/ 22.06.2013
Anna Lipphardt
VILNE. Die Juden aus Vilnius nach dem Holocaust. Eine transnationale Beziehungsgeschichte
Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2010 (Studien zur historischen Migrationsforschung [SHM] 20); 545 S.; 58,- €; ISBN 978-3-506-77066-0Geschichtswiss. Diss. Potsdam; Erstgutachter: J. Schlör. – Die Autorin verfolgt ein ausgefeiltes Konzept. Sie „verbindet osteuropäisch-jüdische Geschichte, Migrationsforschung, Erinnerungstheorie und empirische Kulturwissenschaft“ (20) zu einem dicht erzählten Bild des Schicksals der Vilner Juden nach dem Zweiten Weltkrieg. „Von den Polen Wilno genannt, von den Litauern Vilnius, den Russen Vilna, den Weißrussen Vilnia und von den Deutschen Wilna, auf jiddisch – Vilne, blickt die heutige litauische Hauptstadt auf eine wechselhafte Geschichte mit einer ausgeprägten multiethnischen Tradition zurück.“ (18) Hier lag nach Lipphardt eines der Zentren der jiddischen Tradition – „das Jerusalem der Diaspora“ (506), das im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstreut wurde. Die Autorin sucht die Träger dieser Tradition, ihre Erzählungen, ihre Erinnerungsorte und Rituale in New York, in Israel und heute auch wieder in Vilnius. Sie rekonstruiert die Fluchtwege und die Neuformierung vilnischer Gemeinschaften im Exil und arbeitet kulturelle Symbole und ihre Bedeutung für die Erinnerung heraus. In einer Vielzahl von Gesprächen gelingt es ihr darüber hinaus, die Bedeutung der jiddischen Identität für die vertriebenen Vilner lebendig werden zu lassen. Beispielsweise thematisiert sie das Verhältnis der Überlebenden zu ihren Kindern. „Viele meiner Gesprächspartner erklärten, dass sie ihre Kinder nicht mit ihren Erinnerungen belasten wollten und diese daher für sich behalten hätten. Ihre Kinder wiederum machten im Gespräch mit mir oft deutlich, wie sehr sie unter dem Schweigen der Eltern […] litten, sich zugleich jedoch fürchteten, die Eltern mit Fragen zu verletzen.“ (509) Die Studie über die Geschichte der Juden aus Vilnius ist nicht nur ein exzellent recherchiertes und geschriebenes Buch; sie lebt vor allem von den vielen ganz persönlichen Beziehungen, welche die Autorin mit ihren Gesprächspartnern aufbauen konnte, mit denen sie die Erinnerung der Vilner Juden nachgerade erlebbar werden lässt.
Markus Lang (ML)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 4.42 | 2.23 | 2.61
Empfohlene Zitierweise: Markus Lang, Rezension zu: Anna Lipphardt: VILNE. Paderborn u. a.: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32660-vilne_38989, veröffentlicht am 08.12.2010.
Buch-Nr.: 38989
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Dr., Politikwissenschaftler.
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