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Debattenbeitrag / 28.04.2026

„Nicht mehr Frieden, noch nicht Krieg“: Demokratische Sicherheitskommunikation zwischen Gesellschaftstheorie, Komplexität und Differenzierung

Bild: iStock / VPanteon.
Bild: iStock / VPanteon.

Sicherheitskommunikation geht in demokratischen Gesellschaften über bloßes Krisenmanagement hinaus, denn hier sind Fragen von Schutz, Handlungsfähigkeit, Legitimation und gesellschaftliche Selbstbeschreibung verbunden. Daniel Jacobi, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Goethe-Universität, zeigt in diesem Debattenbeitrag, warum Sicherheit kommunikativ hergestellt wird, und plädiert in Zeiten permanenter Unsicherheit und überlasteter öffentlicher Wahrnehmung für eine vorrangig reflexive Funktion der Politikwissenschaft in sicherheitspolitischen Diskursen.

Ein Debattenbeitrag von Daniel Jacobi

 

Sicherheitskommunikation als demokratisches Problem

Sicherheitskommunikation ist in demokratischen Gesellschaften keine bloß technische oder strategische Angelegenheit. Sie ist eine politische und gesellschaftliche ‚Operation‘. In ihr verdichten sich Fragen von Bedrohung und Schutz, von Entscheidung und Legitimation, von Wissen und Nichtwissen. Sicherheitskommunikation soll informieren, ohne zu alarmieren; mobilisieren, ohne zu militarisieren; Vertrauen erzeugen, ohne Unsicherheit zu leugnen. Kurz: Sie soll demokratisch sein.

Genau diese normativen Anforderungen geraten unter Druck, da sich die gegenwärtige Lage immer häufiger der klassischen Unterscheidung von Krieg und Frieden entzieht. Militärische ‚Spezialoperationen‘, Abschreckung, hybride Bedrohungen, digitale Angriffe, Desinformation, dauerhafte Krisenkommunikation und mediale Hochfrequenz haben einen Zustand hervorgebracht, den der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, kürzlich treffend beschrieb: „Nicht mehr ganz Frieden, aber auch noch nicht ganz Krieg.“

Dieser Zwischenzustand ist nicht einfach nur ‚unscharf‘, sondern operativ folgenreich. Er verlangt Entscheidungen, während die Begriffe, mit denen diese Entscheidungen legitimiert werden, selbst umstritten sind. Demokratische Gemeinwesen stehen damit vor einer Zumutung, die nicht zuerst moralisch, sondern strukturell ist: Sie müssen handlungsfähig bleiben, ohne eine Eindeutigkeit zu behaupten, die sie längst nicht mehr herstellen können.

Zeitdiagnosen ersetzen keinen Gesellschaftsbegriff

Die politische, aber eben auch politikwissenschaftliche Debatte, reagiert auf diese Lage häufig mit Zeitdiagnosen: Weltrisikogesellschaft, reflexive Moderne, Polykrise. Solche Etiketten erfüllen eine orientierende Funktion. Sie bündeln diffuse Erfahrungen, machen Aufmerksamkeit lenkbar, geben Debatten eine ‚Überschrift‘.

Aber: Zeitdiagnosen ersetzen keinen Gesellschaftsbegriff. Sie suggerieren Einsicht in strukturelle Transformationen, ohne explizit zu klären, auf welcher Vorstellung von Gesellschaft diese Einsicht beruht. Ihre Plausibilität speist sich nicht selten aus ihrer semantischen Geschlossenheit. Etiketten reduzieren Komplexität in einer Weise, die wissenschaftliche Beobachtung unterminiert. Während deren Eindeutigkeit eine Lösung suggeriert, reproduzieren sie das, was sie eigentlich analysieren sollen: die Weise, wie Gesellschaft sich selbst beschreibt und die vor diesem Hintergrund gewählten Handlungsweisen.

Für eine Politikwissenschaft, die sich als Sozial- und Gesellschaftswissenschaft versteht, ist das eine riskante Abkürzung. Ohne expliziten Gesellschaftsbegriff bleibt unklar, wie Sicherheitskommunikation gesellschaftlich eingebettet ist, welche Erwartungen an sie gerichtet werden können und wo die strukturellen Grenzen ihrer Demokratiefähigkeit liegen.

Gesellschaft als Umgang mit Komplexität

Wenn Politikwissenschaft Sicherheitskommunikation gesellschaftstheoretisch analysieren will, braucht sie einen Gesellschaftsbegriff, der klärt, womit man es bei Gesellschaft überhaupt zu tun hat und wodurch sie sich reproduziert. Aus beobachtungstheoretischer Perspektive lässt sich das Bezugsproblem so benennen: Jede historische Gesellschaftsform ist – in je eigener Weise – eine Antwort auf das Bezugsproblem der Komplexität.

