Sudan: „Kriege im Krieg“ und kein Ende in Sicht?
Den Sudan verheert seit 2023 ein neuer Krieg, der mit millionenfacher Vertreibung, massiver Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, erzwungenem Hunger und Zerstörung wütet. Infrastruktur und Zentralregierung sind zusammengebrochen, während internationale Friedensinitiativen und Sanktionen die Gewaltspirale zwischen den rivalisierenden Streitkräften nicht zu stoppen vermögen. Hager Ali hat mit Tanja Thomsen über die Genese des Kriegs, seine Akteure, die Geschichte der zivil-militärischen Beziehungen im Sudan und gängige Fehlannahmen bei Verhandlungen und Berichterstattung gesprochen.
Der Krieg im Sudan wird von den Vereinten Nationen als größte Vertreibungskrise weltweit beziffert. Ende 2025 waren mehr als 12 Millionen Sudanes*innen, ein Drittel der Bevölkerung, auf der Flucht und mehr als die Hälfte der Menschen im Land litt unter Hunger. Im medialen Bewusstsein und bei Initiativen der internationalen Gemeinschaft spielt dieser Krieg abseits der Berichte über Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung, etwa bei der Einnahme von El Fascher Ende Oktober 2025 durch die Rapid Support Forces (RSF), eine vergleichsweise leise Rolle. Sie haben diesbezüglich vom „Storytelling-Problem“ [1] dieses Kriegs gesprochen, was ist darunter zu verstehen?
Das beginnt im Fall des Sudans schon beim weitverbreiteten Unwissen über die Konfliktakteure. In der Forschung wird der Sudan oft ausgespart, da er sowohl Afrika als auch dem Nahen Osten zugeordnet werden kann und im Ergebnis oft von keinem der Forschungsbereiche wirklich behandelt wird. Der Krieg und das Land haben, auch wenn die Eskalation im April 2023 begann, eine lange Vorgeschichte, die wenigen bekannt ist.
Hinzu kommt, dass wir für diesen Krieg lange keine richtigen Begrifflichkeiten hatten, mit denen man die Situation handhaben konnte: Gerade zu Beginn der ersten Eskalation in Khartum sah das für uns Forscher*innen in der Echtzeitbeobachtung zunächst wie ein potenzieller Putschversuch, Aufstand oder eine kurze Eskalation seitens der Rapid Support Forces aus. Niemand hatte einen mehrjährigen Krieg antizipiert. Auch „Bürgerkrieg“ passt begrifflich nicht, weil der Ursprung des Konfliktes hier nicht in zivilgesellschaftlichen Problemen liegt, sondern in Reformen des Sicherheitssektors, die schiefgegangen sind. Man hat eine sehr ungewöhnliche Kriegskonstellation zweier gleichwertiger Streitkräfte innerhalb eines Staates, bei denen nicht gesagt werden kann, dass eine „gute“ Seite gegen eine „schlechte“ Seite oder eine demokratische Seite gegen eine Diktatur kämpft: Die sudanesische Armee (SAF) steht für eine lange Historie an Repression und die Rapid Support Forces (RSF) für noch mehr und noch schlimmere Repressionen.
Die komplizierte Vorgeschichte bringt zudem das Problem mit sich, einen guten Startpunkt zu finden: Erzählt man das als eine Geschichte von zivil-militärischen Beziehungen, die über Jahrzehnte im Sudan schiefgegangen sind? Oder erzählt man das als einen Machtkampf? Oder als Geschichte von Aufständen? Das macht es unglaublich schwer, das Geschehen herunterzubrechen, sodass man schnell in Einzelheiten einsteigen kann.
Sie forschen zu zivil-militärischen Beziehungen und dabei insbesondere zum Phänomen des Prätorianismus, also der Bereitschaft von Eliten in Streitkräften, mit Gewalt in die Politik ihres Landes einzugreifen und den von ihnen erwünschten Zustand herbeizuführen. Der Sudan hat seit seiner Unabhängigkeit 1956 mit 17 Militärcoups die meisten in Afrika erlebt: Wieso nimmt sich das sudanische Militär so viel heraus und welche Folgen hatte das für das Verhältnis zur Zivilgesellschaft?
