Nicole Mayer-Ahuja: Klassengesellschaft akut. Warum Lohnarbeit spaltet - und wie es anders gehen kann
Ist Deutschland eine Klassengesellschaft? Die Soziologin Nicole Mayer-Ahuja beantwortet diese Frage mit einem klaren Ja. Sie zeigt, wie sich Klassen heute formieren und soziale Ungleichheiten in der Arbeitswelt fortbestehen. Eine wichtige Studie, die zeigt, wie ein Klassenbegriff auf der Höhe der Zeit aussieht, der sowohl die Heterogenität der Lohnarbeiterschaft als auch Rassismus und Patriarchat ernst nimmt, lobt Rezensent Thomas Mirbach.
Eine Rezension von Thomas Mirbach
Auf dem Bundeskongress der Jusos Ende letzten Jahres hat sich die Bundesministerin für Arbeit und Soziales zu einer polemischen Bemerkung verleiten lassen, die (einige) Arbeitgeber nach einer knappen sozialphysiognomischen Charakterisierung („meistens waren es Männer, in ihren bequemen Sesseln, der eine oder andere im Maßanzug“) zu Gegnern des gemeinsamen Kampfes erklärte. Dieser rhetorische Rückgriff auf ein zu mobilisierendes Kollektivsubjekt des Arbeitskampfes sorgte bundesweit für Entrüstung; übrigens auch in der Qualitätspresse.[1] Man mag die Formulierung von Bärbel Bas, gemessen an ihrer Ministerinnenrolle, für taktisch ungeschickt halten, ohne den medialen Empörungsgestus zu teilen. Aber wer überzeugt ist, dass die hiesige Sozialpartnerschaft der Rede von klassenbezogenen Interessengegensätzen den Gegenstand entzogen habe, sollte die neue Studie von Nicole Mayer-Ahuja besser nicht zur Hand nehmen, sie könnte zu dissonanten Einsichten führen.
Wiederentdeckung der Klassengesellschaft
Für Mayer-Ahuja ist nämlich offensichtlich, dass „Klassenfragen die Arbeits- und Lebenserfahrungen von Menschen auch hierzulande tiefgreifend“ prägen (13) und von diesen Erfahrungen sei die wachsende Gruppe jener betroffen, „die ihre Existenz durch den Verkauf der eigenen Arbeitskraft sichern müssen“ (14). Damit sind zwei wesentliche Aspekte schon benannt, die im Rahmen von Klassendiskussionen berücksichtigt werden müssen: Auf Makroebene die strukturelle Bedeutung von Klassenverhältnissen einerseits und andererseits Lohnarbeit als Basismerkmal einer (gegebenenfalls) handlungsrelevanten Klassenzugehörigkeit.
