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Sammelrezension / 24.04.2026

Alle Farben des Regenbogens gegen die Krise der Weltordnung?

Phil Orchard, Antje Wiener (Hrsg.): Contesting the World. Norm Research in Theory and Practice. Cambridge, Cambridge University Press 2024; Flavia Lucenti, Cecilia Ducci, Carmen Wunderlich und Jeffrey S. Lantis (Hrsg.): Contestation in Prism. The Evolution of Norms and Norm Clusters in Contemporary Global Politics. Charm, Springer 2025.

Normen stellen im internationalen Kontext den Rahmen zur Konfliktregulierung. Sie gelten oft als gefestigt, aber sehen sich – wie etwa das Folter- oder Gewaltverbot – regelmäßigen Anfechtungen und Aushandlungsprozessen ausgesetzt. Johanna Speyer hat für uns die Sammelbände „Contestation in Prism“ (2025) und „Contesting the World“ (2024) nebeneinander gelesen: Gemeinsam fächern die Bände das vielfältige Phänomen der Umstrittenheit mit Erkenntnissen zu Normenforschung und -kontestation auf und leisten somit wertvolle Beiträge zur Erschließung der sich wandelnden liberalen internationalen Ordnung.

Eine Sammelrezension von Johanna Speyer

Umstrittenheit ist in aller Munde: Umstrittenheit der Grundregeln unseres Zusammenlebens wie dem Gewaltverbot. Umstrittenheit der Prozesse, nach denen Staaten kooperieren und nach gemeinsamen Lösungen für die Herausforderungen der Welt suchen, sichtbar vor allem in dem Austritt der USA aus der Weltgesundheitsorganisation oder dem Pariser Klimaabkommen. Umstrittenheit der Strategien, nach denen Staaten ihre nationalen Interessen durchzusetzen suchen, wo das „Recht des Stärkeren“ gegen etablierte diplomatische Praktiken und gemeinschaftlich aufgebaute Strukturen der (kollektiven) Sicherheit gestellt wird. Es überrascht daher wenig, dass die Diskussion zur „Krise der Liberalen Internationalen Ordnung“ (LIO) zentral auf das Konzept der Kontestation rekurriert[1]. Allerdings macht nicht zuletzt das aktuelle Forum der Zeitschrift für Internationale Beziehungen[2] deutlich, wie plural die Perspektiven auf Kontestation allein in der Politikwissenschaft sind.

Alle Farben des Regenbogens im Bereich der Umstrittenheit von Normen sichtbar zu machen, aber auch zu transzendieren, haben sich in den letzten beiden Jahren vor allem zwei Sammelbände angeschickt: „Contesting the World“, herausgegeben 2024 von Phil Orchard und Antje Wiener, und „Contestation in Prism“, herausgegeben 2025 von Flavia Lucenti, Cecilia Ducci, Carmen Wunderlich und Jeffrey S. Lantis. Ziel beider Bücher ist zunächst das Lob und die Anerkennung der hohen Aktivität der Normenforschung und ihrer Relevanz im Lichte der Krise der Weltordnung. Dies drückt sich auch in der für „Contestation in Prism“ titelgebenden Analogie des Prismas aus: „Sie erinnert daran, dass weißes Licht, wenn es durch ein Prisma fällt, in seine verschiedenen Spektren aufgespalten wird und dadurch die Farben des Regenbogens zeigt“[3].

Beide Bände spüren zunächst der Entwicklung der Normenforschung nach, die Ende der 1990er-Jahre in die Internationalen Beziehungen (IB) Einzug hielt. Sie skizzieren diese Entwicklung als Ganzes, besonders aber ihren dritten Entwicklungsschritt, die Forschung zur Umstrittenheit von Normen (Orchard/Wiener 2024: 8; Wunderlich et al. 2025: 2) und streben darauf aufbauend nach der Integration oder gar Generierung theoretischer Innovationen. Im Rahmen dieser Rezension wird der Inhalt beider Werke zunächst je für sich referiert, bevor die Sammelbände in einer abschließenden kritischen Würdigung zusammen betrachtet werden.

Kontestation als Prisma

Ich beginne dabei mit dem Sammelband von Lucenti et al. (2025), da er, obwohl später veröffentlicht, wichtige Grundlagen für das Verständnis des Sammelbandes von Orchard und Wiener bietet. Das Konzept der Kontestation, das als „Anfechtung“ oder auch als „Umstrittenheit“ übersetzt werden kann, wurde entscheidend von Antje Wiener als „Normkontestation“ [4] in die IB integriert. Sie definiert Kontestation als „eine Auswahl von Praktiken, die diskursiv Missbilligung/Ablehnung einer Norm ausdrücken“[5]. Normen werden dabei als Standards angemessenen Verhaltens[6] verstanden, die sowohl strukturbildend wirken als auch durch Akteure (Staaten, nichtstaatliche Akteure, Individuen) angefochten, geschaffen und verändert werden können[7]. Normen, so Orchard und Wiener, basieren sowohl auf Werten als auch auf Fakten (Wiener 2024: 13).

