Portal für Politikwissenschaft

Vergessen wir Europa?

Adolf Muschg

Vergessen wir Europa? Eine Gegenrede

Göttingen: Wallstein Verlag 2013 (Göttinger Sudelblätter); 40 S.; brosch., 9,90 €; ISBN 978-3-8353-1269-2
Der Schriftsteller Adolf Muschg kritisiert in dieser Rede, die er anlässlich des Tages der Deutschen Einheit 2012 im Rahmen der sogenannten Wasserwerk‑Gespräche auf Einladung der Konrad‑Adenauer‑Stiftung in Bonn gehalten hat, den aus seiner Sicht umfassenden Gewinner des Kalten Krieges: den entfesselten Markt. Chiffren wie Gier und Geiz kennzeichnen für ihn die gegenwärtige radikale Marktgesellschaft, in der die politische Steuerung – die von der Bankenkrise 2008 ausgelöste Wirtschafts‑ und Finanzkrise habe das offenbart – nicht mehr gelingen könne. Muschgs Plädoyer angesichts dieser – mittlerweile muss man schon sagen – gängigen Gegenwartsdiagnostik zielt auf eine Reaktivierung der europäischen Gesellschaft als politischer Gemeinschaft und als Wissensgesellschaft. Erinnert wird aber auch daran, dass die Europäischen Gemeinschaften zuallererst als ein Friedensprojekt gegründet wurden und diesen Frieden auf der Basis wirtschaftlicher Kooperation zu stiften versuchten. Auch die EU ist bis heute eher eine Wirtschafts‑ als eine politische Union geblieben. Mit diesen Hinweisen verdeutlicht Muschg vehement, wie wenig das heutige krisengeplagte Europa ohne die Europäische Union und ohne den Euro auszukommen vermag. Die Idee einer politischen Gemeinschaft und einer Wissensgesellschaft zielt entgegen dieser rein funktionalen Integration auf die wechselseitige Anerkennung von Differenz, auf Toleranz und damit auf Freiheit in einer immer weniger überschaubaren Welt. Um diese aktive Rolle einer in diesem Sinne bescheidenen europäischen Bürgerschaft anzunehmen, braucht es vielleicht die gegenwärtige Krise: „Es täte uns gut, die gegenwärtige Krise als Lehrzeit Europas zu begreifen. Das wäre die große Erzählung, welche seine ratlosen Therapeuten immer noch vermissen.“ (40) Damit wäre die Gegenwart weniger Katastrophe, sondern vielmehr Hoffnung.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 3.1 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Adolf Muschg: Vergessen wir Europa? Göttingen: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/166-vergessen-wir-europa_43571, veröffentlicht am 16.05.2013. Buch-Nr.: 43571 Rezension drucken

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