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NS-Zwangsarbeits-Schicksale

Hermann Rafetseder

NS-Zwangsarbeits-Schicksale. Erkenntnisse zu Erscheinungsformen der Oppression und zum NS-Lagersystem aus der Arbeit des Österreichischen Versöhnungsfonds

Wien: Wiener Verlag für Sozialforschung 2014; 706 S.; 39,90 €; ISBN 978-3-944690-28-5
Durch den Österreichischen Fonds für Versöhnung, Frieden und Zusammenarbeit (ÖVF) erhielten rund 132.000 Opfer, die auf dem Gebiet des heutigen Österreichs während der NS‑Zeit Zwangsarbeit leisten mussten, bis 2005 Zahlungen im Gesamtwert von 352,6 Millionen Euro. In dieser Dokumentation von Hermann Rafetseder, der als Historiker im Versöhnungsfonds arbeitete, geht es „um die in ÖVF‑Materialien ‚versteckten‘ Dinge, diverse Dokumente oder auch spezielle quantifizierende Aspekte. Dies alles ermöglicht vielfach neue Einblicke in verschiedene Formen des NS‑‚Arbeitseinsatzes‘“ (7). Aus dem gesichteten Material birgt Rafetseder eine ganze Bandbreite an Erkenntnissen, die detailliert im Buch dargestellt sind und hier nur exemplarisch wiedergegeben werden können. Zunächst sind die sehr unterschiedlichen Zwangsarbeitsschicksale zu nennen, die die Historiker_innen des Fonds aus den Anträgen herausfilterten: es gab anfangs sogar Freiwillige (vorrangig aus Westeuropa), deren Tätigkeit erst später Zwangscharakter annahm, genauso wie Personen, die wie auf einem Sklavenmarkt verteilt wurden. Auch den Herausforderungen, mit den von den Nationalsozialist_innen benutzen Kategorien wie beispielsweise „Asoziale“, „Einheimische“ und „Fremde“ umzugehen, widmet der Rafetseder viel Raum. Darüber hinaus zeigt er auch, „dass perfekte Bürokratie und systematische Rassenhierarchie mit Alltagserfordernissen nicht in Einklang zu bringen waren, dass die NS‑Bürokratie bei weitem nicht so perfekt war, wie oft behauptet, und dass auch deshalb die Lebensbedingungen eben nicht allein aus Verordnungen resultierten, sondern viel Spielraum […] blieb“ (186f). Ein weiterer im Buch berücksichtigter Gesichtspunkt ist die Tatsache, dass Zwangsarbeiterinnen Opfer von Vergewaltigungen und/oder Zwangsprostitution wurden, an ihnen Schwangerschaftsabbrüche und Sterilisationen vorgenommen sowie das Einsetzen ihrer Monatsblutung durch Spritzen verhindert wurden. Auch Jungen und Männer wurden durch das weibliche Wachpersonal misshandelt, wie durch die Forschungen im Rahmen des Versöhnungsfonds aufgedeckt wurde. Viele weitere Aspekte werden in dieser Dokumentation ebenfalls detailliert beleuchtet. Sie unterfüttern und ergänzen die bereits als Zwischenbericht veröffentlichten Ergebnisse aus der Arbeit des Versöhnungsfonds (siehe Buch‑Nr. 43860).
Ines Weber, M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.42.232.312 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Hermann Rafetseder: NS-Zwangsarbeits-Schicksale. Wien: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38760-ns-zwangsarbeits-schicksale_46212, veröffentlicht am 20.08.2015. Buch-Nr.: 46212 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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