Lucenti, Ducci, Wunderlich und Lantis machen schon allein durch die Vielfalt ihrer geografischen Verortung (Italien, Deutschland und USA) sowie durch die Vielfalt der Karrierestufen der Autor*innen des Sammelbandes deutlich, wie weit verbreitet Normenforschung, wenigstens unter IB’ler*innen im Globalen Norden, ist. Gerade die Integration von Early-Career-Forschenden (Doktorand*innen und befristet beschäftigte, postdoktorale Forschende) unterstreicht dabei, wie nachhaltig, innovativ und zukunftsweisend die Normenforschung als Ganzes und die Forschung zu Normkontestation im Besonderen ist.

Das Buch umfasst insgesamt 199 Seiten (inkl. Index) und vereint neben Einleitung und Fazit der Herausgeber*innen acht Kapitel, die sich mit unterschiedlichen Arten der Normkontestation in diversen empirischen Kontexten beschäftigen. Diese umfassen zum Beispiel nukleare Drohungen, die Responsibility to Protect oder die Herausforderungen Künstlicher Intelligenz. Themen, die die Umstrittenheit sicher geglaubter Grundregeln verdeutlichen.

Neben der Demonstration dieser Vielfalt zielen die Herausgeber*innen mit ihrem Sammelband darauf, das Konzept der Norm Cluster in die Forschung zu Kontestation einzubinden und so ein „reicheres und facettenreicheres Verständnis der Robustheit von Normen“ (Lucenti et al. 2025: 183)[8] zu ermöglichen.

Deutlich knapper, aber im Grundsatz analog zu Orchard und Wiener (siehe unten), referiert „Contestation in Prism“ die drei Schritte der Entstehung, Etablierung und Weiterentwicklung der Normenforschung in den IB. Mit Blick auf die Umstrittenheit von Normen fokussiert die Einleitung anschließend verschiedene Typen von Kontestation ebenso wie den Einfluss unterschiedlicher Akteure. Darauf aufbauend wendet sie sich dem, seinerseits umstrittenen, Effekt von Umstrittenheit auf Normen zu. Hierbei rücken zwei Konzepte ins Zentrum, die die Widerstandskraft von Normen unterstreichen: die Robustheit von Normen[9] und die Resilienz von Norm Clustern[10].

Kontestation von Normbeziehungen und Norm Clustern

Das für das Buch zentrale Konzept des Norm Clusters ist innovativ, in der Forschung bisher aber widersprüchlich. Es wurde in der Normenforschung in einer internen und einer stärker externen Konzeption entwickelt. In seiner internen Konzeption geht der Begriff des Norm Clusters auf Carla Winston zurück, die es in einem einflussreichen Artikel 2018 auf die Komponenten einer einzelnen Norm bezog[11]. Demnach bestehen Normen aus einem Problem, dem Wert oder den Werten, die Akteure dieses Problem erkennen lassen und sie zum Handeln bewegen, sowie dieser Verhaltensanweisung. Im Gegensatz dazu wenden sich Jeffrey Lantis und Carmen Wunderlich von der Idee einzelner und für sich stehender („diskreter“) Normen ab und der Komplexität von Normen zu[12]. Sie argumentieren, dass Normen immer als Cluster, das heißt als „Ansammlungen von mehreren aufeinander bezogenen und miteinander verknüpften oder verwandten, aber letztlich distinkten Einzelnormen“ auftreten. Diese Norm Cluster „beziehen sich auf einen gemeinsamen, übergreifenden Problembereich, behandeln aber verschiedene Aspekte und formulieren je spezifische normative Verhaltensanforderungen“[13]. In diesem externen Verständnis manifestieren sich Norm Cluster also zum Beispiel in verschiedenen Verträgen oder Regelungsbereichen, wie zum Beispiel der nuklearen Nichtverbreitung. Durch die Einbindung einer Norm in ein Norm Cluster erhöht sich laut Lantis und Wunderlich die Widerstandskraft einer Norm gegenüber Anfechtungen.

