Die Politikwissenschaft und der Krieg
Zu viel „klare Haltung“ und militaristische Verengung, zu wenig Regionalexpertise, Differenzierung und Zweifel: Die deutsche Politikwissenschaft hat in ihren öffentlichen Äußerungen zu den Kriegen dieser Welt keine gute Figur abgegeben, kritisiert Klaus Schlichte, Professor für Internationale Beziehungen und Weltgesellschaft an der Universität Bremen. Neben journalistischen und politischen Eigenlogiken macht er auch Veränderungen in den Sozialwissenschaften selbst für die Schieflage verantwortlich. Wie könnte es anders gehen?
Ein Debattenbeitrag von Klaus Schlichte
Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran hat Tendenzen für alle offensichtlich gemacht, die in der internationalen Politik schon vorher erkennbar waren: Mehr und mehr Akteure agieren expansiv und mit kriegerischer Gewalt. Die „Zeitenwende“ beschränkt sich nicht auf Europa, sondern bezieht, wie der Angriff auf den Iran anzeigt, auch weitere Weltregionen mit ein. Die Schnelligkeit, mit der in den vergangenen vier Jahren alte Konfliktlinien gewaltsame Eskalationen erfahren haben, müsste auch die informiertesten Beobachter*innen in ihren Interpretationen vorsichtig werden lassen.
Doch je mehr Einschneidendes passiert, desto größer ist in der Publizistik die Nachfrage nach „Einordnungen“ durch „Experten“. Gerade die Politikwissenschaft, aber auch die Soziologie, die Geschichtswissenschaft und die Psychologie erleben in den großen Medien eine Nachfrage, wie es sie vor zwanzig Jahre nicht gegeben hat. So begrüßenswert diese Entwicklung an sich ist, sie ist nicht ohne Gefahren und hat schon erste Schäden verursacht, vor allem am Ansehen der Wissenschaft.
Denn die Grenzen zwischen Wissenschaft, medialer Darstellung und politischer Stellungnahme verwischen zunehmend. Inzwischen gibt es auch von namhaften Fachvertreter*innen ganze Bücher ohne Fußnoten oder bloß anhand von „Szenarien“ entwickelte Handlungsanleitungen, die jede Nachprüfbarkeit verunmöglichen.[1] Insbesondere im Themenfeld der internationalen Politik kommt es bei der Analyse laufender Konflikte zudem zu einer Reduktion der Diskussion auf militärische und „strategische“ Fragen, die die breite sozialwissenschaftliche Forschung über politische Gewalt und die eigentliche Realität kriegerischer Gewalt eher ausblenden. Stattdessen überwiegen Talkshow-Auftritte, in denen im Tonfall des Mahners und Warners eher singuläre Meinungen als wissenschaftliches Wissen kommuniziert werden.
Die „klare Haltung“ ist im medialen Raum offenbar verwertbarer als die empirisch gesättigte Forschung. Inzwischen beteiligen sich auch „prominente Experten“ an dieser Entwertung wissenschaftlicher Standards, auf die die Studierenden aber gleichzeitig verpflichtet werden. Die schnell abrufbare, irgendwie gewonnene, jedenfalls nicht methodisch nachvollziehbare „Einordnung“ in Funk, Fernsehen, Zeitung und Social Media ist zur Währung für die publizistische Belobigung als „bedeutender Wissenschaftler“ geworden. Das Publikum reagiert auf diese Tendenz inzwischen mit Ironie: Die Bezeichnung „Politikwissenschaftler“ ist in der Satire-Zeitschrift „Titanic“ inzwischen zum ironischen Titel für alle möglichen Figuren des politischen Meinungsmarktes geworden.
