutschen Geschichte, 8. Aufl., Bd. 4, Stuttgart 1959.

16 Erdmann 1959 (FN 15), S. 77.

17 Erdmann 1959 (FN 15), S. 77.

18 Erdmann 1959 (FN 15), S. 78 f.

19 Erdmann 1959 (FN 15), S. 87.

20 Erdmann 1959 (FN 15), S. 87.

21 Vgl. Erdmann 1959 (FN 15), S. 87-91.

22 Erdmann 1959 (FN 15), S. 90.

23 Karl Dietrich Erdmann, Die Zeit der Weltkriege, in: Herbert Grundmann (Hrsg.): Gebhardt Handbuch der Deutschen Geschichte, 9. Aufl., Bd. 4/1, Stuttgart 1973, S. 154.

24 Erdmann 1973 (FN 23), S. 141; vgl. S. 141-169.

25 Vgl. Erdmann 1973 (FN 23), S. 164 f.

26 Vgl. Erdmann 1973 (FN 23), S. 157 f.

27 Erdmann 1973 (FN 23), S. 154 f.

28 Erdmann 1973 (FN 23), S. 155.

29 Erdmann 1973 (FN 23), S. 156.

30 Vgl. Ursula Büttner, Weimar – die überforderte Republik 1918-1933, in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Gebhardt Handbuch der Deutschen Geschichte, Bd. 18, 10. Aufl., Stuttgart 2010, S. 173-714/812, hier: 265-295.

31 Bernhard Rausch, Am Springquell der Revolution, Kiel 1918; Lothar Popp (mit Karl Artelt), Ursprung und Entwicklung der Novemberrevolution 1918, Kiel 1918. Siehe auch: Wilhelm Brecour, Die sozialdemokratische Partei in Kiel, Kiel 1932. Alle drei Publikationen hat faksimiliert neu herausgegeben Jürgen Jensen (Hrsg.): Zur Geschichte der Kieler Arbeiterbewegung, Kiel 1983. Als weitere Quelle weiterhin markant wie sperrig: Gustav Noske: Von Kiel bis Kapp, Berlin 1920.

32 Vgl. Dirk Dähnhardt: Revolution in Kiel. Der Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik 1918/19, Neumünster 1978.

33 Dähnhardt 1978 (FN 33), S. 162, 165.

34 Dähnhardt 1978 (FN 33), S. 165.

35 Dähnhardt 1978 (FN 33), S. 165; vgl. zum Folgenden 164.

36 Dähnhardt 1978 (FN 33), S. 167, 165.

37 Eine aktuelle Bearbeitung liefert: Martin Rackwitz: Kiel 1918. Revolution – Aufbruch zu Demokratie und Republik, Kiel 2018.Eine spezifische Quellenauswertung findet sich bei: Robert Bohn; Uwe Danker: Vom Matrosenaufstand in Kiel zur Deutschen Revolution. Quellen, Perspektiven und Handlungsspielräume, Malente 2018. Siehe auch: Uwe Danker: Vom Matrosenaufstand in Kiel zur Deutschen Revolution 1918/1919, in: Göttrik Wewer (Hrsg.): Demokratie in Schleswig-Holstein. Historische Aspekte und aktuelle Fragen, Opladen 1998, S. 175-196; Rolf Fischer: Revolution und Revolutionsforschung, Kiel 2011; Wolfram Wette: Gustav Noske und die Revolution in Kiel 1918, (Sonderveröffentlichungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 64), Heide 2010.

38 Die hier folgende Chronik folgt weitgehend meiner Publikation: Danker 1998 (FN 37); dort finden sich auch alle einschlägigen Belege. Eine ausführlichere mit aktualisierter Belegstruktur und zahlreichen Quellenverweisen versehene Version aus der gemeinsamen Feder mit Robert Bohn findet sich bei Bohn und Danker (FN 37) S. 11-26.

39 Vgl. Peter Wulf: Kiel wird Großstadt (1867 bis 1918), in: Jürgen Jensen, Peter Wulf (Hrsg.): Geschichte der Stadt Kiel, Neumünster 1991, S. 207-271; Michael Salewski: Kiel und die Marine, in: ebenda, S. 272-286. Aktueller Überblick: Pohl 2018 ((FN 8), S. 29-35.