Sie haben die Zahl schon genannt: 17 gescheiterte und erfolgreiche Putschversuche, je nach Zählweise und nach Datensatz sogar mehr. Viele wissen nicht, dass das den Sudan zum putschanfälligsten Land auf dem afrikanischen Kontinent macht und zum drittputschanfälligsten Land weltweit. Dies ist eine Geschichte, die leider viele Länder in Nahost, im Sahel und auch in Asien teilen, in denen es sehr viel militärische Aktivität und viele Putschversuche gibt. Viele dieser Putschversuche starteten in der Phase des Rückzugs von Kolonialmächten aus der jeweiligen Region. Das ist die original sin der zivil- militärischen Beziehungen, dass viele dieser noch aktiven Streitkräfte das lebende Vermächtnis kolonialer Governance sind. Sie wurden von Kolonialmächten mit dem expliziten Auftrag der Aufstandsbekämpfung gegründet, um die einheimische Bevölkerung unter Kontrolle zu halten. Wirtschaftlich wurde zugleich die Ressourcenförderung forciert und bei der Besetzung von Streitkräften wurden oft strategisch Minderheiten in den Rängen konzentriert oder möglichst über allgemeine Wehrpflichten eingebunden.
Für die Dekolonisierung war es ein großes Problem, dass die Streitkräfte in der Kolonialzeit eine so wichtige Rolle für Machterhaltung, Kontrolle, Ausbildung und Ressourcenausbeutung innehatten. Es waren sehr ausgeklügelte Institutionen entstanden, die darin geübt waren, die politische Artikulation der Zivilbevölkerung so gut es geht zu beschränken, wenn nicht sogar zu zerstören. Dieses enorme Ungleichgewicht zwischen Streitkräften und zivilen Institutionen begünstigte in vielen Ländern Nordafrikas das Phänomen, dass die Streitkräfte nach dem kolonialen Rückzug ein höheres technologisches Niveau aufwiesen als die einheimische Wirtschaft. Ein ausbalanciertes Verhältnis zwischen zivilen und militärischen Institutionen entwickelt sich so nur schwerlich.
Auch im angloägyptischen Sudan hatten die Streitkräfte folglich nach Rückzug der Kolonialmacht von Anfang eine sehr wichtige Stellung inne. Und auch eine andere Eigenheit kolonialer Verwaltung kam hier späteren autokratischen Regierungsformen zugute, nämlich die Zentralisierung. Kolonialmächte regierten in den meisten Fällen von der Metropolregion nach außen, denn gerade bei der Ressourcenausbeutung war es wichtig, zentralisiert die Kontrolle über natürliche Ressourcen und die Infrastrukturentwicklung zu behalten. Das sind Strukturen, die sehr schwer auszugleichen sind. Allein bei Entscheidungen über Infrastrukturen für Mobilität oder die Lage der Hauptstadt. Wenn dann das Militär deren Nachfolge antritt und autokratisch regiert, sind alle Zutaten zur Machterhaltung gegeben: Ein sehr zentralisiertes System, um über Ressourcen zu verfügen sowie eine strukturell schwache Rolle der Zivilbevölkerung. Hinzu kommt: Wenn sich Streitkräfte einmal einen Eintrittspunkt in die Wirtschaft gesichert haben, ist es unglaublich schwierig, sie da wieder rauszubekommen.
Demokratie bedeutet aber per Definition immer auch ein Primat der Politik und kann daher keinen derart zentralen Platz für Streitkräfte einräumen. Im Sudan ist dies bisher immer wieder gescheitert. Zwar gab es vor dem Sturz von Omar al Baschir zwei demokratische Episoden mit Versuchen, den Übergang vom zentralisiert-autokratischen System auf ein demokratisch-parlamentarisches Modell zu schaffen. Das ging aber nur so weit gut, bis es an die wirtschaftlichen Interessen und die Stellung der Streitkräfte ging. Dann wurde durch einen Militärcoup ein „Veto“ eingelegt.
Seit April 2023 kämpfen nun die beiden größten Streitkräfte um die Macht, nachdem sie zivilgesellschaftliche Akteure 2021 aus einer gemeinsamen Koalition geputscht hatten. Wie ist der eigentliche Startschuss zum jetzigen Krieg in die vorangegangene Geschichte der zivil-militärischen Beziehungen des Sudans einzuordnen?
