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Rezension

Nordkoreas neue Diplomatie
Der politischen Isolation begegnen

„A large part of the DPRK’s international relations are maintained and further developed in order to meet Pyongyang’s basic energy and food requirements“ (206), schreibt Virginie Grzelczyk. Nordkorea habe zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Kriegs seine diplomatischen Bemühungen und Initiativen erfolgreich konsolidiert, so die Autorin. Daher sei kein Paradigmenwechsel notwendig, um die sogenannte Demokratische Volksrepublik Korea (DPRK) zu verstehen. Man müsse hingegen Nordkorea als rationalen Akteur und Kleinstaat begreifen, dessen Überleben die zentrale Prämisse des politischen Handelns sei. Aufgrund der geringen Größe und der internationalen Sonderstellung als Paria-Staat habe die DPRK wenig Handlungsalternativen.

Diese Sonderstellung der koreanischen Halbinsel sei vor allem einzigartigen historischen und vielfach geografisch bedingten Umständen geschuldet. Diese seien seit Jahrhunderten gefestigt. Daher sei die Trennung in zwei Staaten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges keine allzu große Überraschung.

Ein zentraler Gedanke der Autorin ist die Feststellung, dass Nordkorea anders als oftmals angenommen eben nicht international isoliert sei, sondern vielmehr über ein weites Netz an Partnern und Unterstützern verfüge. Dies lasse sich teils aus ideologischen Gründen, wie im Falle von Vietnam und Kuba, teils aus geografischen wie etwa die enge Bindung an Kambodscha und Laos erklären. Darüber hinaus hat sich Nordkorea als sogenanntes antiwestliches Land mit anderen Staaten verbündet, die sich diplomatisch gegen die USA stellen. Gerade die starke Kooperation vor allem im Verteidigungsbereich mit Ländern wie Syrien und dem Iran zementieren die Rolle Nordkoreas als Unterstützer despotischer Regimes. Daher stammen die meisten offiziellen diplomatischen Beziehungen aus Zeiten, in denen andere Länder ebenfalls von Diktatoren beherrscht wurden.

Kompliziert sei allerdings das Verhältnis zu China sowie zu Russland beziehungsweise ehemals der Sowjetunion. Trotz anfänglich ideologischer Nähe, sahen die beiden Großmächte das Gebaren der Kim-Familie mit starkem Personenkult und ideologischer Neuausrichtung im Zuge der Juche-Ideologie äußerst kritisch. Bis heute sei das Verhältnis zu den beiden Staaten kompliziert.

Die Autorin sieht die internationale Rolle als Unterstützer von Despoten weniger kritisch. Die Bezeichnung Nordkoreas durch den US-Präsidenten George W. Bush als ‚Rogue State‘ beurteilt Grzelczyk als „Krieg mit Worten“ (107). Diese Zuschreibung sei lediglich dazu gedacht, Nordkorea politisch zu isolieren und in eine Reihe mit anderen Staaten zu stellen, die Terror finanzieren. Dies ist bestimmt der Fall, doch ist hier das Gegenteil auch richtig: Nordkorea finanziert in der Tat Terrorismus, daher ist diese Bezeichnung nicht irreführend.

Dies ist auch im Hinblick auf die Tatsache spannend, dass sich Nordkorea in den vergangenen Jahrzehnten vom reinen Importeur von Kriegswaffen zu einem starken Exporteur entwickelt habe. Zwar seien auch hier kaum offizielle Daten vorhanden, aber die regelmäßige Kontrolle von nordkoreanischen Schiffen im Panamakanal und in Indien ermöglicht einen Eindruck über die Umfänglichkeit der Operationen des nordkoreanischen Regimes. Dieser Handel geschehe sowohl aus ökonomischen wie auch politischen Gründen. Da die DPRK seit ihrer Gründung erhebliche Handelsdefizite verbuche, müsse das Regime zum reinen Erhalt des Staates nach anderen Einkommensmöglichkeiten suchen – und nutzt hierfür alle Kanäle, die dem ostasiatischen Land im legalen und illegalen Bereich offenstehen.

