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Interview / 20.08.2026

Was kommt nach dem Liberalismus?

Berlin, Suhrkamp 2026

Wer sich in den letzten Jahren mit den Krisen der Gegenwart beschäftigt hat, wird um eine Vokabel kaum herumgekommen sein: „Postliberalismus“. Um diesen Begriff ist ein regelrechter Hype ausgebrochen, der von den Universitäten bis zum amerikanischen Vizepräsidenten J. D. Vance reicht. Die Politikwissenschaftler Veith Selk und Julian Nicolai Hofmann haben einen Sammelband herausgegeben, in dem hochkarätige Wissenschaftler*innen kontrovers diskutieren, ob der Liberalismus noch zu retten ist oder die Zukunft den Postliberalen gehört.

Herr Selk, Herr Hofmann, der Postliberalismus hat sich in den letzten Jahren von einer intellektuellen Randströmung zu einer ernsthaften politischen Kraft entwickelt, die bis in die Trump-Administration reicht. Was steckt hinter dem Begriff?

Selk:
Der Begriff kursiert in der wissenschaftlichen Diskussion schon länger und ist mit recht unterschiedlichen Bedeutungen verbunden worden. Ihre Frage zielt auf eine Denkströmung, die sich in den 1990er Jahren in Großbritannien entwickelt hat und vor allem in den USA prominent geworden ist. Ein zentraler Text ist das Buch Why Liberalism Failed des amerikanischen Theoretikers Patrick Deneen aus dem Jahr 2018. Man kann es als „Generalabrechnung“ mit dem Liberalismus bezeichnen. Seitdem wird der Postliberalismus nicht nur als akademisches Konzept diskutiert. Er stößt, als politisches Projekt, über die Seminarräume der Universitäten hinaus auf Interesse und Kritik. Zum Beispiel gilt der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance als von Deneens Denken beeinflusst, und bezeichnet sich zuweilen auch selbst als postliberal. Wie zuletzt Dieter Thomä gezeigt hat, ist es mit den „Post“-Begriffen allerdings so eine Sache: Sie sind in gewisser Weise Verlegenheitsbegriffe, weil sie sprachlich der Vergangenheit verhaftet bleiben, die sie zu verabschieden behaupten. Zugleich drücken sie eine historische Erfahrung aus, die wir gegenwärtig machen. Die vormals stabil wirkende Ordnung erodiert; es lässt sich jedoch noch nicht auf den Begriff bringen, was auf sie folgen könnte.

Hofmann: Ich denke, dass es grundsätzlich sinnvoll ist, zwischen zwei Ebenen zu unterscheiden. Auf einer diagnostischen Ebene beschreiben die Postliberalen die Krisensymptome der Gegenwart und ziehen eine düstere Bilanz von Verheerungen, für die sie den Liberalismus verantwortlich machen: Ein ungezügelter Individualismus habe soziale Bindungen und Gemeinschaften zerstört; die Folge von Jahrzehnten des neoliberalen Exzesses sei obszöner Reichtum auf der einen und sozialer Abstieg auf der anderen Seite; politische Entscheidungen würden zunehmend von Technokraten und Verfassungsgerichten gefällt, woraus eine Entfremdung zwischen Bevölkerung und Eliten resultiere. Von der diagnostischen Ebene zu unterscheiden, ist eine politisch-programmatische Ebene. Denn viele Postliberale verstehen sich nicht nur als Überbringer der Botschaft vom Ende des Liberalismus, sondern auch als Verkündereiner Lehre, die an dessen Stelle treten soll. Der Postliberalismus ist sowohl Krisendiagnose als auch politisches Projekt.

Bleiben wir zunächst auf der diagnostischen Ebene: Die Feststellung, dass der Liberalismus schwächelt, kommt nicht nur aus den Reihen der Postliberalen. Auch in der sozialwissenschaftlichen Literatur ist von einer „Krise des Liberalismus“ die Rede. Einige Symptome haben Sie bereits genannt – woran wird die Krise noch festgemacht?