Bei beiden Aspekten kann sich die Autorin auf wichtige Befunde der vergleichenden Sozialstrukturanalyse berufen. Branko Milanović hat anhand einer Analyse von Haushaltseinkommen als länderübergreifenden Trend gezeigt, dass sich die Ungleichheiten zwischen Nationalstaaten verringern, innerhalb der reichen Nationen aber die Einkommensungleichheiten zunehmen und sich mit den Abkoppelungen von Eliten plutokratische Tendenzen verstärken.[2] Diese vom Finanzmarktkapitalismus angetriebene Wende im globalen Ungleichheitsregime ist für Göran Therborn Ursache dafür, dass im 21. Jahrhundert „die Kategorie der Klasse als immer mehr ausschlaggebender Faktor für die Bestimmungen von Ungleichheit zurückkehrt"[3]. Die mit derartigen sozialstrukturellen Bezügen beispielhaft benannte „Wiederkehr der Klassengesellschaft“[4] ließe sich auch als Korrektur der kulturalistischen Wende der Ungleichheitsforschung verstehen, mit der die Soziologie, Tendenzen gesellschaftlicher Pluralisierung und Individualisierung überzeichnend, den Diskurs sozialer Ungleichheit durch einen Diskurs des Geschmacks ersetzt hat.[5]
Gegen solche konzeptionellen Verschleierungen der Ungleichheitsfrage möchte Mayer-Ahuja zeigen, dass wir es permanent und auch heute „mit Prozessen der Klassenformierung zu tun haben“ (14). Dabei richtet sich ihr Fokus – das Faktum der Heterogenität der abhängig Beschäftigten in Rechnung stellend – auf die höchst amibivalenten Effekte, die mit der kapitalistischen Organisation von Lohnarbeit verbunden sind. Einerseits erzeuge die Logik dieser Organisationsform interne Spaltungen in unterschiedlichen Abstufungen zwischen stabil und prekär Beschäftigten. Andererseits seien aber quer zu den unterschiedlichen Positionierungen im Beschäftigungssystems auch Solidarisierungen der Lohnarbeiterschaft beobachtbar, die auf gemeinsame Erfahrungen der Klassenlage verweisen. Die Autorin ist überzeugt, dass sich nur über diese gegensätzlichen Prozesse von Spaltung und Einheitsbildung die Dynamiken der heutigen Klassengesellschaft verstehen lassen (15). Folgerichtig nimmt die Auseinandersetzung mit diesem Komplex den größten Raum der Studie ein (Teil II: 69-186). Dem ist ein eher theoretisch angelegter Vorschlag einer zeitgemäßen Klassendefinition vorgeschaltet (Teil I: 21-67); die abschließenden Überlegungen befassen sich mit der Frage, wie Potentiale der Solidarisierung politisch gestärkt werden könnten (Teil III: 189-232).
Vorschlag für einen aktualisierten Klassenbegriff
Folgt man den Kommentaren Claus Offes zur jüngeren Diskussion des Klassenbegriffs, dann besteht eine zentrale Herausforderung des kausalen Anspruchs von Klassentheorie darin, dass mit ihr „simultan die »Statik« (das heißt die identische Reproduktion) einer Sozialstruktur und ihre »Dynamik« (das heißt die in sozialen Konflikten durchgesetzte institutionelle Umformung der Sozialstruktur)“ erklärt werden soll.[6] Mit diesem doppelten Anspruch geht Mayer-Ahuja pragmatisch um. Sie diskutiert zunächst Aspekte, die ihres Erachtens mit Blick auf die gut zweihundertjährige Geschichte des Kapitalismus weitgehend als strukturelle Konstanten gelten dürften (21 ff.). Die Stichworte sind aus der einschlägigen Literatur bekannt: Klassenstruktur als soziales Verhältnis gegensätzlicher, in der Realisierung aufeinander angewiesener Interessen; eine für die weit überwiegende Mehrheit der Abhängigen bestehende Alternativlosigkeit des Arbeitskraftverkaufs; das werttheoretisch begründete Verständnis von Ausbeutung; die den Arbeitsprozess dominierende Fremdbestimmung durch Kapitaleigner sowie eine vom Konkurrenzmechanismus beherrschte Interaktionslogik, die übergreifende Solidarisierungen systematisch erschwert.
Die historische Ausprägung der Klassenformierung erfolge jeweils in spezifischen Kontexten, bei denen sich drei Arenen in ihrer Wirkung überlagern (ökonomisch-gesellschaftliche Strukturen; Kooperationsbeziehungen zwischen Kapital und Arbeit; Selbstwahrnehmung der Beschäftigten) (36 ff.). An der dritten Arena der subjektiven Deutungen lasse sich in besonderer Weise die dynamische Entwicklung des Kapitalismus ablesen. Das betreffe zum einen die Frage, ob Klassenstruktur als maßgebliche Ursache sozialer Ungleichheit angesehen wird; zum anderen die damit zusammenhängende Frage, in welchem Maße der Lohnarbeiter*innenstatus noch das Selbstbild der Beschäftigten prägt.
