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Rezension / 27.05.2026

Samuel A. Moore: Publishing Beyond the Market. Open Access, Care, and the Commons

Ann Arbor, University of Michigan Press 2025

Die Entwicklung auf dem wissenschaftlichen Publikationsmarkt geht in Richtung Open Access, doch der Markt wird weiterhin von einer Handvoll kommerzieller Akteure kontrolliert. Samuel A. Moore rückt in seinem Buch die Frage nach der Kontrolle über wissenschaftliche Publikationsinfrastrukturen ins Zentrum und entwirft Möglichkeiten, wie wissenschaftliche Publikationen als echte Gemeingüter organisiert werden können. Unser Rezensent Michael Czolkoß-Hettwer, Projektkoordinator bei Pollux, lobt das Buch als theoretisch anspruchsvolle und politikwissenschaftlich anschlussfähige Auseinandersetzung mit den Missständen des Publikationswesens.

Eine Rezension von Michael Czolkoß-Hettwer

Publikationen sind die wichtigste Währung für die Gestaltung des individuellen Karriereverlaufs im Wissenschaftsbetrieb. Insofern ist es aus Perspektive der Wissenschaftler*innen zweifelsohne relevant, Entwicklungen auf dem wissenschaftlichen Publikationsmarkt im Blick zu behalten und – man mag hinzufügen: leider – sich auf diesem Markt strategisch zu positionieren. Samuel A. Moore entfaltet in seinem Buch eine tiefgreifende Kritik aktuell vorherrschender Publikationspraktiken und des wissenschaftlichen Publikationsmarktes. Bei der Lektüre wird deutlich, dass sich auch aus politikwissenschaftlicher Perspektive ein Blick auf diesen Themenkomplex lohnt.

Wie dem Titel zu entnehmen ist, geht es in Moores Buch um Open Access (im Folgenden: OA), was – vereinfacht gesprochen – den freien Zugang zu wissenschaftlicher Literatur im Internet bedeutet. Insbesondere im Zeitschriftensektor ist der Anteil von OA-Publikationen am Gesamtpublikationsaufkommen in den letzten Jahren stark und kontinuierlich gestiegen.[1] Wie Moore gleich zu Beginn des Buchs festhält, ist schätzungsweise mittlerweile rund die Hälfte aller jemals publizierten Forschungsartikel frei online verfügbar (2). OA erleichtert den Zugang zu wissenschaftlichen Informationen, macht die Forschung transparenter und unterstützt die Reproduzierbarkeit wissenschaftlichen Wissens. Hinzu kommt, dass Forschungsergebnisse (zumal in den Sozialwissenschaften) in aller Regel durch eine öffentliche Finanzierung zustande kommen. Dank OA stehen diese Forschungsergebnisse kostenfrei auch einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung.

Man könnte also meinen, die Entwicklung hin zu OA sei ausnahmslos positiv, zumal die maßgeblichen politischen Akteure und Wissenschaftsorganisationen unisono OA fordern und fördern. Beispielhaft genannt sei in diesem Zusammenhang eine Stellungnahme der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) aus dem Jahr 2024.[2] Allerdings sind auf dem wissenschaftlichen Publikationsmarkt schon seit Jahren Probleme und Missstände zu beobachten, die ihren Ursprung zwar nicht in der OA-Transformation haben, mit dieser jedoch eng verknüpft sind und durch diese Entwicklung verstärkt werden. Diese Probleme werden in der erwähnten Stellungnahme der DVPW auf den Punkt gebracht:

