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Debattenbeitrag / 11.05.2026

„State of exception”: Israel und die deutsche Politikwissenschaft

Bild: iStock / VPanteon.
Bild: iStock / VPanteon.

Die deutsche Politikwissenschaft und insbesondere die Internationalen Beziehungen haben ein großes Problem in ihrem Umgang mit dem Israel-Palästina-Konflikt und den Kriegen Israels, kritisieren Roy Karadağ und Ana Velasco von der Universität Bremen. Sowohl in den wichtigsten Zeitschriften der IB als auch auf Fachkonferenzen und in der Lehre finde das Thema kaum statt. Hinzu kommt, dass die wenigen öffentlichen Äußerungen von Fachvertreter*innen von Selektivität geprägt seien. Das Ergebnis: Die deutsche Politikwissenschaft ist zu einem zentralen Konflikt dieser Welt nicht nur sprachlos, sondern analytisch schlicht nicht urteilsfähig.

Ein Debattenbeitrag von Roy Karadag und Ana Velasco

Es stimmt etwas nicht im deutschen Umgang mit den Kriegen im Nahen und Mittleren Osten. Die Hamas-Angriffe vom 7. Oktober 2023, der folgende Rachefeldzug und Zerstörungskrieg Israels gegen die Palästinenser*innen in Gaza, die anhaltende Besatzung von Gaza, von libanesischen und syrischen Gebieten, die Kriege gegen Iran 2025 und 2026, die Zerstörung libanesischer Dörfer und die Vertreibung der dortigen Bevölkerung zur Errichtung einer weiteren Pufferzone liefern eigentlich genügend empirisches Material für lebhafte Debatten zu Palästina-Israel, zum Nahostkonflikt, zu kriegerischen Eskalationen, zu israelischen Kriegsmotiven und -verbrechen. Akademische Debatten zu diesen Ereignissen und Dynamiken finden in Deutschland hingegen nicht statt – nicht in der Politikwissenschaft, nicht in der Soziologie, nicht in den Internationalen Beziehungen. Forschungsgruppen und -netzwerke zu Friedens- und Konfliktforschung, zu Krieg und Gewalt und zu Normen gibt es allemal an deutschen Universitäten und Forschungsinstituten, aber gerade in diesen Fächern und Themenbereichen finden diese Kriegs- und Zerstörungsdynamiken kaum Beachtung. Das ist erstaunlich insofern, als Palästina-Israel ein gesellschaftlich hochumstrittenes Thema ist, die Zerstörung Gazas medial viel Aufmerksamkeit bekam, der Krieg globale und europäische Allianzen durcheinandergebracht und in den Vereinten Nationen und in der Europäischen Union diplomatische Erschütterungen ausgelöst hat.

Schließlich ist Palästina-Israel auch ein bedeutendes Thema für universitäre und studentische Öffentlichkeiten. Aktuelle Debatten über die Autonomie von Hochschulen und Wissenschaftsfreiheit kreisen im Kern um diesen Konflikt und um studentischen Palästina-Aktivismus in universitären Räumen. Das gilt vor allem mit Bezug auf die zunehmende bürokratische und polizeiliche Überwachung universitärer Sphären im Namen des Kampfs gegen Antisemitismus. Trotz der großen Bedeutung, die diesem Konflikt und seinen Auswirkungen zugesprochen wird, will sich die deutsche Politikwissenschaft und insbesondere die deutsche IB dieser Themen scheinbar nicht annehmen. Lieber verbleibt sie schweigend und passiv in einem Zustand von Diskursunwilligkeit. Diese Diskursunwilligkeit bleibt nicht folgenlos. Wir argumentieren, dass die Politikwissenschaft und IB in Deutschland zu israelischer Politik, israelischen Kriegen und israelischen Kriegsverbrechen analytisch schlicht nicht urteilsfähig sind.