Auf beide Fragen antwortet Mayer-Ahuja programmatisch. Kapitalismus, Patriarchat und Rassismus seien gewiss nicht deckungsgleich, aber Diskriminierungen auf Basis von Geschlecht, Ethnie oder Migrationsstatus erfolgten eingebettet in eine von der kapitalistischen Logik bestimmte Form (44). Wohl hänge die faktische Relevanz von Klassenbewusstsein entscheidend davon ab, „inwiefern sich Konflikte um Arbeit zuspitzen“ (48), aber auch in einer „demobilisierten Klassengesellschaft“[7] seien Klassenerfahrungen nicht verschwunden. Sie auch unterhalb der Ebene erfolgreicher Arbeitskämpfe sichtbar zu machen, sei angesichts eines um sich greifenden rechten Chauvinismus „wissenschaftlich bedeutsam und politisch essentiell“ (49).
Aus dieser Perspektive verschiebt sich der Schwerpunkt der Studie methodisch und inhaltlich auf die Analyse dynamischer Aspekte von Klassenformierung. In Abgrenzung zu primär sozialstrukturellen Ansätzen von Klassenanalyse – denen sie eine kategoriale Statik vorhält (55)[8] – betont Mayer-Ahuja die Bedeutung der Untersuchung von Prozessen der Klassenformierung im Zeitverlauf. Ihr Credo, „Klasse erkennt man am besten von unten“ (14), verlangt einen phänomennahen Blick auf das per se konflikthafte soziale (Klassen-)Verhältnis, das permanenten Differenzierungen unterworfen ist, ohne von objektivierbaren Faktoren (Ökonomie, Technologie, Arbeitsmarktlagen) eindeutig determiniert zu sein. Weil sich Klassenformierung in konkreten Relationen von Kooperation und Konflikt, von Solidarisierung und Ausgrenzung ausdrückt, sei es eine empirische Frage, wo und wie die Grenzlinien gezogen werden, die das „Wir“ einer gemeinsam handlungsfähigen Lohnarbeiterschaft bilden (61 ff.).
Zwischen Klassenspaltungen und Solidarisierungspotentialen
Ihren empirischen Teil rückt Mayer-Ahuja in die Fluchtlinien zweier komplementärer Tendenzen, die die Dynamik des kapitalistischen Systems abbilden. Dem von Rosa Luxemburg vertretenen Theorem der Landnahme zufolge treibt dessen immanenter Expansionsdrang den Kapitalismus ständig zur Aneignung bisher nicht kapitalisierter Lebensbereiche[9], in der Sphäre der Arbeit zeigt sich dies an der seit dem 19. Jahrhundert zu beobachtenden Verallgemeinerung von Lohnarbeit. Die quantitative Ausweitung des Lohnarbeitsverhältnisses – in Deutschland betrifft das aktuell gut 90 Prozent der Erwerbstätigen – ist intern von einer qualitativen Differenzierung entsprechend der Stärke der jeweiligen Arbeitsmarktpositionen begleitet. In seiner „Chronik der Lohnarbeit“ hat Robert Castel[10] – dessen Analyse Mayer-Ahuja (zu Recht) hervorhebt – eine von Platzierungskämpfen geprägte Struktur der modernen Arbeitsgesellschaft diagnostiziert, die an ihrem unteren Ende eine Zone der Prekarität erzeugt. Seit Ende der 1980er-Jahre sind wir, so schließt die Autorin an Castel an, mit einer Entwicklung konfrontiert, die dieses Paradoxon – Verallgemeinerung von Lohnarbeit bei zunehmender Spaltung der Lohnarbeiterschaft – viel deutlicher hervortreten lässt und ein „weites Verständnis von arbeitender Klasse“ erfordert (83).