Der Putsch von Omar von Abdel-Fattah al-Burhan (SAF) und Mohamed Hamdan Daglo (RSF) im Oktober 2021 stellte eine Kurskorrektur dar, bei der es wieder um Ressourcenfragen ging: Wie sollte es künftig um die wirtschaftliche Rolle der Streitkräfte bestellt sein. Die Antwort vertrug sich nicht mit dem Ideal einer demokratisch-parlamentarischen Ordnung, sodass Proteste immer wieder brutal niedergeschlagen wurden und unter dem Vorwand der Wiederherstellung von Ordnung die gesamte zivile Verwaltung aus der Regierung entfernt wurde. Damit zerbrach auch der Prozess, eine Legislatur neu zu formen. Die bereits angesetzten Wahlen fanden nicht mehr statt. Und es entfiel grundsätzlich die strukturelle Verbindung zur Zivilbevölkerung, die damit jede Aussicht auf reguläre Möglichkeiten der politischen Partizipation verlor.
Was diesen Putsch zudem so riskant machte und ausschlaggebend für das spätere Konfliktszenario war: Er fand zu einem Zeitpunkt statt, in dem viel vom alten Regime mit seinen typischen Machtinstrumenten, dem vorhandenen Repertoire der Kontrolle – etwa die National Congress Party als ehemalige Regierungspartei von Omar al Baschir – schon aufgelöst war: Man hatte das Parlament aufgelöst. Man hatte die alte Verfassung suspendiert, damit auch den alten Friedensvertrag. Die Exekutive wurde komplett ausgetauscht und durch eine Interimsregierung ersetzt. Gleichzeitig stand die hochexplosive Reform des zersplitterten Sicherheitssektor, der vereint werden sollte, im Raum. Dabei sollten die Rapid Support Forces in die sudanesische Armee integriert werden, mit entsprechender Mandatierung der zu diesem Zeitpunkt aktiven Friedensverträge. Die Zersplitterung des Sicherheitssektors war ein Überbleibsel der alten Strategie des Machthabers, sich gegen Militärcoups abzusichern, indem man diese künstlich aufteilte und Aufgaben auslagerte. Das war der Sinn und Zweck der Rapid Support Forces im Staat: Sie waren wichtig für den Machterhalt des Regimes, aber nicht dessen politisches Rückgrat wie die sudanesischen Streitkräfte. Ihre Rolle beschränkte sich auf die Peripherie und die „Drecksarbeit“, die nicht von den sudanesischen Streitkräften erledigt wurde: Das Fördern von Ressourcen und die Aufstandsbekämpfung im Sinne eines direkten Auftrags zur Repression mit Spezialisierung auf die Regionen. Mit dieser Aufgabenteilung konnten die beiden recht gleichwertigen Streitkräfte im Staat auch koexistieren, aber in der Transition wurde diese Reform schnell kontrovers, dann umkämpft und brachte auch alle anderen Regierungsprozesse zum Erliegen. Das passiert, wenn keine regulären Wege mehr vorhanden sind, die einen Verhandlungsrahmen abstecken oder die Regeln festlegen hätte können, wie man eigentlich verhandelt. Entsprechend kam es dann im April 2023 dazu, dass die Rapid Support Forces entgegen ihrer Befehlskette in Khartum aufzogen und versuchten, das Regime zu stürzen.
Internationale Medien wie Friedensinitiativen legen ihren Fokus auf die Konfrontation zwischen Abdel-Fattah al-Burhan und Mohamed Hamdan Daglo, die es an einen Tisch zu bringen gelte. Forscher*innen sprechen aber inzwischen von „Kriegen im Krieg“[2] oder dem „Krieg der Militarisierung“[3], in dem unterschiedliche Akteurskonstellationen den Zusammenbruch der Zentralregierung für sich nutzen. Dies bilde das Bild des Krieges der beiden Generäle gar nicht ab. Erschwert dieses Missverständnis mögliche Exit-Strategien?
