Skip to main content
Rezension / 01.04.2026

Volker Perthes: Die Multipolarisierung der Welt. Ein geopolitischer Wegweiser

Berlin, Suhrkamp 2026

Wir leben global betrachtet längst in multipolaren Zeiten, doch welche Mächte werden diese maßgeblich prägen? Volker Perthes‘ Buch blickt vor allem auf fünf potenzielle Gestaltungsmächte – USA, China, Indien, Russland und die Europäische Union – und zeichnet aktuelle Machtverschiebungen, Konkurrenzen, Interessen und Kooperationszwänge in begehrten Schlüsselregionen der Welt nach. Dabei überzeugt das Buch Jakob Kullik zufolge mit bestechender Regionalexpertise und Analyse, bleibt aber leider mit altbekannten Vorschlägen etwas hinter dem im Untertitel formulierten Eigenanspruch zurück.

Eine Rezension von Jakob Kullik

Je komplexer die Weltlage ist, desto notwendiger sind fundierte Deutungsangebote, die Entwicklungen präzise beschreiben und einordnen. In den Internationalen Beziehungen wird seit längerem über die künftige Weltordnung diskutiert. Dass sich die US-amerikanisch geprägte liberale internationale Ordnung in einem Umbruchsprozess befindet, ist gemeinhin Konsens. Nur was folgt aus der gegenwärtigen Transitionsphase: Anarchie, Bipolarität oder eine Multipolarisierung der Welt? Letztere sieht der Politikwissenschaftler und langjährige Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) Volker Perthes heraufziehen. In seinem neuen Buch „Die Multipolarisierung der Welt. Ein geopolitischer Wegweiser“ vertritt er die Ansicht, dass sich die internationalen Staatenbeziehungen auf eine multipolare Konstellation zubewegen. Die kurze Phase der US-dominierten unipolaren Ordnung werde nicht zurückkehren, aber auch eine neue Bipolarität zwischen den Weltmächten USA und China sieht er nicht bevorstehen. Nach Perthes ist diese Beschreibung der künftigen Machtbeziehungen zu unterkomplex: „Es übersieht, dass andere Staaten, die oft als mittlere Mächte, regionale Führungsmächte, Gestaltungsmächte oder auch als ‚swing states‘ bezeichnet werden, keineswegs nur sekundäre Akteure sind, die auf die Interaktionen der Weltmächte reagieren oder sich dazu positionieren, sondern selbst aktiv und interessengeleitet zu weltpolitisch relevanten Entwicklungen (und zu multiplen Polarisierungen) beitragen. Entsprechend werden sie von China, den USA, der Europäischen Union oder Russland auch zunehmend als einflussreiche Akteure und mögliche Partner wahrgenommen und umworben“ (18).

Der von Perthes beschriebene Multipolarisierungsprozess betrifft neben den klar als Welt- und Großmächte identifizierbaren Akteuren USA, China und Russland zwei weitere Akteure mit unterschiedlichen Ambitions- und Fähigkeitsniveaus. Im Zentrum stehen demnach fünf Akteure, die um Hegemonie und Ordnung (so auch die Bezeichnung des ersten Teils des Buchs) ringen: Diese sind eine zwischen Selbstzweifel und Hybris schwankende USA, der Weltmachtaufsteiger China, ein aggressiv-revisionistisches Russland, Indien als neuer Pol im Werden und die Europäische Union als „unvollständige Weltmacht“ (128 f.). Diese Fünf-Mächte-Gruppe erinnert an die Mächtekonstellation in Herfried Münklers Buch „Welt in Aufruhr. Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert“ aus dem Jahr 2023. In diesem beschreibt Münkler dieselben fünf Weltordnungsmächte als „Pentarchie des 21. Jahrhunderts“[1] (406). Münkler ebenso wie Perthes machen jedoch darauf aufmerksam, dass diese Ordnung keineswegs in Stein gemeißelt sei. Sie hänge von strukturellen Machtfaktoren, politischen Entscheidungen in den jeweiligen Hauptstädten und regionalen Machtdynamiken ab. Die fünf Mächte der ersten Reihe könnten absteigen und Mächte aus der zweiten Reihe an Macht gewinnen oder sogar aufsteigen. Es ist daher notwendig, die fünf Mächte der multipolaren Ordnung eingehend zu betrachten.