An den beiden markanten Bruchlinien ‚Geschlecht’ und ‚Migrationsstatus’ zeichnet Mayer-Ahuja das komplexe Muster kapitalistischer Organisation von Lohnarbeit nach, das sowohl bestehende Unterschiede der Beschäftigtengruppen vertieft als auch Annäherungen zwischen ihnen mindestens ermöglicht. Die steigende Frauenerwerbstätigkeit belegt die Tendenz zunehmender Verallgemeinerung von Lohnarbeit, zugleich aber sind – verglichen mit der Erwerbstätigkeit von Männern – interessen- und machtpolitisch bedingte Differenzen unübersehbar. Das betrifft nicht nur Arbeitszeiten und Einkommen, vermeintlich typische Berufsbereiche und Einstufungen in der Betriebshierarchie, sondern wesentlich auch die ungleiche Verantwortungszuschreibung für Erfordernisse der Reproduktionsarbeit. Beide Differenzlinien kommen den Personalstrategien vieler Unternehmen entgegen, Lohnkosten senken und Arbeitskräfte möglichst flexibel einsetzen zu können (89). Im Gegenzug jedoch habe die politisch propagierte Sicherung eines hohen Beschäftigungsstandes implizit zu einer „Neujustierung von Geschlechterverhältnissen“ geführt (91). Die schrittweise Ablösung des Alleinverdienermodells ermöglicht, „dass sich die Erfahrungen von Männern und Frauen mit Lohnarbeit tendenziell annähern“ (92) und erhöht auf Haushaltsebene den Druck, sich gemeinsam über die Verteilung von Produktions- und Reproduktionsarbeit zu verständigen.
Spaltungen, die an Migrationsstatus oder Herkunft der Beschäftigten ansetzen, erfüllen mindestens ebenso so stark wie geschlechtsbezogene Diskriminierungen Umstände – wie Dörre sie nennt – sekundärer Ausbeutung, betreffen also Verhältnisse, die aus „ungleichem Tausch, außerökonomischem Zwang und Dominanz“ resultieren[11]. Unternehmen können „Spaltungslinien, die zunächst außerhalb der betrieblichen Sphäre wirken“, für Lohnkonkurrenz und Fragmentierung von Belegschaften instrumentalisieren (115). Eklatante Beispiele der Überlagerung von restriktiven migrationspolitischen Regulierungen und unternehmerischem Kalkül bieten Branchen wie Fleischverarbeitung oder Logistik, in denen sich, gestützt von verschachtelten Subunternehmensverhältnissen, zwischen unterschiedlichen Beschäftigtengruppen (Deutsche, EU-Angehörige, Drittstaatler, Geflüchtete) Kaskaden zunehmender Prekarität ausgebildet haben (113 f). Diese Praxis sekundärer Ausbeutung stoße vor allem dort auf Grenzen, wo es – eher im Rahmen von Großunternehmen – durch Tarifverträge, Betriebsvereinbarungen und engagierte Betriebsräte gelungen sei, eine Kooperationspraxis im Sinne eines „betrieblichen Universalismus“ zu etablieren, der sich an der Statusgleichheit der Beschäftigten orientiert (112).
