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Das Landeigentum als Legal Transplant in Mexiko

Judith Schacherreiter

Das Landeigentum als Legal Transplant in Mexiko. Rechtsvergleichende Analysen unter Einbezug postkolonialer Perspektiven

Tübingen: Mohr Siebeck 2014 (Beiträge zum ausländischen und internationalen Privatrecht 103); XVI, 497 S.; Ln., 94,- €; ISBN 978-3-16-153046-3
Rechtswiss. Habilitationsschrift Wien. – Fragen der Bodenordnung und Landverteilung gehören in vielen Staaten des globalen Südens, die zumeist durch koloniale Landnahmen geprägt sind, zu den brisantesten politischen Themen. Das Eigentumsrecht an Grund und Boden entwickelte sich in diesen Staaten häufig unter Bezugnahme auf europäische Verfassungen und rechtsphilosophische Diskurse. Dies gilt insbesondere auch für Mexiko „als ein Land, in dem seit präkolonialer Zeit alle größeren sozialen Transformationen mit bäuerlich‑ruralen Aufständen und Revolten […] verbunden waren“, schreibt Judith Schacherreiter und hebt hervor, dass es bei den Landkonflikten „bis heute nicht nur um die konkrete Landverteilung als soziale Frage, sondern darüber hinaus um den Umgang mit der Kolonialgeschichte“ (3) geht. Vor diesem Hintergrund untersucht die Autorin die europäischen Einflüsse auf die mexikanische Bodenordnung aus rechtshistorischer Perspektive und unter Bezugnahme auf postkoloniale Theorien. Ausführlich zeichnet sie die Begründung des Landeigentums in Europa und die Entwicklung der mexikanischen Bodenordnung vor, während und nach der kolonialen Epoche nach. Durch die Analyse des als Legal Transplant bezeichneten Rezeptions‑ und Transferprozesses gelingt es der Autorin, die „Dialektik zwischen Modernität und Kolonialität“ (74), die sich in der Landeigentumsfrage manifestiert, aufzuzeigen. Deutlich wird, wie durch Rechtsimporte und mit Modernisierungsversprechen verbundene Bodenreformen Kolonialität reproduziert wurde, indem beispielsweise indigenes Gemeinschaftsland privatisiert und kommerzialisiert sowie Land in wenigen Händen konzentriert wurde, was zur Verarmung und Ausbeutung der landlosen Bevölkerung führte. Diese Reproduktion von Kolonialität führt die Autorin darauf zurück, dass der dargestellte Legal Transplant auf der Vorstellung beruht, das moderne Europa „würde einen universell gültigen Entwicklungsprozess anführen, dem andere Länder nachfolgen müssten, um Zivilisation, Modernisierung und Fortschritt zu verwirklichen“ (413). Insgesamt trägt die Studie zu einem tieferen Verständnis von Konflikten um Grundbesitz und Landnutzung in postkolonialen Gesellschaften bei und hilft zudem bei der Einordnung neuer Phänomene von Landnahmen, wie sie derzeit unter dem Schlagwort Landgrabbing diskutiert werden.
Anke Rösener (AR)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.65 | 2.21 | 2.22 | 2.262 | 2.263 | 2.25 Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Judith Schacherreiter: Das Landeigentum als Legal Transplant in Mexiko. Tübingen: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37828-das-landeigentum-als-legal-transplant-in-mexiko_45796, veröffentlicht am 27.11.2014. Buch-Nr.: 45796 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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