Natalie Wenzell Letsa: The Autocratic Voter. Partisanship and Political Socialization under Dictatorship
Warum unterstützen Wähler*innen in autoritär regierten Staaten Afrikas Parteien, die ihre Rechte untergraben, oder geben demokratischen Oppositionsparteien ihre Stimme, die kaum Chancen auf politischen Erfolg haben? Natalie Wenzell Letsa untersucht, worauf diese paradoxe politische Loyalität in Wahlautokratien wie Kamerun zurückzuführen ist. Unsere Rezensentin Kressen Thyen lobt die Studie, die Parteizugehörigkeit empirisch fundiert als Ausdruck von sozialer Identität in autoritären Kontexten erforscht und damit wichtige Anschlusspunkte für die vergleichende Autokratieforschung bietet.
Eine Rezension von Kressen Thyen
Mit dem globalen Rückgang der Demokratie leben Menschen heute weltweit meist in Wahlautokratien – genauer gesagt 46 Prozent der Weltbevölkerung, also rund 3,7 Milliarden Menschen.[1] In diesen politischen Systemen bekennen sich Millionen von Bürger*innen zu Parteien, obwohl Wahlen dort selten – wenn überhaupt – zu politischem Wandel führen. Was motiviert Menschen also, unter autoritärer Herrschaft zu wählen oder gar parteipolitisch aktiv zu werden, obwohl der Nutzen solcher Aktivitäten begrenzt erscheint?
In „The Autocratic Voter. Partisanship and Political Socialization under Dictatorship“ untersucht Natalie Wenzell Letsa, warum Menschen eine autokratische Regierungspartei unterstützen, obwohl sie damit ihre demokratischen Rechte untergraben – oder warum sie an Oppositionsparteien festhalten, obwohl diese kaum Aussicht auf Regierungsverantwortung haben. Auf Grundlage von Interviews und Befragungen von Bürger*innen in Kamerun stellt Letsa die vorherrschende materialistische Sichtweise auf politische Beteiligung in Autokratien infrage, die Patronage und Klientelismus in den Vordergrund stellt. Stattdessen interpretiert sie Parteizugehörigkeit als soziale Identität.
Das Buch zeigt, dass Bürger*innen in Wahlautokratien, ähnlich wie in Demokratien, durch Familie, Freundeskreise und persönliche Netzwerke zu Anhänger*innen bestimmter Parteien sozialisiert werden. Mit ihrem Bottom-Up-Ansatz hinterfragt Letsa auf erfrischende Weise die politikwissenschaftliche Afrikaliteratur, die politisches Verhalten häufig primär über ethnische Zugehörigkeit oder materielle Interessen erklärt, und stellt zugleich rationalistische Theorien zur Wahlentscheidung in Autokratien infrage.
Parteizugehörigkeit als soziale Identität
Die zentrale theoretische Einsicht von „The Autocratic Voter“ ist, dass politische Einstellungen und Parteizugehörigkeit in Wahlautokratien besser zu verstehen sind, wenn Parteizugehörigkeit als soziale Identität – und nicht nur als rationales Kalkül – begriffen wird. Materialistische Ansätze erklären zwar teilweise die Unterstützung der Regierungspartei, greifen jedoch bei Oppositionsparteien zu kurz. Letsa zeigt, dass politische Entscheidungen nur im Kontext sozialer Lebenswelten verständlich werden. Ihr Beitrag lässt sich in drei Punkten zusammenfassen:
Zweitens zeigt Letsa, dass parteipolitische Überzeugungen durch soziale Lernprozesse entstehen. Sie identifiziert drei zentrale Mechanismen politischer Sozialisation: parteipolitische Prägung im Elternhaus, Kontakte zu überzeugten Parteianhänger*innen im Erwachsenenalter sowie die politische Homogenität sozialer Netzwerke.
Drittens betont sie die Bedeutung der politischen Geografie von Wahlautokratien. In Abwesenheit freier Medien und angesichts der regionalen Konzentration von Parteien ist politische Unterstützung in Wahlautokratien räumlich stark ungleich verteilt. In manchen Regionen Kameruns ist es beispielsweise nahezu unmöglich, Anhänger*in der Opposition zu werden. Oppositionsidentitäten entstehen daher vor allem in ihren geografischen Hochburgen, wobei soziale Netzwerke als zentrale Vermittlungsinstanzen fungieren.
Darüber hinaus zeigt Letsa, dass politische Einstellungen über soziale Netzwerke hinaus in den geografischen Raum diffundieren. Unterstützer*innen der Regierungspartei, die in Oppositionshochburgen leben, beurteilen das Regime kritischer als ihre Gegenstücke in Regierungshochburgen – und umgekehrt. Politische Sozialisation kann so einen Kaskadeneffekt erzeugen, der entweder Unterstützung für einen Regimewechsel begünstigt oder den Status quo stabilisiert.
Multimethodische Forschung zu politischer Sozialisation in Wahlautokratien
„The Autocratic Voter“ ist ein gelungenes Beispiel multimethodischer Forschung zu politischer Sozialisation in den Wahlautokratien Afrikas – und möglicherweise darüber hinaus. Letsa kombiniert verschiedene Datenquellen aus den Jahren 2021 und 2022, um die sozialen Ursprünge von Parteizugehörigkeit zu untersuchen.
