Portal für Politikwissenschaft

Das ist doch kein Leben mehr!

Gerbert van Loenen

Das ist doch kein Leben mehr! Warum aktive Sterbehilfe zu Fremdbestimmung führt

Frankfurt a. M.: Mabuse-Verlag 2014; 250 S.; 19,90 €; ISBN 978-3-86321-133-2
Der niederländische Journalist Gerbert van Loenen zeichnet die Diskussionen um die aktive Sterbehilfe in seinem Heimatland, beginnend Ende der 1960er‑Jahre bis in die Gegenwart hinein, nach. Er greift dabei ebenso auf eine Fülle von medizinischen Fallbeispielen und empirischen Studien zurück wie auf Bücher und Filme, in denen sich die öffentliche Diskussion kristallisiert hat. Mit dem geschichtlichen Abriss soll die „wichtigste These“ des Buches untermauert werden, „dass die Niederlande mit der Akzeptanz von aktiver Sterbehilfe auf Verlangen eine schiefe Ebene betreten haben, die vom ethisch Vertretbaren zum ethisch Fragwürdigen führt“ (18). Ethisch vertretbar ist für den Autor aktive Sterbehilfe und Beihilfe zum Suizid auf Verlangen einwilligungsfähiger Menschen, die an Schmerzen leiden. Sowohl in der öffentlichen Diskussion als auch zum Teil in der medizinischen Praxis sei diese Zielgruppe aber sukzessive durch nichteinwilligungsfähige Patienten erweitert worden – dazu zählen Neugeborene, Demenzkranke, Psychiatrie‑ und Komapatienten. Der Autor führt diese Entwicklung darauf zurück, dass die Argumentation der Befürworter der aktiven Sterbehilfe seit ihren Anfängen zwischen Mitleid und Selbstbestimmung hin und her schlingert – obwohl das Argument der Selbstbestimmung (auch aus taktischen Gründen, wie der Autor unterstellt) seit den 1980er‑Jahren als alleiniges Motiv herausgestellt wird. In der niederländischen Rechtsprechung und Gesetzeslage finde dies darin seinen Ausdruck, dass hier die „Notlage“ des Arztes zwischen der Aufgabe der Lebensverlängerung und der Situation angesichts von aussichtslosem und unerträglichem Leiden im Mittelpunkt stehe. „Die eigentliche Grundlage für aktive Sterbehilfe und Beihilfe zur Selbsttötung in den Niederlanden bildet daher nicht Selbstbestimmung, sondern [...] Mitleid“ (13). Das führe zu einer Ausweitung der Sterbehilfe auch auf nichteinwilligungsfähige Menschen aufgrund eines ethisch nicht zu rechtfertigenden Werturteils über das Leben anderer durch den Arzt.
Nikolai Münch, M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Forschungszentrum Laboratorium Aufklärung, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.61 | 2.263 Empfohlene Zitierweise: Nikolai Münch, Rezension zu: Gerbert van Loenen: Das ist doch kein Leben mehr! Frankfurt a. M.: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38001-das-ist-doch-kein-leben-mehr_46417, veröffentlicht am 22.01.2015. Buch-Nr.: 46417 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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