„Während […] im Open Access die Rezeption wissenschaftlicher Publikationen stark erleichtert wird, erschweren die Publikationsgebühren den Zugang zu renommierten Publikationsorganen für viele potentielle Autor*innen. Dies gilt insbesondere für Wissenschaftler*innen ohne Affiliation zu einer finanzstarken Forschungseinrichtung. Dies kann Ungleichheiten – vor allem im internationalen Kontext – hervorbringen und festigen. Zentral ist außerdem das Problem der zunehmenden Marktkonzentration im wissenschaftlichen Publikationswesen. Dieser Markt wird von einem sich immer weiter verfestigenden Oligopol internationaler Konzerne dominiert, die die Publikations- und Subskriptionskosten in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich in die Höhe getrieben haben. Diese Kosten stehen mittlerweile oft in einem enormen Missverhältnis zu den von den Verlagen angebotenen Dienstleistungen“.[3]

Diese Zusammenhänge greift auch Moore auf. Nach einer lesenswerten Einleitung, unter anderem zu den historischen Hintergründen der OA-Bewegung, setzt Moore im ersten Kapitel seines Buches die Praktiken des OA-Publizierens zum Konzept der „Commons“ in Beziehung. Daran anschließend legt er dar, weshalb die weit verbreiteten OA-Policies von Wissenschaftsorganisationen keinen strukturellen Wandel des wissenschaftlichen Publikationswesens ermöglichen, der mit der Kommerzialisierungslogik brechen würde. Im folgenden Kapiteln werden Verlage und Initiativen vorgestellt, die genau dies versuchen, indem sie alternative Geschäftsmodelle vorantreiben. Diese firmieren auch im deutschsprachigen Diskurs unter dem Label „scholar-led“, sind also „wissenschaftsgeleitet“. Zentral ist dabei, dass es sich um nicht-kommerzielle Ansätze handelt. Schließlich diskutiert Moore die Frage, wie Infrastrukturen gestaltet sein müssten, um das OA-Publizieren als Gemeingut (Commons) zu ermöglichen.

Open Access als Symptom der neoliberalen Universität

Moores zentrale These lautet, dass OA als ein Symptom der neoliberalen Universität beziehungsweise der umfassenden Kommerzialisierung des Hochschulwesens zu begreifen sei. Mehr noch, Moore zufolge verschärfen die aktuell vorherrschenden, auf Publikationsgebühren basierenden OA-Geschäftsmodelle diese Kommerzialisierung (18 f., 63 f., 161). In diesem Sinne ist für ihn OA kein rein technisch-organisatorisches Thema, sondern müsse in seinen sozialen Dimensionen und mithin auch als ein politisches Thema betrachtet werden (u. a. 136 f.).

Dies wird an den Beispielen der OA-Policies und der Forschungsevaluation besonders deutlich: Kaum eine Universität oder Forschungsförderorganisation hat heutzutage noch keine OA-Policy. Deren Ziel besteht in der Regel darin, den „Output“ an OA-Publikationen zu erhöhen. Laut Moore sind derartige Policies in neoliberalen Logiken verhaftet, in dem sie auf Preistransparenz abzielen und annehmen, über derartige Marktsignale ließe sich das Publikationsverhalten ändern. Unter dieser Annahme würden Wissenschaftler*innen Preise (Publikationsgebühren) verschiedener Zeitschriften vergleichen und sich dann entsprechend für ein günstiges Angebot entscheiden.

Zudem werde an Wissenschaftler*innen auf individueller Ebene appelliert, ihre Publikationen beispielsweise im Rahmen von Rights-Retention-Strategien[4] zumindest im sogenannten „Green OA“ als Zweitveröffentlichungen zugänglich zu machen. Derartige Ansätze wälzen laut Moore eine Verantwortung auf (individuelle) Wissenschaftler*innen ab, der diese nicht gerecht werden können, da sie im Publikationsmarkt keine Handlungsmacht hätten (u. a. 22, 68). Dies hängt eng mit der Forschungsevaluation zusammen. Die hier gängigen Praktiken begünstigen nach Moore die Großverlage (wie Springer Nature und Elsevier), da diese die in vielen Disziplinen mittlerweile wirkmächtigen Metriken (wie den Journal Impact Factor) teils selbst produzieren[5] (u. a. 112). Anschaulich formuliert Moore: „Propped up by university hiring criteria and the steady decline of secure academic employment, the need for researchers to publish in prestigious journals and presses has never been stronger. This means that the private industry of […] publishers holds great power over research dissemination and the trajectory of researcher careers, power that they use to generate revenue and consolidate their control over the scholarly record“ (3).