Selk:
In diesem Zusammenhang wird als Erstes meist der Siegeszug der Populisten genannt. Rechtspopulistische Parteien propagieren eine Abkehr vom Liberalismus und können damit einen signifikanten Teil der Wählerschaft hinter sich versammeln. Doch die Absetzbewegung vom Liberalismus geht nicht nur von diesen „üblichen Verdächtigen“ aus. Auch die Meinungsfreiheit oder die Wissenschaftsfreiheit sind aus ganz unterschiedlichen Richtungen unter Beschuss geraten. An dieser Stelle sollte auch das Prinzip der Meritokratie genannt werden, dem zufolge sich individuelle Leistung lohnen muss. Dieses urliberale Prinzip dient der Rechtfertigung von legitimer Ungleichheit, erfüllt diese Funktion jedoch nicht mehr. Das Leistungsnarrativ erscheint angesichts des Ausmaßes der Ungleichheit und der Verschlechterung der Zukunftsaussichten für breite Teile der Bevölkerung als schlicht unplausibel.

Liberale Ideen verlieren auch auf der internationalen Ebene an Glaubwürdigkeit und Unterstützung. Handelsstreitigkeiten, Zölle und protektionistische Maßnahmen, die bis vor einigen Jahren verpönt waren und verschleiert werden mussten, sind inzwischen gängige und offen eingesetzte Mittel der Außen- und Wirtschaftspolitik. In den Kernländern der Globalisierung wird der sogenannte Freihandel über Parteigrenzen hinweg kritisch beäugt und es werden Versuche unternommen, Lieferketten unter politische Kontrolle zu bringen. Einige der Institutionen, die die Liberale Internationale Ordnung geprägt haben, werden demontiert. Sowohl die Demokratien als auch die internationale Staatenordnung werden tendenziell illiberaler.

Die Krise des Liberalismus manifestiert sich zudem auf der Ebene der intellektuellen Auseinandersetzung. Die letzte Hochphase der liberalen Theoriebildung liegt schon länger zurück. Die linken und zentristischen Liberalen haben nichts hervorgebracht, was das Argumentationsniveau von John Rawls Hauptwerken aus den 1970er- und 1990er-Jahren übertrifft. Die rechten Liberalen hingegen verwalten das Gedankengut Friedmans, Hayeks und des Ordoliberalismus. In intellektueller Hinsicht lebt der Liberalismus von Beständen, die merklich in die Jahre gekommen sind.

Hofmann: Die Summe dieser Prozesse, die auf unterschiedlichen Ebenen ablaufen, erzeugt bei vielen Beobachter*innen das Gefühl, eine historische Umbruchphase zu erleben. Darin wird die liberale Ordnung nicht nur von außen durch Autokraten bedroht, wie häufig behauptet wird, sondern erodiert auch im Inneren. Es scheint so, als ob die konstitutiven Spielregeln liberaler Ordnungen keine unbestrittene Geltung mehr beanspruchen können. Es entsteht weitreichende Enttäuschung über liberale Institutionen und Politiken, die teilweise aus der Zeit gefallen und schlicht nicht mehr plausibel erscheinen. Wir beschreiben diesen Zustand im Buch als „postliberales Enttäuschungssyndrom“.

Der Liberalismus, von dem sich die Postliberalen abgrenzen möchten, ist ein enorm weiter Begriff. Was verstehen die Postliberalen unter dem Liberalismus und wodurch zeichnet sich die spezifisch postliberale Kritik an ihm aus?

