/ 20.06.2013
Friederike Habermann
Aus der Not eine andere Welt. Gelebter Widerstand in Argentinien
Königstein/Ts.: Ulrike Helmer Verlag 2004 (Konzepte / Materialien 3); 192 S.; pb., 18,95 €; ISBN 3-89741-162-8Finden sich in „gelebten Gegengesellschaften“ (15) Ansätze für eine konstruktive Kritik an den kapitalistischen Lebensverhältnissen? Die Historikerin und Volkswirtin Habermann, Stipendiatin der Stiftung Fraueninitiative, analysiert ausgehend von dieser Frage verschiedene Erwerbslosenbewegungen in Argentinien. Dem Ideal nach sollte in diesen Bewegungen bedürfnisorientiert und vorsorgend gewirtschaftet, kollektiv gearbeitet und der Gewinn geteilt werden. Diese Idee fußt weniger auf einer marxistischen Ideologie, wie Habermann zeigt, sondern auf der Erfahrung von Arbeitslosigkeit und eines Lebens oftmals unterhalb des Existenzminimums. Im ersten Kapitel beschreibt die Autorin die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe der argentinischen Wirtschaftskrise, um dann im Hauptteil auf der Basis von 34 Interviews Betroffene zu Wort kommen zu lassen. Überwiegend Frauen schildern ihr Leben in Armut und erklären das Zustandekommen sowie die Arbeitsweise der Bewegungen. Gegründet wurden z. B. Nähstuben und Bäckereien. Allerdings wird schnell deutlich, dass es sich nicht tatsächlich um gelebte Gegengesellschaften handelt. Die gesamte Organisationsstruktur dieser Projekte sei auf das staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramm aufgebaut, schreibt Habermann. Diejenigen, die fünfmal in der Woche je vier Stunden zur Arbeit erschienen, erhielten einen kleinen Geldbetrag. Diese Projekte haben aber mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Viele erscheinen nicht zu dieser (fast) freiwilligen Arbeit, zudem wird oft so unrentabel gewirtschaftet, dass viele Projekte wieder aufgegeben werden müssen. „Aus der Nähe betrachtet entzaubert sich manches“ (179), so die Autorin. Auch „betonen [alle] die Unmöglichkeit einer Autonomie inmitten des Kapitalismus“ (15). Aber trotz der ökonomischen Schwierigkeiten bewertet Habermann die Erwerbslosenbewegungen aus dem (frauen-)emanzipatorischen Blickwinkel positiv - aus der Not heraus hätten viele Frauen Eigeninitiative und ein neues Selbstbewusstsein entwickelt.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.65 | 2.22 | 2.262
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Friederike Habermann: Aus der Not eine andere Welt. Königstein/Ts.: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22447-aus-der-not-eine-andere-welt_25611, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 25611
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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