Während sich die Normenforschung in der Tat zunehmend der Frage nach Normbeziehungen und den Wechselbeziehungen zwischen unterschiedlichen Normen zuwendet[14], nehmen Lucenti, Ducci, Wunderlich und Lantis bewusst sowohl das interne als auch das externe Verständnis von Norm Clustern auf und ermöglichen es den Autor*innen, frei zwischen den Konzeptionen zu wählen. Dementsprechend verwenden einige Kapitel ein internes Verständnis des Norm Clusters (zum Beispiel García-Iommi, 2025) und untersuchen die Umstrittenheit und Robustheit sowie darüber hinaus gehende Dynamiken einer Einzelnorm. Andere Kapitel nutzen Norm Cluster in einem externen Verständnis und untersuchen, inwieweit sich die Einbindung von Normen in diese Cluster positiv auf deren Resilienz auswirkt. Darüber hinaus verwenden die Artikel eine breite Auswahl an Kontestationstypen und unterscheiden neben reaktiver und proaktiver Kontestation sowie Anwendungs- und Gültigkeitskontestation auch danach, ob Kontestation verdeckt oder offen erfolgt. Der Sammelband von Lucenti et al. greift, besonders im Kapitel von Hendrik Huelss (2025), auch die hochaktuelle Frage auf, inwiefern KI-Modelle selbst Akteursqualität haben und so in die Kontestation von Normen eingreifen (Lucenti et al. 2025: 190).

Trotz Umstrittenheit: Normen sterben nicht

Hinsichtlich der Wirkung von Kontestation gerade auf Normen, die in einem größeren Cluster eingebunden sind, lässt sich aus den Kapiteln schlussfolgern, dass Normen nicht „sterben“. Stattdessen dienen Norm Cluster (in ihrem externen Verständnis) und die Verflechtung zwischen Normen dazu, Angriffe auf einzelne Normen abzufedern (Lucenti et al. 2025: 190). Damit scheint gerade am Ende des Sammelbandes eine Analogie zum sehr positiven Verständnis von Kontestation bei Orchard und Wiener auf. Die Umstrittenheit einer Norm ist einerseits allgegenwärtig, andererseits zeigen Lucenti et al., dass Kontestation nur selten und unter ganz bestimmten Bedingungen der Norm schadet. Wie im Folgenden deutlich wird, betonen Orchard und Wiener die Notwendigkeit und ständige Anwesenheit von Kontestation auch gerade für Einzelnormen. Dabei heben sie stärker als Lucenti et al. (2024) die Notwendigkeit von Kontestation für die Schaffung legitimer Normen heraus. Kontestation selbst betrachten sie aber als wertneutralen Prozess. Als solcher kann Kontestation einen positiven, negativen oder neutralen Effekt auf eine Einzelnorm haben.

Normenforschung in Theorie und Praxis: Die Welt in Frage stellen?

„Contesting the World. Norms Research in Theory and Practice“ umfasst neben Einleitung und Fazit der Herausgeber*innen zwölf einzelne Kapitel auf insgesamt 340 Seiten (inkl. Index). Die Autor*innen, die der Sammelband vereint, „erklären und illustrieren, wie der Werkzeugkasten der Normenforschung am besten eingesetzt werden kann, nämlich indem […] Normtypen wie auch Praktiken der Kontestation und Interpretation [unterschieden werden]. So werden Normen ebenso wie ihre Rolle und Funktion hervorgehoben“ (Orchard/Wiener 2024: 1-2)[15]. Hierzu untersuchen sie die Kontestation von Normen in so unterschiedlichen Feldern wie Apartheit (Klotz 2024), die Aushandlung und Entstehung rechtlicher Ordnungen (Holtermann et al. 2024; Jacob 2024) oder die Solidarität mit Akteuren, die Opfer einer Normverletzung werden (Gholiagha und Sienknecht 2024).

Orchard und Wiener verweisen darauf, dass sich das Konzept der Kontestation besonders in Zeiten der Polykrise starker Konjunktur erfreut. Vor diesem Hintergrund erinnern die Herausgeber*innen daran, dass gerade die Forschung zur Normkontestation sich dynamisch entwickelt und der Ursprung der dezidierten Auseinandersetzung mit dem Konzept in den IB lag. Dementsprechend nutzen die Herausgeber*innen den Beginn der Einleitung, um kurz den Aufstieg des Konstruktivismus in der Disziplin zu referieren, der den metatheoretischen Bezugsrahmen der Normenforschung darstellt (Orchard/Wiener 2024: 2). Danach präsentieren sie in drei Schritten die Entwicklung der Normenforschung seit den 1990er-Jahren: Zunächst wurde ein Fokus auf das Soziale in der internationalen Politik, dann auf die Übernahme und Diffusion von Normen gelegt. Im Rahmen des dritten Schritts, der den aktuellen Schwerpunkt der Normenforschung beschreibt, wird Normkontestation fokussiert. „Wir argumentieren, dass jeder dieser Schritte ein integraler Bestandteil der Entwicklung der Normenforschung als ein etabliertes Feld ist. Gleichzeitig hat jeder Schritt sein eigenes Set an neuen Themen und Begrenzungen mit sich gebracht, während eine Auswahl an bleibenden Fragen das Feld nach wie vor umtreibt“ (Orchard/Wiener 2024: 5)[16]. Diese bleibenden Fragen sind zum einen „Was ist eine Norm?“ und zum anderen „Können Normen nur innerhalb ihres Kontextes untersucht werden?“.

Aufbauend auf dieser historischen Entwicklung und den zentralen Fragen entwickelt die Einleitung drei zentrale Argumente, die in der Vorstellung des interpretation-contestation frameworks gipfeln, welches Orchard und Wiener den facettenreichen und vielfarbigen Kontestationsarten, die die Forschung hervorgebracht hat, entgegenstellen. Damit strebt der Band, im Gegensatz zu „Contestation in Prism“, nach einer stärkeren Vereinheitlichung von Konzepten der Umstrittenheit von Normen und ihrer Systematisierung im Rahmen einer theoretischen Innovation. Orchard und Wiener argumentieren erstens, dass der Prozess der Normkontestation der zentrale theoretische Rahmen für das Studium von Normen darstellen könnte. Zweitens gehen sie davon aus, dass der Prozess der Umstrittenheit einer Norm selbst wertneutral ist: „Kontestation wird durch Akteure vorangetrieben und es sind die Entscheidungen dieser Akteure, die bestimmen, ob eine bestimmte Kontestation sich positiv oder negativ auf die jeweilige Norm auswirkt“ (Orchard/Wiener 2024: 4)[17]. Allerdings erklären die Herausgeber*innen drittens, dass die Umstrittenheit von Normen selbst einen normenschaffenden Charakter hat[18].

Formen der Kontestation

Kontestation tritt damit aus ihrer Sicht nicht in allen Farben des Regenbogens, sondern in drei verschiedenen Formen auf: als reaktive, proaktive und interpretative Kontestation. Reaktive Kontestation bezeichnet die Anfechtung von Normen durch Akteure, die in Normverletzung gipfeln kann. Proaktive Kontestation bezeichnet das Engagement von Akteuren mit einer Norm mit dem Ziel, sie zu verbessern. Interpretative Kontestation, die als Form der Umstrittenheit von Normen von Orchard und Wiener in „Contesting the World“ entwickelt wird, ist gegeben, wenn Akteure andere Normverständnisse als andere Teile der internationalen Gemeinschaft haben. Interpretative Umstrittenheit ist damit unabsichtlich und kann auch von den Akteuren unbemerkt existieren. Reaktive und proaktive Kontestation hingegen bezeichnen bewusste und intentionale Prozesse (Orchard/Wiener 2024: 4; 15-16). Diese Formen der Umstrittenheit liegen laut Orchard und Wiener quer zur populären Unterscheidung zwischen Anwendungs- und Gültigkeitskontestation[19], die laut Nicole Deitelhoff und Lisbeth Zimmermann den Effekt von Umstrittenheit auf die Norm selbst prägt: Beziehe sich die Umstrittenheit nur auf die Anwendung einer Norm, so sei sie stärkend. Seien allerdings der Sinn und die Gültigkeit einer Norm umstritten, so sei ihre Schwächung anzunehmen.

Schon 2014 stellte Antje Wiener ihr „cycle-grid model“ (siehe Orchard/Wiener 2024: Abb. 1.1, S. 9) vor, mit dessen Hilfe sie die Umstrittenheit von Normen und ihren jeweils legitimierenden Effekt auf unterschiedlichen Ebenen, in Bezug auf unterschiedliche Normtypen und zu unterschiedlichen Momenten im Leben einer Norm verortete. Demnach findet Normkontestation in Bezug auf unterschiedliche Grade von Abstraktheit einer Norm – einer Fundamentalnorm wie Nachhaltigkeit, ihrer Ausprägung als Organisationsprinzip nachhaltiger Entwicklung sowie als konkrete Regel, beispielsweise in Regelungen zur Maschengröße in Fischernetzen – statt. Indem Umstrittenheit in unterschiedlichen Phasen im Leben einer Norm auf diesen Ebenen auftritt und durch unterschiedliche Akteure praktiziert wird, ergibt sich die Validierung einer Norm vom internationalen bis hin zum lokalen Kontext.

Darauf aufbauend entwickeln Orchard und Wiener ihr interpretation-contestation framework (14-18), mit dessen Hilfe sie die Typen der Umstrittenheit (interpretive, reactive, proactive) zeitlich verorten und mit Blick auf Ihren Effekt unterscheiden. Die grundlegende Annahme dabei ist, dass es sich bei Kontestation um ein „sine qua non“ von Normen handelt, Normen als Prozesse also immer umstritten sind, unabhängig davon, ob eine spezifische Kontestation einen positiven, negativen oder neutralen Effekt auf die Norm selbst hat.

