Portal für Politikwissenschaft

Der neue Bürger

Carl Deichmann

Der neue Bürger. Politische Ethik, politische Bildung und politische Kultur

Wiesbaden: Springer VS 2015 (Politische Bildung ); 186 S.; 22,99 €; ISBN 978-3-658-01387-5
Carl Deichmann geht von der These aus, dass sich gegenwärtig ein „neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (18) vollzieht. Grundlegendes Merkmal sei eine Moralisierung des politischen Diskurses. Entgegen der klassischen kulturkritischen Sichtweise auf Moralisierung als Zeichen der Dekadenz unterzieht Deichmann dieses Phänomen einer detaillierten Analyse. Einerseits entwickelt er an aktuellen Beispielen (Stuttgart 21, Wulff‑Affäre, Debatte um das Betreuungsgeld) eine Typologie moralischer Entrüstungswellen, die ein begrifflich differenziertes Potenzial zur Deutung gegenwärtiger Moralisierungsformen von Politik bereitstellt. So unterscheidet er beispielsweise zwischen der Moralisierung politischer Sachdiskussionen (Betreuungsgeld) und der moralischen Bewertung des Verhaltens von Politikern in ihrem Wahlamt (Wulff‑Affäre). Andererseits lotet er vor dem Hintergrund seines Modells einer normativen politischen Ethik Chancen und Risiken der Moralisierung von Politik für die Partizipation von Bürgern aus. Deichmann kommt zu dem Ergebnis, dass die Moralisierung des Politischen, in Verbindung mit der Enthierarchisierung politischer Arenen durch neue Medien, durchaus eine Chance für eine gesteigerte Partizipation der Bürger am politischen Prozess bietet. Sie macht einerseits politische Werte als Hintergründe politischer Auseinandersetzungen in Alltagssituationen erkennbar und ermöglicht so einen Zugang zu Politik über die Erfahrung von (moralischer) Betroffenheit. Zum anderen bietet die Reflexion moralischer Konflikte in Vis‑à‑vis‑Beziehungen die Möglichkeit, grundlegende normative Strukturen des menschlichen Zusammenlebens in der Gesellschaft zu erkennen und anschließend auf politisch‑institutionelle Zusammenhänge zu übertragen (Brückenfunktion). Aufgabe der politischen Bildung sei es, diese neue politisch‑moralische Qualität der Bürgerrolle als Herausforderung zu begreifen, schreibt Deichmann. Zu diesem Zweck empfiehlt er eine stärkere Integration von Politikdidaktik und politischer Ethik.
Florian Weber, M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.355.445.42 Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Carl Deichmann: Der neue Bürger. Wiesbaden: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38715-der-neue-buerger_47044, veröffentlicht am 06.08.2015. Buch-Nr.: 47044 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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