Portal für Politikwissenschaft

Kurze Geschichte der Migration

Massimo Livi Bacci

Kurze Geschichte der Migration. Aus dem Italienischen von Marianne Schneider

Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2015; 175 S.; 10,90 €; ISBN 978-3-8031-2743-3
Man kann den Eindruck gewinnen, dass alles, was derzeit über das Thema Migration geschrieben oder veröffentlicht wird, schon binnen weniger Wochen veraltet sein muss. Der Autor, Professor für Demografie an der Universität Florenz, liefert mit seiner kompakten Geschichte des Phänomens darum einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Debatte. Massimo Livi Bacci konzentriert sich auf die europäische Geschichte der Migration, die er anhand zahlreicher Fallbeispiele aus verschiedenen Jahrhunderten erläutert. So zeigt er unter anderem, wie Veränderungen von Technologie und Infrastruktur mit der Zeit den Austausch und die Verbreitung von Gütern und ‚Humanressourcen‘ zwischen Regionen oder gar Kontinenten ermöglichten und wie ein hohes Bevölkerungswachstum in Europa die Massenmigration des langen 19. Jahrhunderts begünstigte. Für das 20. Jahrhundert diagnostiziert Bacci zunächst zahlreiche unfreiwillige Migrationsbewegungen innerhalb Europas, im späteren Verlauf der Nachkriegsjahrzehnte dann einen historischen „Rollenwechsel Europas vom Exporteur zum Importeur von Humanressourcen“ (88). Und heutzutage, so der Demografieforscher, werde Migration sogar oft als „ein lästiges Geräusch im Hintergrund [wahrgenommen], von dem das regelmäßige Rauschen des sozialen Lebens gestört wird“ (114). Obwohl in den meisten Ländern Europas, wenn auch in unterschiedlichem Maße, ohne Zuwanderung ein massiver Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zu erwarten sei, trage heute das „Paradigma der geschlossenen Gesellschaft“ in Politik und öffentlicher Meinung „den Sieg davon“ (121). Dies zeige sich in restriktiveren politischen Instrumenten wie „Quoten und Maximalwerten oder anderen Maßnahmen mit ähnlicher Wirkung“ (140). Auch wenn das Buch nicht explizit auf das Thema Asyl zielt, zeigt sich spätestens an dieser Stelle sein Wert für gegenwärtige Diskussionen. Baccis Überblicksdarstellung ist allgemeinverständlich geschrieben, bisweilen jedoch zu zahlenlastig – gut wären einige Karten gewesen. Mit weniger als 200 Seiten muss die Publikation stichwortartig bleiben, aber der Autor versteht es, Interesse zu wecken und regt zu weiterführender Lektüre an.
Frank Kaltofen, Politikwissenschaftler, Promotionsstudent, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 4.422.2 Empfohlene Zitierweise: Frank Kaltofen, Rezension zu: Massimo Livi Bacci: Kurze Geschichte der Migration. Berlin: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39262-kurze-geschichte-der-migration_47754, veröffentlicht am 14.01.2016. Buch-Nr.: 47754 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

Suchen...