Selk:
Vereinfachend kann man sagen: Für viele Postliberale ist der Liberalismus die prägende Ideologie der westlichen Moderne, durch die unsere Institutionen und gesellschaftlichen Beziehungen geformt worden sind. Sie deuten ihn als ein politisches, kulturelles, ökonomisches Gesamtpaket. Entsprechend leicht fällt es ihnen, nahezu alle gesellschaftlichen Probleme auf ihn zurückzuführen: Armut und Ungerechtigkeit, Vereinzelung und Vereinsamung, Bildungskrise und marode Infrastruktur, der Aufstieg von Populismus, Technokratie und Oligarchie; für all diese Phänomene geben die Postliberalen dem Liberalismus die Schuld. Damit machen sie es sich – gelinde gesagt – etwas einfach. Es gibt zwar in unseren Gesellschaften einen tief verwurzelten Hintergrundliberalismus, der zahlreiche soziale Sphären durchzieht und die Lebensführung vieler Menschen prägt, aber zugleich sollte man die Macht von Ideologien nicht überschätzen.

Hofmann: Was die Postliberalen unter dem Liberalismus verstehen, wird am deutlichsten, wenn man sich anschaut, was sie an ihm kritisieren. Obwohl die Denkströmung Postliberalismus insgesamt heterogen ist, lassen sich drei Kernelemente erkennen: Erstens sind Postliberale der Auffassung, dass der Niedergang des Liberalismus die logische Folge seines Erfolgs sei. Die liberale Ideologie untergräbt die Bedingungen ihrer Existenz, weil sie alles auf individuelle Autonomie ausrichtet und damit die sozialen Institutionen zerstört, auf die jede funktionsfähige Gesellschaft angewiesen ist. Das Ergebnis des liberalen Triumphs sei dann eine Ansammlung eigennütziger Individuen, die nichts miteinander teilen und daher paradoxerweise nur noch durch eine starke Regierungsgewalt zusammengehalten werden. Zweitens argumentieren die Postliberalen elitenkritisch. Dabei nehmen sie insbesondere die Professional Managerial Class ins Visier, die aus „Kopfarbeitern“ wie Beratern, Journalistinnen und Akademikern besteht. Diese Klasse gehört nicht zur klassischen Elite und besitzt keine Produktionsmittel, nimmt aber eine sehr privilegierte Position in der Gesellschaft ein. Ihre Angehörigen haben häufig sehr liberale Einstellungen, plädieren für Diversität und Selbstentfaltung, blicken aber paternalistisch oder sogar verächtlich auf die unteren Klassen herab. Drittens vertreten Postliberale die These, dass eine Abkehr von einer auf Individualismus gegründeten politischen Ordnung unumgänglich ist. Stattdessen setzen sie auf Gemeinschaft, Tugenden und Gemeinwohl.

Gemeinwohl ist ein sehr schwammiger und missbrauchsanfälliger Begriff. Was verstehen die Postliberalen darunter und wer soll ihrer Meinung nach definieren, was dem Gemeinwohl entspricht?

Hofmann:
Auch hier wird deutlich, wie sehr sich die Postliberalen in Abgrenzung zum Liberalismus definieren. In der liberalen Vorstellung gibt es kein Gemeinwohl, sondern nur Individuen mit unterschiedlichen Präferenzen, die politische Prozesse miteinander aushandeln oder etwa Verträge schließen. Eine Überschneidung individueller Präferenzen, die ein Gemeinwohl konstituieren könnten, kann man sich hier nur als die Aggregation von Einzelinteressen vorstellen. Das Problem daran ist offenkundig: Es werden sich stets diejenigen mit den stärksten Machtressourcen durchsetzen und ihren Partikularinteressen dadurch eine erhöhte Geltung verschaffen. In der liberalen Theorie sind es am Ende die Individuen, die wissen, was am besten für sie ist. Demgegenüber beharren die Postliberalen erstmal darauf, dass es so etwas wie ein Gemeinwohl gibt, das über die Summe einzelner Präferenzen hinausgeht. Sie argumentieren, dass politische Gemeinschaften auf bestimmte gemeinsame Güter angewiesen sind, etwa soziale Sicherheit, Solidarität, aber auch kulturelle Traditionen oder Tugenden, die ein gelingendes Leben ermöglichen. Individuelle Freiheit hat für Postliberale dort Grenzen, wo sie der Gemeinschaft schadet. Das ist allerdings weniger außergewöhnlich, als es zunächst klingt, denn auch liberale Ordnungen kennen solche Grenzen. Niemand darf beispielsweise seine Freiheit so ausüben, dass er die Rechte anderer verletzt. Der eigentliche Unterschied besteht also darin, wo diese Grenze gezogen wird. Postliberale ziehen sie früher, weil sie nicht nur die Rechte anderer, sondern auch den Erhalt bestimmter sozialer Institutionen, gemeinschaftlicher Güter und kultureller Voraussetzungen garantieren wollen, die im Liberalismus zur Disposition stehen.