Israel-Palästina als Leerstelle in deutschsprachigen Journals

Das Fehlen einer politikwissenschaftlichen Diskursivität zum Gewalthandeln im Kontext von Gaza und Palästina-Israel zeigt sich deutlich an der ungewöhnlich geringen Zahl von darauf bezogenen Publikationen und Debatten in deutschsprachigen Journals. Eine Durchsicht der Journals Zeitschrift für Politik, Zeitschrift für Politikwissenschaft, Politische Vierteljahresschrift, Leviathan, Zeitschrift für Internationale Beziehungen und Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung von Oktober 2023 bis Dezember 2025 ergibt, dass die Kriege und ihre Auswirkungen hierzulande (bislang) einfach nicht behandelt werden. Wenn Palästina-Israel in diesem Zeitraum Erwähnung findet, dann eher mit anderen Schwerpunktsetzungen. Der Beitrag von Demmelhuber und Lintl in der Zeitschrift für Politikwissenschaft untersucht die israelischen Verfassungsreformen und die gegen sie gerichteten Massenproteste.[1] Beyer und Goldkuhle schreiben in der Politischen Vierteljahresschrift über nahostkonfliktbedingte Möglichkeitsräume für Antisemitismus in Deutschland.[2] Zippel verfasste für Leviathan einen Kommentar über die Angriffe auf Universitäten durch die Trump-Regierung und schafft es dabei, Antikriegsproteste, Palästina-Solidarität und BDS-Vorwürfe (Boycott, Divestment and Sanctions) mit keinem Wort zu erwähnen.[3] Allein bei der Zeitschrift für Internationale Beziehungen (ZIB) nehmen wir im Beobachtungszeitraum Bewegung wahr: Mit dem Herausgeberwechsel Anfang 2025 hin zu IB-Forschern mit Nah- und Mittelostschwerpunkt (Jan Busse & Bernhard Stahl) gab es schnell einen Call für ein Special Issue mit dem Titel „Der Nahe Osten und regionale Eskalationsdynamiken – Was können IB und benachbarte (Teil-)Disziplinen beitragen?“. Auch gibt es in der ZIB die neue Rubrik „Zur Diskussion“, in der im zweiten Heft 2025 Muriel Asseburg, Andreas Krieg und Thomas Demmelhuber Trumps Gaza-Plan in Kurzbeiträgen analysierten.[4]

Die große Ausnahme stellt die Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik (ZFAS) dar. Hier erschienen mit Leonhardt & Lukas,[5] Akbulut,[6] Zamirirad,[7] Grimm & Schneider,[8] Bokler,[9] Theinert[10] und Zimmermann[11] zahlreiche Beiträge zu dem Thema, womit sich die ZFAS zumindest quantitativ als bislang wichtigstes Journal zu Nah- und Mittelostthemen in der deutschen Politikwissenschafts- und IB-Forschungslandschaft herausstellt. Allerdings problematisieren hier einzig Grimm und Schneider und teilweise Bokler israelische Kriegsverbrechen und die Zerstörung Gazas durch die IDF sowie den Widerspruch zwischen Israelsolidarität und Völkerrechtsverpflichtungen. Die anderen Beiträge analysieren eher die regionalpolitischen Konsequenzen der Kriege nach den Hamas-Angriffen vom 7. Oktober 2023.

Das Fehlen einer wissenschaftlichen Debatte

Dieses Ausbleiben von Publikationen in deutschen Zeitschriften bedeutet mitnichten, dass Wissenschaftler*innen an deutschen Universitäten zu diesen Themen nicht forschen und publizieren würden. Das tun sie allemal, aber eben nicht in für die deutsche Politikwissenschaft und die deutsche IB einschlägigen Journals. Es ist für unsere Disziplin bezeichnend, dass das erste deutschsprachige Heft mit dem Schwerpunkt auf Palästina-Israel mit Beiträgen von Hanna Al-Taher, Peter Ullrich, Alon Confino & Amos Goldberg, Aram Ziai und anderen im Dezember 2024 nicht in den oben genannten Journals, sondern in der sich dezidiert kritisch verstehenden Peripherie erschien (Nr. 174-175). Das gilt auch für Prokla, wo Debatten um Postkolonialismus und Siedlungskolonialismus geführt werden.[12]

Oder aber deutsche Forscher*innen fokussieren auf englischsprachige Journals, wo ein Großteil des wissenschaftlichen Diskurses zum Nahostkonflikt, zu Israel-Palästina, zu Krieg und Gewalt stattfindet (z.B. Middle East Policy, Peacebuilding, Middle East Critique).[13] Last but not least befasst sich ein Großteil der Publikationen zum Gazakrieg mit Protest- und Oppositionsdynamiken in Deutschland selbst, etwa Mauthofer & Grimm sowie Vossen & Grimm im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, um nur ein paar Beispiele zu nennen.[14]