Mit Blick auf den Lebenszyklus einer Norm argumentieren Orchard und Wiener (2024: Abb. 1.2, S.17), dass in der Phase der Normentstehung mit proaktiver Kontestation zu rechnen ist, die darauf zielt, die Legitimität einer Norm zu erhöhen. Bei einer bestehenden Norm hingegen trete reaktive Kontestation auf, die ihre Legitimität, ihre moralischen Prinzipien oder ihre Exklusivität angreife. Veränderungen durch die Kontestation ließen sich einerseits in der Interaktion zwischen einem Akteur und einer bestimmten Norm beziehungsweise deren nationalem und internationalem Verständnis beobachten, andererseits manifestierten sie sich in der Interaktion vieler Akteure mit einer Norm (Orchard/Wiener 2024: 17-19).

Die Kapitel des Buches untersuchen unterschiedliche Formen von Kontestation und deren Effekt auf die Norm zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben einer Norm. So beschäftigen sie sich mit der Kontestation der Norm gegen Folter durch die USA (Akhrif und Koschut 2024) oder mit den Aushandlungsprozessen über Normkollisionen (Liese 2024). Abbildung 15.1 (S. 267) ordnet diese Fallbeispiele in das interpretation-contestation framework ein. Zudem werden in diesem Zusammenhang die Typen der Anwendungs- und Gültigkeitskontestation aufgegriffen und in das Schema integriert. Orchard und Wiener sehen sie als quer zu den von ihnen beschriebenen Formen der reaktiven, proaktiven und interpretativen Kontestation liegend.

Abschließend verweisen Orchard und Wiener nochmals darauf, wie wichtig aus ihrer Sicht ein Fokus auf die Umstrittenheit von Normen ist, um die Umstrittenheit der LIO untersuchen zu können (260): „Während die Literatur zur liberalen Ordnung diese als unbestrittene Tugend und damit verbunden deren Ablehnung als Fehlfunktion betrachtet, würden wir vorschlagen, dass die Leitfragen für die zukünftige Normforschung stattdessen lauten: Wie verändern sich Normen und ihre Bedeutungen durch Interaktion? Und wie wirkt sich das auf die Ordnung(en) in der Weltgesellschaft aus? Die Anfechtung von Normen, die sowohl als Laster als auch als Tugend betrachtet wird, hilft uns, Normen nicht nur auf einzigartige Weise zu verstehen, sondern auch zu verstehen, wie sie die Welt grundlegend prägen“ (Orchard/Wiener 2024: 274).[20]

Zwei Bände zur Kontestations- und Normenforschung, die einander ergänzen

Insgesamt leisten beide Bände einen wertvollen Beitrag zum dynamischen Forschungsfeld der Normenforschung im Ganzen und der Forschung zu Kontestation von Normen im Besonderen. Dies ist zusätzlich relevant, da sich die Normenforschung gerade im Zuge der Debatten um die Zukunft der Weltordnung zunehmenden Anfragen ausgesetzt sieht. Der Begriff der Umstrittenheit erweckt gerade im alltäglichen Sprachgebrauch ein negatives Gefühl der Unstete und Unsicherheit. Dem muss die Wissenschaft entgegentreten, was ihr aber nur gelingen kann, wenn sie ihr Verständnis von Normkontestation immer wieder prüft und sich auch nicht scheut, scheinbare Dauerbrenner-Fragen, wie besonders die nach dem Effekt von Normkontestation, immer wieder zu stellen.

Allerdings ist das Werk von Orchard/Wiener deutlich voraussetzungsreicher als der Band von Lucenti et al., der daher in vielerlei Hinsicht auch in der Lehre eingesetzt werden könnte. Schon allein seines theoriebildenden Anspruchs wegen ist es wenig überraschend, dass der Sammelband von Orchard und Wiener sich weniger für den Einsatz in der grundständigen Lehre oder den vollkommen neuen Einstieg in das Themengebiet eignet. Zwar zeichnet die Einleitung des Bandes ausführlich die Geschichte der Normenforschung nach, er beginnt seine Reflexion aber auf einem sehr hohen Wissensstand. Wie oben bereits angedeutet, ist es schwer, den Grund für den Vorzug der Formen interpretative, reaktive und proaktive Kontestation gegenüber den weit genutzten Typen der Anwendungs- und Gültigkeitskontestation nachzuvollziehen. Es bleibt unklar, was Formen von Typen der Kontestation unterscheidet, zumal beide von Lucenti et al. (2025) als gleichwertige (und konkurrierende) Kontestationstypen besprochen werden. Dies macht nicht nur die Produktivität des Feldes sichtbar, sondern unterstreicht auch den Bedarf an weiterem Austausch, um die Ergebnisse und Perspektiven anschlussfähiger zu machen.

