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/ 21.06.2013
Karl Schlögel (Hrsg.)

Terror und Traum. Moskau 1937

München/Wien: Carl Hanser Verlag 2008; 812 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-446-23081-1
Moskau – an kaum einem anderen Ort der Welt hat die große Auseinandersetzung zwischen den Ideologien im 20. Jahrhundert derart tiefe Spuren hinterlassen wie in dieser Stadt, die 1918 – nach gut 200 Jahren – wieder Hauptstadt des russischen Riesenreiches wurde. Mit Blick auf das Jahr 1937 erzählt Schlögel die Geschichte einer Stadt, die nach dem Dornröschenschlaf der 20er-Jahre bald zum Schaufenster der sozialistischen Entwicklung werden sollte. Bauprojekte wie die Metro, der Moskwa-Wolga-Kanal oder der Umbau ganzer Viertel dienten als gewaltige Dekoration, übertroffen nur von den gigantomanischen Zukunftsvisionen einiger Stadtplaner. „In diesem Moskau gibt es den Glanz der neuen Stadt, des Neuen Moskaus, wie es im Generalplan von 1935 entworfen worden war, die Sonnenstadt, so monumental-prächtig und futuristisch wie Jerusalem, die Tempelstadt.” (43) Schulen und Wohnungen wurden errichtet, die Stadt wuchs bis an den Rand der Unregierbarkeit. Doch hinter dem Schein dieser neuen und pulsierenden Glitzerwelt tobte ein unerbittlicher Kampf um politische Macht und um die Deutungshoheit der reinen Lehre. Das Moskau des Jahres 1937 ist auch das Moskau der Schauprozesse, der Ausschaltung der alten Parteieliten und der willkürlichen Verhaftungen. Und während die Stadt im 100. Todesjahr des „Genossen” Puschkin ganz im Zeichen sinnenhafter Geistigkeit stand, wurden zugleich vulgäre Propagandaschlachten gegen die ideologischen Gegner Deutschland, Italien und Spanien geführt. Anekdotenreich und im lockeren, jedoch nie ins Banale abdriftenden Erzählton entfaltet der Autor in knapp vierzig Kapiteln weit mehr als bloße Stadtgeschichte – sein Buch ist raumgebundene Weltgeschichte. Denn mit seiner Selbstbeschränkung auf Raum und Zeit und der dadurch bedingten Gleichzeitigkeit der Handlungen gelingt es ihm, dieses Nebeneinander von Traum und Terror zu erzeugen. Aus einem noch immer unausgeschöpften Quellenreichtum hat Schlögel damit in akribischer Kleinarbeit ein Panorama der Hochzeit des Stalinismus gezeichnet, das seinesgleichen sucht.
Michael Vollmer (MV)
M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, TU Chemnitz.
Rubrizierung: 2.622.25 Empfohlene Zitierweise: Michael Vollmer, Rezension zu: Karl Schlögel (Hrsg.): Terror und Traum. München/Wien: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30751-terror-und-traum_36530, veröffentlicht am 28.05.2009. Buch-Nr.: 36530 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA