Portal für Politikwissenschaft

"Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen"

Bernhard Weidinger

"Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen". Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945

Wien/Köln/Weimar: Böhlau Verlag 2015; 627 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-205-79600-8
Die Zeit, in der sich Burschenschaften noch einigermaßen als Avantgarde demokratisch‑republikanischer Erneuerung begreifen durften – Stichwort Wartburgfest – ist seit gut zwei Jahrhunderten vorbei. Heute herrscht – wie Bernhard Weidinger mit seiner umfangreichen Studie für Österreich belegt – bei den insgesamt immerhin 4.000 organisierten akademischen Burschenschaftlern heimattrunkenes Abschottungsdenken vor, das trotz aller fremdenfeindlichen bis hin zu antisemitischen Einschläge über den organisatorischen Umweg der FPÖ einen zumindest partiellen Einfluss auf die österreichische Bundespolitik auszuüben vermocht hat und immer noch ausübt. Weidinger geht es nun nicht nur um eine „beschreibende Organisationsgeschichte“ (14), sondern vielmehr um die Ermöglichung einer kritischen Auseinandersetzung mit ideologischen Motiven und politischem Verhalten von Burschenschaften. Schwierigkeiten gibt es besonders im Zugriff auf die Quellen – an frei verfügbarem Textmaterial dominieren vielfach „affirmative bis apologetische Selbstdarstellungen“ (13). Macht man sich indes wie Weidinger die Mühe, genauer und systematischer zu recherchieren, dann treten interessante Befunde zutage. Vor dem theoretisch‑methodologischen Hintergrund der Grounded Theory und des damit verbundenen symbolischen Interaktionismus wird deutlich, dass Burschenschaften im Rahmen ihres politischen Handelns auf die „Erlangung kultureller Hegemonie“ durch sprachliche Interventionen jenseits des etablierten politischen Betriebs abzielen. Eine solche „Metapolitik“ (17) durch einen kleinen, gut organisierten, sich als „Gegen‑Elite“ (249) begreifenden Kreis mit einer zudem sehr guten Vernetzung in höchste staatliche Ämter führte dennoch kaum zu nennenswertem Einfluss auf die Politik. Nicht nur fehle es ihnen, so Weidinger, an „Bezug zum Zeitgeschehen“ (564), sondern an Bedeutung überhaupt: „Über geringen Einfluss hinaus ist den Burschenschaften in Österreich – fernab des Hochschulbodens und mancherorts selbst dort – nachgerade Unsichtbarkeit zu attestieren.“ (565) Diese Unsichtbarkeit, so bleibt aber auch festzuhalten, rechtfertigt kein Wegschauen.
Matthias Lemke, Dr. phil. habil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.42.222.23 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Bernhard Weidinger: "Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen" Wien/Köln/Weimar: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38828-im-nationalen-abwehrkampf-der-grenzlanddeutschen_47314, veröffentlicht am 03.09.2015. Buch-Nr.: 47314 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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