Portal für Politikwissenschaft

Auf dem Weg ins Imperium

David Engels

Auf dem Weg ins Imperium. Die Krise der Europäischen Union und der Untergang der römischen Republik. Historische Parallelen

Berlin: Europa Verlag 2013; 541 S.; 29,99 €; ISBN 978-3-944305-45-5
Mit historischen Vergleichen – und noch dazu bei solchen mit einer so großen Tragweite – ist das immer so eine Sache: Zumeist sind sie irgendwie plausibel, doch tragen sie – auch wenn sie „keineswegs [...] eine weitere trockene Belehrung“ (17) sein wollen – letztlich gegenwartsdiagnostisch nicht allzu weit. Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht und auch die Frage, ob Menschen in der Lage sind, aus ihr die richtigen Lehren für ihre jeweilige Gegenwart und die damit verbundene Verantwortung zu ziehen, ist zweifelhaft. Lässt man sich nun dennoch auf David Engels’ Unternehmen ein, die derzeitige, „immer bedrohlicher anmutende Krise“ (15) von Politik und Institutionen der Europäischen Union mit dem Ende der römischen Republik zu vergleichen, dann trifft man schon in der Einleitung auf eine gewisse Nonchalance, mit der er heuristische und analytische Fallstricke seiner geschichtsphilosophischen Herangehensweise übergeht. Ungeachtet dessen lässt Engels keinen Zweifel daran, was droht, wenn Politik und Bürger auch weiterhin die „auf möglichst strenge Weise“ (18) aufgezeigten Parallelen zwischen Brüssel und Rom fehldeuten sollten: Der europäische Einigungsprozess könne sich umkehren „und die daraus hervorgehende, erneut zersplitterte und geschwächte europäische Staatenwelt der Gewalt der neuen asiatischen und amerikanischen Großmächte“ (16) ausliefern. Um dem zu entgehen, bleibt der Blick in die Geschichte, genauer in die griechisch‑römische Antike. Ein solcher Blick könne, so Engels’ erstaunlicherweise ironisch gemeinter Ausflug, aus welchen Gründen auch immer „politisch unkorrekt“ (33) erscheinen. Er lohne sich aber dennoch, weil im Zuge eines „rigoros komparatistischen Ansatzes“ (38) letztlich keine Krise mehr neu und alles schon einmal dagewesen sei. Ob das dann mehr wird, als eine bloße, retrospektive Analogiebildung ohne wirkliche Reflektion über funktionale Äquivalente und Vergleichbarkeit von sozialen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen, sei dahingestellt. Für Engels und seine mit zahlreichen Statistiken und Daten unterfütterte Analyse jedenfalls reicht es unter anderem zu folgendem Befund: „Der Europäer scheint also, wie der Römer der späten Republik, zunehmend vom Gegensatz zwischen seinen vielschichtigen Traditionen, seinen Staaten und seiner Geschichte wie auch den immer drückenderen Zielvorgaben und ihres tief greifenden Einflusses auf die Gestalt seiner Gesellschaft verwirrt und verloren.“ (428) – Ungeachtet der Frage, wer denn nun bitte dieser Europäer sei – ja, man kann vieles in dem Buch irgendwie plausibel finden. Ist es aber politikwissenschaftlich relevant? Eher nein.
Matthias Lemke, Dr. phil. habil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 3.13.43.23.3 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: David Engels: Auf dem Weg ins Imperium. Berlin: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38098-auf-dem-weg-ins-imperium_46411, veröffentlicht am 19.02.2015. Buch-Nr.: 46411 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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