Eine militaristische Verengung
Insbesondere infolge des Angriffs Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 ergab sich in der öffentlichen Diskussion eine Reduzierung auf die Frage von Waffensystemen und militärischer Kooperation. So sehr dies unter dem Eindruck der Gewalt des Krieges nachvollziehbar ist, so auffällig ist besonders im Rückblick, wie wenig die Politikwissenschaft zu den vielfältigen anderen Aspekten des Krieges zu sagen wusste. Die Redeweise von „Putins Krieg“ überdeckte jede Analyse des russischen politischen Systems, die Dominanz der transatlantischen Tradition jede kritische Analyse der US-amerikanischen Politik in Osteuropa, und die nachvollziehbare, auch emotionale Identifikation mit der Ukraine stand einer kritischen Beschäftigung mit den verheerenden Wirkungen des Krieges in der ukrainischen Gesellschaft und ihrem politischen System im Weg. Stattdessen konzentrierten sich die medialen Beiträge aus der Politikwissenschaft auf Fragen der Aufrüstung und Waffenlieferungen.
Im Fall des Angriffskrieges Israels und der USA wiederholt sich dieses Muster. Das in den Medien beobachtbare Räsonnement beschränkt sich auf Fragen des Einsatzes militärischer Mittel, auf das Verhältnis der „Kräfte“ und auf „strategische Fehler“.[2] Die Verrohung des Denkens, die Verdinglichung internationaler Politik zur „Geopolitik“ zwischen Staaten befördert den Militarismus, den das machstaatliche Denken befördert.[3] Dem Publikum muss dann die Notwendigkeit der Aufrüstung und der Bereitschaft des Gewalteinsatzes als unabwendbar erscheinen. Der Hinweis auf die durchaus ambivalente Wirkung von Aufrüstung – im Fach unter dem Stichwort des „Sicherheitsdilemmas“ altbekannt – war in den Diskussionen ebenso so selten zu hören wie eine Auseinandersetzung mit den menschlichen, sozialen und sonstigen Verheerungen des Krieges.
Was erklärt diese Verengungen?
Wie ich noch argumentieren werde, sind die Eigenlogiken des journalistischen und des politischen Feldes sicher hauptursächlich für diese Verengungen. Aber auch die Veränderungen der Sozialwissenschaften selbst haben zu diesen Verengungen beigetragen.
Eine kritische historische Soziologie der deutschen Politikwissenschaft ist noch ungeschrieben. Aber sie würde zwei Hypothesen verfolgen müssen, um zu erklären, dass das Elend und die unkalkulierbaren Effekte kriegerischer Gewalt in den Beiträgen aus der Wissenschaft in medialen Debatten zur „Sicherheitspolitik“ so wenig vorkommen, und dass die Asymmetrien der Berichterstattung so lange unbemerkt blieben. Eine erste Hypothese betrifft den Generationenwechsel: Fachvertreter*innen wie Helga Haftendorn, Gilbert Ziebura oder Klaus Jürgen Gantzel, die die brennenden Städte und das Elend des Krieges am eigenen Leib erfahren haben, sind entweder verstorben oder schon lange im Ruhestand. Was die reale Erfahrung des Krieges ist, verschwindet hinter Debatten über Rüstungsexporte und finanzielle Hilfen.[4] Auch international etablierte Rüstungsforscher wie Michael Brzoska, Peter Lock oder Herbert Wulf sind seit langem im Ruhestand, und die Subdisziplin der „Internationalen Beziehungen“ (IB) hat es versäumt, hier für kompetenten und kritischen Nachwuchs zu sorgen. Ein Grund hierfür ist sicher die Dominanz des liberalen Paradigmas der „global governance“ innerhalb der IB, die Fragen von politischer Gewalt und Widersprüchen in der Weltgesellschaft vernachlässigt hat. Dass der Kapitalismus selbst Widersprüche erzeugt und dass seine historische Durchsetzung ein bis heute gewaltgeladener Prozess ist, war in den vergangenen dreißig Jahren in der deutschen Politikwissenschaft eine marginale Position, trotz aller Evidenz dieser Dynamiken im globalen Kriegsgeschehen.
