Portal für Politikwissenschaft

Der "Prager Frühling" und der Westen

Birgit Hofmann

Der "Prager Frühling" und der Westen. Frankreich und die Bundesrepublik in der internationalen Krise um die Tschechoslowakei 1968

Göttingen: Wallstein Verlag 2015 (Diktaturen und ihre Überwindung im 20. und 21. Jahrhundert 10); 472 S.; brosch., 39,90 €; ISBN 978-3-8353-1737-6
Diss. Freiburg; Begutachtung: I. Villinger, E. Wolfrum. – Das Jahr 1968 und seine spezifische Ausprägung in Ostmitteleuropa werden seit einigen Jahren vermehrt in internationalen Zusammenhängen dargestellt und analysiert (siehe zum Beispiel Buch‑Nr. 42518). Den Prager Frühling als „europäische Erfahrung“ (13) untersucht auch die Heidelberger Historikerin Birgit Hofmann mit Blick auf die Reaktionen in der Bundesrepublik und in Frankreich auf Regierungsebene, wobei politik‑ und geschichtswissenschaftliche Ansätze miteinander verknüpft werden. Die Basis dafür bilden die staatlichen Aktenüberlieferungen, autobiografische Texte beteiligter Politiker und zeitgenössische Medienäußerungen. Die theoretische Grundlage bildet in Auseinandersetzung mit dem Krisenbegriff die Annahme, dass die Machtblöcke des Kalten Krieges im untersuchten Fall ein aufeinander bezogenes Referenz‑ (West) und Krisensystem (Ost) bilden. Die Autorin greift dabei sowohl (neo‑)realistische als auch konstruktivistische Ansätze zu den internationalen Beziehungen auf. In vier Großkapiteln werden die französische und bundesdeutsche Ostpolitik in ihren Kontexten vor dem Prager Frühling verortet, die Reaktionen sowohl auf die Reformpolitik von Alexander Dubček als auch auf die Invasion der Staaten des Warschauer Vertrages nachgezeichnet und abschließend die Konsequenzen der Krise für die Außenpolitik der betrachteten Staaten analysiert. Hofmann konstatiert eine Zäsur durch den Prager Frühling, unter anderem „aufgrund der Tatsache, dass sein Ende und die Reaktion des Westens hierauf die Blöcke endgültig konsolidierte“ (419). Zugleich entwickelten sich die zuvor durchaus partnerschaftlich geprägten ostpolitischen Ansätze Frankreichs und der Bundesrepublik (als „Juniorpartner“) auseinander, zumal die französische Seite der deutschen Regierung eine Mitverantwortung am sowjetischen Einmarsch zuschrieb. Die zunehmende Entzweiung bildete eine der Voraussetzungen für die Neuorientierung der deutschen Außenpolitik dann unter Bundeskanzler Willy Brandt. Mit ihren Darlegungen liefert die Autorin einen interessanten Beitrag zu einer multiperspektivischen Geschichte des Jahres 1968 in Europa und zur Geschichte der Beziehungen zwischen Westdeutschland und Frankreich.
Martin Munke, M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 4.14.214.222.612.25 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Birgit Hofmann: Der "Prager Frühling" und der Westen. Göttingen: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39241-der-prager-fruehling-und-der-westen_47896, veröffentlicht am 07.01.2016. Buch-Nr.: 47896 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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