Für eine eingehende Analyse von Prozessen der Klassenformierung kommt der betrieblichen Ebene eine zentrale Bedeutung zu, weil sich hier entscheidet, ob und wie die Kapitalseite als interessenpolitisches Gegenüber wahrgenommen und die Belegschaft als gemeinsames Wir erfahren wird. Betriebe bilden einen Raum hierarchischer Organisationsstruktur, in dem funktionale Arbeitsteilung Kooperation erfordert, das Weisungsrecht zugleich für Konkurrenz im Sinne der Unternehmensziele sorgt. Die sich daraus ergebenden Spannungen diskutiert Mayer-Ahuja am Beispiel von Stammbelegschaften industrieller Großbetriebe (118 ff.). Dabei hebt sie – am Kontrast zwischen der an Massenfertigung ausgerichteten fordistischen Arbeitsorganisation und aktuellen Grundsätzen von Lean Production – die strukturelle Ambivalenz „sozialer Beziehungen im Betrieb“ hervor (134). Bekanntlich setzten Unternehmen angesichts der seit den 1990er-Jahren anhaltenden Wachstumsschwäche und verschärften Absatzprobleme strategisch auf umfassende Flexibilisierungen der Arbeitsorganisation. Verflachung von betrieblichen Hierarchien und Gruppenarbeit stellen Verfahren dar, die einerseits zwar eine Stärkung kollegialer Kooperation und Selbstermächtigung der Beschäftigten in Aussicht stellen, andererseits aber durch eine Erhöhung von Leistungsanforderungen und Arbeitsintensität innerbetriebliche Konkurrenz verschärfen (131). Die damit verbundenen Praktiken indirekter Steuerung, zunehmend auf Basis digitaler Überwachung, zeitigen – so Mayer-Ahuja – widersprüchliche Konsequenzen. Arbeitsbedingungen und Arbeitserfahrungen werden ähnlicher, das aber um den Preis, dass der Horizont einer solidarischen Gesamtbelegschaft unterlaufen wird, weil sich „kollegiale Kooperation […] auf einen immer kleineren Personenkreis“ beschränke (143).
Diese arbeitsorganisatorisch erzeugten Hindernisse der Ausbildung übergreifender Solidarität stellen sich für Randbelegschaften in weit krasserer Form dar als für Stammbelegschaften. Zumal das breite Spektrum ökonomischer Deregulierungen – Auslagerungen von Produktionen auf Subunternehmen ebenso wie Privatisierungen öffentlicher Dienstleistungen – in Deutschland zu einer erheblichen Ausweitung atypischer Beschäftigungen geführt hat. Wo nicht mehr die Konditionen des „Normalarbeitsverhältnisses“ (unbefristete sozialversicherungspflichtige Arbeit oberhalb von 20 Wochenstunden) gelten, „vergrößert sich das strukturelle Machtgefälle zwischen Kapital und Arbeit deutlich“ (155). Namentlich erzeugen Instrumente wie Leiharbeit – funktional als Anpassungsmechanismen für schwankende Auslastungen von Unternehmen eingesetzt – Spaltungen zwischen Stamm- und Randbelegschaften gleichermaßen materiell (nach Entlohnung, Arbeitszeit, Weisungsrecht) wie symbolisch (etwa durch Arbeitskleidung oder Pausenregelungen). Mayer-Ahuja beschreibt diese arbeitsorganisatorischen Fragmentierungen anschaulich in unterschiedlichen Branchen (Automobilindustrie 154 f., Reinigungs- und Sicherheitsgewerbe 163 ff., Pflege und Einzelhandel 176 ff.) und verweist beispielhaft auf Potentiale von Solidarisierung trotz Prekarisierung. Diese sind angesichts der Unterschiedlichkeit der konkreten, vielfach isolierenden Arbeitsbedingungen kaum zu verallgemeinern. Viel spricht dafür, dass der Rückgriff auf „kollegiale Kooperation“ substanzielle Voraussetzung für die Ausbildung gemeinsamer Erfahrungen ist, zumal dann, wenn diese im Rahmen gewerkschaftlicher Arbeit gestützt und weiterentwickelt werden (172 f.). Aber auch die Gegenwehr auf kollektiver Ebene ist nicht davor geschützt, wider Willen Klassenformierung festzuschreiben. Für Mayer-Ahuja stellt der von DGB-Gewerkschaften abgeschlossene Tarifvertrag für Zeitarbeit den paradoxen Fall dar, dass „durch kollektive Standardisierung […] im Fall von Leiharbeit […] die Unterschiedlichkeit von Stamm- und Randbelegschaft […] legitimiert und […] aktiv vergrößert“ wird (163).