Dieses Framing zweier Generäle, die über die Köpfe der Zivilgesellschaft hinweg kämpfen, ist tatsächlich recht umstritten. Die größte Schwierigkeit ist, dass es eine gewisse Diskrepanz gibt, wie Mediationsprozesse geplant werden und wie die Plattformen für diese Mediation aufgestellt sind. Wenn über die Afrikanische Union oder die Vereinten Nationen versucht wird, Mediationen zu planen, liegt ein Bias zugunsten staatlicher und großer Akteure vor. Der Krieg pausiert aber nicht und damit auch nicht die Missstände, Schwierigkeiten und Governance-Defizite, die es im Sudan auch schon vor dem Krieg gegeben hat. Gesellschaftliche Spaltungen verfestigen sich durch den Kriegsverlauf und den Zusammenbruch der Zentralregierung.
Das sind Dynamiken, angesichts derer man in Friedensprozessen von außen betrachtet Gefahr läuft, zu kurzfristig zu denken. Man hat ja, wie aus Kreisen des U.S. Department of State unter Biden bekannt war, lange einen Zeitrahmen von zwei Wochen im Blick gehabt und versucht, eine Feuerpause zu etablieren und danach weiterzuschauen. Das ist bis heute die Strategie, die aber nicht funktioniert, wenn das Endgame beider Seiten länger gedacht ist. Wir sehen zwei große Kriegsakteure, die für ihre jeweilige Vision eines Regierungssystems gewillt sind, ein Land zu zerstören und der eigenen Bevölkerung abstrus viel Leid anzutun. Kurzsichtigkeit ist aber aus der Konfliktbearbeitung schwer herauszubekommen und das bringt dann aus Verhandlungsperspektive die Gefahr mit sich, dass die Kriegsakteure eine gewisse Sicherheit erlangen: Wenn wir nicht einverstanden sind, warten wir einfach einen Deal ab, den wir gut finden.
Der Begriff der „Kriege im Krieg“ beinhaltet, dass die beiden Streitkräfte die Kämpfe in bestimmten Regionen an andere Akteure auslagern. Sie haben daher beispielsweise vorgeschlagen, sich mit kleineren Friedensprozessen von der Peripherie ins Zentrum vorzuarbeiten[4]. Wie kann man sich das vorstellen?
Die Notwendigkeit zum Auslagern von Kämpfen rührt daher, dass im Sudan an so vielen unterschiedlichen Fronten gekämpft wird. Man sieht, dass sich gebietsweise – Darfur, Kordofan-Region – auch andere Milizen oder Akteure wie die Sudan People's Liberation Movement Army gebildet haben, die außerhalb der großen Ballungsräume über mehr Autorität, Netzwerke und eine größere Nähe zu gewissen Kommunen verfügen. Darauf setzt die aktuelle Konfliktdynamik auf. Das bedeutet aber auch, dass sich strukturelle Schwächen in der Kommandostruktur ergeben und man nicht mehr davon ausgehen kann, dass ein Befehl zur Waffenniederlegung von Abdel-Fattah al-Burhan wirklich überall im Land umgesetzt würde. Das ist bei den Rapid Support Forces genauso. Wenn von zentralen Kommandos ausgegebene Weisungen vor Ort teilweise nicht mehr greifen, ist das ein enormes Problem für die Effektivität von Friedensverhandlungen.
Die lokalen Akteure versuchen zum anderen den Zusammenbruch der Zentralregierung für ihre eigene Macht oder Friedensbestrebungen zu nutzen. Daher könnte man potenziell mehr erreichen, wenn man von einer nationalen Perspektive ablässt, bei der immer die Annahme mitschwingt, dass Initiativen überall landesweit greifen, und stattdessen von außen nach innen arbeitet. Diese Überlegung kommt nicht von ungefähr, da das Problem auch in anderen Peacekeeping- und Peacebuilding-Einsätzen, beispielsweise in Afghanistan, beobachtet wurde, wo man auf die zentrale Regierung zugegangen ist, ohne zu beachten, dass deren Stärkung von anderen Gebieten potenziell gar nicht erwünscht ist.
Dies ist besonders sinnvoll, wenn Minderheiten woanders konzentriert sind und man sich eine Art föderales Modell wünscht. Im Sudan ist das der Fall und einer der treibenden Gründe dafür, warum sich der Südsudan abgespalten hat. Das fehlende Verständnis für Föderalismus im sudanesischen Sinne macht blind dafür, dass es nicht ausreicht, sich an zentrale nationale Akteure zu wenden. Es besteht die Möglichkeit, umgekehrt auf einem viel kleineren Level zu beginnen, wo man eher an Verhandlungsziele herankommt als jetzt mit zwei Akteuren, die sich kategorisch weigern, überhaupt noch am Verhandlungstisch Platz zu nehmen.