Das Problem ist also weniger die völlige Dethematisierung, sondern vielmehr, dass diese Publikationen keine größeren Debatten innerhalb der deutschen Politikwissenschaft und IB losgetreten haben und dass die Kriege des Nahen und Mittleren Ostens scheinbar als ein zu behandelndes Problem von Forscher*innen aus den Regionalstudien betrachtet werden. Das ist ein vollkommen anderer Umgang als mit dem Russland-Ukraine-Krieg, wo bereits zwei Monate nach der russischen Invasion vom Februar 2022 ein erster größerer Beitrag im Leviathan erschien, mit dem Roland Czada zugleich eine Realismus-Debatte in den deutschen IB angestoßen hat,[15] die mit Beiträgen von Bernd Ladwig,[16] Michael Zürn,[17] Klaus Schlichte[18] und Ulrich Bröckling[19] im IB-Feld auch produktiv aufgenommen wurde. Auch sind inzwischen Special Issues in der ZIB (herausgegeben von Anna Geis, Nicole Deitelhoff und Carlo Masala)[20] und in der Politischen Vierteljahresschrift (herausgegeben von Elena Dück und Bernhard Stahl)[21] zu Russland-Ukraine veröffentlicht worden, womit sich zeigt, dass die Disziplinen der Politikwissenschaft und der IB durchaus imstande sind, internationale Konflikte und Kriege diskursiv und disziplinär zu verarbeiten.

Sprachlosigkeit auf Konferenzen und in der Lehre

Ein ähnliches Bild zeigt die Konferenzlandschaft. Auch hier finden Israel-Palästina sowie die Kriege in der Region nicht die ihnen zustehende Aufmerksamkeit. Während der Russland-Ukraine-Krieg (zu Recht) als Teil der Polykrise wahrgenommen wird und somit mehrfach auf der DVPW-Konferenz 2024 „Politik in der Polykrise“ in Göttingen thematisiert wird, gibt es im ganzen Konferenzplan kein einziges Papier zu Palästina-Israel oder zu Gaza. Bereits im November 2022 wurde von der DVPW die Thementagung „Zeitenwende in der deutschen IB? Wie wir auf die russische Invasion der Ukraine reagieren (sollten)“ an der Universität Hamburg durchgeführt, auf der der Großteil der deutschen IB zusammenkam, um dieses historische Ereignis angemessen zu erörtern. Auch spätere DVPW-Events kommen ganz ohne Gaza und ohne Israels Kriege aus, zuletzt die erste DVPW-Impulstagung „Weltordnung im Wandel – Politikwissenschaft in Kriegszeiten“ im Januar 2026 an der Technischen Universität Chemnitz und die Dreiländertagung „Europas Zukunft –Zukunft Europa. Innere Spannungen und äußere Herausforderungen“ im Juni 2026 an der Zeppelin Universität. Dass dieses Problem nicht nur die Politikwissenschaft betrifft, , zeigt der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie „Transitionen“ im September 2025 in Duisburg-Essen. Auch hier findet sich kein einziges Papier zu Gaza, Israel, Palästina, Libanon und Iran. Stattdessen blieb es bei einem Beitrag zu Campus-Aktivismus an der Universität Wuppertal (Lutter, Pech & Grimm) und einer Paneldiskussion zu hiesigen Antisemitismusdiskursen (u.a. mit Peter Ullrich).

Schließlich ein Wort zu universitärer Lehre: Auch hier nehmen wir eine erstaunliche Leere wahr, zumal in unserer Erfahrung gerade von studentischer Seite immer wieder der Wunsch nach Lehrangeboten zum Nahostkonflikt und zur Geschichte Israel-Palästinas ausgedrückt wird. Eine Durchsicht der Veranstaltungsverzeichnisse von 14 deutschen Universitäten (LMU München, TU München, Mannheim, Dresden, Leipzig, Heidelberg, Tübingen, Konstanz, Erlangen-Nürnberg, Hamburg, Köln, Marburg, FU Berlin, HU Berlin) in den Wintersemestern 2024/25 und 2025/26 ergibt folgendes Bild: Im WS 2024/25 gibt es nahostkonfliktbezogene Lehrveranstaltungen in Politikwissenschaft und verwandten Fächern an sieben, im WS 2025/26 an sechs Universitäten. Die LMU und TU in München, die Universitäten Dresden und Leipzig sowie die Universität Tübingen bieten in beiden Semestern kein einziges Lehrangebot an![22]