Zunächst führte sie zwölf lebensgeschichtliche Interviews mit Kameruner*innen unterschiedlicher Parteizugehörigkeiten aus drei Orten: Boumnybel (Oppositionshochburg), Bafia (Hochburg der Regierungspartei) und der Hauptstadt Yaoundé (politisch gemischt, mit einer Mehrheit für die Regierungspartei). In einem zweiten Schritt analysierte sie mithilfe einer Zwei-Wege-Umfrage die sozialen Netzwerke ihrer Interviewpartner*innen. Die detaillierten Lebensgeschichten verdeutlichen die Bedeutung politischer Sozialisation und zeigen zugleich die individuellen, oft nichtlinearen Wege in der politischen Identitätenbildung.
Die aus diesen qualitativen Daten induktiv entwickelte Theorie überprüft Letsa anschließend anhand einer eigenen Umfrage mit 1.200 Teilnehmer*innen in vier der zehn Regionen Kameruns. Dabei bestätigt sie insbesondere, dass Anhänger*innen von Regierungs- und Oppositionsparteien unterschiedliche politische Überzeugungen und Einschätzungen des herrschenden Regimes sowie unterschiedlich ausgeprägte In-Group- und Out-Group-Wahrnehmungen aufweisen. Zugleich zeigt sich ein klarer Zusammenhang zwischen sozialen Netzwerken, Parteizugehörigkeit und der politischen Geografie des Landes.
Ergänzend integriert Letsa länderübergreifende Analysen auf Basis von Daten des World Values Survey und des Afrobarometers sowie zusätzliche Fallstudien zu Ghana und Uganda. Dadurch prüft sie zentrale Elemente ihrer Theorie über Kamerun hinaus. Ihr multimethodischer Forschungsansatz erlaubt es, sowohl individuelle Politisierungsprozesse nachzuvollziehen als auch generalisierbare Einsichten in autokratische Politik zu gewinnen. Zugleich unterstreicht das Buch die Bedeutung umfassender, über Jahre hinweg erworbener Länderkenntnis und kreativer Feldforschungsmethoden für die sozialwissenschaftliche Forschung in autoritären Kontexten.
Eine empfehlenswerte Lektüre über die Afrikaforschung hinaus
„The Autocratic Voter“ bereichert die politikwissenschaftliche Afrikaforschung, indem es Parteizugehörigkeit als eigenständige soziale Identität hervorhebt und damit ethnische Erklärungen politischen Verhaltens relativiert. Zugleich gesteht Letsa Bürger*innen in autoritär regierten Ländern zu, Parteien aus politischer Überzeugung zu unterstützen – und nicht ausschließlich aus klientilistischen oder materiellen Motiven. Damit trägt das Buch zu einem differenzierteren Verständnis politischer Loyalität und oppositioneller Aktivität in Wahlautokratien bei.
Darüber hinaus eröffnet die Studie wichtige Anschlusspunkte für die vergleichende Autokratieforschung. Letsa zeigt, dass Menschen, die sich in Autokratien zur Demokratie bekennen, nicht zwangsläufig Regimegegner*innen sind. Vielmehr vertreten Anhänger*innen von Regierungs- und Oppositionsparteien häufig unterschiedliche Vorstellungen darüber, was Demokratie konkret bedeutet. Anstatt solche Einschätzungen normativ zu bewerten, plädiert Letsa dafür, die sozialen Lebenswelten ernst zu nehmen, in denen diese sich diametral gegenüberstehenden Wahrnehmungen entstehen.
Während Letsa die Aussagekraft ihrer Theorie auf Wahlautokratien beschränkt, lassen sich ähnliche politische Polarisierungen auch in anderen Autokratien beobachten. In meiner Forschung zu politischen Einstellungen unter Studierenden in Marokko zeigt sich etwa, dass Unterstützer*innen der exekutiven Monarchie das Regime als demokratisch betrachten, während Aktivist*innen der Oppositionsbewegung es als autoritär und ausbeuterisch beschreiben.[2] Dies deutet darauf hin, dass solche Wahrnehmungsspaltungen nicht zwingend an das Vorhandensein einer dominanten Regierungspartei gebunden sind. Somit birgt die Erforschung politischer Sozialisationsprozesse und Einstellungen auch jenseits von Wahlautokratien Potential für die vergleichende Regimeforschung.
Eine Brücke zwischen westlicher und vergleichender politischer Verhaltensforschung
Letsas soziologischer Ansatz stellt eine willkommene Ergänzung zur stark institutionell geprägten Forschung über politisches Verhalten in Autokratien dar. Das Buch schlägt eine Brücke zwischen der US-amerikanisch geprägten Forschung zu Parteizugehörigkeit in Demokratien und der vergleichenden Literatur zu politischem Verhalten unter autoritären Regimen. Dadurch trägt es zum besseren theoretischen Verständnis der Entstehung politischer Identitäten in autokratischen Kontexten bei.