Gerrit Kurtz, Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten (SWP), warnte 2024 vor einer anderen gängigen Erzählung, nämlich der des „Stellvertreterkrieges“[5] im Sudan: Zwar seien Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Russland oder die Türkei über den Waffenhandel in die Unterstützung der Milizen verstrickt. Aber das Framing vom Stellvertreterkrieg übersehe die primäre Rolle einheimischer Akteure. Was weiß man inzwischen darüber und was haben umgekehrt die beteiligten Staaten davon?
Es ist kein Stellvertreterkrieg im engeren Sinne, weil auch die jetzige Kriegssituation nicht an einer bestimmten geopolitischen Konstellation hängt. Das ist eine Konfliktsituation, die in jedem Land, in dem es Putschversuche und eine solche Reform gegeben hätte, hätte ausbrechen können. Es braucht kein Zutun aus Russland oder aus den Vereinigten Arabischen Emirate, um in eine solche Situation zu kommen. Warum es einigen schwerfällt, es trotzdem nicht als Stellvertreterkrieg anzuerkennen, ist das Entsenden von Waffen. Dafür ist der Sudan tragischerweise ein lukrativer Absatzmarkt. Es gibt ein komplexes Kampfumfeld und zwei Akteure, die inzwischen kämpfen, um nicht zu verlieren. Das bedeutet eine zuverlässige Nachfrage. Für Akteure, die beispielsweise ein Interesse an der Wirtschaft des Sudans haben, ist das Entsenden von Waffen eine kostengünstige, zugleich lukrative und vor allem risikoarme Art, auf den Konflikt Einfluss zu nehmen, ohne selbst vor Ort zu sein und verantwortlich gemacht werden zu können. Dies trifft beispielsweise für die Vereinigten Arabischen Emirate zu, die im Sudan keine Boots on the Ground haben, was für Stellvertreterkriege ein ausschlaggebendes Definitionsmerkmal ist. Daher können sie immer plausibel bestreiten, dass sie in den Konflikt involviert sind. Man spricht hier auch von der plausible deniability.
Welche Rolle spielen die Ressourcen im Sudan, wie etwa Gold?
Aus verschiedenen Gründen eine Wichtige. Gold ist etwa in Verbindung mit dem Waffenhandel und der plausible deniability als sanktionsresistente Ressource wichtig. Man kann es aus der Entfernung nicht einfrieren, nicht reglementieren. Gleichzeitig lässt sich Gold gut gegen Waffen oder politischen Einfluss tauschen. Im Krieg sehen wir jetzt viele von Sanktionen betroffene Staaten, die indirekt über den Waffenhandel beteiligt oder involviert sind: Etwa die von jeher sanktionierten Coup-Regime in Westafrika. Und auch für Russland, das durch Sanktionen zunehmend wirtschaftlich isoliert wurde, ist der Zugriff auf Gold wichtig, um eigenen Engpässen in der Finanzierung des Sicherheitssektors beizukommen, indem man sich unabhängiger vom internationalen Markt und vom Dollar machen kann. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind weltweit einer der wichtigsten Exporteure für Gold, das irgendwo herkommen muss. Mit der jetzigen Kriegssituation im Sudan hat man mit den Rapid Support Forces einen Akteur, der Gold oder auch Gummiarabikum der Situation geschuldet auf Schwarzmärkten unter Marktwert anbietet, um sich weiter mit Waffen zu versorgen. So wird der günstige Bezug von Gold zu einem pull-Faktor dafür, sich im Krieg im Sudan zu involvieren.
Solche Kooperation, ob Waffenhandel oder Goldschmuggel, können stets auch dafür genutzt werden, bilaterale Beziehungen auszubauen. So wissen wir aus der Vergangenheit, dass die Vereinigten Arabischen Emirate beispielsweise Russland mit Halbleitern beliefert haben, also einem dual use-Gut mit enormer Nachfrage, das schwer zu reglementieren ist und bei dem Russland ursprünglich seinen Bedarf aus Westeuropa gedeckt hatte, wofür nun Alternativen gesucht werden müssen. Eine gemeinsame Involvierung in einen Konflikt kann also sehr nützlich sein. Gleichzeitig ist genügend Chaos vorhanden und der Sudan kein Thema, weswegen man befürchten müsste, dass andere Staaten wichtige Handelsbeziehungen abbrechen. Gerade bei den Vereinigten Arabischen Emiraten spielen in die Frage, ob man diese sanktioniert oder nicht, auch zunehmende Energieabhängigkeiten hinein. Da gibt es eine strategische Partnerschaft und Kollaboration im Energiesektor mit Deutschland.
Kämpfer der Rapid Support Forces propagieren Hinrichtungen auf TikTok und Geflüchtete berichten über gezielte Vergewaltigungen und Ermordungen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen. Sie beschreiben den Konflikt als einen, in dem ein militärisch-diktatorisches Erbe mit genozidalen Taktiken seitens der Rapid Support Forces um die Macht[6] ringt. Welche Erkenntnisse gibt es, um den Hass der Milizen gegen sudanesische Minderheiten zu erklären?
Grundsätzlich sind alle Frauen dieser maßlosen, sexualisierten Gewalt, die wir im Sudan sehen, ausgesetzt. Zum einen besteht auf der Flucht ein hohes Risiko, wo Frauen Zivilisten und Kombattanten ausgesetzt sind, Stichwort „Survival Sex“. Und ein Anteil dieser Taten richtet sich gezielt gegen Minderheiten. Man muss festhalten, dass gerade die Situation um die Rapid Support Forces sich so ausgestaltet, dass hier neben misogynen Gewalt- und Machtfantasien auch ein Element der Zerstörung von Minderheiten und ihrer kulturellen Identität tritt. Die Motivation der Umvolkung ist zudem etwas, was den Hass der Rapid Support Forces mit einer rassistischen Logik des Kolorismus[7] gegenüber Minderheiten befeuert. Gerade um die Hauptstadt herum ballen sich der Wohlstand des Landes und die arabischstämmige Mehrheitsbevölkerung, während in der Peripherie afrikanischstämmige, oft ebenfalls muslimische Minderheiten leben, wie beispielsweise in Darfur die Masalit. Wenn jemand afrikanischen kulturellen Einfluss aufweist, gehört diese Person in der Reinrassigkeitsrhetorik der RSF-Kämpfer nicht dazu, obwohl man dieselbe Glaubenszugehörigkeit hat. Dieses Konkurrenzdenken und genozidale Bestreben der Rapid Support Forces wird dadurch verstärkt, dass sich auch wichtige Ressourcen dort konzentrieren, wo Minderheiten ansässig sind und man ihnen diese nicht gönnt.
Inzwischen beobachten wir aber, dass sich die Gewalt der Rapid Support Forces auf jeden erstreckt, der sie nicht sofort unterstützt. Dies geht Hand in Hand damit, dass sie eine paramilitärische Kraft sind und nicht wie Soldaten bestimmte Einsatzregeln in ihrem Selbstverständnis pflegen: Es gibt keine Regeln auf dem Schlachtfeld, was man nicht angreifen darf. Es ist reine Willkür, die wir auf dem Schlachtfeld sehen.
Welche Auswirkungen haben die Mittelkürzungen für Entwickungszusammenarbeit für Möglichkeiten, die sudanesische Zivilbevölkerung zu schützen?
Gemäß der Vereinten Nationen ist aktuell weniger als ein Viertel der erforderlichen humanitären Hilfe für den Sudan finanziert. Dort sind viele Organisationen und Projekte zum Großteil von der amerikanischen USAID unterstützt worden. Der Wegfall von USAID-Finanzierung, nachdem die Entwicklungsbehörde durch die Trump-Administration abgewickelt wurde, wirkt sich beispielsweise auch auf die Daten- und Informationslage aus, denn viele unabhängige, englischsprachig berichtende Medien wie Radio Dabanga sind in der Diaspora ansässig und wurden auch durch die USA bzw. USAID finanziert. Der Sudan hat nicht nur den wichtigsten Geldgeber für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe verloren, sondern die USA haben damit auch eine Richtung vorgegeben, der andere Länder leider folgen. Daher besteht im Sudan die Gefahr, dass der Westen durch sein fehlendes Interesse Tür und Tor für andere Akteure wie Russland öffnet, die die Notlage der Menschen in der Entwicklungszusammenarbeit ausnutzen.