Passivität und selektive analytische Urteilsbereitschaft

Diese thematische Auslassung, dieses Schweigen, diese akademische Passivität ist umso erstaunlicher, da im öffentlichen Diskurs großes Interesse an analytischen Urteilen besteht und wissenschaftliche Bewertungen aus anderen Disziplinen die öffentliche Debatte durchaus bereichert haben. Die Warnung, Israel habe die Absicht, mit dem Angriff auf Gaza einen Völkermord zu begehen, hat der israelische Historiker Raz Segal schon kurz nach Kriegsbeginn geäußert. Und schon am 15. Oktober 2023 unterzeichneten 800 Praktiker*innen und Wissenschaftler*innen aus den Disziplinen Völkerrecht, Konfliktforschung und Genozidforschung eine öffentliche Erklärung, in der sie vor der Möglichkeit warnten, dass an den Palästinenser*innen im Gazastreifen ein Völkermord begangen werden könnte. Im November erklärten die Jurist*innen Ahmed Abofoul und Shawan Jabarin ausdrücklich, dass sich in Gaza tatsächlich ein Völkermord ereigne.

Selbst als Südafrika im Januar 2024 vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) argumentierte, Israel begehe Völkermord, und der Gerichtshof die Klage zuließ und das Risiko, dass im Gazastreifen ein Völkermord begangen werde, als „plausibel“ bewertete, reagierten deutsche IB-Forscher*innen nicht mit eigenen analytischen Positionierungen. Nun sollte man annehmen, dass dieser Fall einen Pfeiler der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik berührt und damit auch politikwissenschaftlich relevant sein sollte. Deutschland ist nach den Vereinigten Staaten Israels zweitgrößter Waffenlieferant, und die Bundesregierung stand Israel im IGH-Verfahren von Dezember 2023 bis März 2026 als Nebeninterventin zur Seite. Das alles war (bislang) für die hiesige Außenpolitikforschung kein Thema – obwohl der damit verbundene Vorwurf im Raum steht, Deutschland habe sich der Beihilfe zum Genozid schuldig gemacht. Dieser Vorwurf ist nicht nur ein formal-rechtlicher Teil der Klage Nicaraguas gegen Deutschland vor dem IGH vom 1. März 2024, sondern ist in den Palästina-Solidaritäts- und Antikriegsprotesten seit Beginn des Krieges gegen Gaza in Print- und Onlinemedien regelmäßig thematisiert worden. Ein ähnliches Ausmaß an Teilnahmslosigkeit der deutschen IB-Forschung zeigte sich in Bezug auf die Haftbefehle, die der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) am 21. November 2024 gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, den ehemaligen Verteidigungsminister Joaw Gallant und den Hamas-Führer Mohammed Deif erließ.

In der Öffentlichkeit lösen diese Entscheidungen durchaus heftige Debatten über die Frage aus, was die Haftbefehle für das deutsch-israelische Verhältnis bedeuten und ob der israelische Ministerpräsident bei einer möglichen Einreise nach Deutschland festgenommen werden müsste. Nur bleiben politikwissenschaftliche Analysen, Bewertungen und Debatten dazu aus. Die produktiven Debatten zu Israels Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit finden stattdessen in der internationalen Genozidforschung (u.a. Martin Shaw, Dirk Moses, Zoé Samudzi, Amos Goldberg) und im Feld des humanitären Völkerrechts (u.a. Nimer Sultany, Nahed Samour, Francesca Albanese, Matthias Goldmann, Rabea Eghbariah) statt. In diesen Fächern entwickelte und umstrittene Ideen und Bewertungen waren wichtige Impulse für den öffentlichen Gazadiskurs.

Wie sprechen deutsche Politikwissenschaftler*innen über israelische Kriegsverbrechen?

Die überwiegende Mehrheit der deutschen Politikwissenschaft und der deutschen IB hat zur Thematisierung und Erörterung israelischer Kriegsverbrechen kaum einen analytischen Beitrag geleistet. Entweder wurde keine Stellung bezogen, oder aber man ging so weit, die israelische Kriegsführung mit der eigenen wissenschaftlichen Autorität zu rechtfertigen bzw. offizielle israelische Perspektiven auf die Kriegsführung zu bestätigen. Solche Rechtfertigungen geschahen aber ohne inhaltliche Auseinandersetzung mit den verfügbaren Analysen und Dokumentierungen von Kriegsverbrechen durch die oben genannten Autor*innen.

