Portal für Politikwissenschaft

Demokratie ohne Volk

Catherine Colliot-Thélène

Demokratie ohne Volk. Aus dem Französischen von Ilse Utz

Hamburg: Hamburger Edition 2011; 251 S.; 28,- €; ISBN 978-3-86854-232-5
Es gehört zu den wesentlichen Merkmalen moderner, teils auf Rousseau, teils auf Kant zurückgreifender Konzeptionen politischer Theorie, zwischen Demokratie und Demos (Volk) einen konstitutiven Zusammenhang herzustellen. In dieser Perspektive bedeutet Demokratie Selbstregierung eines Volkes, das sich in den territorialen Grenzen eines Staates als politische Gemeinschaft versteht (oder doch verstehen sollte). Colliot-Thélène, Professorin für Philosophie an der Universität Rennes, vertritt demgegenüber vehement die Position, dass beide Postulate – das der Selbstregierung wie das einer gemeinschaftsbezogenen (Kollektiv-)Identität – obsolet geworden sind, will man heute ein Verständnis von Demokratie formulieren, das sich realistisch auf die durch die Globalisierung grundlegend veränderte Konstellation von Politik und Ökonomie einlässt. Das klassische, gemeinschaftszentrierte Demokratiemodell ist seit Langem empirisch wie normativ in einer Sackgasse: Empirisch, weil es im transnationalen Maßstab zu einer Vervielfältigung von Machtinstanzen gekommen ist, die sich einer nationalstaatlich organisierten Kontrolle mehr und mehr entziehen. Normativ, weil vor dem Hintergrund transnationaler Migration die herkömmliche Verknüpfung von Staatsangehörigkeit und Staatsbürgerschaft als Basis für die Zuerkennung politischer Rechte zunehmend exkludierende Effekte aufweist. Mit ihrer außerordentlich inspirierenden, aber auch provozierenden Studie will Colliot-Thélène eine Neuinterpretation der modernen Demokratie entwerfen, die zunächst den Mythos der Selbstgesetzgebung und das Ideal einer demokratischen Gemeinschaft dekonstruiert und dann – im Anschluss an Kant – den Begriff der subjektiven Rechte reformuliert. Die moderne Demokratie – so ihr zentrales Votum – setzt keinen Demos mehr voraus, sie beruht vielmehr auf dem konsequent individualistisch ausgelegten Autonomieprinzip, das, wie Hannah Arendt schon postulierte, politischen Subjekten das Recht, Rechte zu haben, zuschreibt.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.41 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Catherine Colliot-Thélène: Demokratie ohne Volk. Hamburg: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/34366-demokratie-ohne-volk_41261, veröffentlicht am 21.06.2012. Buch-Nr.: 41261 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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