Portal für Politikwissenschaft

Schwankender Westen

Udo Di Fabio

Schwankender Westen. Wie sich ein Gesellschaftsmodell neu erfinden muss

München: C. H. Beck 2015; 272 S.; geb., 19,95 €; ISBN 978-3-406-68391-6
Das inzwischen viel gerühmte Buch trifft mehrere Nerven des gegenwärtigen zeitgeistigen Krisenbewusstseins: die normativen, ideenpolitischen Grundlagen des „Westens“, die vertragstheoretischen Bindungen, die marktwirtschaftlichen und demokratischen Institutionen sowie die europäischen Rahmenbedingungen und Integrationsnotwendigkeiten moderner Gesellschaften. All dies und vieles andere mehr habe dazu geführt, so Udo Di Fabio, dass das westliche Gesellschaftsmodell in die Krise geraten sei: „[…] es zerfallen bewährte Ordnungen und gut durchdachte Institutionen“ (5). Neben Einigem, dem man umstandslos zustimmen wird (weil es kaum strittig ist), ist der Gestus, in dem eine Gesellschaftsanalyse vorgetragen wird, die sich einerseits mit akademisch‑intellektuellen Versatzstücken garniert, andererseits aber sich der Arbeit am Begriff durchweg verweigert, eher ärgerlich. Wer Theorie und Empirie als „reflexive Ausleuchtungstechniken“ beschreibt, der will den Leser verzaubern, aber sicher nicht mit begründeten Urteilen überzeugen. Was hat man von der Empfehlung zu halten, man solle „zur Rettung der Moderne auf eine postmoderne Behauptung zurückzugreifen, wonach es gar keinen wirklichen Unterschied zwischen Sein und Sollen, empirischer Wissenschaft und spekulativer Philosophie“ (57) gibt? Wenn es, wie der Verfasser meint, wirkliche Überraschungen durch empirische Sozialforschung jenseits der Alltagserfahrung nur selten gibt, dann kann man sich in der Tat den ganzen Aufwand wissenschaftlicher Einzelforschung sparen und die wesenserschließende Gesamtschau gesellschaftlicher Tendenzen jenen überlassen, die sich nicht nur über die normativen Grundlagen des Westens im Klaren sind. Wenn die Fachwissenschaften unfähig sind, „das Ganze“ in den Blick zu nehmen, stellt sich die Frage, woher der Verfasser seine umfassenden Kenntnisse bezieht – und warum er sich auf die Differenzierungstheorie Luhmanns beruft. Ist es tatsächlich nur eine falsche Mentalität, die die Institutionen (Marktwirtschaft, Kapitalismus, Demokratie) in Misskredit gebracht hat? Wird uns im erneuerten Bewusstsein um die Stärken des „Westens“, wie Di Fabio dies fordert, die Vision eines neuen Gesellschaftsmodells zuteil?
Georg Kamphausen, Prof. Dr., Historische Soziologie, Kulturwissenschaftliche Fakultät, Universität Bayreuth.
Rubrizierung: 2.232.25.422.61 Empfohlene Zitierweise: Georg Kamphausen, Rezension zu: Udo Di Fabio: Schwankender Westen. München: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39406-schwankender-westen_47730, veröffentlicht am 18.02.2016. Buch-Nr.: 47730 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

Suchen...