Diese selektive Auseinandersetzung mit israelischen Kriegsverbrechen betrifft insbesondere prominente Vertreter*innen unseres Fachs wie Carlo Masala (Universität der Bundeswehr München), Elvira Rosert (Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Universität Hamburg) und Stephan Stetter (Universität der Bundeswehr München), bei denen wir eine fragwürdige selektive Analyse und Rechtfertigung israelischer Kriegsführung wahrnehmen. Dieses Problem beinhaltet die offene Rechtfertigung des israelischen Kriegs in der Frühphase zu einem Zeitpunkt, als die oben genannten Einwände gegen die Zerstörung palästinensischer Städte bereits kursierten. Masala mahnt kurz vor den Bodenoffensive (Tagesschau, 25. Oktober 2023) zwar Proportionalität und eine politische Perspektive für die Nachkriegszeit an (deren Fehlen er dort schon feststellt), bestätigt dann aber noch im Mai 2025, dass die Offensive in der Frühphase „absolut angemessen“ war (trotz des von ihm selbst identifizierten Fehlens einer politischen Perspektive). Zu den zerstörerischen Luftschlägen mit Tausenden von getöteten Zivilist*innen, die bereits in der Frühphase gut dokumentiert sind, erklärt er, man müsse im Einzelfall bewerten, ob das militärische Ziel den Tod von Zivilisten rechtfertige. Zivile Opfer seien „völkerrechtlich durchaus akzeptabel, wenn das Ziel, das angegriffen wird, in seiner militärischen Bedeutung groß ist.“ Wieso im Mai 2025 nach über eineinhalb Jahren der Beschwichtigung durch Masala schließlich auch er zu dem Urteil kam, dass sich Israel inzwischen „komplett außerhalb des Völkerrechts“ bewege, bleibt unklar. Eine konkrete Auseinandersetzung mit den schier endlosen Einzelfällen und mit den vielen Bewertungen von anderen Wissenschaftlerinnen und Völkerrechtlerinnen fand nie statt.

Bei Elvira Rosert und Stephan Stetter verhält es sich ähnlich. Roserts selektive Einlassung zeigte sich insbesondere im Fall der israelischen Pagerattacken vom 18. September 2024 in Libanon. Im Interview mit Deutschlandfunk Kultur am 20. September 2024 bewertet Rosert diesen Angriff als völkerrechtlich gedeckt, da mit dem Angriff das militärische Ziel, die Störung der Kommunikationskanäle von Hizbollah, erreicht wurde. Der militärische Vorteil durch die Pageraktion sei „wichtig, um die Schäden für die Zivilbevölkerung, in dem Fall die leider getöteten Zivilisten, dazu ins Verhältnis zu setzen. Und je höher der militärische Vorteil […], desto akzeptabler sind dann auch als völkerrechtlicher Sicht zivile Schäden. Emotional und moralisch ist das sicher eine andere Frage, gerade wenn es um Kinder geht.“ Kurz vorher führt sie aus, dass das humanitäre Völkerrecht dazu da sei, Kriegsleid zu mindern „und sofern man versucht, das so gering wie möglich zu halten, muss ja trotzdem den Konfliktparteien möglich gemacht werden, den Krieg zu führen und militärische Angriffe durchzuführen“. Wie man ein Jahr nach Kriegsbeginn noch davon ausgehen konnte, die israelische Regierung und die IDF, die bis zu dem Zeitpunkt mehr als 40.000 Menschen in Gaza getötet hatten, sorgten sich um die Minimierung ziviler Opfer in ihren Kriegshandlungen (in Palästina oder Libanon), begründet Rosert leider an keiner Stelle. Damit stützt sie den (pro-)israelischen Mythos einer moralisch geleiteten Armee gegen die Realität aller bereits erfolgten Kriegsverbrechen. Auch hier ist das Problem, dass solch ein Urteil ohne erkennbare Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen Arbeiten und Argumenten anderer Forscher*innen erfolgt.