Eine zweite Hypothese betrifft die „NATO“-Bubble[5]: Die deutsche Politikwissenschaft war und ist wie so viele andere Akteure auf die jüngeren Entwicklungen schlecht vorbereitet: An die Stelle von Professuren mit regionalem Schwerpunkt ist die Orthodoxie des Behavioralismus getreten, eine „Faktoren-Soziologie“[6], die sich insbesondere in der Erforschung von Kriegen nicht nur nicht bewährt hat, sondern zu massiven Fehleinschätzungen geführt hat. Denn ihre Prämissen kommen mit den Eigengesetzlichkeiten politischer Gewalt nicht zu Rande. Die verdinglichenden Kategorien dieser Forschung konnte zum Beispiel die Anpassungsfähigkeit lokaler Machthaber in Afghanistan nicht erkennen, sodass der rasche Wandel hin zur Machtübernahme der Taliban im Sommer 2021 als „Überraschung“ erscheinen musste. Ähnlich ahnungslos bleibt eine kontextfreie Forschung gegenüber den komplexen Allianzen und Differenzierungen im Sahel, die in der Regel summarisch als „Islamisten“ oder „Terroristen“ erscheinen. Entsprechend fehlgeleitet und wirkungslos blieb auch die Intervention der Bundeswehr in Mali.[7]
Die Standardwissenschaft liefert der politischen Entscheidungsebene oft genug einfache Dichotomien und Kausalitäten: Eine „one fits all“-Methodologie à la „KKV“[8] geht dabei von flachen Ontologien aus: Der „homo oeconomicus“ ohne jede historische oder kulturelle Prägung geht als Prämisse in die Analyse jedweden Zusammenhangs ein, was die Kenntnis historischer Zusammenhänge ebenso erübrigt wie Kompetenzen interpretativer Verfahren. Doch weil die politische Welt in Wahrheit historisch geformt ist,[9] müssen „anlasslose“ Angriffe dann als Überraschung erscheinen. Erst in der Auseinandersetzung mit den „Zeitenwenden“ werden dann nach und nach historische Dimensionen von Gewaltkonflikten sichtbar, aber ebenso schnell auch wieder vergessen.[10] Eine historisch und kontextuell kompetente wissenschaftliche Einordnung des realen Geschehens geschieht daher bis heute eher durch Vertreter*innen der Geschichtswissenschaft, die ihre Regionalkompetenz bewahrt hat, eine Entwicklung freilich um den Preis, dass Fragen der internationalen Politik dabei regelmäßig zu kurz kommen.
Dies ist der Preis des Verlusts der Regionalexpertise, der sich in der deutschen Politikwissenschaft ergeben hat.[11] Unter den etwa 60 Lehrstuhlinhaber*innen im Bereich der Internationalen Beziehungen verfügt, den jeweiligen Selbstauskünften auf Webseiten zufolge, nur eine über Kenntnisse einer slawischen Sprache. Gegenüber einer unendlich erscheinenden Zahl von Europa-Expert*innen gibt es in Deutschland nur eine einzige Professorin in den Sozialwissenschaften, die sich mit Indien beschäftigt. Eine US-amerikanische Dominanz gibt es auch in der methodischen und theoretischen Ausrichtung vieler sozialwissenschaftlicher Lehrstühle. Und so zählen Aufenthalte an renommierten US-Universitäten mehr als Forschung in anderen Kontinenten, Programmiersprachen mehr als Fremdsprachenkenntnisse. Die inhaltliche Dominanz des Themas „Europa“ hat die vergleichende Beschäftigung mit anderen Kontexten unter anderen Überschriften als „Entwicklung“ oder „Demokratisierung“ fast verschwinden lassen.[12]
Die Dominanzverhältnisse in den einzelnen Teildisziplinen haben diese Tendenz noch befördert: Beispielsweise ähnelte die in den „Internationalen Beziehungen“ dominante „global governance“-Perspektive eher der Erforschung einer leibniz’schen prästabilierten Harmonie als einer kritischen Analyse internationaler Politik: Grundsätzlich wurde in dieser Forschungsperspektive von der funktionalistisch erwartbaren Konvergenz der Politik internationaler Organisationen, der Regierungen demokratischer Staaten und der „internationalen Zivilgesellschaft“ ausgegangen. Erst im Abklingen dieser Forschungsperspektive konnte sie Machtphänomene thematisieren.[13] Vom globalen Kapitalismus hat sie nie gesprochen. Dieser ist auch Anathema derjenigen, die sich selbst „Realisten“ nennen. Das gilt sogar heute noch, also in einer Zeit, in der das jüngste Stadium des Kapitalismus wieder offen imperialistische Züge angenommen hat.
