Portal für Politikwissenschaft

Der lange Weg nach Westen

Heinrich August Winkler

Der lange Weg nach Westen. Band 2: Deutsche Geschichte vom "Dritten Reich" bis zur Wiedervereinigung

München: C. H. Beck 2000; X, 742 S.; Ln., 39,88 €; ISBN 3-406-46002-X
Gab es den deutschen Sonderweg? Um diese grundlegende Frage deutscher Geschichte beantworten zu können, sucht Winkler in seiner "Problemgeschichte" (1) nach Antworten in Teilfragen: Weshalb wurde Deutschland im Vergleich zu seinen westeuropäischen Nachbarn so spät zur Nation und warum noch sehr viel später zu einer Demokratie? Und welche Konsequenzen hat diese "doppelte Verspätung" für die Gegenwart? Oder anders gefragt: Weshalb gibt es seit der Wiedervereinigung keine deutsche Frage mehr? Winklers Fluchtpunkt seiner deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts ist das Jahr 1990. Von dieser Warte aus gesehen ist die Reichsgründung von 1871 nicht nur Vorgeschichte des Jahres 1933 und der Katastrophe von 1945, sondern notwendige Vorgeschichte des Jahres 1990. "Und was nur selten bedacht wird", schreibt Winkler in seiner Einleitung zum ersten Band: "Durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 wurde Bismarcks 'kleindeutsche Lösung' zumindest insoweit bestätigt, als diese eine Absage an die 'großdeutsche Lösung' des deutschen Problems, die Lösung mit Österreich, war." (2) So, die Rahmenbedingungen zeitlich weit gefasst, beginnt Winkler seine Erzählung 1789, schreibt vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, und passiert dann die bekannten Stationen: Revolution von 1848, Gründung des Deutschen Reiches als "kleindeutsche Lösung" von 1871, das Kaiserreich bis 1914, den Krieg, wieder Revolution 1918/19, dann die so genannte Machtergreifung durch Hitler, die Katastrophe des "Dritten Reiches", schließlich die Geschichte der beiden deutschen Staaten, die 1990 endet. Winkler versteht es nicht nur, anregend und verständlich zu schreiben, sondern er verliert sich auch nicht in den zwei Jahrhunderten deutscher Geschichte, was angesichts der Faktenfülle nur zu leicht geschehen könnte. Winklers Schlussfolgerung aus der deutschen Geschichte bis 1945: Ja, es gab einen deutschen, einen "antiwestlichen" Sonderweg, denn Deutschland zeigte sich bemerkenswert immun gegenüber den revolutionären Ideen seiner westlichen Nachbarn, was schließlich dazu führte, dass es in Deutschland bis 1945 niemals zu dem politisch vollkommenen Austausch von Alt und Neu kam und auch im Umbruch 1918 die Eliten unangetastet blieben. Nach 1945, dem endgültigen Zusammenbruch des deutschen Nationalstaates von 1871, gibt es in Deutschland keine nationalstaatliche Politik: in der Bundesrepublik wird sie allenfalls Bestandteil ihrer supranationalen Politik. Abgesehen von den Kämpfen um die neue Ostpolitik der Regierung Brandt spielte der Nationalgedanke auch keine Rolle mehr; in der DDR hatte es ihn sowieso niemals gegeben, allerdings aus anderen Gründen. Für Winkler ist die Geschichte von 1945 bis 1990 wiederum durch einen deutschen Sonderweg charakterisiert, dieses Mal handelt es sich um einen postnationalen Sonderweg. Das Produkt dieser beiden Sonderwege ist nun aber nicht eine "postnationale Demokratie unter Nationalstaaten", was wiederum einen neuen Sonderweg bedeuten würde, sondern Deutschland ist endlich im Westen angekommen, ist ebenso wie seine Nachbarn ein "demokratischer, postklassischer Nationalstaat" (Band 2: 655).
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.31 | 2.314 | 2.313 | 2.312 Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. München: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/12888-der-lange-weg-nach-westen_15436, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 15436 Rezension drucken

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