„Scholarly Commons“ und Open Access

Überzeugend legt Moore dar, dass Publikationspraktiken ganzheitlich in den Blick genommen werden müssen, während der Fokus allein auf die Zugänglichkeit der Publikationen wenig hilfreich sei. Auch wenn internationale Großverlage den Begriff „Commons“ gern für ihre Produktbezeichnungen nutzen: Eine OA-Publikation, die in einem kommerziellen Setting entsteht, ist kein Gemeingut. Wissenschaftliche Publikationen seien das Ergebnis selbst-organisierter Arbeit von Herausgeber-Kollektiven (87), deren Arbeit dem Autor zufolge von mehr „self-governance“ profitieren würde. Darin läge auch das Potential, wissenschaftliche Publikationen wirklich als Gemeingüter zu organisieren. Dieses Potential könne jedoch nicht aktiviert werden, wenn – wie derzeit üblich – die genannte Selbst-Organisation von kommerziellen Akteuren vermittelt und abgeschöpft („extracted“) werde (7, siehe auch 58).

Moores Commons-Konzept ist an Elinor Ostrom angelehnt. In diesem Rahmen sind „Commoners“ zentral, also Personen, die das Recht hätten, „to access, use, or maintain a resource“ (53). „Commoning“ beschreibe demnach „the practices of shared enterprise and mutual reliance that sustain the commons“ (56). Die vierte zentrale Begrifflichkeit in diesem Zusammenhang ist „Care“. Hierbei gehe es um Reziprozität, wechselseitige Abhängigkeit und „gift-giving“ (115). Um OA in diesem Sinne als Gemeingut betrachten und entwickeln zu können, sei die Überwindung der Kommerzialisierung des Publikationsprozesses zwingende Voraussetzung (u. a. 168).

Wege aus der Krise?

Moore zufolge braucht es drei grundlegende Voraussetzungen, um die beschriebenen Verwerfungen auf dem wissenschaftlichen Publikationsmarkt überwinden zu können:

(1) Der Publikationsprozess muss von kommerziellen Verstrickungen befreit und unter die die Kontrolle der Wissenschaftscommunity gebracht werden. Governance-Strukturen seien hierbei von großer Bedeutung (u. a. 63, 161, 166). (2) Die Care-Arbeit im Publikationswesen (Redaktionsarbeit, Gutachter*innentätigkeit etc.) muss anerkannt werden, sei es finanziell und / oder im Kontext der Forschungsevaluation als symbolisches Kapital (u. a. 124 f.). (3) Im Bereich der Forschungsevaluation müsse qualitatives Peer Review gestärkt werden – bei Bedarf ergänzt durch einen verantwortungsbewussten Einsatz quantitativer Metriken (176 ff.).

Moore zeigt in seinem Buch anhand einiger Beispiele – wie der „Radical Open Access Initiative“ (134–143) – wie derartige nicht-kommerzielle, wissenschaftsgeleitete Publikationsstrukturen aussehen können. Deren Mehrwert sieht er nicht zuletzt darin, dass sie Räume für experimentelle Publikationsformen bieten und ein Forum für (vermeintlich) abseitige Themen schaffen, die in konventionellen Publikationsorganen keine Heimat finden. Aus letztgenannten Gründen ist Moore überzeugt, dass auch nicht-kommerzielle OA-Infrastrukturen kommerzielle Logiken reproduzieren und keine echte Alternative darstellen würden, solange sie zu sehr auf Standardisierung und generische Angebote setzen (u. a. 133). Skalierbarkeit sei in diesem Sinne nicht erstrebenswert. Im Gegenteil, „scaling small“ (145–149) müsse die Prämisse sein.