Komplexität heißt dabei nicht nur ‚viel‘ oder ‚unübersichtlich‘. Sie bedeutet: Nicht alles kann zugleich beobachtet, entschieden und koordiniert werden. Gesellschaft muss ständig auswählen. Dabei muss sie stets mehr Möglichkeiten ausschließen, als sie realisieren kann. Daher geht es weniger um ‚Ordnung versus Chaos‘ als um Komplexitätsreduktion unter Bedingungen fortbestehender Kontingenz. Es könnte auch anders sein; und Entscheidungen haben Folgen, die man nie vollständig vorausberechnen kann.

Daraus folgt, dass Gesellschaft nicht ein ‚Ganzes aus Individuen oder Institutionen‘, kein geografisch abgesteckter Raum oder eine durch Normen und Werte integrierte Einheit ist, sondern die laufende Reproduktion von Ordnungsstrukturen in Kommunikation, also dem Prozessieren von Anschlussmöglichkeiten sowie deren Annahme oder Ablehnung. Moderne Gesellschaft lebt nicht zuvorderst von Konsens, sondern davon, dass trotz unvereinbarer Perspektiven weiter kommuniziert und entschieden werden kann.

Das ist für demokratische Sicherheitskommunikation zentral. Sicherheit ist kein objektiver Zustand, sondern eine kommunikative Leistung. Bedrohungen müssen benannt, Risiken bewertet, Entscheidungen legitimiert, Verantwortlichkeiten zugeschrieben werden. Dies stets unter Bedingungen unvollständigen Wissens[1]. Ein hilfreicher Zugang ist hier die Unterscheidung von Gefahr und Risiko. Gefahr beschreibt Schäden, denen man im Alltag ausgesetzt ist; Risiko bezeichnet Schäden, die als Folge von Entscheidungen zugerechnet werden („Hätte man anders entscheiden müssen?“). Sicherheitskommunikation verschiebt ständig diese Zurechnungen und erzeugt damit politische Konflikte, weil Verantwortung verteilt (oder verweigert) wird. Im Sinne des Soziologen Niklas Luhmanns: Wir leben nicht mehr in der Welt der Seefahrer und Pilzsammler, wo diejenigen, die Entscheidungen treffen, auch stets deren direkte Folgen (er-)tragen müssen. In dem Maße, in dem diese Zurechnungen jedoch instabil werden, kippt Sicherheitskommunikation leicht in diffuse Angst oder hohen Entscheidungsdruck. Beides belastet demokratische Öffentlichkeiten. Denn Angst reduziert Optionen, Entscheidungsdruck reduziert Begründungsfähigkeit.

Strukturen der modernen Gesellschaft

Herausfordernd, aber umso wichtiger wird der dezidierte Umgang der Disziplin mit dieser ihr nicht unbekannten Einsicht, wenn man sich auf die Idee einlässt, dass die zentrale strukturelle Antwort der modernen Gesellschaft auf dieses Komplexitätsproblem möglichst genau benannt werden muss, um wissenschaftlich belastbar beobachten zu können, welche Möglichkeitsräume sie demokratischer Sicherheitskommunikation eröffnet oder verschließt.

Denn die moderne Gesellschaft verarbeitet Komplexität nicht hierarchisch über eine einzelne Spitze oder ein Zentrum, sondern ‚funktional differenziert‘, das heißt arbeitsteilig über spezialisierte Bereiche (‚Funktionssysteme‘). Politik, Recht, Wissenschaft, Wirtschaft, Medien usw. Jeder Bereich hat eigene orientierende Leitunterscheidungen und Rationalitäten sowie Zeitlogiken: Wissenschaft muss begründen und kann Ungewissheit markieren; Politik muss entscheiden und Verantwortung zurechnen; Recht braucht Verfahren; Medien selektieren nach Aufmerksamkeit; Wirtschaft nach Zahlungsfähigkeit.

Gerade Sicherheitskommunikation ist davon besonders betroffen, weil sie quer zu diesen Bereichen liegt. Sie ist politisch, wissenschaftlich, medial, rechtlich und organisatorisch zugleich. Diese Logiken sind jedoch nicht synchronisierbar. Was wissenschaftlich als vorläufig gilt, muss politisch oft ‚jetzt‘ entscheidbar sein. Was medial Aufmerksamkeit erzeugt, kann politisch Vertrauen untergraben. Was rechtlich geboten ist, wirkt in Krisen als Verzögerung. Dadurch entsteht ein strukturelles Dilemma. Denn Sicherheitskommunikation soll Komplexität reduzieren, ohne die Arbeitsteilung der Gesellschaft zu unterlaufen und ohne so zu tun, als könne ein Bereich die anderen ‚führen‘.

