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"Narco-Guerilla" gleich "Narco-Jihad"?

Sebastian Draeger

"Narco-Guerilla" gleich "Narco-Jihad"? Über den Einfluss der ökonomischen Grundlage auf die Handlungsratio von FARC und Taliban

Berlin: Lit 2011 (Politikwissenschaft 186); VI, 136 S.; 19,90 €; ISBN 978-3-643-11536-2
Im Mittelpunkt dieser komparativen Studie steht die Überprüfung der in der Konfliktforschung prominent vertretenen Ökonomisierungsthese, wonach das Ausmaß von Drogenökonomien einen Einfluss auf die Dauer und Intensität des Konfliktgeschehens hat. Die kolumbianische Guerilla-Gruppe FARC, die als idealtypisches Beispiel für die Ökonomisierung eines Konfliktakteurs gilt („Narco-Guerilla“), wird mit den afghanischen Taliban verglichen, deren Handeln zunehmend als „Narco-Jihad“ bezeichnet wird. Draeger fragt, „inwiefern ökonomische Motive die ursprünglichen politisch-ideologischen Motive überlagert oder sogar verdrängt haben“ (1). Da aus seiner Sicht bisher kein theoretischer Ansatz zur Erklärung für Konflikttransformationen vorliegt, greift er auf gängige Ansätze der Konfliktursachenforschung zurück, die sich in ökonomische (Münkler, Collier/Hoeffler), politische (Kaldor, Schlichte) und nicht-deterministische Ansätze (Weinstein) kategorisieren lassen. Er konzentriert sich dabei v. a. auf die Ansätze von Münkler und Collier/Hoeffler, die er mit den Überlegungen Weinsteins ergänzt beziehungsweise konterkariert. So kann er Kausalmechanismen aufzeigen, die ein besseres Verständnis der Handlungsratio von FARC und Taliban ermöglichen. Die aus den Theorien abgeleiteten Hypothesen werden zunächst an der FARC getestet und führen zu der Erkenntnis, dass dieser Akteur im Zeitverlauf eine „begrenzte Ökonomisierung“ (61) erfahren hat, der Drogenanbau jedoch „immer noch Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck“ (62) sei. Die Analyse der Taliban zeigt, dass sich die aufgestellten Hypothesen hier nicht eindeutig bestätigen lassen. Beispielsweise können eine Entideologisierung sowie eine Zunahme rücksichtsloser Gewalt in gewissem Maß festgestellt werden; deren Ursachen sind jedoch nicht auf die zunehmende Ökonomisierung der Akteure zurückzuführen. Draeger kommt somit zu dem Schluss, dass die Taliban nicht als ökonomisierter Akteur eingestuft werden können. Diese differenzierte Einschätzung der Akteure ist jedoch nur durch die Hinzunahme der Weinstein’schen Kriterien und der durchgeführten Prozessanalyse möglich. Eine Betrachtung der beiden Fälle rein anhand der gröberen Kriterien von Münkler und Collier/Hoeffler hätte die Ökonomisierungsthese „Narco-Guerilla gleich Narco-Jihad“ bestätigt.
Christoph Mohamad-Klotzbach (CHM)
M. A., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft und Sozialforschung, Julius-Maximilians-Universität Würzburg.
Rubrizierung: 4.41 | 2.63 | 2.65 Empfohlene Zitierweise: Christoph Mohamad-Klotzbach, Rezension zu: Sebastian Draeger: "Narco-Guerilla" gleich "Narco-Jihad"? Berlin: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35386-narco-guerilla-gleich-narco-jihad_42643, veröffentlicht am 12.10.2012. Buch-Nr.: 42643 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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