Aus dem Sammelband von Lucenti, Ducci, Wunderlich und Lantis wird deutlich, dass der Preis für die Produktivität der Normenforschung ist, dass sie zur Proliferation neuer Konzepte neigt, die sich teilweise sogar widersprechen (Wunderlich et al. 2025: 5)[21]. Dies gilt natürlich in erster Linie für das Konzept des Norm Clusters, welches in seinem internen oder externen Verständnis vollkommen unterschiedliche Phänomene beschreibt. Ebenso lässt sich aber auch fragen, inwieweit die verwendeten Typen (oder Formen) der Kontestation tatsächlich unterschiedlich sind. Dies wird besonders mit Blick auf die interpretative Kontestation deutlich, die Orchard und Wiener beschreiben (15-16). Es bleibt offen, ob das neu entwickelte Konzept der Interpretive Contestation nicht bereits in Nicole Deitelhoff und Lisbeth Zimmermanns (2020) Konzept der Anwendungskontestation aufgeht, das gerade die Umstrittenheit im Verständnis einer Norm beschreibt. Wichtig für die interpretative Kontestation bei Orchard/Wiener scheint zu sein, dass unterschiedliche Akteure sich nicht der anderen Interpretationen gewahr sind (siehe auch Wunderlich et al. 2025: 6). Ist dementsprechend die Umstrittenheit einer Norm schon dann anzunehmen, wenn verschiedene Akteure unterschiedliche Normverständnisse vertreten, aber kein offener Konflikt auftritt[22] oder erst im Rahmen von „sozialen Praktiken, die diskursiv Missbilligung einer Norm ausdrücken“ (Wiener 2014: 1)[23]. In der interpretive contestation scheint sich ersteres Verständnis zu materialisieren, Anwendungskontestation hingegen basiert eher auf letzterem. Ob dies allerdings die Konzeptualisierung einer neuen Form der Umstrittenheit notwendig macht, die überdies noch mit dem Typus der Anwendungskontestation interagiert werden soll, bleibt unklar.

Ähnlich verhält es sich mit dem gesamten interpretation-contestation framework, das Orchard/Wiener in „Contesting the World“ entwickeln. Orchard/Wiener streben mit diesem Rahmenmodell danach, die Vielfalt an Kontestationsmodi und -typen unter einem Dach zu vereinen und müssen dazu Entscheidungen zwischen diesen Typen treffen. Damit machen sie sich aber auch angreifbarer, da sich bestimmte Positionen in der Debatte nicht ausreichend repräsentiert sehen könnten. Dies wird bereits aus den unterschiedlichen Zugängen der beiden Sammelbände und dem Ziel von Lucenti et al., nämlich alle Farben des Regenbogens der Umstrittenheit aufzuzeigen, deutlich. Es obliegt den Leser*innen, sich selbst ein Bild von Orchards und Wieners theoretischen Rahmen, dem interpretation-contestation framework, zu machen. Darüber hinaus wird sich in der Normenforschung zeigen, inwieweit das Modell gewinnbringend angewandt werden kann und einen Mehrwert gegenüber konkurrierenden theoretischen Zugängen generiert. Hervorzuheben ist sicherlich, dass Orchards und Wieners Modell den Aspekt der Temporalität, der die frühe Normenforschung in ihrer Beschäftigung mit dem Lebenszyklus von Normen prägte[24], wieder in die Forschung integriert und ihn mit der Frage nach dem Ort der Umstrittenheit einer Norm sowie den Kontestation praktizierenden Akteuren in Beziehung setzt.

Fazit

Insgesamt erheben beide Bände den Anspruch, dass Forschung zu Normkontestation einen Beitrag zur Forschung nach der Umstrittenheit der Weltordnung leisten kann und sollte. Flavia Lucenti, Cecilia Ducci, Carmen Wunderlich und Jeffrey S. Lantis beginnen ihre Einleitung mit dem Hinweis: „Institutionen, Normen und Prinzipien, die einst als Grundpfeiler der Internationalen Beziehungen galten, scheinen zu zerfallen“ (Wunderlich et al. 2025: 1)[25]. Orchard und Wiener beschreiben sogar einen „Wandel im Ziel kontestierender Praktiken von Normen zu Ordnungen“[26] und argumentieren, dass Antworten auf Fragen zur Stabilität oder Wandel von Weltordnung neuer Erkenntnisse aus der Normenforschung bedürfen (Orchard/Wiener 2024: 1).

Gleichzeitig bleiben beide Bände aber in Ihrer Analyse stark disziplinär, also im Feld der Normenforschung verankert. Die angesprochenen Institutionen und Prozesse (Wunderlich et al, 2025: 1) werden nur im Sammelband von Lucenti und anderen am Rande mit Blick auf ihre Umstrittenheit und deren Implikationen untersucht (hierzu Panke et al. 2025). Sicherlich leistet die Forschung zu Normkontestation, gerade auch auf Basis der Innovationen durch die hier diskutierten Sammelbände, einen entscheidenden Beitrag zur Erforschung der Krise internationaler Organisationen im Besonderen und der Weltordnung im Ganzen[27]. Diese Forschung bleibt aber unvollständig, wenn sie sich nicht auch mit den Bedingungen, Formen und potenziellen Folgen institutioneller Kontestation auseinandersetzt[28].