Stephan Stetter argumentiert ähnlich reserviert zur Frage von Kriegsverbrechen und spricht ähnlich abstrakt über völkerrechtliche Erfordernisse und die humanitäre Lage in Gaza, nicht aber über konkrete Verbrechen der israelischen Streitkräfte (Münchner Abendzeitung, 23. Oktober 2023). Zu den Pagerattacken befragt (Tagesschau, 24. September 2024), redet Stetter allgemein über Verteidigungsrecht („Hizbollah bedroht Israel ja auch“) und Verhältnismäßigkeit und vermeidet ein eigenes analytisches Urteil. Gleichzeitig argumentiert er, es gebe doppelte Standards bei der Auslegung und Anwendung des Völkerrechts bei Israel (Tagesspiegel, 1. August 2025), ohne selbst zu benennen, welche Art von Verbrechen rechtliche Konsequenzen gegen Israel nachvollziehbar machen würden. Israels erneute Offensiven im September 2025 waren für ihn zwar „humanitär nicht nachvollziehbar“, aber er benennt nicht, weshalb genau und warum er erst so spät zu dem Urteil kommt. Zugleich bleibt er bei seinem Haupturteil, dass Israel Bedrohungen ausgesetzt sei und Deutschlands Israel politisch und militärisch unterstützen sollte (Tagesschau, 16. September 2025).

Dass wir für diesen Beitrag auf eine Handvoll von Interviews in deutschen Medien rekurrieren müssen, um die Positionen der hier kritisierten IB-Forscher*innen zu rekonstruieren und darzustellen, verdeutlicht, wie groß das Problem mit dem akademischen Diskurs zu Gaza, Palästina-Israel und Israels aktuellen Kriegen ist: Es gibt ihn schlicht nicht. Gäbe es politikwissenschaftliche und IB-Diskurse, dann würden sich die an ihnen Beteiligten nicht nur abstrakt zur Problematik des Völkerrechts äußern, sondern eindeutig und klar positionieren (müssen), wo Israel Kriegsverbrechen begeht und wo nicht, und sich dabei mit der Fülle an dokumentierten Verbrechen auseinandersetzen müssen, ob von Wissenschaftlerinnen (Forensic Architecture) oder von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, Human Rights Watch und Btselem dokumentiert. [23]

Für uns ist das ein folgenschwerer intellektueller Rückzug aus Debatten, die eigentlich geführt werden müssten. Auch gilt es zu bedenken, dass Hanna Pfeifers Beitrag „Zur Unmöglichkeit eines israelischen Genozids im deutschen Kriegsdiskurs: Varianten der Zurückweisung“, der in diesem Portal im letzten Jahr erschien, überhaupt keine (öffentliche) Reaktion ausgelöst hat. Statt der in nichtwissenschaftlichen öffentlichen Sphären üblichen pro-israelischen Zurückweisungen des Genozidvorwurfs kommt von Vertreter*innen unseres Fachs: Nichts.

Wir geben zu, dass uns nicht eindeutig klar ist, ob dieses Nichts Schweigen, Ignoranz oder Desinteresse ausdrückt. Schließlich erleben wir im universitären Alltag regelmäßig, dass Kolleg*innen die Völkermordvorwürfe für übertrieben und sogar lächerlich halten, ohne zu spezifizieren, was genau an den Vorwürfen falsch sei und obwohl sie damit einen unter Genozidforscher*innen weitgehenden geltenden analytischen Konsens ignorieren.

Es geht nicht um Zustimmung zum Genozidvorwurf, sondern um fehlende Diskursivität

Ähnlich wie für Anne Menzel und Mariam Salehi ist es für uns nicht ausschlaggebend, ob Politikwissenschaftler*innen hierzulande dem Genozidvorwurf zustimmen oder nicht.[24] Was wir kritisieren, ist das Ausbleiben einer konventionellen, gewöhnlichen wissenschaftlichen Diskursivität zu Israels Kriegen, die Politikwissenschaftler*innen zumindest abverlangt, israelische Kriegsverbrechen analytisch zu bewerten. Selbst zu dieser Frage nehmen wir wahr, dass Kolleg*innen sich kaum äußern oder zu Verbrechen und Kriegsgräueln in Palästina und Libanon selektiv analysieren. Diese selektiven Bewertungen und analytischen Urteile machen es für Kritiker*innen von Israels Kriegen schier unmöglich, ein kommunikatives Gegenüber zu haben – während gleichzeitig Pro-Palästina-Haltungen und -aktivitäten an Universitäten kriminalisiert und als zu radikal abgestempelt werden können. Das alles erfolgt ohne wissenschaftlichen Austausch darüber, ab wann die Grenze zwischen verhältnismäßigen Militäraktionen und Kriegsverbrechen überschritten wurde. Diese Passivität, dieses selektive Engagement sorgt aber de facto dafür, kriegskritische Bewertungen nicht zur Geltung kommen zu lassen, weil sie im wissenschaftlichen Diskurs schlicht nicht vorkommen: Täten sie es, ließen sie sich auch im öffentlichen Diskurs nicht so einfach als vermeintlich „radikal“ ablehnen.