Wie dieses Gemeinwohl bestimmt werden soll, ist natürlich eine heikle Angelegenheit, zu der innerhalb des postliberalen Feldes unterschiedliche Antworten existieren. Konservative Vertreter wie Patrick Deneen und Adrian Vermeule setzen auf eine moralische Gesellschaftsumgestaltung im Namen des Mehrheitswillens des Volkes und christlicher Werte wie Ehe, Familie und Solidarität. Demgegenüber betonen pluralistische Autoren wie Adrian Pabst, dass es sich beim Gemeinwohl nicht um eine quasi vorpolitische Kategorie handelt. Vielmehr sei es eine Suchbewegung in Richtung mehr Gemeinsinn und Solidarität, die darauf abzielt, bestimmte Güter wie Wohnraum oder Bildung vom Markt zu schützen. Statt auf ein objektiv bestimmbares Gemeinwohl und eine moralische Steuerung der Gesellschaft setzen sie auf starke Gewerkschaften sowie lokale Institutionen und Gemeinschaften, in denen demokratisch entschieden wird, welche Politik dem Gemeinwohl entspricht.

Sie sprechen den Fokus der Postliberalen auf Werte wie Familie und Tradition an. Insbesondere in den USA bezeichnen sich die meisten Postliberalen als konservativ und sind häufig katholischen Glaubens. Ist der Postliberalismus ein rechtes Projekt?

Hofmann:
In der Öffentlichkeit hat sich dieses Bild schnell gefestigt, auch durch eine teilweise alarmistische Berichterstattung rund um die Verbindung zu J. D. Vance. Schaut man sich aber die postliberale Literatur an, wird schnell deutlich, dass das Feld deutlich heterogener ist. Im Gegensatz zum eher konservativen Postliberalismus in den USA, existiert in Großbritannien ein linker bis pluralistisch ausgerichteter Postliberalismus, der aus der Blue Labour Bewegung entstanden ist. Dabei handelt es sich um eine Strömung, die sich stärker am Nationalstaat orientiert und fordert, dass der Staat in die Wirtschaft eingreift, um das Gemeinwohl aktiv zu fördern. Adrian Pabst bezeichnet das als „demokratischen Korporatismus“. Hier sollen Subsidiarität, lokale Selbstverwaltung, wirtschaftliche Mitbestimmung und auch politische Repräsentation miteinander verbunden werden. Arbeiter*innen sollen beispielsweise stärker an der Leitung von Unternehmen beteiligt werden, zugleich sollen Unternehmen Verpflichtungen gegenüber ihren Beschäftigten und der lokalen Gemeinschaft haben. Die Idee ist, dass der Staat zwar einen Rahmen setzt, aber die gesellschaftliche Selbstorganisation nicht vollständig übernimmt, sondern auch intermediäre Institutionen wie Gewerkschaften, Kirchen und lokale Gemeinschaften wieder eine stärkere Rolle spielen.  