Zugleich mehren sich Hinweise darauf, dass funktionale Differenzierung ihren Status als exklusiv ordnungsstiftendes Prinzip schrittweise verliert. Beobachtbar ist weniger eine Entdifferenzierung als vielmehr eine Pluralisierung gesellschaftlicher Formen, in denen Kommunikation anschlussfähig wird. Politisches Handeln findet nicht mehr nur im politischen System statt, wissenschaftliche Autorität nicht mehr ausschließlich im Wissenschaftssystem, rechtliche Erwartungen nicht nur im Recht. Die funktionalen Leitunterscheidungen bleiben wirksam, verlieren jedoch ihre monopolistische Orientierungsfunktion.

Hybridität als Normalfall, nicht Ausnahme

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch der allgegenwärtige Begriff der ‚Hybridität‘ genauer fassen. Hybridität ist nicht primär Grenzverletzung oder ‚unsaubere Rollenvermischung‘. In pluralisierten Öffentlichkeiten ist sie die Normalform. In derselben Kommunikationsoperation werden mehrere Logiken zugleich bedient, ohne dass eindeutig entschieden werden kann, welche gerade ‚zuständig‘ ist.

Dies gilt in beispielhafter Weise für die mediale Expertenkommunikation. In Talkshows sprechen Expert*innen zugleich als Wissenschaftler*innen (Begründung, Unsicherheit), als politische Berater*innen (Handlungsdruck), als moralische Stimmen (Empörung) und als Medienfiguren (Zuspitzung). Das Publikum hört alles gleichzeitig und reagiert je nach eigener Erwartungsstruktur. Hybridität erhöht so kurzfristig Anschlussfähigkeit: mehr Publikum, mehr Resonanz, mehr Reichweite. Aber sie kann Erwartungsstabilität langfristig beschädigen, weil die Unterscheidbarkeit von Begründung, Entscheidung, Rechtfertigung und Empörung verschwimmt. Genau dies ist für Sicherheitskommunikation heikel. Denn Sicherheit braucht nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch stabile Erwartungen. Etwa darüber, wer wofür zuständig ist, was als gesichert gilt und wie Entscheidungen begründet werden können.

Der Zwischenzustand „nicht mehr Frieden, noch nicht Krieg“ lässt sich in diesem Sinne als kommunikative Form beschreiben. Die Unterscheidung ‚Krieg/Frieden‘ bleibt handlungsleitend, wird aber zugleich in sich selbst problematisiert. Politik behauptet Eindeutigkeit, Medien relativieren, Wissenschaft problematisiert, Recht begrenzt. Und dies oft simultan. Die Form operiert, während sie ihre eigene Eindeutigkeit verliert.

Sicherheitskommunikation unter Überlastung

Besonders sichtbar werden diese Spannungen in Kommunikationsstrategien, die gezielt auf Überlastung öffentlicher Wahrnehmung setzen. Unter dem Schlagwort ‚flooding the zone‘ wird eine Praxis diskutiert, die nicht auf Überzeugung zielt, sondern auf kognitive Überforderung: zu viele Behauptungen, zu viele Skandale, zu viele Breaking News zugleich.

Gesellschaftstheoretisch ist daran entscheidend: Flooding funktioniert nicht trotz, sondern wegen der genannten funktionalen Differenzierung, also arbeitsteiligen Struktur moderner Gesellschaft. Medien berichten schnell; Wissenschaft prüft langsamer; Recht noch langsamer; Politik reagiert unter Daueraufmerksamkeit. Die Systeme ‚versagen‘ dabei nicht, sie arbeiten nur in unterschiedlichen Takten. Gerade dadurch können sie sich gegenseitig beschädigen. Politik wird zu Symbolentscheidungen gedrängt, Wissenschaft wird als ‚zu spät‘ abgewertet, Recht als ‚zu langsam‘ delegitimiert, Medien werden als ‚zu laut‘ angegriffen. Das Ergebnis ist weniger eine Lüge als ein struktureller Zeitkonflikt. Die Frage, was stimmt, kann nicht mehr stabilisiert werden, bevor Entscheidungen, Empörung und Gegenempörung bereits gelaufen sind.