Mediale Aufmerksamkeit wurde zuletzt dem dezentralisierten Netzwerk „Emergency Response Rooms“ ‚zuteil‘, das 2025 den alternativen Nobelpreis erhielt. Inwieweit beruht dieses Netzwerk auf den gewaltlosen Widerstandskomitees der sudanesischen Zivilgesellschaft?
In Abwesenheit jeglicher staatlichen Unterstützung für die Zivilgesellschaft hat sich diese auf kommunaler Ebene selbst organisiert, was viel damit zu tun hat, dass die sudanesischen Streitkräfte wiederholt gezeigt haben, dass ihre Priorität nicht der Schutz von Zivilist*innen ist, sondern die Bekämpfung der Rapid Support Forces. Nach dem Massaker in El Fascher berichteten Zeugen, dass die Armee für sich einen sicheren Exit verhandelt und die Menschen dann ihrem Schicksal überlassen hat. Aus dieser Notwendigkeit sind die Emergency Response Rooms, aber auch die Neighborhood Communities entstanden. Entsprechend ist es schwer zu beziffern, wie einflussreich diese sind und vor allem auch wie repräsentativ. Viele Initiativen sind aus den Forces for Freedom of Change hervorgegangen, das war die letzte große Allianz, die dann aber auch intern wieder zerbrochen ist.
Sanktionen, die die Gewaltausübung einhegen sollten, greifen nicht, wo sie greifen sollen[8]. Waffen kommen aus den bisher genannten Gründen beispielsweise weiterhin ins Land. Welche Möglichkeiten sehen Sie im Augenblick bei der UN und bei Europa, um noch Druck auf die Beteiligten auszuüben? Gibt es dabei europäische Interessen, die seitens der Politik bislang aus den Augen verloren worden sind?
Die zweite Frage ist schnell zu beantworten: Die Ressourcen sind einfach nicht vorhanden und damit kein Interesse. Es gibt in der europäischen Außenpolitik kaum Ansätze für eine Afrikastrategie, etwa mit Blick in den Sahel. Das belegen die Truppenrückzüge der Bundeswehr, der US-Army und auch französischer Truppen aus der Sahelregion. Langwierige, spezialisierte Militärmissionen passen nicht mehr zum Zeitgeist der Zeitenwende und in die damit verbundene strategische Neuausrichtung der Bundeswehr. Wir sehen dort nun das Credo „Breite vor Tiefe“, wohingegen der Sudan aber sehr wahrscheinlich einer langen Mission bedürfte. Für weitere Blauhelmeinsätze bräuchte es Mandate des UN-Sicherheitsrats, doch unter den ständigen fünf Mitgliedern des Sicherheitsrats finden sich Akteure, die das sehr wahrscheinlich blockieren würden. Der Krieg im Sudan ist nicht wichtig genug, um es sich aus Sicht der EU mit anderen Akteuren zu verscherzen.
Außerdem gewinnt man für das Thema Entwicklungshilfe auch keine Unterstützung bei Wähler*innen mehr, wie repräsentative Studien über geringe Zustimmungswerte für Entwicklungsgelder für die Region Nahost und muslimisch gelesene Gesellschaften zeigen. Entsprechend gibt es wenig, was von außen passiert, um das Problem zu lösen.
Und obwohl der Krieg nun drei Jahre andauert, reichen die Probleme im Sudan weiter zurück. Es geht um Fragen rund um Föderalismus und Dezentralisierung. In einer Komplexität, die man dem Land nicht zugesteht. Dabei gilt es bei Lösungsüberlegungen, auch von Anfang an die Heterogenität der Zivilgesellschaft mitzudenken. Aber das wäre ein strukturelles Umdenken, das aktuell unter Policy Makern, NGOs und auch in den großen internationalen Organisationen nicht absehbar ist.
Ist das Nichtanerkennen der Heterogenität des Sudans also ein kardinaler Denkfehler, der sich in der Bilanz für künftige Exitstrategien festhalten lässt?