Bevor Perthes sich den USA, China, Russland, Indien und der EU zuwendet, stellt er in einem kurzen Vorkapitel Überlegungen an, wie diese Machtpotenziale und Dynamiken gemessen und miteinander verglichen werden können. Hierfür bezieht er sich auf etablierte Indikatoren und Indizes: die Wirtschaftsleistung (unterteilt nach BIP und Kaufkraftparität), die Bevölkerungsgröße, Militärausgaben, menschliche Entwicklung und die Zahl ausländischer Studierender in den jeweiligen Ländern. Die ersten drei Faktoren zählen zu den konventionellen Faktoren für harte Macht, die anderen beiden beschreiben das gesellschaftliche Entwicklungsniveau und die kulturelle Anziehungskraft (soft power) (31-37 sowie 346-349).

Eine geopolitische Welttour

Teil eins und zwei des Buchs widmen sich den fünf Hauptakteuren der neuen multipolaren Ordnung (Kapitel 1 bis 5) sowie drei geopolitischen Schlüsselregionen (Naher/Mittlerer Osten, Afrika, Südostasien, Kapitel 6 bis 8). Perthes beschreibt hier sehr dicht und faktengesättigt die geopolitischen Interessen, Machtfähigkeiten, Beziehungen und strukturellen Zwänge aller Akteure. Weder für die USA noch für China ist das Rennen um die führende Stellung in der Weltpolitik ein Selbstläufer. Die bekannten Hard-Power-Faktoren beider Weltmächte (Militär, Wirtschaft, Finanzkraft, Technologiemacht) verstellen mitunter den Blick auf innere politische und gesellschaftliche Faktoren und Kräfte, die das geopolitische Ringen auf vielfältige Weise beeinflussen. Im Kapitel zu den USA wird deutlich, dass politische Richtungswechsel und Kontinuitäten den Kurs der noch dominierenden Weltmacht kennzeichnen. Gegenüber China herrscht im US-Kongress Einigkeit, die Volksrepublik gilt als überragende strategische und systemische Herausforderung. Auf anderen Politikfeldern, etwa der NATO- und Europapolitik, hänge hingegen alles vom jeweiligen Präsidenten und dessen persönlichen Ansichten ab. Trumps Einstellung gegenüber den europäischen Verbündeten schwäche die einstige transatlantische Partnerschaft und dadurch die Machtbasis der Vereinigten Staaten. Perthes argumentiert hier wie die meisten US-Fachleute: „Für US-Präsident Donald Trump war und ist die ‚Größe‘ der USA ein Selbstzweck. Militärische Überlegenheit demonstriert diese Größe und soll der Sicherheit Amerikas, nicht aber, schon gar nicht primär, als Mittel zur Aufrechterhaltung einer bestimmten internationalen Ordnung dienen“ (42). Dieses Fehlen einer globalen – liberalen oder regelbasierten – Ordnungsvision bei gleichzeitiger Fokussierung auf nationale Interessen und Verunsicherung von Partnern ermögliche es China, seine Interessen und Ordnungskonzeptionen leichter zu verfolgen. Chinas Weltmachtaspiration beschreibt Perthes folgendermaßen, Peking wolle „den globalen Einfluss des Landes in allen Bereichen der Weltpolitik so ausbauen, dass […] China die internationale Ordnung verändern oder eine den eigenen Vorstellungen, Normen und Standards entsprechende Umgestaltung dieser Ordnung auf den Weg bringen kann“ (61-62). Dies gelinge am besten, indem sich die Volksrepublik als attraktiver Handels- und Technologiepartner positioniere und sich nicht in innere Angelegenheiten einmische. Perthes sieht in Chinas internationaler Politik „eher eine Einfluss- als eine Machtstrategie“ (79).

Russland, der dritte Akteur von Weltrang, changiert, so Perthes, zwischen multipolaren Ambitionen und einem postsowjetischen Retro-Imperialismus. Moskau betrachte regionale und internationale Politik unter den Gesichtspunkten der Machtentfaltung und ungenierter Einflussnahme. Eine multipolare Welt wird von der russischen Regierung ausdrücklich begrüßt, da sie es dem Land ermögliche, eine drohende Bipolarität zwischen den überlegenen Weltmächten USA und China abzuwenden und sich als ebenbürtige Weltmacht zu positionieren: „Multipolarität ist für die russischen Führungseliten deshalb weniger eine Beschreibung der Wirklichkeit oder ihrer Entwicklungstendenzen als vielmehr Programm“ (94).