Für demokratische Sicherheitskommunikation ist das folgenreich, weil diese besagte Erwartungsstabilität, Verantwortungszuschreibung und zeitliche Koordination benötigt. Wo das dauerhaft misslingt, kippt Sicherheitskommunikation in diffuse Gefahrenwahrnehmung. Alles scheint möglich, niemand scheint zuständig und die Sehnsucht nach Eindeutigkeit wächst. Selbst dann, wenn diese nicht mehr herstellbar ist.

Die hybride Rolle der Politikwissenschaft

Diese strukturellen Spannungen betreffen dann auch die Politikwissenschaft selbst. Als Teil des Wissenschaftssystems operiert sie mit dem Anspruch, zwischen ‚überzeugend/nicht überzeugend‘ (oder auch ‚wahr/falsch‘) zu unterscheiden. Sie produziert keine Entscheidungen, setzt keine verbindlichen Relevanzhierarchien und steuert keine Öffentlichkeit. Dennoch wird sie in sicherheitspolitischen Krisen regelmäßig als Korrektiv oder Autorität adressiert.

Diese Erwartung ist nachvollziehbar. In Krisen steigt der Bedarf an Orientierung. Zugleich ist sie überzogen. Wer von Wissenschaft verlangt, politische Entscheidungen zu ersetzen, überfordert die Wissenschaft und enttäuscht am Ende die Öffentlichkeit, weil Wissenschaft Unsicherheit markieren muss, wo Politik Eindeutigkeit braucht. Genau hier liegt ein systematischer Missgriff: Aus dem Wunsch nach Orientierung wird ein Anspruch auf Steuerung.

Dabei muss man noch einmal ausdrücklich festhalten, dass die beschriebenen Kommunikationsprobleme keine ‚Pathologie der Gegenwart‘ sind, sondern eine Normalfolge funktionaler Differenzierung. Wo es kein gesellschaftliches Zentrum und keine hierarchische Spitze gibt, gibt es auch keine Letztinstanz. Keine Stelle, die verbindlich festlegen könnte, welche Rationalität im Konfliktfall gilt, welches Tempo angemessen ist oder welche Evidenz ausreicht. Kommunikation operiert damit strukturell ohne Endgarantie und muss die Bedingungen ihrer Anschlussfähigkeit jeweils mitproduzieren. Dies unter der beständigen Möglichkeit des Scheiterns.

Gerade deshalb wäre es verfehlt, die Politikwissenschaft als jene Instanz misszuverstehen, die diese Endgarantie nachliefert. Die disziplinäre Aufgabe liegt vielmehr darin, den Wegfall solcher Letztabsicherungen offenzulegen und in der Debatte produktiv zu machen: Kontingenz nicht zu beruhigen, sondern beobachtbar zu halten; Konflikte nicht moralisch zu schließen, sondern ihre strukturellen Bedingungen zu rekonstruieren. So befeuert sie jene Irritationen, die demokratische Sicherheitskommunikation überhaupt erst reflexionsfähig machen.

Die Stärke der Politikwissenschaft liegt daher weniger in direkter Intervention als in einer spezifischen Beobachtungsleistung. Sie kann beobachten, wie beobachtet wird. Sie kann zeigen, welche Unterscheidungen dominieren (‚Bedrohung/Entwarnung‘, ‚Eskalation/Deeskalation‘, ‚Schuld/Unschuld‘), welche Nebenfolgen entstehen und welche Alternativen strukturell ausgeschlossen bleiben. Das ist keine Flucht aus Verantwortung, sondern gerade die Form wissenschaftlicher Verantwortung: nicht ‚bessere Entscheidungen‘ zu liefern, sondern größere Übersichtlichkeit der Bedingungen, unter denen entschieden wird.

Demokratische Sicherheitskommunikation als reflexive Praxis

Demokratische Sicherheitskommunikation kann unter heutigen Bedingungen nicht durch die Wiederherstellung künstlicher Eindeutigkeiten gelingen. Erforderlich ist eine reflexive Praxis, die ihre eigenen Voraussetzungen kennt: die Arbeitsteilung moderner Gesellschaft, die Pluralität von Öffentlichkeiten, die Unvermeidlichkeit von Ambivalenz und die Grenzen dessen, was Kommunikation überhaupt leisten kann.