Ja, denn man muss mit dem verhandeln, was man hat. Auch wenn das aktuelle Lagebild an sich schon schwer zu erfassen ist, kommt hinzu, dass das Verständnis für die innenpolitischen Probleme des Sudans fehlt. Man geht bei Verhandlungsversuchen immer noch auf die Rapid Support Forces zu, als wäre das ein gleichwertiger Akteur. Aber dieser Akteur hat sich wiederholt als absolut unzuverlässig gezeigt und weiterhin betreibt Massaker. Wann ist eine rote Linie erreicht, ab der man fortan ohne diesen Akteur arbeitet? Und anerkennt, dass eine Partei, die so viel Leid verursacht, irgendwann ihre Mitwirkungs- und Mitspracherechte an Friedensverhandlungen erst einmal verwirkt hat.
Ist es nicht schwierig, eine Kriegspartei mit schätzungsweise 75.000 Kämpfern aus Verhandlungen auszuschließen?
Ja, es wäre schwierig eine die Rapid Support Forces auszugrenzen aus Verhandlungen. Das soll aber nicht heißen, dass man es nicht tun sollte. Die Rapid Support Forces haben über die letzten Jahre immer wieder gezeigt, dass sie weder verlässlicher Vertragspartner sind noch die Sicherheit der Zivilbevölkerung garantieren können oder wollen – das wird sich auch beim 12. oder 30. Verhandlungsanlauf nicht ändern. Mit wiederholten Massakern an Minderheiten sollte irgendwann auch eine rote Linie erreicht sein, in der man konsequent klar macht, dass sie, die Rapid Support Forces, ihr Mitspracherecht verwirkt haben.
Anmerkungen:
[1] Ali, Hager: Sudan: Wer kämpft gegen wen und warum? Vortrag vom 5. Dezember 2025 im Haus am Dom, Katholische Akademie Rabanus Maurus in Frankfurt am Main; online unter: Sudan: Wer kämpft gegen wen und warum?; El-Safadi, Majd: „Der Krieg in Sudan hat ein Storytelling-Problem“, in Frankfurter Allgemeine Zeit am 7.12.2025, online unter: Politologin Ali: „Der Krieg in Sudan hat ein Storytelling-Problem“ | FAZ
[2] Ali, Hager: Sudan: Wer kämpft gegen wen und warum? a. a. O.
[3] Kurtz, Gerrit (2024): Wie man über den Krieg in Sudan sprechen sollte– und wie nicht. In: Megatrends Spotlight 30, vom 22.04.2024, online unter In: Megatrends Spotlight 30, vom 22.04.2024, online unter Wie man über den Krieg in Sudan sprechen sollte – und wie nicht - Stiftung Wissenschaft und Politik
[4] Ali, Hager: Sudan: Wer kämpft gegen wen und warum? a. a. O.
[5] Gerrit Kurtz (2024): Wie man über den Krieg in Sudan sprechen sollte– und wie nicht. A. a. O.
[6] Ali, Hager: Gold, Waffen und alte Wunden: warum der Krieg im Sudan nicht gestoppt wird. In: NZZ Geopolitik Podcast, Interview vom 19.11.2025, online unter: Gold, Waffen und alte Wunden: warum der Krieg im Sudan nicht gestoppt wird - NZZ Geopolitik - Podcast
[7] Als Kolorismus wird die gezielte Diskriminierung von Menschen mit dunkler Hautfarbe als eine Form von Rassismus bezeichnet.
[8] Grieß, Thielko: Aktuelle Lage – Interview mit Politologin Hager Ali, GIGA-Institut. Deutschlandfunk am 29.10.2025, online unter: Sudan - Aktuelle Lage - Interview mit Politologin Hager Ali, GIGA-Institut.
Die Fragen stellte Tanja Thomsen.
Externe Veröffentlichungen
Calin Trenkov-Wermuth, Alexander Noyes / Februar 2026
African Coups and the Elite-Forces Trap
Journal of Democracy
Ulrike Franke, Carlo Masala, Thomas Wiegold, Frank Sauer / 25.11.2025
Folge #101 Krieg im Sudan | Diktatfrieden in der Ukraine?
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Volker Perthes, Dirk-Oliver Heckmann / 31.10.2025
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Gerrit Kurtz / 01.07.2025
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