Fazit und Kritik

Moore hat eine theoretisch anspruchsvolle und anschlussfähige Arbeit vorgelegt, die sich auf äußerst anregende Weise mit den von vielen Wissenschaftler*innen beklagten Missständen auf dem Publikationsmarkt auseinandersetzt. Überzeugend ist dabei insbesondere sein weiter Blickwinkel, der OA nicht auf die Frage der Zugänglichkeit einer Publikation beschränkt und vor allem auch aufzeigt, dass OA ein zutiefst voraussetzungsvolles Konstrukt ist, das umkämpfte Deutungsansätze einschließt. Das Buch liest sich flüssig und phasenweise spannend. Bisweilen jedoch finden sich Wiederholungen und es hätte durchaus Raum gegeben, den Text noch etwas zu kürzen und die Argumentation somit zu straffen.

Etwas mutlos bleibt man nach der Lektüre jedoch zurück. Wenn es stets um Nischen, Experimente und „scaling small“-Ansätze geht, und wenn ein wirklicher Ausweg aus der Krise nur in einem umgekrempelten Hochschulwesen umsetzbar erscheint, das die so tiefsitzenden neoliberalen Paradigmen völlig abgestreift hat (36): Wie und von wem kann so ein Wandel dann ausgehen und wo soll er einsetzen? Bleibt Moores Szenario dann nicht reine Utopie? Teilweise wirkt es schon fast fatalistisch: „Scaling small is not a fix to OA publishing because […] no such fix exists“ (153). Vielleicht hätte der Autor hier noch etwas mehr auf neuere Ansätze wie den European Diamond Capacity Hub[6] schauen können. Dieser Hub greift einige Grundgedanken auf, die auch Moore in seinem Buch stark macht und unterstützt dezentrale Organisationsformen, Kooperationen und fachspezifische Ansätze.


Anmerkungen:

[1] Zur Entwicklung in der Politikwissenschaft siehe: Michael Czolkoß-Hettwer, Regina Pfeifenberger (zuletzt bearbeitet: 22.10.2025): Open Access in der Politikwissenschaft, in: open-access.network, online unter https://open-access.network/informieren/open-access-in-fachdisziplinen/politikwissenschaft [letzter Zugriff: 17.04.2026].

[2] DVPW (06.02.2024): Stellungnahme der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft zu Open Access und Open Science, online unter www.dvpw.de/fileadmin/docs/Stellungnahmen/2024-02-06_Stellungnahme_OpenAccess.pdf [letzter Zugriff: 17.04.2026].

[3] Ebd., S. 2.

[4] Hierbei schließen wissenschaftliche Einrichtungen oder Fördermittelgeber mit ihren Wissenschaftler*innen Verträge ab, die den Einrichtungen das Recht zur Nachnutzung wissenschaftlicher Werke einräumt (zum Beispiel zur Veröffentlichung in einem institutionellen Repositorium) bzw. die die Wissenschaftler*innen zu OA-Zweitveröffentlichungen verpflichten. Da Verlage nicht verpflichtet sind, derartige Vertragsklauseln ihrerseits zu akzeptieren, bringt dies Wissenschaftler*innen in eine schwierige Position (81 f., 162 f.).

[5] Marcel Wrzesinski (23.10.2025): Über Reichweite, Impact und einen problematischen Fehlschluss in der Forschungsevaluation, in: DVPW-Blog, online unter https://www.dvpw.de/blog/ueber-reichweite-impact-und-einen-problematischen-fehlschluss-in-der-forschungsevaluation-ein-beitrag-von-marcel-wrzesinski [letzter Zugriff: 05.05.2026].

[6] https://edch.eu/ [letzter Zugriff: 05.05.2026].



DOI: 10.36206/REZ26.23
CC-BY-NC-SA