Allgemein gesprochen ist aber fraglich, ob uns die Vorstellung, es gebe einen kohärenten linken und rechten Flügel des Postliberalismus, wirklich weiterhilft. Vielleicht sollten wir eher von einem postliberalen Diskursfeld sprechen, in dem ganz unterschiedliche politische Antworten auf eine geteilte Problembeschreibung formuliert werden. Und hier wird es dann kompliziert: Postliberalen Autoren scheinen sich geradezu dadurch auszeichnen, dass sie das klassische Links-Rechts-Schema überschreiten. Patrick Deneens katholisch inspirierte Tugendlehre ist beispielsweise konservativ, er kombiniert sie aber mit einem klassisch linkssozialdemokratischen Wirtschaftsprogramm, spricht sich etwa gegen Elitenuniversitäten und für einen sozialstaatlichen Interventionismus zur Beseitigung sozialer Ungleichheit aus.

Selk: Der Postliberalismus ist in jedem Fall nicht libertär und individualistisch. Man sollte in diesem Zusammenhang bedenken, dass wir uns erst in den letzten Jahrzehnten angewöhnt haben, eine individualistische Position in Fragen der Lebensführung als links zu bezeichnen. Das war nicht immer so. Die kommunitaristische Linke bezog sich auf kollektiv geteilte Werte, Solidarität und Gemeinsinn. Und auch die klassenkämpferische Linke wäre nie auf die Idee gekommen, den Klassenkampf dem Belieben des Einzelnen zu überlassen. Diese beiden Strömungen sind innerhalb der Linken an den Rand gedrängt worden, was durch den gesellschaftlichen Wandel bedingt ist und mit der Veränderung der sozialen Basis der Linken zu tun hat. Dass Freiheit nicht mit rationalem Egoismus gleichgesetzt werden sollte, sondern auch Verpflichtungen beinhalten muss, scheint mir gleichwohl eine Position zu sein, die auch in der heutigen Linken vertreten wird. Vielleicht ist es an der Zeit, nach einer den heutigen Problemen entsprechenden Synthese zwischen der altlinken Klassenpolitik und der neulinken Emanzipationspolitik zu suchen.

Die Argumentation der postliberal orientierten Linken basiert auf der Annahme, dass der Liberalismus in der kulturellen Dimension und der Liberalismus in der politischen Dimension miteinander zusammenhängen und sich nicht voneinander trennen lassen: Verteilungs- und gesellschaftspolitischen Liberalismus gebe es entweder im Doppelpack oder eben gar nicht. Aber warum sollte es nicht möglich sein, für ein liberales Abtreibungsrecht zu sein und gleichzeitig für die Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen zu kämpfen?

Hofmann:
Natürlich kann ein Individuum beides tun und viele Menschen machen ja genau das. Das Argument der Postliberalen ist an dieser Stelle aber auch ein historisches: Sie betonen, dass seit der Entstehung des Liberalismus dessen politische Seite – die Loslösung von höheren Autoritäten und das Streben nach Freiheit jenseits kirchlicher oder staatlicher Bevormundung – mit dessen ökonomischer Seite – der Freiheit, am Markt ungestört Geschäfte zu machen – schon immer verbunden waren. Selbstentfaltung, Individualität und Emanzipation lassen sich für die Postliberalen nicht trennen von Kapitalismus, Marktgesetzen und Ungleichheit. Sie bilden quasi zwei Seiten der liberalen Medaille. Dieses Argument findet sich deutlich bei Jean-Claude Michéa, der zwar kein selbsterklärter Postliberaler ist, aber in diese Richtung denkt. Er beschreibt eine „Einheit des Liberalismus“, in der sich ein politischer und kultureller Liberalismus nicht von einem „schlechten“, also ökonomischen Liberalismus trennen lässt. Den Liberalismus gibt es also nur als Gesamtpaket, und jeder Versuch die beiden Seiten voneinander zu trennen scheitert.  Ähnliche Vorstellungen finden wir auch bei Patrick Deneen, der im kulturellen und wirtschaftlichen Liberalismus gleichermaßen destruktive Formen der Atomisierung erblickt. Aus dieser Perspektive ist der heute oft beschriebene Gegensatz zwischen rechten Freund*innen des freien Marktes und linken Anhänger*innen kultureller Selbstbestimmung ein Scheinkonflikt, da sie eigentlich eine liberale Symbiose bilden.