Ein Plädoyer für den Zweifel
Die Alternative, nämlich eine kontextuell gesättigte, theoriegeleitete und kritisch-reflexive Sozialwissenschaft hat es dagegen schwer. Die Tendenz zur Publizistik und zur politischen Stellungnahme entwertet die solide Forschung und die Autonomie der Wissenschaft, für die nicht das Publikum der großen Zahl, sondern der Zweifel konstitutiv ist. Dass sich alles auch ganz anders verhalten könnte, als man es nach bestem Wissen und Gewissen darstellt, diese Prämisse zu teilen, ist die Eingangsbedingung für das wissenschaftliche Feld. Doch statt sie nach außen zu kommunizieren und damit Selbstgewissheiten zu irritieren, führt der Übergang zur Publizistik zur Übernahme einer anderen Feldlogik: Im kommerziellen medialen Feld ist der „scoop“ das Ideal, sprich die Meldung oder die Meinung, die die meiste Beachtung erheischt. Die Story auf der Titelseite ist der Traum des Journalismus, die große Auflage die des Verlags. Nicht Zweifel und Reflexivität, sondern Entschiedenheit und „boldness“ werden hier prämiert.
Auch im politischen Feld hat der Zweifel keinen prominenten Platz. Wahlen werden, so meint man offenbar, über entschiedene Aussagen, über Eindeutigkeiten und Irritationsfestigkeit gewonnen, nicht über die demonstrierte Fähigkeit zur Abwägung oder den Willen zu Mehrgleisigkeit. Der Gegensatz von Regierung und Opposition verstärkt diese Erwartung. So wird der Zweifel nur parteiintern kommuniziert, denn seine Entdeckung wird von der Berichterstattung je nach Couleur als Zeichen innerparteilicher Demokratie oder aber als eines des Streits gelesen, der politische Unzuverlässigkeit oder „Widersprüchlichkeit“ anzeige. Aus diesem Grund dominieren in den medialen Debatten die „talking points“, die entlang der innenpolitischen Debatte verwertbar sind – bezogen auf den Ukraine-Krieg um die Bereitschaft, weitreichende Waffensysteme zu liefern, und bezogen auf den Krieg Israel-Palästina um die Zuschreibung des Antisemitismus.
Autonome Wissenschaft mit kritischer Distanz
Es gibt keinen Grund, warum sich die Politikwissenschaft mit irgendeiner streitenden Partei gemein machen sollte. Die Wissenschaft, so jedenfalls das Ideal, hat kein Vaterland. Diese Maxime gilt auch gegenüber politischen Parteien und den Streitkräften des Staates, dessen Beamte oder Angestellte die Forschenden und Lehrenden selbst sind. Amtseide werden auf Prinzipien der Verfassung geleistet, nicht auf die jeweilige Regierung.
Für die Politikwissenschaft möchte ich vor diesem Hintergrund fünf selbstreflexive Handlungsempfehlungen hinsichtlich Forschung und öffentlicher Kommunikation vorschlagen:
- Worüber forsche ich? Die erste Empfehlung betrifft die Gegenstände: eine kritische Forschung zum eigenen Militär ist in Deutschland fast verschwunden. Ähnliches gilt für die Rüstungsforschung. Dabei wäre eine politikwissenschaftliche Forschung zu diesen Themen – schon entlang tradierter Kategorien wie Institutionen, organisierte Interessen, Diskurse – angesichts der massiven Aufrüstung Europas dringend nötig.[14] Dazu gehört auch die Prüfung der Hypothese eines in Deutschland entstehenden militärisch-industriellen Komplexes und die Bestimmung der Triebkräfte eines sich selbst verstärkenden Rüstungswettlaufs.[15] Fast vergessen ist die lange Tradition der Beiträge von Alfred Vagts, Eckart Kehr, und C. Wright Mills zu diesen Fragen. Sie gehören in die Curricula, und statt sie zu historisieren, ist es wichtig, ihren analytischen Blick mit Blick auf die aktuellen politischen Verhältnisse weiterzuentwickeln.