Darüber hinaus tun Orchard und Wiener der Literatur zur Umstrittenheit der LIO insofern unrecht, als dass sie davon ausgehen, dass diese Literatur die LIO retten möchte und eine liberale Ordnung als solche als wertvoll erachtet. Eine Ordnung ist aber wertvoll, weil sie Normen und Institutionen für das Zusammenleben und insbesondere die Konfliktregulierung zur Verfügung stellt[29]. Ob eine solche Ordnung zwingend liberal sein muss, ist keine Einschätzung, die in der Literatur geteilt wird. Die LIO gilt keinesfalls allen Autor*innen als uneingeschränkt wünschenswert und Rettung verdienend.

Beide Sammelbände sind komplementär in ihren unterschiedlichen Foki. Während Lucenti et al. danach streben, die Vielfalt der Kontestationsverständnisse aufzuzeigen und mit Blick auf die dringenden theoretischen Fragen der Normverbindungen und insbesondere dem Konzept des Norm Clusters zusammen zu bringen, schlägt der Band von Orchard und Wiener ein vereinheitlichendes Schema vor, nach dem Kontestation klassifiziert und untersucht werden kann. Entsprechend werden in ihrem Band einige Farben des Regenbogens, die durch das Prisma bei Lucenti et al. sichtbar werden, zugunsten eines einheitlichen Zugangs überschattet. Um den Mehrwert des von Orchard und Wiener entwickelten interpretation-contestation frameworks zu beurteilen, ist der Sammelband von Lucenti et al. daher vorherige Pflichtlektüre.


Anmerkungen:

[1] Siehe hierzu: Goddard, Stacie E./ Krebs, Ronald R./ Kreuder-Sonnen, Christian/ Rittberger, Berthold (2024): Contestation in a World of Liberal Orders, in: Global Studies Quarterly 4: S. 2; Börzel, Tanja A./ Zürn, Michael (2021): Contestations of the Liberal International Order: From Liberal Multilateralism to Postnational Liberalism, in: International Organization 75: 2, S. 282-305.

[2] Dück, Elena/ Ostermann, Falk/ Allwörden, Laura von (2025): Nichts steht mehr fest? Plurale Perspektiven auf Kontestation in der Politikwissenschaft: Einleitung zum Forum, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 32: S. 2.

[3] Alle direkten Zitate in diesem Text werden auf Deutsch wiedergegeben. Sofern die Originaltexte auf Englisch verfasst wurden, handelt es sich um eine eigene Übersetzung der Autorin dieser Rezension. Die englischen Originalzitate werden jeweils in einer Fußnote angegeben. Hier: "our analogy of ‘contestation in prism’ is meant to capture these dynamics— reminiscent of when white light passes through a prism and is refracted into its spectral components, producing a rainbow of colours". Siehe: Lucenti, Flavia/ Ducci, Cecilia/ Wunderlich, Carmen/ Lantis, Jeffrey S. (2025): Conclusion: A Multifaceted Understanding of Norm Contestation, in: Lucenti, Flavia/ Ducci, Cecilia/ Wunderlich, Carmen/ Lantis, Jeffrey S. (Hrsg.): Contestation in Prism, Cham, S. 183-195.

[4] Wiener, Antje (2014): A Theory of Contestation. Heidelberg: Springer Berlin.

[5] Englisches Original: „range of social practices, which discursively express disapproval of norms”; in: Wiener, Antje (2014): a. a. O.

[6] Grundlegend: Finnemore, Martha/ Sikkink, Kathryn (1998): International Norm Dynamics and Political Change, in: International Organization 52: 4, S. 887-917.

[7] Wiener, Antje (2009): Enacting Meaning-in-Use. Qualitative Research on Norms and International Relations, Review of International Studies 35(1):  S. 175-193.

[8] Englisches Original: “a richer and more multifaceted understanding of norm robustness.”

[9] Deitelhoff, Nicole/ Zimmermann, Lisbeth (2019): Norms under Challenge: Unpacking the Dynamics of Norm Robustness, in: Journal of Global Security Studies 4: 1, S. 2-17.

[10] Lantis, Jeffrey S./ Wunderlich, Carmen (2018): Resiliency dynamics of norm clusters. Norm contestation and international cooperation, in: Review of International Studies 44: 3, S. 570-593.

[11] Winston, Carla (2018): Norm structure, diffusion, and evolution: A conceptual approach, in: European Journal of International Relations 24: 3, S. 638-661.