Sie beschreiben den Postliberalismus als einen Störenfried, der nach Jahrzehnten des liberalen Burgfriedens unbequeme Fragen aufwirft, die er jedoch selbst nicht beantworten kann. Auch Ingolfur Blühdorn kritisiert, dass die Postliberalen in ihrer politischen Programmatik nicht mehr als rückwärtsgewandte „Lagerfeuerromantik“ zu bieten hätten.

Selk:
Diskussionswürdig und interessant am Postliberalismus ist dessen Krisendiagnose, wonach sich der Liberalismus zu Tode gesiegt und dadurch die Enttäuschungen erzeugt hat, von denen seine Gegner gegenwärtig so profitieren. Gründe für die Schwäche des liberalen Systems auch im Inneren des Systems selbst zu suchen, könnte indes nicht nur erhellend, sondern ironischerweise auch progressiver sein, als sich nur darüber zu wundern, woher die vielen irrationalen Feinde des Liberalismus stammen, die über unsere vermeintlich heile Welt hereinbrechen. Mit dieser Diagnose sollten wir uns auseinandersetzen, unabhängig davon, was wir von der politischen Programmatik der Postliberalen halten.

Wenn es um die Frage nach dem Gegenprogramm geht, hält das, was die Postliberalen vorschlagen, der Kritik nicht stand. Statt eine zeitgemäße und vor dem Hintergrund der geschichtlichen Bedingungen attraktive Zukunftsvision zu entwickeln, schaut der Postliberalismus in die Vergangenheit und suggeriert, wir könnten heutige Probleme im Rückgriff auf alte Ideen lösen. Das erscheint mir soziologisch naiv zu sein, denn die sozialen, kulturellen und materiellen Grundlagen dieser Ideen existieren nicht mehr. Der postliberale Retrogradismus ist bemerkenswert, weil die Postliberalen in ihrer Diagnose zuweilen ja selbst betonen, dass sich die liberalen Gesellschaften mit etwas Neuem konfrontiert sehen, zum Beispiel mit der Erosion der Liberalen Internationalen Ordnung, und sich in einer Phase des Umbruchs befinden. In dieser Situation beschwören sowohl die Liberalen als auch die Postliberalen die Geister der Vergangenheit.

Hofmann: Hier haben wir es mit einer gegenläufigen Bewegung zu tun. Viele Postliberale betonen die Neuartigkeit der Situation und verlangen nach neuen Politiken jenseits des Liberalismus. Diese neuen Formen entpuppen sich jedoch oft als historisch gewordene Formen des Zusammenlebens. Das Verlangen nach einer anderen Zukunft greift somit auf die Vergangenheit zurück. Dieser Blick zurück verspricht eine weniger komplexe Welt, deren Prozesse sich besser beeinflussen lassen, etwa durch Politik oder tugendhaftes Verhalten. Das ist jedoch nicht überzeugend. Auch Postliberale müssen anerkennen, dass die Herausforderungen der Gegenwart hochkomplex sind und es keinen Weg zurück ans „Lagerfeuer“ gibt. Postliberale bezweifeln jedoch, dass Komplexitätssteigerung und Prozesse der Ausdifferenzierung ein quasi evolutionärer Prozess sind, den man nicht beeinflussen kann. Sie folgen der Idee einer stärkeren politischen Formbarkeit der Gesellschaft. Demnach lautet ihre Leitfrage, wie sich unter den aktuellen Bedingungen Komplexität gezielt reduzieren lässt. Und das ist nicht leicht zu beantworten. Natürlich kann man mehr Staat fordern, doch die Möglichkeiten staatlicher Steuerung sind aktuell eher bescheiden. Von den Steuerungskapazitäten ist wenig übrig, und auch die Märkte scheinen der Politik in vielen Bereichen ihr Handeln zu diktieren. Blickt man jedoch in die Vergangenheit, dann waren diese Spannungen deutlich weniger ausgeprägt. Vielleicht liegt gerade darin die Attraktivität der Rückwärtsgewandtheit.