Am Aufbrechen hegemonialer westlicher Strukturen und Ordnungsformate hat auch Indien ein Interesse. Die indische Sichtweise unterscheidet sich jedoch vom globalen Umgestaltungsanspruch Chinas und dem russischen Revisionismus. Indien verfolgt eine aus seiner Sicht notwendige Anpassung multilateraler Strukturen, das Land will laut Perthes die internationale Ordnung reformieren. Dieser reformorientierte Ansatz bewege sich zwischen der Anerkennung einer multipolaren Ordnung und der Stärkung multilateraler Strukturen und Institutionen. Verbindliche Regeln und ein Mindestmaß an Stabilität seien für Neu-Delhi wichtig und erhaltenswert. Aus diesem Grund ist Indien für die EU ein strategischer Partner, denn geoökonomische und normative Kerninteressen versucht auch Europa unter einen Hut zu bringen.

Unter den fünf Gestaltungsmächten ist die EU der einzige Staatenverbund und kein Nationalstaat, was im auswärtigen Handeln strukturelle Hindernisse und die ständige Rücksichtnahme auf nationale Interessen und Ansichten der europäischen Mitgliedstaaten mit sich bringe. Trotzdem ist die EU aus Sicht von Perthes ein weltpolitischer Akteur im Werden. Die EU setzt sich am stärksten für eine regelbasierte multilaterale Weltordnung ein. In drei Bereichen werde das Geschäfts- und Entwicklungsmodell der EU infrage gestellt. In der Sicherheitspolitik führe kein Weg an mehr geopolitischer Selbstständigkeit vorbei, da „die Sicherheitsgemeinschaft mit den USA nicht nur temporär beschädigt, sondern Geschichte sein könnte“ (144). Dies führe zur zweiten Herausforderung: der Anpassung des bisherigen Rollenverständnisses als normative Macht an die geopolitischen Verhältnisse. Perthes argumentiert dafür, die Rolle EU-Europas als globaler Regelsetzerin und -bewirtschafterin nicht aufzugeben, aber machtpolitisch anzupassen. Dies könne gelingen, wenn die dritte Herausforderung – die geoökonomische und technologische Wettbewerbsfähigkeit Europas – gesteigert werden könne. Nur wenn sich Europa im Wirtschafts- und Technologiewettbewerb mit China und den USA behaupten und verlorenen Boden gutmachen könne, wären ausreichend Ressourcen für die eigene Verteidigungsfähigkeit und das verstärkte globale Engagement gegeben.

Umkämpfte und umworbene Schlüsselregionen

Teil zwei des Buchs ist ähnlich angelegt wie Teil eins. Der Autor behandelt nacheinander die aus seiner Sicht geopolitisch relevanten Schlüsselregionen. Er benennt die wichtigsten Akteure, Konflikte und das Engagement der fünf Gestaltungsmächte in eben diesen Regionen. Hier wird deutlich, dass Perthes‘ Spezialgebiet der Nahe und Mittlere Osten ist. Die Darstellung orientiert sich an zentralen Konfliktachsen – etwa zwischen Saudi-Arabien und dem Iran oder Israel und seinen Nachbarn – und endet mit den geopolitischen Verwerfungen seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Die ganze Region sei geprägt von einer jahrzehntelangen Polarisierung, Hegemoniebestrebungen und dem Einfluss externer Mächte, allen voran den USA und in geringerer Weise Russlands und Chinas.

Perthes gelingt es, das komplexe Konfliktpanorama ausgewogen darzustellen und die geopolitischen Machtdynamiken herauszuarbeiten. Er verzichtet auf einseitige Verurteilungen und unterkomplexe Pauschalisierungen. Der nüchterne Stil, der die Interessen und Perspektiven aller Seiten berücksichtigt und einordnet, ist wohltuend. Ähnlich verfährt Perthes in den Kapiteln zu Afrika und Südostasien. Die beiden Makroregionen sind dabei keineswegs nur geopolitisches Spielfeld externer Akteure. Am Beispiel Afrikas kritisiert Perthes den Begriff des „Wettlaufs“ um afrikanische Rohstoffe und Märkte. Dieser Begriff erzeuge einen falschen Eindruck, „[w]omit dann leicht übersehen wird, wie sehr afrikanische Akteure sich selbst ins Spiel bringen und das gestiegene internationale Interesse nutzen, um Exportmärkte zu sichern, ihre Infrastruktur zu modernisieren und auszubauen, ausländisches Kapital anzuziehen oder afrikanische Interessen auf die globale Agenda zu setzen“ (218).

Ein geopolitischer Wegweiser?