Damit verbunden ist die Frage: Wenn es kein Genozid ist, was ist es dann? Alternative analytische Urteile, über deren inhaltliche Bewertung man wissenschaftlich streiten könnte, werden einfach nicht angeboten. Das gilt im Übrigen auch für den Apartheidvorwurf an Israel: Zur Frage, ob und (seit) wann Israel eine Apartheidpolitik betreibt, gibt es hierzulande nicht eine einzige politikwissenschaftliche Auseinandersetzung. Ohne sich analytisch mit ihm zu befassen, bleibt der Vorwurf somit suspekt und außerhalb des Rahmens des zu Erörtenden und zu Erforschenden. Auch die Vergleichende Politikwissenschaft in Deutschland hat sich nie mit der Frage befasst, was die Unterschiede zwischen Südafrika und Israel sind/waren. Es gibt im deutschsprachigen Raum nicht einen einzigen Vorschlag zur Typologisierung von Apartheid-Ausprägungen und zur Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Subtypen. So liefert man keinen Beitrag für die Klärung einer für den öffentlichen Diskurs so entscheidenden Frage. Zur Frage des Siedlungskolonialismus sieht das immerhin etwas anders aus.[25] Aber auch hier bleibt das Problem, dass dies alles nicht im Mainstream der deutschen Politikwissenschaft stattfindet. Sich in der Mitte bewegende Politikwissenschaftler*innen meinen womöglich, dass es gut sei, wenn diese Fragen nur am linken Rand des Fachs diskutiert werden (und werden sollen). Sie irren: Stattdessen drückt diese Haltung eine trügerische Zufriedenheit mit der eigenen Provinzialität aus, die vom wissenschaftlichen Diskurs in weiten Teilen der Welt nichts wissen möchte. Ohne kollektives Nach- und Umdenken darüber, dass wir uns hiermit nicht zufriedengeben sollten, droht die deutsche Politikwissenschaft, droht die deutsche IB einer „epistemology of ignorance“ (Charles Wade Mills) zu verfallen und die Folgen ihres (Nicht-)Handelns nie wirklich begreifen zu können.

Stand: 11.05.2026


[1] Demmelhuber, Thomas/Lintl, Peter (2024): Die israelische Justizreform im Kontext der Verfassungsentwicklungen im Nahen Osten. In: Zeitschrift für Politikwissenschaft 34 (1), 67-76.

[2] Beyer, Heiko/Goldkuhle, Björn (2024): Möglichkeitsräume für Antisemitismus? Zur Öffnung politisch-kultureller Gelegenheitsstrukturen während der Eskalationsphasen des „Nahostkonflikts“. In: Politische Vierteljahresschrift 65 (4), 691-710.

[3] Zippel, Kathrin (2025): Wissenschaft als Kampfzone: Die ideologische Neuordnung der US-Wissenschaftslandschaft. In: Leviathan 53 (2), 264-270.

[4] Asseburg, Muriel/Krieg, Andreas/Demmelhuber, Thomas (2025): Zum Gaza Plan und den damit verbundenen Herausforderungen. In: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 32(2), 245-251.

[5] Leonhardt, Christoph/Lukas, Stefan (2024): Der Nahe Osten in der Zeitenwende? Israels Krieg gegen die Hamas und seine Folgen. In: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 17 (3), 245-258.

[6] Akbulut, Hakan (2024): Der ungelöste Nukleardisput mit dem Iran im Schatten der Eskalation im Nahen Osten. In: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 17 (3), 259-269.

[7] Zamirirad, Azadeh (2025): Iran und die Neuordnung des Nahen Ostens. In: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 18 (1), 1-11.

[8] Grimm, Jannis Julien/Schneider, Marcus (2025): Staatsräson vs. Weltordnung: Gaza als Feuerprobe wertebasierter Außenpolitik im Globalen Süden. In: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 18 (1), 115-143.

[9] Bokler, Evelyn (2025): Ihr Krieg? Unser Krieg! Warum Gaza Deutschland unmittelbar betrifft. In: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 18 (2), 287-295.

