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Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2016

Ulrich Mählert / Jörg Baberowski / Bernhard H. Bayerlein / Bernd Faulenbach / Ehrhart Neubert / Peter Steinbach / Stefan Troebst / Manfred Wilke (Hrsg.)

Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2016. Hrsg. im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Berlin: Metropol 2016; IX, 278 S.; 29,- €; ISBN 978-3-86331-280-0
Von Beginn seiner parteipolitischen Etablierung an war der Kommunismus auch von subversiven und konspirativen Aktionsmustern geprägt. Ihren gewaltsamen Höhepunkt fand diese Entwicklung im Großen Terror in der Sowjetunion der 1930er‑Jahre. Den gleichermaßen nach außen wie nach innen wirkenden Praktiken ist ein Großteil der überwiegend von Historiker_innen verfassten Beiträge des Bandes gewidmet. Die historische Annäherung geschieht einerseits in biografischen Fallstudien, andererseits in partei‑ und institutionenorientieren Untersuchungen. Räumlich werden zahlreiche europäische Länder behandelt, mit Schwerpunkten auf Deutschland, Polen, Österreich und Skandinavien. Wiederholt werden die Wechselwirkungen mit der zweiten totalitären Großideologie des 20. Jahrhunderts, dem Nationalsozialismus, thematisiert. Der Berliner Historiker Andreas Herbst untersucht die Rolle des Berliner KPD‑Reichstagsabgeordneten Wilhelm Hein. Er kann nach jahrzehntelangen Spekulationen nachweisen, dass Hein nicht nur nach 1933 als V‑Mann für die Gestapo tätig war, sondern bereits vor der Machtübertragung auf Hitler an die Berliner Polizei berichtet hatte. Ähnliche Fälle schildert der in London tätige Historiker Udo Grashoff. Er zeigt, dass die Gestapo die illegale KPD in Breslau in den 1930er‑Jahren durch mehrere V‑Männer unterwandern und kontrollieren konnte. Das Vorgehen erscheint symptomatisch – Ähnliches wurde etwa in München und Chemnitz versucht, teilweise erfolgreich, teilweise nicht. Im zweiten Abschnitt erläutert der Stettiner Historiker Eryk Krasucki, wie stark das innerparteiliche Leben der Kommunistischen Partei Polens von „obsessivem oder paranoidem Misstrauen“ (114) geprägt war. Über zwei Drittel des Führungsapparates wurde im Großen Terror getötet, erst nach dem Tod Stalins trat hier eine gewisse Entspannung ein. Zuvor kam es auch im kommunistischen Polen der Nachkriegszeit zu einer Reihe von Schauprozessen, schildert die Düsseldorfer Historikerin Ute Caumanns. Unter Führung Boleslaw Bieruts und Jakub Bermans wurden vor allem die Streitkräfte „gesäubert“. Die entsprechenden Aktivitäten dienten auch der Legitimierung der eigenen Herrschaft in der polnischen Gesellschaft und der Durchsetzung der mit beiden Politikern verbundenen stalinistischen Linie nach der Ende 1948 erfolgten Entmachtung des vorherigen Parteichefs Wladyslaw Gomulka, der selbst von einem Schauprozess verschont blieb.
Martin Munke, M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.222.212.612.312.42.62 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Ulrich Mählert / Jörg Baberowski / Bernhard H. Bayerlein / Bernd Faulenbach / Ehrhart Neubert / Peter Steinbach / Stefan Troebst / Manfred Wilke (Hrsg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2016. Berlin: 2016, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/40103-jahrbuch-fuer-historische-kommunismusforschung-2016_48328, veröffentlicht am 06.10.2016. Buch-Nr.: 48328 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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