[12] Lantis, Jeffrey S./ Wunderlich, Carmen (2018): a. a. O.; auch Winston, Carla (2023): a. a. O.

[13] Wunderlich, Carmen (2023): Normcluster und Normkomplexität, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 30: 2, S. 160-171, hier: S. 163.

[14] Für einen Überblick, siehe: Fehl, Caroline/ Rosert, Elvira (2020): It’s complicated. A Conceptual Framework for Studying Relations and Interactions between International Norms, in: PRIF Working Papers: S. 49.

[15] Englisches Original: Die Kapitel “explain and illustrate how to best use the toolkit of norms studies by distinguishing norm-types and practices of contestation and interpretation that bring norms to light and reveal their role and function”.

[16]Englisches Original: “Each of these moves, we argue, has been integral to the development of norm research as an established sub-field. At the same time, each move has introduced its own set of issues and limitations, while a range of enduring questions continue to affect the sub-field”.

[17] Englisches Original: “contestation is actor driven, and it is actors’ choices that determine whether a particular contestation affects a norm in a positive or a negative way”.

[18] Besonders die zweite Annahme scheint dabei deutlich der an anderen Stellen des Buches hervortretenden Position, dass Umstrittenheit Legitimität generiert und daher grundsätzlich wünschenswert ist, zu widersprechen (Orchard/Wiener 2024: 4).

[19] Deitelhoff, Nicole/ Zimmermann, Lisbeth (2020): Things We Lost in the Fire: How Different Types of Contestation Affect the Robustness of International Norms, in: International Studies Review 22, S. 51-76; Zimmermann, Lisbeth/ Deitelhoff, Nicole/ Lesch, Max/ Arcudi, Antonio/ Peez, Anton (2023): International Norm Disputes. Oxford: Oxford University Press.

[20] Englisches Original: “Where the liberal order literature considers the liberal order and uncontested virtue and relatedly quest station email malfunction we would suggest the leading questions for prospective norm research contesting. The world are instead how do norms in their meaning change through interaction? And how does that affect order(s) in world society? Non-contestation view is both advice and the virtue helps us to understand norms not only in a unique way, but also how they fundamentally constitute the world.”

[21] Siehe dazu auch: Loges, Bastian (2021): Von der Normenforschung zu den Normenforschungen – Metatheoretische Reflexionen zur Einheit und Vielfalt eines Forschungsfeldes, in: Engelkamp, Stephan/ Glaab, Katharina/ Graf, Antonia (Hrsg.): Kritische Normenforschung in den Internationalen Beziehungen, S. 31-68; Glaab, Katharina/ Graf, Antonia/ Engelkamp, Stephan (2021): Lagerbildung und Verständigung in der kritischen Normenforschung. Eine Einleitung, in: Engelkamp, Stephan/Glaab, Katharina/Graf, Antonia (Hrsg.): Kritische Normenforschung in den Internationalen Beziehungen, S. 9-30.

[22] Stimmer, Anette/ Wisken, Lea (2019): The dynamics of dissent: when actions are louder than words, in: International Affairs 95: 3, S. 515-533.

[23] Englisches Original: "social practice[s] that discursively express disapproval of norms".

[24] Finnemore, Martha/ Sikkink, Kathryn (1998): a. a. O.

[25] Englisches Original: “Institutions, norms, and principles that were once considered cornerstones of IR appear to be falling apart.”

[26] Englisches Original: “a shift in the target of contestatory practices from contesting norms to contesting order”.

[27] Speyer, Johanna/ Stockmann, Nils (2024): How a Conversation Between EU Studies and Critical Constructivist IR Norm Research Illuminates a Union in Crisis: A Research Note, in: Journal of Common Market Studies 62: 3, S. 902-913; Christian, Ben/ Speyer, Johanna/ Zimmermann, Lisbeth (2024): The rules-based international order will not survive if its institutions only work in powerful states’ interests, in: LSE United States Politics and Policy – Latest commentary and analysis on the United States from academic experts, online unter: https://blogs.lse.ac.uk/usappblog/2024/12/11/the-rules-based-international-order-will-not-survive-if-its-institutions-only-work-in-powerful-states-interests/ [letzter Zugriff: 27.02.2026].

[28] Speyer, Johanna (2025): Der Schlüssel zur Umstrittenheit der Weltordnung? Für ein integriertes Verständnis der Kontestation von Normen und Institutionen, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 32: S. 2.

[29] Deitelhoff, Nicole/ Speyer, Johanna/ Bethke, Felix S./ Driedger, Jonas J./ Kharitonov, Ivan/ Peez, Anton/ Trpkovic, Mina (2025): Conceptualizing and assessing international order and its crises, Manuskript liegt der Autorin vor.



DOI: https://doi.org/10.36206/REZ26.18
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