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Ethnische Identitätspolitik im Medienwandel

Sebastian Thies

Ethnische Identitätspolitik im Medienwandel

Göttingen: Wallstein Verlag 2015 (Das Politische als Kommunikation 10); 191 S.; brosch., 9,90 €; ISBN 978-3-8353-1154-1
Der Autor fragt in diesem Essay nach der strategischen Rolle der Medien in Aushandlungsprozessen über Diskriminierung, Anerkennung und ethnische Identität in multikulturellen Gesellschaften. „Medien regulieren den Zugang zum öffentlichen Raum und entscheiden darüber, welche Positionen überhaupt eine Sichtbarkeit erfahren; darüber hinaus wirken sie auch auf die Selbstwahrnehmung der Akteure ethnischer Identitätspolitik zurück.“ (11) Von dieser Grundüberlegung ausgehend erörtert Sebastian Thies an ausgewählten Beispielen, wie sich die Repräsentation und die Beteiligungsmöglichkeiten von benachteiligten ethnischen Identitäten durch den Wandel der Medien verändert haben. Die Fallbeispiele beziehen sich auf die indigenen Völker auf dem amerikanischen Kontinent und reichen von der Herausbildung der Printkultur in der Frühen Neuzeit bis heute. So legt Thies dar, dass die Schriftkultur während des frühneuzeitlichen Kolonialismus in Neuspanien als Herrschaftsinstrument eingesetzt wurde. Mit der Entwicklung audiovisueller Medien erfolgte eine Fortsetzung der Kolonialität – etwa in Form des ethnografischen Films als Mittel zur „Zurschaustellung des Anderen“ (83) oder des Westerngenres. Dass Marlon Brando 1973 den Oscar für seine Rolle in „The Godfather“ zurückwies, sieht Thies als ein „markantes Medienereignis in einer Zeit, in der […] die überkommenen medialen Macht‑ und Repräsentationsverhältnisse überall auf dem amerikanischen Kontinent in Frage gestellt wurden. […] Jenseits des machtvollen assimilierten Filters der Schriftkultur bietet die Film‑ und Videokultur für marginalisierte Bevölkerungsgruppen die Grundlage einer selbstbestimmten Darstellung der eigenen Subjektivität und Lebenswelt“ (88). Das emanzipatorische Potenzial der Filmproduktion veranschaulicht Thies am Beispiel eines ambitionierten, aus dem politischen Aktivismus heraus entstandenen Medienprojekts in Bolivien, das der „politische[n] und kulturelle[n] Reproduktion der indigenen Gemeinschaften“ (123) dient. Dem gegenüber steht Kanada als Beispiel für eine staatlich regulierte Einbeziehung der indigenen Bevölkerung. Mit der Internetkultur und den sozialen Netzwerken schließlich sind die Möglichkeiten der Vernetzung enorm gestiegen und es finden sich unterschiedliche Formen virtueller indigener Gemeinschaften im Netz. Zwar biete das Internet „Freiheiten zur Selbstrepräsentation“, aber, so betont Thies, „auf der medialen Partizipation identitätspolitischer Akteure [lastet] auch ein gewisser Druck zur Homogenisierung“ (157).
Anke Rösener, Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.222.235.422.642.65 Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Sebastian Thies: Ethnische Identitätspolitik im Medienwandel Göttingen: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39646-ethnische-identitaetspolitik-im-medienwandel_43254, veröffentlicht am 04.05.2016. Buch-Nr.: 43254 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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