Portal für Politikwissenschaft

Von Jakarta bis Johannesburg

Sebastian Kalicha / Gabriel Kuhn (Hrsg.)

Von Jakarta bis Johannesburg. Anarchismus weltweit

Münster: Unrast 2010; 400 S.; 19,80 €; ISBN 978-3-89771-506-6
Obwohl der Anarchismus von vielen spontan mit Chaos und Gewalt gleichgesetzt wird, ist die freiheitliche und egalitäre Ideologie, deren Hochphase mehr als 100 Jahre zurückliegt, nach wie vor nahezu weltweit verbreitet. Begünstigt durch die endgültige Diskreditierung des kommunistischen Autoritarismus nach dem Untergang der Sowjetunion und die zunehmende Kritik an neoliberalen Ordnungsmodellen im Zuge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, erlebte die totgesagte Ideologie der Herrschaftsfreiheit in den vergangenen Jahren sogar eine Art Renaissance. Trotz ihrer defizitären Organisationsfähigkeit und einer gängigen Skepsis gegenüber dem Ideal der Herrschaftsfreiheit vonseiten der Mehrheitsgesellschaft wurde sie von vielen politischen Aktivisten gerade aufgrund ihres utopischen Gehalts wiederentdeckt und reartikuliert. Anhand von 49 kurzen Interviews mit anarchistischen Aktivisten aus unterschiedlichen Regionen der Welt liefert der Band eine „Tour d’Horizon der gegenwärtigen anarchistischen Bewegung“ (9) und ihrer Gegenentwürfe zur Hegemonie des staatlich-kapitalistischen Status quo. Nachgefragt wurde insbesondere, wie die anarchistischen Gruppen von dem jeweiligen nationalstaatlichen, „realpolitischen Kontext“ (8) beeinflusst werden, welche Beziehungen die Aktivisten zu anderen linken Gruppierungen unterhalten und wie anarchistische Ideen mit lokalen Traditionen und indigenen Kulturen verknüpft werden, um neue, inklusivere und attraktivere Varianten des Anarchismus zu konzipieren. Obwohl sich die Herausgeber in erster Linie an Sympathisanten der anarchistischen Bewegung wenden, ist die Lektüre des Bandes auch für all jene bereichernd, die sich für die Situation und die Selbstbeschreibung der radikalen Linken in den jeweiligen Ländern sowie für die umkämpfte Konstruktion politischer Subjektivitäten interessieren.
Marius Hildebrand (HIL)
M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.43 | 2.22 | 2.61 | 2.63 | 2.64 | 2.65 | 2.66 | 2.67 | 2.68 Empfohlene Zitierweise: Marius Hildebrand, Rezension zu: Sebastian Kalicha / Gabriel Kuhn (Hrsg.): Von Jakarta bis Johannesburg. Münster: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33183-von-jakarta-bis-johannesburg_39667, veröffentlicht am 08.12.2011. Buch-Nr.: 39667 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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