Ein wiederkehrendes Problem sicherheitspolitischer Debatten ist, dass wissenschaftliche Expertise – gerade in medialen Formaten – zu eindimensionalen Wahrheiten gemacht wird oder sich sogar selbst als solche präsentiert. Medien belohnen einfache Botschaften, klare Lager, schnelle Slogans. Unter diesen Bedingungen geraten differenzierte Analysen leicht in Muster, in denen nur eine Perspektive dominiert: moralische Empörung, strategisches Framing oder scheinbar ‚reine‘ Rationalität. Das ist nicht bloß ein individuelles Kommunikationsproblem, sondern strukturell plausibel. Denn wenn Wissenschaft sich in Medienlogik übersetzt, verliert sie schnell genau das, was sie stark macht: die Fähigkeit, Unsicherheit, Nebenfolgen und Alternativen sichtbar zu halten.

Wenn Politikwissenschaft Wirkung entfalten will, dann nicht, indem sie mediale Beschleunigung ‚überholt‘ oder politische Entscheidungszwänge moralisch korrigiert. Wirkung ist unter Bedingungen gesellschaftlicher Arbeitsteilung selten direkte Steuerung. Politikwissenschaft muss aus der Einsicht in die strukturelle Wirkung dieser Logiken heraus operieren. Ganz so, wie es das Phänomen des Floodings deutlich macht. Dessen Wirksamkeit beruht nicht darauf, funktionale Differenzierung außer Kraft setzen zu wollen, sondern darauf, sie radikal ernst zu nehmen und mit ihr zu ‚schwingen‘, statt ihr zu widersprechen.

Politikwissenschaftliche Wirkung entsteht also nicht im Modus der Konkurrenz – weder mit Politik noch mit Medien –, sondern im Modus der Resonanz. Sie entfaltet sich dort, wo wissenschaftliche Beobachtung eine zweite Beobachtungsordnung ermöglicht: Wo sichtbar wird, wie Sicherheit kommuniziert wird, warum bestimmte Deutungen dominieren und welche Alternativen strukturell ausgeschlossen bleiben.

In diesem Sinne liegt das spezifische Potenzial der Politikwissenschaft nicht darin, der funktionalen Differenzierung entgegenzutreten, sondern darin, innerhalb ihrer Dynamik Reflexionsgewinne zu erzeugen. Sie kann nicht gegen das Schwingen der Gesellschaft arbeiten. Sie kann aber helfen, dessen Muster zu erkennen.

Politikwissenschaft nimmt hier also eine besondere Funktion ein: nicht als unmittelbare Steuerungsinstanz, sondern als Reflexionsinstanz. Sie hilft – nicht auf Basis von Schlagworten, sondern auf der Basis eines analytisch gedeckten Gesellschaftsbegriffs –, die strukturellen Zusammenhänge von Sicherheitskommunikation zu erkennen und zu thematisieren, bevor sie in normative Polarisierungen zerfallen. Die demokratische Dimension von Sicherheitskommunikation zeigt sich dann nicht in einer maximalen Eindeutigkeit, sondern in der Fähigkeit, mit struktureller Unbestimmtheit umzugehen, ohne dabei den Raum für Kritik und Differenz zu schließen.

Schluss

Der Zustand „nicht mehr Frieden, noch nicht Krieg“ verweist somit weniger auf eine völlig neue Epoche als auf eine Spannung, die aus der Form moderner Gesellschaft selbst resultiert: Arbeitsteilung, unterschiedliche Takte, pluralisierte Öffentlichkeiten und die Notwendigkeit, Entscheidungen unter Unsicherheit kommunikativ zu legitimieren. Demokratische Sicherheitskommunikation ist unter diesen Bedingungen notwendigerweise hybrid, weil sie mehrere Logiken gleichzeitig bedienen muss. Gerade deshalb ist sie prekär. Sie kann durch Überlastung, Flooding und permanente Erwartungsenttäuschung in Misstrauen, Lagerbildung und Symbolentscheidungen kippen.

Die Aufgabe der Politikwissenschaft besteht nicht darin, diese Hybridität durch Etiketten zu verdecken, sondern sie gesellschaftstheoretisch explizit zu machen. Ihr Beitrag liegt nicht in der Produktion eindeutiger Antworten, sondern in der Aufklärung über Bedingungen und Grenzen demokratischer Sicherheitskommunikation.


Anmerkung:

[1] Jacobi, D., Hellmann / Gunther / Nieke Sebastian (2011): Deutschlands Verteidigung am Hindukusch. Ein Fall misslingender Sicherheitskommunikation. In: Brummer, Klaus / Fröhlich, Stefan (Hrsg.): Zehn Jahre Deutschland in Afghanistan. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 171–196.



DOI: https://doi.org/10.36206/BS25.13
CC-BY-NC-SA