Perspektiven einer anderen Arbeitspolitik
Im Schlussteil ihrer Studie – teils Resümee wesentlicher Befunde, teils Entwurf von Handlungsmöglichkeiten gegen Prekarisierung – hebt Mayer-Ahuja noch einmal die methodologische Bedeutung ihres auf „Veränderungen in den sozialen Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit“ bezogenen Blicks hervor (189 f.). Wenn die Dynamik von Klassenformierung immer zugleich Potentiale für Spaltung wie für Solidarisierung erzeugt, dann lautet die entscheidende Frage: „Was davon wird angesprochen und aktiviert?“ (200). Entscheidend, weil mit dieser Perspektive die politische Vermittlung von Klassenformierung in den Fokus rückt und nur so ein typischer funktionalistischer Fehlschluss vermieden werden kann, der geltende verfassungspolitische Spielregeln und die konkrete Ausprägung ethnischer, religiöser, sprachlicher und anderer kultureller Identitäten jeweils nur als zwangsläufiges Ergebnis kapitalistischer Strukturbedingungen deutet.[12]
Das lenkt, wenn wie bei Mayer-Ahuja ein weiter Begriff von Lohnarbeit die konzeptionelle Prämisse darstellt, den Blick auf die zentralen Arenen, in denen sich Klassenformierung vollzieht. Sie diskutiert Folgerungen für eine auf Solidarisierung setzende Strategie am Beispiel von Staat, Gewerkschaften und betrieblicher Interessenvertretung. Auf staatlicher Ebene – im engeren Sinn Sozialversicherung und Arbeitsmarktpolitik, Arbeitsrecht und öffentliche Dienstleistungen – sollte es darum gehen, ein „neues Normalarbeitsverhältnis“ zu institutionalisieren (210), das der Prekarisierung von Arbeit ein Ende setzt und die geschlechtsbezogene Diskriminierung des klassischen Normalarbeitsverhältnisses hinter sich lässt. Dazu würde ein entschiedener Ausbau des Sozialeigentums, eine Stärkung demokratischer Einflussnahme und der Abbau vermögensbedingter Ungleichheit gehören (207 ff.). Forderungen dieser Art lassen sich zweifellos der wohlbekannten These Marshalls zum Staatsbürgerstatus zuordnen, soziale Rechte seien substantielle Voraussetzung, politische und subjektive Rechte überhaupt ausüben zu können.[13] Sie sollten auch als Erinnerung an institutionelle Errungenschaften der Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit gelesen werden, die bereits in der sozialdemokratischen Nachkriegsära erreicht worden sind.[14]
Auf betrieblicher wie überbetrieblicher Ebene sieht Mayer-Ahuja drei Bereiche, in denen Gewerkschaften, Betriebsräte, Personalräte und betriebliche Vertrauensleute das Verbindende in der Lohnarbeit stärken könnten und sollten. Eine offensive Leistungspolitik müsste auf Basis kollektiver Standards den unternehmerischen Zugriff auf Arbeitskraft begrenzen (211 f.). Auch in der Arbeitszeitpolitik sollten Standards den Anspruch auf flexible Arbeitszeiten absichern und perspektivisch auf „kurze Vollzeit für alle“ ausgerichtet sein (214 ff.). Schließlich sollten Gewerkschaften – jenseits der betrieblichen Ebene – offensiv ihr historisch vermitteltes Mandat politischer Arbeit wahrnehmen, das heute in besonderem Maße einerseits Abwehr rechtsextremer Orientierungen in Belegschaften und andererseits Stärkung eines professionellen Ethos gegenüber digitaler Entmündigung betreffen würde (221 ff.).