40 Vgl. Wolfram Wette, Gustav Noske: Eine politische Biographie, Düsseldorf 1987, S. 205.

41 Vgl. den Militärhistoriker Christian Lübcke: Die Meuterei der Matrosen, in: Tagesspiegel, Potsdamer Neueste Nachrichten, 2. November 2018. Siehe auch Martin Eich: Als Deutschland den Frieden verlor, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. November 2018.

42 Sebastian Haffner schrieb schon früh von einer Offiziersmeuterei, vgl. Rackwitz 2018 (FN 37), S. 30. Der Kieler Militärhistoriker Dieter Hartwig sagt, das Handeln sei „ungerechtfertigter Admiralsungehorsam“ gewesen (unveröffentlichter Vortrag aus dem Mürz 2019, Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg).

43 Vgl. Dähnhardt 1978 (FN 33), S. 56.

44 Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg, RM 8/1010, pag. 4 f.

45 Vgl. zum Folgenden Volker Berghahn: Das Kaiserreich 1871-1914, in: Jürgen Kocka (Hrsg.): Gebhardt Handbuch der Deutschen Geschichte, Bd. 16, 10. Aufl., Stuttgart 2003; Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Dritter Band, Von der ‚Deutschen Doppelrevolution‘ bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1849-1914, München 1995. Siehe insbesondere: Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Vierter Band, Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949, München 2003, darin: V. Die deutsche Revolution von 1918, S. 148-197 sowie VI. Der Untergang des Deutschen Kaiserreichs, S. 198-225; Ursula Büttner: Weimar – die überforderte Republik 1918-1933, in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Gebhardt Handbuch der Deutschen Geschichte, Bd. 18, 10. Aufl., Stuttgart 2010, S. 173-812, hier: §2 Die deutsche Gesellschaft im Ersten Weltkrieg, S. 255-265 sowie §3 Die deutsche Revolution, S. 265-295.

46 Vgl. Büttner 2010 (FN 45), S. 264 f; Wehler 2003 (FN 45), S. 164-174.

47 Zur Bewertung der halbherzigen, von oben eingeleiteten Oktoberreform vgl. Wehler 2003 (FN 45), S. 177-182, 194 f.

48 Vgl. Niess 2013 (FN 7), S. 587.

49 Vgl. zum Folgenden beispielsweise Winkler 1994 (FN 8), Kluge 1985 (FN 8), Büttner 2010 (FN 45).

50 Büttner 2010 (FN 45), S. 265 f.

51 Diese Offenheit der historischen Entwicklung ist einer jener Akzente, die in den aktuellen Publikationen zum Revolutionsjubiläum gesetzt werden. Schon sehr früh propagierte diese These Detlef Peukert 1987 (FN 8).

52 So taucht Kiel etwa in den hier intensiv rezipierten Arbeiten von Wehler 2003 (FN 45), S. 191 f. und Büttner 2010 (FN 45), S. 267 nur an marginaler Stelle auf.

53 Wer diese Ansicht teilt, wird überrascht sein über Hans-Ulrich Wehlers Konzentration auf die Kommunikation der politischen und militärischen Eliten in den Revolutionstagen zwischen Berlin und Spa. Die damit verbundene eigentümliche Missachtung dessen, was in Kiel und überhaupt auf der Straße passierte, ist schwer erklärlich. Dabei kennzeichnet Revolutionen, dass neue Akteure das Heft des Handelns an sich reißen: Jedenfalls vorübergehend spielte die Musik anderswo, nämlich auf der Straße. Und kleine Leute trieben die großen Führer vor sich her. Vgl. Wehler 2003 (FN 45).

 


 

Ergänzte Druckfassung des Vortrags, den der Autor am 5. November 2018 im Landeshaus Kiel, Sitz des Schleswig-Holsteinischen Landtags, im Rahmen einer Veranstaltung der Stiftung Wissenschaft und Demokratie gehalten hat.

Verfasst von:

Uwe Danker

Erschienen am:

25. November 2019

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