Perthes‘ Buch will die Multipolarisierung nicht nur analysieren, sondern zugleich auch Wege für Deutschland und Europa aufzeigen. Einerseits bedeuteten multipolare Konstellationen „generell mehr Wahlmöglichkeiten für Staaten, die Sicherheits- oder Bündnispartner suchen“ (283); andererseits seien diese Allianzen auch „weniger stabil“ (ebd.). Die Folge: Größere Volatilität in den internationalen Beziehungen und eine Zunahme informeller Bündnisse und flexiblerer Formen der Zusammenarbeit. In dieser multipolaren Ordnung im Übergang müsse Europa seine Politik anpassen und weiterentwickeln. Zum Tableau geopolitischer Strategien und Fähigkeiten zählt Perthes das Streben nach strategischer Autonomie, die sich etwa in einer Europäisierung der Verteidigungspolitik und gemeinsamer Rüstungsbeschaffung zeigt. Einseitige Abhängigkeiten von den USA (zum Beispiel bei Militärdienstleistungen) und China (zum Beispiel bei Handelsgütern und Rohstoffen) müssten reduziert und neue Partnerschaften mit Ländern des Westens und des globalen Südens eingegangen werden. Trotz der gegenwärtigen politischen Differenzen zu den USA dürften diese nicht abgeschrieben werden. „Um es abschließend noch einmal auf den Kern zu bringen: Für Deutschland und die EU stellt die multipolare Entwicklung der Welt eine systemische Veränderung dar, mit der es realistisch und selbstbewusst umzugehen gilt. Für Deutschland wie für andere europäische Staaten sind ein starkes, souveränes Europa und eine auf gemeinsamen Regeln basierte internationale Ordnung zudem die stärkste Garantie für Frieden, Sicherheit, Wohlstand und den Erhalt des eigenen freiheitlich-demokratischen Systems“ (315-316).

Die am Ende des Buchs vorgestellten Empfehlungen sind in der Sache nicht neu und anderswo zigfach vorgebracht worden. Sie überzeugen nur mit Abstrichen und ihnen wohnt eine gewisse Widersprüchlichkeit inne. Einerseits beschreibt Perthes die neue multipolare Weltordnung als systemische und geostrategische Herausforderung für Deutschland und Europa. Andererseits bewegen sich seine Empfehlungen und Vorschläge gänzlich im bekannten Mainstream und hinterlassen den Eindruck eines mutlosen „Weiter so“. Die Bundesregierung könnte nach der Lektüre schlussfolgern, dass sie eigentlich nicht allzu viel ändern müsse, solange nur das internationale System mit seinen noch leidlich funktionierenden Institutionen und Strukturen bewahrt und die europäische Einigkeit gestärkt würde. Das ist jedoch alles hinlänglich bekannt.

Fazit

Die Stärke des Buchs liegt klar in der Analyse. Die politiktheoretischen und konzeptionellen Ausführungen zu einer multipolaren Welt und ihren multiplen Herausforderungen überzeugen. Die einzelnen Länderkapitel sind sehr faktenreich und zeugen von der langjährigen Regionalexpertise des Autors. Die abschließenden Handlungsempfehlungen sind hingegen wenig innovativ. Das muss keine Schwäche sein, denn auch oft vorgetragene Vorschläge und Ansätze können auch nach langer Zeit noch richtig sein. Und dennoch bleibt der Eindruck, dass gerade dieses für die praktische Politik relevante Kapitel als geopolitischer Wegweiser, wie im Untertitel des Buches suggeriert wird, hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Es wirkt ein wenig ambitions- und mutlos angesichts der großen geopolitischen Umbruchssituation in der Welt. Dessen ungeachtet ist das Buch ein weiterer lesenswerter Beitrag in der deutschen Debatte zur Veränderung der Weltordnung und ihren Folgen für Europa. Die Fraktion derjenigen, die eine multipolare Weltordnung am Horizont sehen, ist um einen prominenten Fachnamen reicher. Man darf gespannt sein, ob die Befürworterinnen und Befürworter einer Bipolarität nachziehen werden oder gänzlich andere geopolitische Deutungsangebote auf den politikwissenschaftlichen Markt drängen und den Debattenraum erweitern.        


Anmerkungen:     

[1] Münkler, Herfried (2023): Welt in Aufruhr. Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert, Berlin: Rowohlt, S. 406.



DOI: 10.36206/REZ26.12
CC-BY-NC-SA

Externe Veröffentlichungen

Felix Heiduk, Melanie Müller, Yaşar Aydın, Janis Kluge, Tobias Scholz, Angela Stanzel, Johannes Thimm / 05.03.2026

Stiftung Wissenschaft und Politik

 

Stephan Klingebiel / 19.03.2026

IPG-Journal