Fazit
Vor allem aus zwei Gründen ist Mayer-Ahujas Studie aktuell und relevant. Im Kontext der Ungleichheitsforschung argumentiert sie erstens überzeugend für eine Wiederaufnahme des Klassenbegriffs in kritischer Absicht. Hier liegen ihre Stärken einerseits in der Verwendung einer weiten Konzeption von Lohnarbeit, die die Einengung auf produktive Arbeit im traditionellen Sinn vermeidet. Auf dieser Basis gelingt ihr andererseits der Nachweis, in welcher Weise heute Klassenformierung über ein differenziertes Instrumentarium (kapitalistischer) Arbeitsorganisation – Hierarchisierung, Schließung, Exklusion – erfolgt und damit in unterschiedlichen Konstellationen asymmetrische Sozialbeziehungen vollzieht, die – vorsichtig gesprochen – mit einseitiger Vorteilsnahme verbunden sind. Wünschenswert wäre, wenn der in diesem Zusammenhang fällige Begriff der Ausbeutung noch differenzierter gefasst werden könnte, nicht nur weil das einem weiten, soziale Reproduktion berücksichtigenden Verständnis von Arbeit angemessen wäre, sondern ebenso, weil damit ein anderer Blick auf die von Mayer-Ahuja immer wieder angesprochenen Potentiale von Solidarität auch jenseits formaler Lohnarbeit fallen könnte.[15]
Zweitens sind die von der Autorin immer wieder herausgestellten Phänomene „negativer Klassenbildung“ (Dörre), also kollektive Ausgrenzung und Abwertung von Teilen der Lohnarbeiterschaft auf Basis rechtsaffiner Mentalitäten, eine direkte Bedrohung von Demokratie. Damit unterstreicht die Studie aus arbeitssoziologischer Sicht die Relevanz der von Axel Honneth entworfenen normativen Theorie der Arbeit.[16] Der „arbeitende Souverän“ kann nämlich erst dann zu seinem Recht kommen, wenn Voraussetzungen politischer Demokratie und Kriterien fairer Arbeitsteilung nicht länger als getrennte Welten behandelt werden.
Anmerkungen:
[1] Vgl. Kerstin Bund: Ausgerechnet in einer Wirtschaftskrise spielt Bärbel Bas Klassenkampf. Süddeutsche Zeitung 2.12.2025, S.4, online unter: www.sz.de/li.3347902 [letzter Zugriff: 19.03.2026]. In derartigen Kommentaren macht sich eine Orthodoxie der deutschen Debatte geltend, die in angelsächsischen oder französischen Zusammenhängen kaum anzutreffen ist, vgl. Hans-Peter Müller (2007): Zur Zukunft der Klassengesellschaft. In: Merkur Jg. 61, Heft 3, S. 189-199; Karl-Siegbert Rehberg (2011): „Klassengesellschaftlichkeit“ nach dem Ende der Klassengesellschaft? In: Berliner Journal für Soziologie 21. Jg., Heft 1, S. 7 - 21.
[2] Milanović, Branko (2020): Kapitalismus global. Über die Zukunft des Systems, das die Welt beherrscht. Berlin Suhrkamp.
[3] Therborn, Göran (2016): Klasse im 21. Jahrhundert. In: Bude, Heinz; Staab, Philipp (Hg.): Kapitalismus und Ungleichheit. Die neuen Verwerfungen. Frankfurt a. Main Campus, S. 294.
[4] So der – allerdings noch mit einem Fragezeichen versehene – Titel des von Hans-Peter Müller; Andreas Reckwitz und Anja Weiß herausgegebenen Schwerpunktheftes des Berliner Journals für Soziologie (2011, Heft 1).