- Woran beteilige ich mich? Nicht jeder Auftritt muss sein. Wer der Eigengesetzlichkeit der Publizistik entgehen will, muss auch lernen, dem Glanz der großen Bühne zu widerstehen. Was ist eher Inszenierung, was wirkliche Diskussion mit allen Anwesenden? Gibt es hierarchische Rollenzuschreibungen oder ein Gespräch unter Gleichen?
- Auf welcher Grundlage rede ich? Idealerweise sollten wir nur von dem mit wissenschaftlicher Behauptungskraft reden, wozu wir selbst forschen und fundierte Kenntnisse haben. Der „Allrounder“ weckt das Misstrauen des Publikums, und dies zu Recht. Weiß man es nicht, soll man es sagen und an Kolleg*innen verweisen, die es besser wissen könnten. Es wird nicht immer möglich sein, diese Regel einzuhalten, denn das Gegenargument, dass öffentlich finanzierte wissenschaftliche Expertise auch dann auskunftsfähig sein sollte, wenn im Gespräch benachbarte Themen und nicht die jeweils eigene Forschung angesprochen wird, hat einige Gültigkeit. Doch die Praxis des Immunologen Christian Drosten während der Covid19-Pandemie sollte als Vorbild gelten: Bloße Einschätzungen sollten als solche gekennzeichnet werden, und das Bekenntnis des Nichtwissens ziert eine wissenschaftliche Persönlichkeit als Waghalsigkeit.
- Wie belege ich, was ich sage? Im Gespräch, auch im Interview können andere Regeln gelten: Die reine Trennung zwischen konsolidiertem wissenschaftlichem Wissen und bloßer Meinung oder „informed guessing“ ist in mündlicher Kommunikation nicht durchhaltbar. Aber für Publikationen gilt eine wissenschaftliche Grundregel: Sachaussagen unterliegen der Belegpflicht. Bitte keine Publikationen ohne Fußnoten, bitte keine „Szenarien“, deren wissenschaftliche Fundierung im Dunkeln bleibt. Sie sind bei nicht wenigen Fachkolleg*innen Grund für Fremdscham gegenüber Studierenden und der allgemeinen Öffentlichkeit.
- Was ist meine Meinung? „Meinungsbeiträge“ sollten als Meinungen ausgewiesen werden, und entsprechend ohne Erwähnung der akademischen Titel erscheinen, denn diese sind für die Qualität einer Meinung nicht relevant. Jede andere Praxis grenzt an Irreführung und schadet dem Ansehen der Wissenschaft.
Eine reine Trennung von empirisch gesättigter und theoretisch informierter Forschung auf der einen Seite und der Repräsentation der Sozialwissenschaften im öffentlichen politischen Meinungsstreit wird sich nicht vollziehen lassen. Das wissenschaftliche Wertfreiheitsgebot ist eher eine regulative Idee als praktisch eindeutige Regel. Doch wenn der komparative Vorteil der Wissenschaft gegenüber anderen gesellschaftlichen Systemen, nämlich ein Ort der sachlichen und methodisch fundierten Auseinandersetzung „sine ira et studio“ zu sein, gewahrt bleiben soll, dann muss die Orientierung daran das oberste Gebot sein. Sonst verschwimmen die wissenschaftlichen Grenzen, und die Wissenschaft verliert ihren Eigenwert.
Stand: 27. April 2026
Anmerkugen:
[1] So etwa Carlo Masala (2023): Bedingt abwehrbereit. Deutschlands Schwäche in der Zeitenwende, München: C.H. Beck.