Wiederholt kommt Virginie Grzelczyk auf den prominentesten Teil der nordkoreanischen Diplomatie zu sprechen: das Nuklear-Programm. Mit großem Detailwissen und faszinierenden Einblicken in die Hintergründe der Anfänge des Programms zeichnet die Autorin dessen Entstehung und Entwicklung über die Jahrzehnte auf. So begann das nordkoreanische Regime bereits unmittelbar nach der Staatsgründung mit der Entwicklung nuklearer Kapazitäten. In diesem Zusammenhang warb die Führung der DPRK bei allen politischen Partnern um Unterstützung – von der DDR bis zu China. Die meisten dieser Länder standen dem kritisch gegenüber und unternahmen nur zaghafte Schritte in diese Richtung. Einzelne Initiativen wie mit Pakistan fanden unter größter Geheimhaltung statt und resultierten nicht selten in erheblichen negativen Konsequenzen für die betroffenen Staaten. Erst die Entscheidung der Sowjetunion, Ende der 1980er-Jahre einen Vorzeige-Reaktor zu bauen, änderte die Situation nachhaltig. Seitdem sei es Nordkorea erfolgreich gelungen, trotz einer geringen Anzahl von nuklearen Sprengköpfen ein politisches Standing auf internationaler Bühne zu entwickeln. Dabei sei die reine Anzahl der Sprengköpfe irrelevant – ein einziger sei genug, um als politische Überlebensversicherung zu gelten. Dies sei auch innenpolitisch ideal genutzt worden, um das Regime zu stärken und Legitimität zu bewahren.

Insgesamt gelingt es Grzelczyk, alle Aspekte der nordkoreanischen Diplomatie zu analysieren. Die Autorin verliert sich dabei immer wieder in Details, wie den unterschiedlichen Kooperationen mit der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), die für das Gesamtbild wenig bedeutend sind. Somit besteht ein großer Teil des Buches in einer deskriptiven Aufzählung der internationalen Avancen des Regimes, ohne den größeren Kontext zu beachten. Dies wird vor allem in den Schlussfolgerungen der Autorin offensichtlich, die sich auf drei Empfehlungen fokussieren: Es solle eine allgemeine (!) Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel geben, das nordkoreanische Regime solle international als legitim anerkannt werden und andere Akteure wie NGOs sollten aktiver in den politischen Entscheidungsprozess eingebunden werden. Dies unterschlägt die verheerende innenpolitische Situation von politischer Repression, Hungersnot und Verfolgung Andersdenkender. Dennoch dient dieses Buch als Hintergrundinformation zur aktuellen nordkoreanischen Diplomatie und erweist sich für Interessierte als detailreiches Werk.

 

Verfasst von:

Vincent Wolff

Erschienen am:

27. März 2019

Virginie Grzelczyk

North Korea’s New Diplomacy. Challenging Political Isolation in the 21st Century

Basingstoke, Palgrave Macmillan 2018

Gipfeldiplomatie USA – Nordkorea

Richard N. Haass
Picking Up the Pieces After Hanoi
Council on Foreign Relations, 15. März 2019

Mason Richey
Hybris in Hanoi
IPG-Journal, 5. März 2019

Hans-Joachim Schmidt
Zum offenen Ende des 2. Trump-Kim-Gipfels in Hanoi: Weder Scheitern noch Durchbruch
PRIF-Blog, 5. März 2019

The Brookings Institution
After the Trump-Kim summit 2.0: What’s next for US policy on North Korea?
Center for East Asia Policy Studies at Brookings, Experten-Panel, 6. März 2019

Hanns Günther Hilpert / Oliver Meier (Hrsg.)
Facetten des Nordkorea-Konflikts. Akteure, Problemlagen und Europas Interessen
Stiftung Wissenschaft und Politik, SWP Studie 18, September 2018


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