Wenn Sie die Argumente aus dem Sammelband zusammennehmen, ist der Liberalismus noch zu retten oder gehört die Zukunft den Postliberalen?

Hofmann:
Wir stecken fest. Während der Liberalismus als normative Leitidee an Attraktivität verloren hat und seine Verteidiger*innen vor allem ein Weiter-so mit kleinen Anpassungen versprechen, liefern die Postliberalen zwar eine gute Kritik, aber haben kein glaubwürdiges Gegenprogramm. Einerseits scheinen die Verteidiger*innen des Liberalismus in der Beschreibung ihrer hausgemachten Krisen zu versagen und einen Mangel an Problembewusstsein aufzuweisen. Die alten Glaubenssätze und Durchhalteparolen greifen nicht mehr. Andererseits tun sich die Postliberalen schwer damit, ideologischen Verkürzungen zu entkommen und eine attraktive wie plausible Alternative zur liberalen Gegenwart zu skizzieren. Dass ausgerechnet die Rückkehr auf den traditionellen christlichen Tugendpfad die Antwort sein soll, scheint mir weder normativ wünschenswert noch gesellschaftlich besonders nachgefragt zu sein. Auf der anderen Seite sind linke Ansätze des Postliberalismus auf starke Kollektive wie Gewerkschaften angewiesen, aber deren Organisationsgrad ist seit Jahren rückläufig und lässt sich nicht einfach über Nacht steigern. Es drängt sich also der Gedanke auf, dass wir vorerst feststecken in einer liberalen Gegenwart, die auch weiterhin Probleme produzieren wird.

Selk: Das strukturelle Problem besteht darin, dass es den differenzierten und hintergrundliberalisierten Gesellschaften des Westens an der sozialen Kohäsion und den politischen Steuerungskapazitäten mangelt, die nötig wären, um ein groß angelegtes Alternativprogramm zum Liberalismus zu formulieren, geschweige denn dieses in Form eines politischen Projekts umzusetzen. Das lässt sich am Scheitern der sozial-ökologischen Transformation ablesen. Aber auch die radikalen Ideen aus der Anfangszeit der zweiten Trump-Administration sind zu einem großen Teil nicht umgesetzt worden. Damit soll die katastrophale Politik dieser Regierung überhaupt nicht entschuldigt werden, aber es demonstriert, dass Ambitionen zu einer weitreichenden Gesellschaftsumgestaltung – im Guten wie im Schlechten – mit hohen Hürden konfrontiert sind.

Das allgemeine Unbehagen an der Entwicklung von Politik und Gesellschaft wächst. Zugleich bleibt der Liberalismus vorerst ohne Alternative, da er die Voraussetzungen der Umsetzbarkeit politischer Gegenentwürfe unterminiert hat. Ich bezeichne das als das Phänomen der liberalen Paralyse; Benjamin Studebaker bringt es in seinem Beitrag zu dem Sammelband auf die polemische Formel „stabil bis zur Funktionsunfähigkeit“. Doch es gibt im Band natürlich auch Gegenpositionen: Patrick Deneen argumentiert zum Beispiel, dass die Frage nicht mehr laute, ob die Zukunft postliberal sein wird, sondern nur noch welche Art von Postliberalismus sich durchsetzen wird. Elif Özmen und Jan-Werner Müller hingegen nehmen an, dass der Liberalismus stark genug sein wird, sich des postliberalen Angriffs zu erwehren. Mit diesen und weiteren Beiträgen eröffnet der Band, so hoffen wir, hierzulande eine vielseitige Debatte über die Zukunft des Liberalismus in Zeiten seiner postliberalen Herausforderung.


Der Sammelband „Postliberalismus? Eine transatlantische Debatte“, herausgegeben von Veith Selk und Julian Nicolai Hofmann, ist am 20.08.2026 bei Suhrkamp erschienen.



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