Letsa verfolgt explizit das Ziel, die Forschung zu politischem Verhalten in Autokratien zu „normalisieren“ und zu „deexotisieren“. Materialistische Erklärungen von Wahlverhalten – insbesondere solche, die sich auf Patronage oder Stimmenkauf konzentrieren – reproduzieren implizit das normative Narrativ, Autokratien seien per se illegitim. Während in Demokratien soziale Motive politischer Beteiligung als selbstverständlich gelten, werden sie Bürger*innen in Autokratien häufig abgesprochen. Diese Exotisierung verstellt, wie Letsa treffend formuliert, den Blick auf grundlegende Mechanismen politischer Mobilisierung in autokratischen Kontexten.
Die Erkenntnisse Letsas können jedoch auch für die politische Verhaltensforschung in Demokratien inspirierend sein. Parteizugehörigkeit als soziale Identität, politische Sozialisation durch Netzwerke und die Bedeutung politischer Geografie lassen sich auch auf demokratische Kontexte übertragen – insbesondere dort, wo Wahlverhalten regional stark variiert.
Besonders aufschlussreich ist Letsas Beobachtung, dass politische Konfliktlinien nicht zwischen Befürworter*innen und Gegner*innen der Demokratie verlaufen, sondern zwischen unterschiedlichen Interpretationen derselben. Auch in demokratischen Gesellschaften nimmt diese affektive Polarisierung zu. Einerseits zeigen Studien eine gewisse „demokratische Heuchelei“: Bürger*innen tolerieren demokratiefeindliches Verhalten eher, wenn ihre eigene Partei an der Macht ist.[3] Andererseits häufen sich unter out-of-power partisans Vorwürfe undemokratischer Praktiken gegenüber den Regierenden.[4] Auch Deutschland bildet hier keine Ausnahme: Während die generelle Präferenz für Demokratie kaum zwischen Wählerschaften variiert, äußern Bürger*innen in den AfD-starken Bundesländern deutlich stärkere Zweifel am Funktionieren der demokratischen Ordnung.[5]
Selbstverständlich lässt auch dieses Buch einige Fragen offen, die Letsa teilweise selbst anspricht. Dazu gehört etwa, inwiefern andere soziale Identitäten und Netzwerkeigenschaften politische Sozialisation beeinflussen. Ebenso bleibt die Entstehung politischer Geografien – etwa von Parteihochburgen – weitgehend ungeklärt. Zudem behandelt Letsa Oppositionsparteien weitgehend als funktional gleichwertig, obwohl diese auch in Kamerun programmatische und strategische Unterschiede aufweisen. Damit bleibt offen, inwiefern auch Oppositionsparteien das Regime indirekt stützen oder tatsächlich Potential für alternative politische Projekte bergen. Zuletzt ist anzumerken, dass das Vertrauen in politische Parteien zwischen Autokratien stark variiert; in Nordafrika und dem Nahen Osten rangieren Parteien am untersten Rand der politischen Vertrauensskala, was die Frage nach politischen Sozialisationsinstanzen jenseits parteipolitisch geprägter Strukturen aufwirft.
Zusammenfassend ist „The Autocratic Voter“ ein anregendes und empirisch reichhaltiges Buch, das wichtige Einsichten in die soziale Logik politischer Loyalität in Autokratien liefert. Es dürfte daher nicht nur Afrikaforscher*innen interessieren, sondern auch eine breitere Leserschaft, die sich für politische Einstellungen und Sozialisationsprozesse in autoritären Kontexten interessiert.
Anmerkungen:
[1] Nord, Marina/ Altman, David/ Angiolillo, Fabio/ Fernandes, Tiago/ Good God, Ana/ Lindberg, Staffan I. (2025): 25 Years of Autocratization - Democracy Trumped? Democracy Report 2025. In: V-Dem Institute Report, Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=5227625 or http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.5227625
[2] Thyen, Kressen (2017): Promising democracy, legitimizing autocracy? Perceptions of regime democraticness among university students in Morocco. In: Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft 11.2, S. 325-347.
[3] Simonovits, Gabor/ McCoy, Jennifer/ Littvay, Levente (2022): Democratic Hypocrisy: Polarized citizens support democracy-eroding behavior when their own party is in power. In: Journal of Politics 84, No. 3, S. 1806-1811.
[4] Gidengil, Elisabeth / Stolle, Dietlind / Bergeron‐Boutin / Olivier (2022): The Partisan Nature of Support for Democratic Backsliding: A Comparative Perspective. In: European Journal of Political Research 61, No. 4: S. 901–29. https://doi.org/10.1111/1475-6765.12502.
[5] Beauftragter der Bundesregierung für Ostdeutschland (2025): Deutschland-Monitor 2025. Wie veränderungsbereit ist Deutschland? Hauptbericht. https://deutschland-monitor.info/fileadmin/Reports/Deutschland-Monitor-2025-Hauptbericht.pdf
Externe Veröffentlichungen
Justin Kempf, Natalie Wenzell Letsa/ 07.01.2026
Natalie Wenzell Letsa Describes the Autocratic Voter
Kellogg Institute For International Studies
Mehr zum Themenfeld
Autokratien und Autokratisierung politischer Systeme