[2] Vgl. hierzu Maurer, Marcus / Haßler, Jörg / Jost, Pablo (2023: Analyse: Die Qualität der Medienberichterstattung über Russlands Krieg gegen die Ukraine, Ukraine-Analysen Nr. 289, Berlin: Bundeszentrale für politische Bildung, https://www.bpb.de/themen/europa/ukraine-analysen/nr-289/541402/analyse-die-qualitaet-der-medienberichterstattung-ueber-russlands-krieg-gegen-die-ukraine/ (Zugriff am 26. April 2026).
[3] Vgl. hierzu kritisch Schlichte, Klaus (2026): Das Elend der Geopolitik, Hamburg: Hamburger Edition, aber auch schon Bourdieu, Pierre (2012): Sur l’Etat. Cours au Collège de France, 1989-1992, Paris: Seuil.
[4] Schlichte, Klaus (2014): „When Facts Become a Text: Reinterpreting War with Serbian War Veterans“, in: Revue de synthèse, N° „La praxéologie face à la violence“, 135 (4), S. 361-384.
[5] Sen, Somdeep (2024): NATO and the Global Colour Line, in: International Affairs 100( 2), S. 491-507.
[6] von Trotha, Trutz (Hrsg.) (1997): Soziologie der Gewalt. Opladen/ Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
[7] Beleg für diese Fehlerhaftigkeit siehe Dorronsoro, Gilles (2021): Le gouvernement transnational de l’Afghanistan. Une si prévisible défaite, Paris: Karthala, sowie Tull, Dennis (2024): Lernfähige deutsche Krisenpolitik? Lehren aus Mali (2013-2023), SWP-Studie 21, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik zur Dysfunktionalität des Bundeswehreinsatzes in Mali.
[8] Die Abkürzung steht für „King/Keohane/Verba“, den drei Autoren des einflussreichsten kurzen Lehrbuchs der US-amerikanischen Politikwissenschaft zu Methodenfragen. Es gehört nicht viel Analysefähigkeit dazu, den unbedarften Positivismus dieses Werks zu erkennen.
[9] Schlichte, Klaus / Stetter, Stephan (Hrsg.) (2023): The Historicity of International Politics. Imperialism and the presence of the past, Cambridge: CUP.
[10] Das gilt ebenso für den Angriff Russlands auf die Ukraine, der eine Eskalation in einem schon seit 2014 laufenden Krieg war, wie für den Angriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023.
[11] Vgl. hierzu Libman, Alexander (2024): Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, Politikwissenschaft und Russlandforschung, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/das-fach-politikwissenschaft/der-russische-angriffskrieg-gegen-die-ukraine-politikwissenschaft-und-russlandforschung (Zugriff am 27. April 2026).
[12] Mehr Zahlen zu den Asymmetrien in den deutschen Sozialwissenschaften, aber auch in der deutschsprachigen Publizistik und des politischen Personals finden sich ebenfalls in Schlichte, Klaus (2023): Indien gibt es nicht. Die Vernachlässigung Osteuropas steht für ein größeres Problem der deutschen Sozialwissenschaften, in: Soziologie, Heft 4 /2023, Symposion Soziologische Perspektiven zu Osteuropa, 415-424.
[13] Vgl. Zürn, Michael (2018): A Theory of Global Governance: Authority, Legitimacy, and Contestation, Oxford: Oxford University Press.
[14] Beispielhaft für eine empirische gesättigte Außenpolitikforschung nach wie vor Allison, Graham T. / Halperin, Morton H. (1972): Bureaucratic Politics: A Paradigm and Some Policy Implications, in: World Politics, 24, Supplement, 40-79 oder jüngst Dittmer, Jason (2017): Diplomatic Material. Affect, assemblages, and foreign policy, Durham, NC: Duke University Press.
[15] Schlichte, Klaus (2026): Das Elend der Geopolitik, Hamburg: Hamburger Edition, insbesondere Kap. 4.