[10] Theinert, Lukas (2025): Neue Realität in Nahost nach dem 7. Oktober 2023: Zweifacher Paradigmenwechsel in der israelischen Sicherheitspolitik. In: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 18 (2), 197-319.

[11] Zimmermann, Hubert (2025): Legitimising and Delegitimising Military Engagement Abroad. In: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 18 (4), 673-690.

[12] Ziai, Aram (2025). Mediale Konflikte um postkoloniale Studien und Antisemitismus in Deutschland. PROKLA - Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, 55(2), 421–439.

Würdemann, T. K. (2024). Israel als “siedlerkolonialer” Staat? PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, 54(4), 735–753.

Shah, A. (2025). Siedlerkolonialismus in Palästina. PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, 55(1), 199–209.

[13] Valbjörn, Morten/ Bank, Andre/Darwich, May (2024): Forward to the Past? Regional Repercussions of the Gaza War. In: Middle East Policy 31 (3), 3-17; Grimm, Jannis Julien/Könneker, Justus/Salehi, Mariam (2025): Hierarchies of Death: Coverage of Palestinian and Israeli Victims in the Context of October 7 and the War on Gaza. In: Peacebuilding, 1-16; Grimm, Jannis Julien/Mauthofer, Lilian/Sixtä, Thaddäa (2026): ‘If Gaza Burns, Berlin Burns’ – Transregional Solidarity Between appeal, Accountability and Belonging. In: Middle East Critique, 1-22.

[14] Vossen Laura/Grimm, Jannis Julien (2026): Studentische Palästina-Solidarität im Spiegel Berline Leitmedien. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 39 (1), 10-31.

Mauthofer, Lilian/Grimm, Jannis Julien (2025): Zwischen Wissenschaftsfreiheit und Palästina-Solidarität: Deutsche Hochschulen als umkämpfte Räume. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 38 (1),150-168.

[15] Czada, Roland (2022): Realismus im Aufwind? Außen- und Sicherheitspolitik in der ‚Zeitenwende‘. In: Leviathan 50 (2), 216-238.

[16] Ladwig, Bernd (2022): ‚Realisten‘ und Realisten: Eine Replik auf Roland Czada. In: Leviathan 50 (3), 381-394.

[17] Zürn, Michael (2022): Macht Putin den (Neo-)Realismus stark? In: Leviathan 50 (3), 395-412.

[18] Schlichte, Klaus (2022): 3 x Ukraine: Zur Politischen Soziologie eines Angriffskriegs. In: Leviathan 50 (3), 413-438.

[19] Bröckling, Ulrich (2022): Heroischer Humanismus, postheroischer Realismus. In: Leviathan 50 (3), 439-444.

[20] Geis, Anna/Deitelhoff, Nicole/Masala, Carlo (Hrsg.) (2024): Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Internationalen Beziehungen. Sonderheft der Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 31 (2).

[21] Dück, Elena/Stahl, Bernhard (Hrsg.) (2025): The Russia-Ukraine War as a Formative Event in Global Security Policy? Politische Vierteljahresschrift, 66 (1).

[22] Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich bei Elena Calvillo für die Sichtung der Verzeichnisse bedanken.

[23] Albrecht von Lucke, als langjähriger Redakteur der Blätter für deutsche und internationale Politik an der Schnittstelle zwischen Politikwissenschaft und Journalismus arbeitend, war Gast in der jüngsten Ausgabe des Podcast Jung & Naiv und hat in seiner Empörung über den Völkermordvorwurf solche Dokumentierungen schlicht nicht zur Kenntnis genommen (https://www.youtube.com/watch?v=ENfbE-kdnNM, aufgerufen am 8. Mai 2026).

[24] Menzel, Anne/Salehi, Mariam (2025): Die Begriffe „Krieg“ und „Genozid“ sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden, krisol, 14. November 2025, https://debatte.krisol-wissenschaft.org/die-begriffe-krieg-und-genozid-sollten-nicht-gegeneinander-ausgespielt-werden/ (aufgerufen am 2. Mai 2026).

[25] Würdemann, T. K. (2024). Israel als “siedlerkolonialer” Staat? PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, 54(4), 735–753; Shah, A. (2025). Siedlerkolonialismus in Palästina. PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, 55(1), 199–209.



DOI: 10.36206/BS25.15
CC-BY-NC-SA