[5] Vgl. Eder, Klaus (2001): Klasse, Macht und Kultur. Zum Theoriedefizit der Ungleichheitsforschung. In: Weiß, Anja; Koppetsch, Cornelia; Scharenberg, Albert; Schmidtke, Oliver (Hg.) (2001): Klasse und Klassifikation. Die symbolische Dimension sozialer Ungleichheit. Wiesbaden Westdeutscher Verlag, S. 28. Erinnert sei auch an den nüchternen Blick, mit dem Sozialhistoriker wie Hans-Ulrich Wehler, in ironischer Abgrenzung von etlichen Spielarten der Pluralisierungstheorien, die Kontinuität der Ungleichheitsstrukturen in der deutschen Gesellschaft herausgestellt haben, vgl. Hans-Ulrich Wehler (2008): Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Fünfter Band. Bundesrepublik und DDR 1949 – 1990, München Beck, S. 108 ff.
[6] Offe, Claus (1985): Bemerkungen zur spieltheoretischen Neufassung des Klassenbegriffs bei Wright und Elster. In: Prokla Nr. 58, S. 83-88 (83).
[7] Demobilisiert nennt Klaus Dörre Klassen, „[…] sofern sie nicht über angemessene aktive Repräsentationen von ökonomisch-sozialen und politischen Klasseninteressen verfügen und deshalb wechselseitige Konkurrenz, Distinktion und soziale Abwertung dominieren.“ Klaus Dörre (2019): Umkämpfte Globalisierung und soziale Klassen. 20 Thesen für eine demokratische Klassenpolitik, S. 16, in: Mario Candeias, Klaus Dörre und Thomas E. Goes (Hg.): Demobilisierte Klassengesellschaft und Potenziale verbindender Klassenpolitik. Beiträge zur Klassenanalyse (2). Rosa-Luxemburg-Stiftung.
[8] Vgl. Mayer-Ahuja, Nicole (2025): „Class is not a thing“. Ein Plädoyer für die Analyse von Klassenformierungsprozessen. In: Berliner Journal für Soziologie Jg. 35, Heft 2, S. 327–338 (330 f.).
[9] Vgl Dörre, Klaus (2009): Die neue Landnahme. Dynamiken und Grenzen des Finanzmarktkapitalismus. In: Dörre, Klaus; Lessenich, Stephan; Rosa, Hartmut (Hg.): Soziologie - Kapitalismus - Kritik. Eine Debatte. Frankfurt a. Main: Suhrkamp, S. 21 – 86.
[10] Castel, Robert (2000): Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz: UVK Universitätsverlag.
[11] Vgl. Dörre, Klaus (2019): Umkämpfte Globalisierung und soziale Klassen. S. 15 f.; Haubner, Tine (2019): Das Glück der Starken und die Not der Schwachen. In: Soziologie. Jg. 48, Heft 2, 213 – 222.
[12] Vgl. Offe, Claus (1985): Bemerkungen zur spieltheoretischen Neufassung des Klassenbegriffs bei Wright und Elster. S. 88.
[13] Marshall, Thomas H. (1992): Bürgerrechte und soziale Klassen. Zur Soziologie des Wohlfahrtsstaates. [1950] Frankfurt a. Main Campus; vgl. Dahrendorf, Ralf (1994): T.H. Marshalls These; in: ders.: Der moderne soziale Konflikt. Essay zur Politik der Freiheit. München DTV., S. 60 ff.
[14] Vgl. Die mit dem Verlust dieser Errungenschaften verbundene gesellschaftliche Regression behandeln ausführlich Craig Calhoun/ Dilip Parameshwar Gaonkar/ Charles Taylor (2024): Zerfallserscheinungen der Demokratie. Berlin: Suhrkamp Verlag.
[15] Einen anregenden Vorschlag, Ausbeutung auch im Kontext lohnarbeitsexterner Aktivitäten zu untersuchen, entwickeln Silke van Dyk/ Stefanie Graefe/ Philipp Lorig (2025): Grenzauflösungen: Arbeit, Aktivität und Freiwilligkeit im digitalisierten Kapitalismus. In: Berliner Journal für Soziologie Jg. 35, Heft 2, S. 213–241.
[16] Honneth, Axel (2023): Der arbeitende Souverän. Eine normative Theorie der Arbeit. Berlin: Suhrkamp.
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